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Lungentransplantation

12. Okt. 2025

…was Lungen­pa­ti­enten wissen sollten

Für viele Patienten mit endgradig fortge­schrit­tenen Lungen­er­kran­kungen bedeutet eine Trans­plan­tation eine Überle­bens­chance. Doch die verfüg­baren Spender­lungen reichen nicht aus. Ein neues Gesetz zur Änderung des aktuellen Trans­plan­ta­ti­ons­ge­setzes soll diese Situation verbessern. Professor Dr. Jürgen Behr, Direktor der Klinik und Poliklinik V der Ludwig-Maximi­lians-Univer­sität München und Chefarzt der Klinik für Pneumo­logie sowie Ärztlicher Direktor der Asklepios Fachkli­niken München-Gauting, erläutert im Gespräch mit Elke Klug, was betroffene Patienten über eine Lungen­trans­plan­tation wissen sollten.

Welche Erkran­kungen können eine Lungen­trans­plan­tation erfor­derlich machen?

Die Erkran­kungen sind sehr vielfältig. Bei Jugend­lichen und Kindern ist es vor allem die Mukovis­zidose (eine angeborene Stoff­wech­sel­er­krankung), die zu einer Trans­plan­tation führt. Bei Erwach­senen stehen momentan die Lungen­fi­brosen (Lungen­ge­rüst­er­kran­kungen) unter­schied­licher Ursache im Vorder­grund.

An dritter Stelle folgt die COPD und damit verbunden der Antitrypsin-Mangel, eine erbliche Erkrankung, die zu einer frühen Manifes­tation eines Lungen­em­physems führt. Diese Patienten tauchen oft in der Gruppe der COPD-Patienten mit auf, weil das Fortschreiten dieser Erkrankung zusätzlich durch das Zigaret­ten­rauchen befördert wird, obwohl ein starker genetische Aspekt vorhanden ist. COPD-Patienten ohne diesen geneti­schen Defekt sind aber ebenso gefährdet, ein Lungen­em­physem zu entwi­ckeln, nur nicht so früh und aus anderen Gründen: Sie rauchen oder sind z. B. im Beruf Schad­stoffen ausge­setzt, die eine schwere COPD auslösen können.

Weiterhin können Patienten mit Lungen­hoch­druck­erkran­kungen, die sich ebenfalls im fortge­schrit­tenen Stadium befinden, nach Ausreizung aller medika­men­töser Therapien, einer Trans­plan­tation zugeführt werden.

Wie profi­tieren die Patienten?

Etwa 60 % der Patienten überleben die Trans­plan­tation mindestens fünf Jahre. Das ist zwar schlechter als bei anderen Organen, wie z. B. Herz, Leber oder Nieren, liegt aber in der Natur der Sache, da die Lunge in ständigem Kontakt zur Außenwelt und im Austausch steht. Einge­atmete Infek­ti­ons­er­reger und andere Schad­stoff­ein­flüsse können mögli­cher­weise zu Problemen führen.

Wann kann ein Patient zur Trans­plan­tation gelistet werden?

Eine Listung ist möglich, wenn aufgrund der Schwere der Erkrankung eine begrenzte Lebens­er­wartung besteht − im Mittel bedeutet dies zwei bis drei Jahre – und die Wahrschein­lichkeit bei mindestens 50 % liegt, dass der Patient in dieser Zeit verstirbt. Statis­tisch betrachtet kann der Patient von einer Trans­plan­tation dann einen mehr oder weniger deutlichen Überle­bens­vorteil erwarten.

Hätte ein Patient mit seiner eigenen Lunge, wenn auch vielleicht mit gerin­gerer Belast­barkeit und etwas einge­schränkter Lebens­qua­lität, hingegen noch eine Lebens­er­wartung von 10 Jahren, würde er nicht gelistet werden. Denn dadurch würden ihm bei einer Trans­plan­tation, wiederum statis­tisch gesehen, vier bis fünf poten­zielle Jahre an Lebenszeit vorent­halten.

Bei COPD weiß man, dass ein Teil der Patienten eine sehr schlechte Lebens­qua­lität aufweist, dennoch überleben die Patienten sehr lange. Das bedeutet, dass COPD-Patienten innerhalb der sog. Lungen­al­lo­kation (Zuordnung von Organen) häufig weniger schwer bewertet werden, als z. B. Fibro­se­pa­ti­enten mit einer zu erwar­tenden kürzeren Lebenszeit.

Da die Anzahl der Fibro­se­pa­ti­enten steigt, hat diese Tatsache dazu geführt, dass die Zahl der Trans­plan­ta­tionen bei COPD-Patienten rückläufig ist. Die Warte­lis­ten­sterb­lichkeit der Fibro­se­pa­ti­enten hat sich verbessert, die der COPD-Patienten ist hingegen konstant geblieben, sie liegt derzeit bei 10 bis 15 %.

Was sollten insbe­sondere COPD/­Lun­gen­em­physem-Patienten bzgl. einer Trans­plan­tation wissen?

Zunächst ist wichtig zu wissen, dass die Möglichkeit einer Trans­plan­tation besteht. Manche COPD-Patienten haben das Gefühl − was ihnen leider auch allzu oft vermittelt wird − dass sie ja eigentlich selbst schuld an ihrer Erkrankung sind und somit eine Trans­plan­tation überhaupt nicht in Erwägung ziehen. 

Außerdem sollten Patienten wissen, dass für eine Trans­plan­tation bestimmte Kriterien gelten, die zu erfüllen sind. Eine gesetz­liche Vorgabe ist beispiels­weise ein über mindestens sechs Monate bestehender Rauch­stopp − je länger nicht mehr aktiv geraucht wird desto besser. Und auch andere Sucht­ver­halten wie z. B. Tabletten‑, Alkohol- bzw. eine nicht kurierte Sucht sind Kontra­in­di­ka­tionen einer Trans­plan­tation.

Auch wer nicht in der Lage ist, sich an notwendige Thera­pie­vor­gaben zu halten, ist kein Kandidat für eine Trans­plan­tation. Ein Organ­emp­fänger muss intel­lek­tuell in der Lage sein, an der gesamten Therapie aktiv mitzu­ar­beiten. Regel­mäßige Nachbe­treu­ungen und Medika­men­ten­ein­nahmen, die zum langfris­tigen Erfolg einer Trans­plan­tation gehören, müssen zwingend einge­halten werden.

Alle Patienten werden daher auf ihre Verläss­lichkeit, ihre Compliance (Thera­pie­treue) und ihr Sucht­ver­halten hin psych­ia­trisch unter­sucht, bevor sie gelistet werden.

Nach einer Lungen­trans­plan­tation können immer wieder einmal medizi­nische Probleme auftreten, bei denen der Patient viel Unter­stützung benötigt. Ist er dann ganz auf sich allein gestellt ist, wird die Situation schwierig. Daher ist ein geeig­netes soziales Umfeld notwendig. Es muss sicher­ge­stellt sein, dass das Organ weiterhin „gepflegt“ wird.

Des Weiteren gibt es einige absolute Kontra­in­di­ka­tionen einer Trans­plan­tation, wie z. B. Krebs­er­kran­kungen und nicht ausge­heilte Infek­tionen, wie beispiels­weise eine Tuber­kulose.

Wenn auch selten, so kommt es leider doch vor, dass Patienten eine Abstoßung erleben müssen oder plötzlich ein anderes medizi­ni­sches Problem auftritt.

Werden die Patienten auf dem Weg zu einem Trans­plan­ta­ti­ons­lis­ten­platz unter­stützt?

Ja, selbst­ver­ständlich. Viele Patienten, die sich mit der Frage: „Bin ich ein Trans­plan­ta­ti­ons­kan­didat?“ befassen, werden in unserer Klinik ambulant vorstellig. Während wir uns ein Bild des Patienten machen, werden gleich­zeitig eventuell vorlie­gende Kontra­in­di­ka­tionen überprüft.

Neben den bereits benannten Kontra­in­di­ka­tionen, ist auch ein massives Über- oder Unter­ge­wicht ein Grund, nicht für eine Trans­plan­tation geeignet zu sein. Aller­dings wird jedem Patienten angeboten, mögliche Hinde­rungs­gründe im Rahmen des medizi­nisch Machbaren zu beheben − um so den Weg für eine Trans­plan­tation zu ebnen. Hierzu können beispiel­weise eine Sucht- und Ernäh­rungs­be­ratung oder ggf. Opera­tionen gehören.

Eine stationäre Rehabi­li­tation ermög­licht, neben vielen integrierten weiteren Maßnahmen, eine umfas­sende Infor­mation und Schulung zur Vorbe­reitung auf eine Trans­plan­tation sowie den äußerst wertvollen Erfah­rungs­aus­tausch der Patienten unter­ein­ander – auch mit bereits trans­plan­tierten Patienten.

Dennoch stehen wir manchmal vor der Situation, in der einer Patientin/einem Patienten mitge­teilt werden muss: „Wir können eine Trans­plan­tation nicht verant­worten“. Eine Entscheidung, die für den betrof­fenen Patienten oder die Familie oft sehr bitter und schwer zu akzep­tieren ist.

Doch es gilt zu verstehen, dass wir letzt­endlich auch eine moralische Verant­wortung tragen: zum einen gegenüber dem Spender, dass sein Organ mit Bedacht weiter­ge­geben wird, und zum anderen gegenüber den Wartenden, indem wir dafür Sorge tragen, dass das Organ einem Patienten zugute kommt, der einen möglichst optimalen Nutzen davon hat und in der Lage ist, sorgfältig und verant­wortlich mit dieser Situation umzugehen.

Gleicher­maßen tragen wir eine Verant­wortung gegenüber der Gesell­schaft, zumal eine Trans­plan­tation enorm kosten­in­tensiv ist. Wir dürfen nicht sehenden Auges trans­plan­tieren, obwohl bereits im Vorfeld klar ist, dass die Trans­plan­tation keinen Erfolg haben wird.

Wie sollte ein Patient vorgehen, wenn er sich beraten und ggf. listen lassen möchte?

Die beste Möglichkeit ist, seine betreuende Fachärztin/seinen betreu­enden Facharzt ins Vertrauen zu ziehen. Der Lungenfacharzt/die Fachärztin ist in der Regel gut infor­miert, sodass er eine erste Wegweisung geben kann.

Im nächsten Schritt sollte der Patient das Lungen­trans­plan­ta­ti­ons­zentrum kennen­lernen, von dem er sich vorstellen kann, dort behandelt zu werden. Hier in München haben wir z. B. eine Ambulanz für Patienten zur Erstvor­stellung. Ein erfah­rener Kollege ist in dieser Ambulanz tätig, der die Patienten nach den oben genannten Kriterien begut­achtet.

Zunächst wird überprüft, ob eine Trans­plan­tation erfor­derlich ist oder doch noch eine andere Therapie in Erwägung gezogen werden kann. Ist eine Trans­plan­tation angezeigt, werden alle vorbe­rei­tenden Maßnahmen besprochen.

Was erwartet den Patienten nach der Trans­plan­tation?

Eine Trans­plan­tation ist weder ein „Jungbrunnen“ noch eine Heilung. Im Gegenteil, es handelt sich um eine äußerst komplexe Therapie, an der der Patient „mit vollem Einsatz“ beteiligt sein muss, um maximal von dem neuen Organ zu profi­tieren.

Inzwi­schen haben wir Lungen­pa­ti­enten, die bereits vor 20 Jahren trans­plan­tiert wurden und noch immer gut mit derselben Lunge leben. Solche Langzeit­erfolge verbuchen aber vor allem jene Patienten, die alle Regeln konse­quent einhalten – wobei natürlich immer auch ein Quäntchen Glück dazu gehört.

Einige Einschnitte nach der Trans­plan­tation betreffen die ganz alltäg­liche Lebens­führung. Hier ist zunächst die Medika­men­ten­ein­nahme zu benennen, denn es handelt sich dabei um eine wirklich große Anzahl von Medika­menten, die vor allem am Anfang aufgrund der umfang­reichen Infek­ti­ons­pro­phylaxe notwendig ist und unbedingt konse­quent, trotz zu tolerie­render Neben­wir­kungen, einge­nommen werden muss.

Begonnen wird die Therapie mit einer recht aggres­siven Immun­sup­pression. Je länger wir jedoch sehen, dass die Situation des Patienten stabil ist, kann die Therapie langsam auf das minimal Nötige reduziert werden. So, dass eine Organ­ab­stoßung verhindert wird und dennoch das Immun­system in der Lage ist, mögliche Infek­ti­ons­er­reger zu bekämpfen.

Hat der Patient das erste Jahr gut überstanden, kann er mehr und mehr ein normales Leben führen. Nichts­des­to­trotz muss er ständig auf sein Verhalten achten und eigen­ständig in der Lage sein, Infek­ti­ons­ri­siken zu erkennen und zu vermeiden. Nehmen wir als Beispiel die Grippe­saison, so ist es während dieser Zeit nicht ratsam, ein Theater oder ein Kino zu besuchen.

Das Tragen eines Mundschutzes ist insbe­sondere am Anfang von Bedeutung und den Handschlag zur Begrüßung haben wir in unserem Krankenhaus schon lange abgeschafft. Es sind die vielen kleinen Dinge, auf die jeder Lungen­trans­plan­tierte stetig zu achten hat.

Hinzu kommen Fragen zur Ernährung und der Umgebung im täglichen Leben. Alles, was poten­ziell mit Schim­mel­pilz­sporen und Krank­heits­er­regern behaftet ist, gilt es zu meiden.

Eines müssen die Patienten vor allem verin­ner­lichen: Ihre Lebens­führung nach der Trans­plan­tation ist eine andere als vor der Trans­plan­tation.

Worin bestehen die aktuellen Änderungen des Trans­plan­ta­ti­ons­ge­setzes und wie beurteilen Sie die Erfolgs­aus­sichten, dass damit mehr Spender­organe zur Verfügung stehen?

Aus meiner Sicht ist das noch in Diskussion befind­liche Trans­plan­ta­ti­ons­gesetz ein richtiger Schritt mit guten Ansätzen. Um die Versorgung schwerst­kranker Lungen­pa­ti­enten deutlich zu verbessern, wäre jedoch eine Änderung der zurzeit für die Organ­spende vorge­schrie­benen aktiven Zustim­mungs­lösung in eine Wider­spruchs­lösung wünschenswert – so wie es in einigen anderen europäi­schen Ländern längst reali­siert ist.

Ich bin davon überzeugt, dass sich die Menschen in Deutschland durch eine Geset­zes­än­derung in einem höheren Maße als bisher mit den Fragen der Organ­spende ausein­an­der­setzen würden und die Spender­raten in dessen Folge ansteigen.

Aller­dings zeigt die bereits wieder aufkei­mende, sehr kritische Diskussion, dass an der politi­schen Durch­setz­barkeit der Wider­spruchs­lösung Zweifel angebracht sind.

Umso wichtiger erscheint es mir, dass in dem am 1. April 2019 in Kraft getre­tenen 2. Gesetz zur Änderung des Trans­plan­ta­ti­ons­ge­setzes zur Verbes­serung der Zusam­men­arbeit und der Struk­turen bei der Organ­spende wichtige andere Ansatz­punkte adres­siert werden, wie z. B. die Stärkung der Trans­plan­ta­ti­ons­be­auf­tragten an den Kliniken und die finan­zielle Aufwertung der Organ­spende, sprich der Explan­tation (Organ­ent­nahme). Diese beiden Maßnahmen sind aus meiner Sicht wichtige Elemente, damit sich die bekann­ter­maßen hohe Spende­be­reit­schaft der Bevöl­kerung in tatsäch­liche Organ­spen­de­zahlen umsetzen lässt.


… mehr Wissen

www.eurotransplant.org

Die Stiftung Eurotrans­plant ist als Service-Organi­sation verant­wortlich für die Zuteilung von Spender­or­ganen in acht europäi­schen Ländern und arbeitet hierzu eng mit den Organ­spende-Organi­sa­tionen, Trans­plan­ta­ti­ons­zentren, Labora­torien und Kranken­häusern zusammen.

Unter „Patients“ finden Sie alle Angaben in deutscher Sprache und zur Situation in Deutschland

www.organspende-info.de

Infor­ma­tionen der Bundes­zen­trale für gesund­heit­liche Aufklärung (BZgA)

www.organspende-widerspruch.de

Infor­ma­tionen des Bündnisses gegen den Gesetz­entwurf der Wider­spruchs­lösung.

www.dso.de

Deutsche Stiftung Organ­trans­plan­tation, Koordi­nierung der Organ­spende in Deutschland

Vielfältige Hinter­grund­in­for­ma­tionen, Quali­täts­be­richte von Trans­plan­ta­ti­ons­zentren etc.


Bildnachweis:
Deutsche Stiftung Organ­trans­plan­tation
Professor Dr. Jürgen Behr

Text/Interview:
Elke Klug, Medizin­jour­na­listin, Berlin


Der Beitrag wurde in der Sommer­ausgabe 2019 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.

Schlagwörter: COPD, Eurotransplant, Fibrose, Lunge, Lungenemphysem, Lungentransplantation, Organspende, Transplantation

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