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Die Zukunft findet früher statt

05. Juli 2020

Selbst­hilfe: Eine neue Form von Nähe

Als Heiler­zie­hung­pfle­gerin und später als Erzie­herin hat Annette Hendl (57) aus Oberbayern mehr als 30 Jahre mit Schwerst­be­hin­derten zusam­men­ge­ar­beitet. Jahre, die sie geprägt haben. Diese Erfah­rungen haben ihr bei der Diagno­se­stellung und insbe­sondere im weiteren Verlauf der Erkran­kungen Asthma und COPD geholfen, die damit einher­ge­henden Verän­de­rungen dennoch positiv und die sich einstel­lenden Ängste relati­viert zu betrachten.

Die notwendige Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie wurde Teil des täglichen Lebens, ebenso das Engagement als Vorstands­mit­glied der Deutschen Sauer­stoff- und BeatmungsLiga LOT e.V. sowie ihre Aktivi­täten als Gruppen­lei­terin.

Im Gespräch mit der Redaktion über die Verän­de­rungen und die neuen Anfor­de­rungen, die das Corona­virus auch für die Selbst­hilfe bedeutet, ermög­licht uns Annette Hendl zunächst einen ganz anderen Einblick: eine Darstellung der Situation ihrer schwerst­be­hin­derten 22-jährigen Pflege­tochter. Tina wohnt in einem Erwach­se­nen­wohnheim mit Arbeits­an­schluss. Zur Vermeidung von Infek­tionen, kann derzeit weder der Arbeit nachge­gangen noch könnrn persön­liche Kontakte gepflegt werden. Obwohl der persön­liche Kontakt und insbe­sondere die mensch­liche Nähe gerade für Schwerst­be­hin­derte außer­or­dentlich wichtig sind. Nicht einmal die beste Versorgung, kann Nähe ersetzen. „Diesen Umstand zu erklären, warum wir uns nicht besuchen können, ist äußerst schwierig. Die Situation, auch für mich als Mutter, kaum auszu­halten.“

Pakete werden geschnürt, reihum von jedem Famili­en­mit­glied, mit vielen kleinen Nettig­keiten, mal etwas zum Malen, mal ein Puzzle. Die Gefühls­leere aber kann auch damit nicht ganz ausge­füllt werden.

„Ein Handy als Geschenk zu Ostern bedeutete ein Quanten­sprung.“ Im Gegensatz zum Schnur­te­lefon im Betreu­er­zimmer ist nun Rückzug und Sponta­nität möglich geworden. „Auch das SMS-Schreiben hat Tina für sich entdeckt. Eine neue Erfahrung, die zu einem positiven Entwick­lungs­schub in den letzten Wochen beigetragen hat. Nachrichten versenden, wann immer sie mag. Ein bisschen fühlen, dass der andere an einen denkt. Eben eine andere Form der Nähe, die jedoch allen gut tut und ein bisschen über die Situation hinweg hilft.“

Welche Maßnahmen hat die Deutsche Sauer­stoff- und BeatmungsLiga LOT e.V. ergriffen?

Unsere Beratungs­ein­heiten wurden bereits im März deutlich erhöht. Jetzt werden täglich, sieben Tage die Woche, telefo­nische Beratungen angeboten (siehe Kasten). Auch der Inter­netchat unter Moderation der Ehren­vor­sit­zenden Ursula Krütt-Bockemühl wurde von bisher einmal wöchentlich auf eine Stunde täglich erweitert. Er ist über die Inter­net­seite www.sauerstoffliga.de erreichbar, eine Anmeldung/Registrierung ist für den Chat erfor­derlich. An dieser Stelle ist es mir wichtig, ein herzliches Danke­schön an alle aktiven Gruppen­leiter auszu­sprechen, die sich für die Beratungs­an­gebote, die sehr gut angenommen werden, engagieren – denn für uns Risiko­pa­ti­enten und Angehörige ist die Corona-Krise noch lange nicht vorbei.

Bereits frühzeitig haben wir den jährlich statt­fin­denden Workshop anlässlich des Kollo­quiums in Bad Reichenhall, der wie gewohnt im Juni statt­finden sollte, abgesagt. Dennoch wird die Veran­staltung reali­siert, nur in einer neuen Form, erstmals als Webinar – d.h. als Fortbildung per Internet. Die Gespräche mit den entspre­chenden Anbietern laufen bereits. Nähere Infor­ma­tionen zur Teilnahme am Webinar werden über die Inter­net­seite www.sauerstoffliga.de bekannt gegeben.   

Ein richtiger Schritt in die Zukunft und eine Entwicklung hin zur digitalen Technik, die bedingt durch Corona, nun früher statt­findet als gedacht.

Als bundesweit tätiger Verband haben in der Vergan­genheit bei überre­gio­nalen Veran­stal­tungen die weiten Distanzen bei überre­gio­nalen Veran­stal­tungen eine Teilnahme von so manchem Mitglied verhindert. Die Anreise wäre zu beschwerlich gewesen. Nun kann jeder, der über einen PC, ein Tablet oder ein Smart­phone verfügt, an dem Webinar teilzu­nehmen und zwar in aktiver Form, denn auch Fragen können gestellt werden.

Und die Planungen gehen weiter. Der jährliche Patien­ten­kon­gress im September dieses Jahres soll ebenfalls als Webinar durch­ge­führt werden. Leider ist es uns technisch nicht möglich, auf diese Art auch die Mitglie­der­ver­sammlung abzuhalten, da nicht sicher­ge­stellt werden kann, dass keine Nicht­mit­glieder anwesend sind.

Wie findet derzeit Hilfe zur Selbst­hilfe in den Selbst­hil­fe­gruppen statt?

In manchen Gruppen werden die techni­schen Möglich­keiten zur Kontakt­pflege ebenfalls einge­setzt, beispiels­weise, indem sich Gruppen­mit­glieder über WhatsApp vernetzen.

Ganz klar muss jedoch formu­liert werden, dass es sich hierbei um eine deutliche Minderheit handelt. In unserer Gruppe in Mühldorf mit 45 Teilnehmern haben beispiels­weise sechs Mitglieder ein Handy und drei einen Inter­net­zugang. Hier spiegelt sich die derzeitige Realität wider.

Um den Kontakt zu halten und den Austausch zu pflegen, müssen daher zusätzlich andere Wege beschritten werden. Als Gruppen­lei­terin suche ich etwa alle zwei Wochen das Gespräch und rufe an, einmal im Monat versende ich zudem Briefe, teile Neuig­keiten mit und füge Infor­ma­ti­ons­ma­terial wie z. B. die Zeitschrift Patienten-Bibliothek – Atemwege bei.

Der Vorteil ist natürlich, dass ich alle Gruppen­mit­glieder kenne und um die Beson­der­heiten des Einzelnen weiß. So hat man sich über den Weg des Telefons immer viel zu erzählen und auch die Herstellung einer gewissen Nähe ist möglich. Ich merke, dass jeder auf seine Weise kreativ wird und versucht, sich mit den Mitteln, die er hat und der aktuellen Situation zu arran­gieren und auch im Mitein­ander einen Beitrag leistet. Eine gegen­seitige höhere Aufmerk­samkeit fürein­ander ist spürbar, ein Interesse, wie es dem anderen geht und was er benötigt. Schön, wenn dieser Effekt in einer Konti­nuität mündet.

Welche Sorgen und Nöte stehen in den Gesprächen des allge­meinen und für jeden zugäng­lichen Beratungs­te­lefons insbe­sondere im Vorder­grund?

Neben den ganz spezi­fi­schen Fragen, bei denen es um Themen rund um Lungen­er­kran­kungen, Sauer­stoff­ver­sorgung etc. geht und wir meist konkrete Antworten geben können, stehen vor allem Versor­gungs­fragen im Vorder­grund.

Viele Menschen leben in unserer Gesell­schaft allein. In einem Hochhaus, als typischem Beispiel, wissen die Meisten oft nicht einmal, wie ihr unmit­tel­barer Nachbar heißt. Jeder lebt für sich allein, die älteren Menschen noch mehr als die jüngeren. Doch jetzt stellt das ein Problem dar und bereitet Sorgen.

Bei der Frage, was man tun kann, wenn man beispiels­weise umfällt und hilflos liegen bleibt, mag noch der Hinweis auf ein einzu­rich­tendes Notruf­system helfen. Im Hinblick auf das Alleinsein an sich, haben wir jedoch nur die Möglichkeit zuzuhören, ohne direkte Lösungen anbieten zu können.

Ich denke, als Gesell­schaft sollten wir die Chance dieser Zeit, die Möglichkeit des Innehaltens nutzen. Etwas, was bereits im Kleinen, eben bei den Nachbarn, beginnen kann. Indem wir den, den wir sonst gar nicht wahrge­nommen haben, anfangen zu grüßen und vielleicht auch ein paar Worte wechseln. Und dabei bemerken, dass auch wir selbst eine Aufmerk­samkeit und sogar ein Lächeln zurück­be­kommen.

Ich würde mir wünschen, dass wir alle mitein­ander mehr Toleranz üben und aus der Oberfläch­lichkeit heraus­finden, indem wir uns auf das Wesent­liche konzen­trieren.

Es ist Zeit, neue Perspek­tiven zu entdecken und den Blick nicht zurück, sondern nach vorne zu richten.


Deutsche Sauer­stoff- und BeatmungsLiga LOT e.V.

Tägliche telefo­nische Beratung
für Atemwegs- und Lungen­pa­ti­enten sowie Angehörige

Montag, Mittwoch, Freitag
Annette Hendl   
09.00–12.00 Uhr
08071 – 7289511
—————————————
Montag, Mittwoch, Freitag    
Margrit Selle                                    
15.00–17.00 Uhr
04207 – 9092243
—————————————
Dienstag, Donnerstag    
Ursula Krütt-Bockemühl                                          
09.00–12.00 Uhr
0821 – 783291
—————————————
Samstag
Edda Kulpe
09.00–12.00 Uhr
0561 – 5297651
—————————————
Sonntag
Evi Praetorius
14.30–17.30 Uhr
089 – 184502

Wir möchten ausdrücklich darum bitten, dass die angege­benen Telefon­zeiten einge­halten werden, da es sich bei den Telefon­nummern um Privat­an­schlüsse handelt und diese nicht den ganzen Tag zur Verfügung stehen.


Bildnachweis:
Annette Hendl,
tinyakov – Adobe­Stock

Interview/Text:
Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek

Der Beitrag wurde in der Sommer­ausgabe 2020 der Zeitschrift Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.

Schlagwörter: Corona, neue Form von Nähe, Patienten, Perspektiven, SauerstoffLiga, Selbsthilfe, SHG, Webinar, Zukunft

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