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Herzinfarkt der Lunge

19. Aug. 2026

Gesamt­beitrag als PDF. Veröf­fent­licht in der Ausgabe 51/Sommer 2026, S14 ff

COPD – früh erkennen und früh handeln

In Deutschland wurde zuletzt im Jahr 2021 die Nationale Versor­gungs­leit­linie (NVL) COPD – siehe Hinter­gründe am Ende dieses Beitrags – veröf­fent­licht. Im Februar 2026 wurde die S2k-Leitlinie zur fachärzt­lichen Diagnostik und Therapie publi­ziert. Sie dient als Ergänzung und Aktua­li­sierung der bestehenden NVL COPD. Die Inhalte dieser Leitlinie wurden basierend auf der derzeit verfüg­baren Evidenz und der Erfahrung der Leitli­ni­en­au­toren (Exper­ten­gruppe) erstellt.

Im Gespräch mit Profes­sorin Dr. Kathrin Kahnert, Koordi­na­torin der Leitlinie und nieder­ge­lassene Pneumo­login in München sowie wissen­schaft­liche Mitar­bei­terin an der edizi­ni­schen Klinik und Poliklinik V, Schwer­punkt Pneumo­logie, am Klinikum der Ludwig-Maximi­lians- Univer­sität München erfahren wir mehr.

In der Öffent­lichkeit wird COPD nach wie vor als reine Raucher­er­krankung wahrge­nommen. Im Kapitel Ätiopa­tho­genese der Leitlinie wird formu­liert: “Die COPD stellt eine heterogene Erkran­kungs­iden­tität dar, deren Ätiologie weit über die klassische Assoziation mit Tabak­rauchen hinaus reicht.” Welche Bedeutung geht damit einher?

Nach wie vor nimmt leider das Rauchen in vielen Ländern den Platz 1 als Ursache für die Entstehung einer COPD ein. Dennoch sehen wir einen relevanten Anteil an Patienten, die nie geraucht und dennoch eine COPD entwi­ckelt haben. Eine mögliche Ursache kann beispiels­weise eine beruf­liche Exposition sein, wie z. B. in Zusam­menhang mit Diesel­mo­toren. Aus diesem Grund haben wir auch einen Absatz zur Arbeits­me­dizin in die Leitlinie integriert. Eine Arbeits­ana­mnese hinsichtlich irrita­tiven Dämpfen, Gasen, Stäuben und Rauch sollte immer erfolgen.

Ebenso haben wir COPD-Patienten mit einer geneti­schen Ursache, wie beispiels­weise einem Alpha-1-Antitrypsin-Mangel. Diese Patien­ten­gruppe ist nach wie vor unter­dia­gnos­ti­ziert. Die aktuelle Leitlinie formu­liert daher die Empfehlung, bei jeder Erstdia­gnose einer COPD auch einen Alpha-1-Antitrypsin-Mangel auszu­schließen, zumal das Vorliegen dieses geneti­schen Defekts thera­peu­tische Konse­quenzen haben kann.

Die Leitlinie möchte vor allem ein Bewusstsein schaffen, dass das Rauchen zwar „Haupt­feind Nr. 1“ ist – und die Tabak­ent­wöhnung aus diesem Grund in den Vorder­grund gestellt wird – aber auch vielfältige andere Ursachen einer COPD zugrunde liegen können.

Früherkennung einer COPD bekommt zunehmende Bedeutung

Viele Patient:innen erhalten die Diagnose COPD erst, wenn sich diese bereits in einem fortge­schrit­tenen Stadium befindet. Die aktuelle Leitlinie zeigt weitere diagnos­tische Möglich­keiten für eine möglichst frühe Diagnose auf. Was sollten Patient:innen hierzu wissen?

Die Früherkennung von Patien­tinnen und Patienten mit COPD bekommt zuneh­mende Bedeutung. Frühe Stadien lassen sich in der bishe­rigen Standard­dia­gnostik jedoch nicht zuver­lässig erkennen. Eine normale Spiro­metrie (kleine Lungen­funk­ti­ons­messung) beispiels­weise, die beim Hausarzt durch­ge­führt wird, kann eine Frühform der COPD nicht ausschließen.

Die Entwicklung einer COPD beginnt nicht in den großen, sondern vielmehr in den kleinen, tiefer­lie­genden Atemwegen. Mittels einer Spiro­metrie können mögliche Verän­de­rungen in den kleinen Atemwegen jedoch nur unzurei­chend abgebildet werden.

Bei einem begrün­deten Verdacht auf eine COPD, z. B. aufgrund der vorlie­genden Sympto­matik, einer Rauch­er­his­torie etc., ohne Verän­de­rungen in der Spiro­metrie ist aus unserer Sicht daher eine lungen­fach­ärzt­liche Vorstellung sinnvoll, da mithilfe der erwei­terten Lungen­funk­ti­ons­messung (Bodyp­le­thys­mo­grafie in einer Kabine) und einer Compu­ter­to­mo­grafie Frühformen der COPD erkannt werden können.

Welchen Stellenwert nimmt die Compu­ter­to­mo­grafie des Thorax bei COPD ein?

Aus meiner Sicht einen exorbi­tanten Stellenwert. Insbe­sondere die quanti­tative Compu­ter­to­mo­grafie (CT) des Thorax spielt eine wichtige Rolle zur Beurteilung des Lungen­ge­rüsts, zur diffe­ren­zierten Phäno­ty­pi­sierung (Erschei­nungsbild), zur Erfassung relevanter Begleit­erkran­kungen (Komor­bi­di­täten) sowie zur Abschätzung des Risikos eines progres­siven Lungen­funk­ti­ons­ver­lustes, vor allem bei Rauchern, die noch keine spiro­me­trisch gesicherte COPD aufweisen.

Darüber hinaus nimmt die Compu­ter­to­mo­grafie eine Schlüs­sel­rolle im Lungen­krebs­screening ein, vor allem bei Rauchern mit COPD, die die Scree­ning­kri­terien gemäß dem aktuellen Beschluss des Gemein­samen Bundes­aus­schusses (G‑BA) erfüllen.

Die frühe Erkennung von Begleit­erkran­kungen der COPD wird in der Leitlinie vielfältig thema­ti­siert. Was sollten Patien­tinnen und Patienten hierzu wissen?

Leider kommt eine COPD selten allein. Die COPD ist durch das häufige Auftreten eines breiten Spektrums an Begleit­erkran­kungen charak­te­ri­siert. Mehr als 50 % der Patienten weisen mindestens eine Begleit­erkrankung auf. Wobei die häufigsten kardiale, das Herz betref­fende Erkran­kungen sind – was wir auch als Schwer­punkt in der Leitlinie beschreiben. Daher sollten COPD-Patienten die Möglichkeit des Vorliegens von kardialen Erkran­kungen ernst­nehmen. Bluthoch­druck (Hyper­tonie) und Diabetes sind Risiko­fak­toren für kardiale Erkran­kungen.

Das Verspüren beispiels­weise von Druck auf der Brust, muss nicht zwingend mit der bekannten COPD in Verbindung stehen, sondern kann auch ein Hinweis auf einen Herzin­farkt oder eine Herzer­krankung sein und sollte fachärztlich abgeklärt werden.

Begleit­erkran­kungen bedürfen einer eigen­stän­digen Behandlung. Nur die COPD zu thera­pieren, reicht keineswegs aus. Die Gesamt­pro­gnose kann sich nur verbessern, wenn COPD und Begleit­erkrankung behandelt werden.

Ein weiterer Fokus der Leitlinie liegt auf der Früherkennung und Vermeidung von akuten Krank­heits­schüben (Exazer­ba­tionen). Es wird bereits bei Vorliegen einer Exazer­bation empfohlen, die bestehende Therapie zu überprüfen. Was gilt es, hinsichtlich von Erkran­kungs­schüben zu wissen?

Mit den Empfeh­lungen in der wissen­schaft­lichen Leitlinie möchten wir hin zu einer Nullto­le­ranz­po­litik gegenüber Exazer­ba­tionen. Es gilt zu verstehen, dass eine Exazer­bation der Herzin­farkt der Lunge ist. Während vor einem Herzin­farkt jeder Patient Angst hat und auch jeder weiß, was ein Herzin­farkt ist, wird bei einer Exazer­bation der Lunge deren Bedeutung jedoch manchmal fast vernied­licht: „Ja, da war ich im Krankenhaus, es ging mir halt ein bisschen schlechter.“ Diese Sicht­weise gilt es dringend zu ändern.

Eine akute Verschlech­terung bedeutet nicht nur ein bisschen mehr Symptome und ein bisschen schlechter schnaufen zu können, vielmehr hat jede Exazer­bation Einfluss auf die Prognose der Erkrankung. Daher lautet das Ziel, jede Exazer­bation zu verhindern.

Worauf sollten Patient:innen selbst achten, um eine akute Verschlech­terung möglichst frühzeitig zu erkennen?

Eine klinische Verschlech­terung geht mit einem erhöhten Einsatz des Bedarfs­sprays (z. B. Salbu­tamol) einher. Wird Bedarfs­spray häufiger einge­setzt als sonst, ist dies ein frühes Anzeichen. Auch der Einsatz des CERT-Frage­bogens ist hilfreich. Studien konnten dessen Nutzen eindeutig belegen. Der Frage­bogen ist vor allem geeignet, eine sich verschlech­ternde Sympto­matik bestmöglich zu erfassen.

  • Neben Tabak als Haupt­ur­sache können vielfältige weitere Ursachen der Entstehung einer COPD zugrunde liegen.
  • Ein Alpha-1-Antitrypsin-Mangel sollte bei der Erstdia­gnose ausge­schlossen werden.
  • Bei begrün­detem Verdacht auf eine COPD ohne erkennbare Verän­de­rungen in der Spiro­metrie können durch eine erwei­terte Lungen­funk­ti­ons­messung (Bodyp­le­thys­mo­grafie) und eine Compu­ter­to­mo­grafie Frühformen der COPD erkannt werden.
  • Eine COPD kommt selten allein. Herzer­kran­kungen sind die häufigsten Begleit­erkran­kungen bei COPD.
  • CODP und mögliche Begleit­erkran­kungen müssen jeweils eigen­ständig thera­piert werden.
  • Eine akute Verschlech­terung ist gleich­be­deutend mit einem Herzin­farkt der Lunge.
  • Bei jeder akuten Verschlech­terung muss die Therapie überprüft werden.
  • Ein erhöhter Einsatz des Bedarfs­sprays kann ein frühes Anzeichen für eine akute Verschlech­terung sein.

Hintergründe

S2k-Leitlinie COPD

Die aktua­li­sierte S2k-Leitlinie „Fachärzt­liche Diagnostik und Therapie der chronisch obstruk­tiven Lungen­er­krankung (COPD) 2026“ wurde veröf­fent­licht (09.02.2026). Feder­führend durch die Deutsche Gesell­schaft für Pneumo­logie und Beatmungs­me­dizin (DGP) erstellt, waren mehr als 30 Expert:innen und eine große Zahl an Fachge­sell­schaften in die mehr als zweijährige Aktua­li­sie­rungs­arbeit einge­bunden.

„Diese Leitlinie ergänzt die Nationale Versor­gungs­leit­linie COPD und integriert die neuesten evidenz­ba­sierten Erkennt­nisse, um eine frühere und effek­tivere Behandlung zu ermög­lichen“, betont DGP-Präsident Professor Christian Taube. Die Publi­kation sei für behan­delnde Ärzt:innen sowie Patient:innen ein wichtiges Update.
Die Koordi­nation der aktua­li­sierten S2k-Leitlinie lag in den Händen von Profes­sorin Kathrin Kahnert und Professor Henrik Watz.
www.pneumologie.de

Leitlinien

Wissen­schaft­liche Leitlinien sind syste­ma­tisch entwi­ckelte, evidenz­ba­sierte Handlungs­emp­feh­lungen. Sie fassen den aktuellen wissen­schaft­lichen Erkennt­nis­stand zusammen, um Ärzt:innen, Pflege­fach­kräften und Patient:innen eine fundierte Entschei­dungs­hilfe für die Praxis zu bieten.

Wissen­schaft­liche Leitlinien werden im Leitli­ni­en­re­gister der Arbeits­ge­mein­schaft der Wissen­schaft­lichen Medizi­ni­schen Fachge­sell­schaften (AWMF) veröf­fent­licht.
www.awmf.org

Nationale Versor­gungs­leit­linien (NVL) werden gemeinsam von der AWMF und dem Zentral­in­stitut (Zi) für die kassen­ärzt­liche Versorgung veröf­fent­licht.
www.nvl-programm.de

Wissen­schaft­liche Leitlinien werden von medizi­ni­schen Fachge­sell­schaften erstellt und fokus­sieren einzelne Krank­heits­bilder aus der fachspe­zi­fi­schen Perspektive. Nationale Versor­gungs­leit­linien zielen insbe­sondere auf eine standar­di­sierte Versorgung bei Volks­krank­heiten ab.


Text/Interview

Das Interview mit Professor Dr. Kathrin Kahnert wurde von Sabine Habicht, Redaktion Atemwege und Lunge geführt.


Bildnachweis
Copyright Foto: Adobe­Stock – Wesley JvRpeopleimages.com

Schlagwörter: Atemnot, Bedarfsspray, Begleiterkrankungen, COPD, Exazerbation, Früherkennung, Inhalation, Leitlinie, Luftnot, Lungenemphysem, Lungeninfarkt, Notfallspray, Verschlechterung

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