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Lebensabschnitte souverän gestalten

12. Jan. 2021

Wie gründe ich eine ambulant betreute Wohnge­mein­schaft?

„Aus der Not heraus entschied ich mich, eine ambulant betreute Wohnge­mein­schaft zu gründen. Meine Erkun­di­gungen bei diversen Ämtern und Insti­tu­tionen hatten ergeben, dass der Staat und die Kranken­kassen nicht daran inter­es­siert sind, dass pflege- bezie­hungs­weise hilfs­be­dürftige Betroffene, egal welchen Alters, die Pflege­heime füllen. Statt­dessen unter­stützen sie Inter­es­sierte dabei, sich in einer größeren Wohnung oder auch in einem Einfa­mi­li­enhaus zusam­men­zu­schließen, um eine ambulant betreute Wohnge­mein­schaft zu gründen.    

Das Wohnen und die damit verbun­denen Bedürf­nisse und Wünsche bleiben auch mit einer Behin­derung von zentraler Bedeutung. Die überwie­gende Mehrheit möchte in den eigenen vier Wänden bleiben können, auch wenn der Betreuungs- und Pflege­aufwand steigt.  Sollte dies aufgrund zuneh­mender Hilfs- bezie­hungs­weise Pflege­be­dürf­tigkeit nicht möglich sein, wächst der Wunsch nach einer Wohnform, die indivi­du­elles und autonomes Wohnen, medizi­nische Unter­stützung und Sicherheit, soziale Kontakte, hauswirt­schaft­liche Unter­stützung, gute Pflege und komfor­tables Wohnen mitein­ander verbindet. Ambulant betreute Wohnge­mein­schaften greifen diese Bedürf­nisse auf.

Vielfältige Infor­ma­tionen, Anlauf­stellen zur Beantragung, Hinweise zur Finan­zierung und weitere Tipps finden Sie im neuen Ratgeber: Wie gründe ich eine ambulant betreute Wohnge­mein­schaft?

Der Ratgeber will aufzeigen, dass es von Vorteil sein kann, mit anderen Betrof­fenen den eigenen Lebensweg ein Stück gemeinsam zu gehen. Das Projekt bedarf gründ­licher Vorbe­reitung, vor allem auch bei der Auswahl der Mitbe­wohner. Grund­vor­aus­setzung ist und bleibt eine klare und ehrliche Kommu­ni­kation zwischen den Betei­ligten, damit ein respekt­volles und zufrie­denes Zusam­men­leben möglich ist.“

Das Buch gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Teil schildert die Autorin, welche konkreten Erfah­rungen sie persönlich mit der Wohnform einer ambulant betreuten Wohnge­mein­schaft hat. Der zweite Teil enthält Infor­ma­tionen für die Gründung und Durch­führung einer ambulant betreuten WG sowie zu den umfang­reichen Finan­zie­rungs­hilfen, die zur Verfügung stehen.

Annette Hendl ist Vorstands­mit­glied und Gruppen­lei­terin der Deutschen Sauer­stoff- und BeatmungsLiga LOT e.V. Sie hat bereits mehrere Ratgeber, u.a. „Leben mit Sauer­stoff-Langzeit­the­rapie – Erfah­rungen, Infos und Tipps“, veröf­fent­licht. 

Wohnge­mein­schaft mit Sauer­stoff, Annette Hendl (links), Margrit Selle (rechts)

Welche persön­lichen Erfah­rungen möchten Sie an andere weiter­geben?

Empfeh­lenswert ist grund­sätzlich eine recht­zeitige Ausein­an­der­setzung mit dem Gedanken: Wie könnte mein persön­licher nächster Lebens­ab­schnitt aussehen, wie möchte ich ihn gestalten? 

Aus einer Notlage heraus, wie dies bei mir durch den unerwar­teten Tod meines geliebten Mannes Christian mit gerade mal 55 Jahren der Fall war, Entschei­dungen treffen zu müssen, ist immer schwierig – allein aufgrund des sich einstel­lenden Zeitdrucks.

Eine Wohnge­mein­schaft bietet eine Option, die man für sich entdecken kann. Für Studenten ist es ganz normal, sich für eine Wegstrecke zusam­men­zu­finden, weil man in einer ähnlichen Lebens­si­tuation ist. Doch auch für Senioren, für Behin­derte und ebenso für Pflege­be­dürftige ist diese Thematik sinnvoll, denn – und das ist ganz wichtig – man kann auch dann selbst­be­stimmt leben.

Vielen Menschen ist nicht klar, dass sie in einer ambulant betreuten Wohnge­mein­schaft ein absolut selbst­stän­diges Leben führen, unabhängig von einer Pflege­ein­richtung. Ja, natürlich, auch Pflege­dienste bieten inzwi­schen betreute Wohnge­mein­schaften an, doch in diesen unter­liegen sie den jewei­ligen dort gültigen Richt­linien, ohne Mitspra­che­recht.

In einer selbst organi­sierten betreuten Wohnge­mein­schaft hat man hingegen eigene Gestal­tungs­mög­lich­keiten, kann beispiels­weise auswählen, welche Hilfen man in Anspruch nehmen möchte. Es ist nicht einmal erfor­derlich, dass sich die gesamte Wohnge­mein­schaft  für eine gemeinsame Hilfe entscheidet. Vielmehr kann jeder seinen eigenen Dienst wählen, also den, der zu ihm passt. Viele Hilfs­an­gebote, die in manchen Fällen in Anspruch genommen werden könnten, sind zudem überhaupt nicht bekannt, wie z. B. auch ein sog. persön­licher Assistent.

In unserer Gesell­schaft leben so viele Menschen, die ganz auf sich allein gestellt sind. Im Alter, oder wenn man pflege­be­dürftig wird, kann eine Wohnge­mein­schaft daher eine neue Chance bedeuten. Eine WG kann für seine Bewohner nicht nur „mitreißend“ sein, sondern gleich­zeitig eine ganz neue Perspektive eröffnen. Es ist immer jemand da, man kann gemeinsam Unter­neh­mungen umsetzen, am Abend gemeinsam fernsehen und vieles mehr.

Einen gewissen Teil des Tages verbringt man in einer WG gemeinsam, auch wenn jeder sein eigenes Zimmer hat. Jeder sollte reflek­tieren, was er wirklich will, wie viel Nähe er möchte und aushalten kann. Sich mit diesen Fragen und ebenso mit weiteren Fragen ausein­an­der­zu­setzen, stellt die Basis dar, anhand deren man auf die Suche nach indivi­duell passenden Mitbe­wohnern gehen kann, wie z. B. im Bekann­ten­kreis oder auch in der Selbst­hil­fe­gruppe.  

Wohnge­mein­schaft mit Rampen…
…mit Sauer­stoff­depot
…und mit Treppenlift

Welche Anlauf­stellen zur Unter­stützung waren für Sie besonders wichtig?

Dreh- und Angel­punkt sind zunächst Wohnbe­ra­tungs­stellen, die es unmit­telbar in der Gemeinde oder in der jewei­ligen Stadt­ver­waltung gibt. Wohnbe­ra­tungs­stellen verfügen sowohl über Basis­in­for­ma­tionen als auch regional weiter­füh­rende Adressen zur ergän­zenden Orien­tierung.

Da es momentan keine zentrale Stelle für die Thematik der ambulant betreuten Wohnge­mein­schaft und deren finan­zielle Unter­stüt­zungs­mög­lich­keiten gibt, habe ich den zweiten Teil meines Ratgebers dazu genutzt, um alle derzeit verfüg­baren Infor­ma­tionen struk­tu­riert zusam­men­zu­tragen.

Grund­sätzlich sollte jeder wissen, dass es ausge­sprochen viele Möglich­keiten der finan­zi­ellen Unter­stützung gibt – nur kennt man diese meistens nicht. Dieser Umstand liegt vor allem daran, dass Finan­zie­rungs­hilfen aus ganz unter­schied­lichen „Töpfen“ zur Verfügung stehen, meistens abhängig davon, ob es sich um eine Pflege­be­dürf­tigkeit, eine Behin­derung oder einen Wohnungs­umbau handelt. 

Der Staat und öffent­liche Insti­tu­tionen haben ein hohes Interesse daran, Projekte wie ambulant betreute Wohnge­mein­schaften zu unter­stützen. Diese fördern nicht nur die Lebens­qua­lität des Einzelnen, sondern entlasten gleich­zeitig Pflege­heime mit deutlich höheren Kosten.

Mit meinem Ratgeber möchte ich Mut machen, sich mit der Wohnform WG, aber auch überhaupt mit seinem nächsten Lebens­ab­schnitt aktiv ausein­an­der­zu­setzen. Ein Leben ist nicht in Stein gemeißelt, es befindet sich immer alles im Fluss. Situa­tionen verändern sich, haben Sie den Mut, sich auf neue Dinge einzu­lassen. Eine Wohnge­mein­schaft kann eine Alter­native bedeuten.


Wie gründe ich eine ambulant betreute Wohnge­mein­schaft?
Erfah­rungen, Infos, Tipps und Finan­zie­rungs­hilfen

Annette Hendl, Mühldorf
Verlag Hartmut Becker, www.verlag-hartmut-becker.de
ISBN: 978–3‑929480–71‑9

Text/Interview:
Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge

Bildnachweis:
Margrit Selle
Annette Hendl


Der Beitrag wurde in der Winter­ausgabe 2020 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.


Schlagwörter: betreute Wohngemeinschaft, Betreuung, Grundversorgung, Langzeit-Sauerstofftherapie, Leben gestalten, Notlage, Pflege, Pflegedienst, Sauerstoff, Wohngemeinschaft

Zeitschrift
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