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Schlüssel zu mentaler Stärke

13. Apr. 2021

Kohärenz­gefühl und Resilienz

An COPD erkrankte Menschen stehen vor der großen Heraus­for­derung ihr Leben und den Alltag an die Belas­tungen, die diese chronische Erkrankung mit sich bringt, anzupassen. Dabei gilt es, alle Möglich­keiten zur Verrin­gerung der Symptome zu nutzen und zusätz­lichen körper­lichen Einschrän­kungen entge­gen­zu­wirken. Das Ziel ist, das Maß an gesund­heit­licher Lebens­qua­lität so hoch wie möglich zu halten.

Viele mit chroni­schen Krank­heiten verbun­denen Beein­träch­ti­gungen sind zwar nicht heilbar, wohl aber in eine positive Richtung verän­derbar. Die vorlie­genden Forschungs­er­geb­nisse zu den Konzepten „Saluto­genese“ und „Resilienz“ spielen hier  bei der Weiter­ent­wicklung psychi­scher Schutz­fak­toren eine große Rolle.

Es gilt, indivi­duelle Ressourcen und Fähig­keiten effek­tiver zu nutzen, um auf diese Weise mentale Stärke zu gewinnen. Gestei­gerte Selbst­be­wusstheit fördert die Selbst­wirk­samkeit und erleichtert den Betrof­fenen die Übernahme von Eigen­ver­ant­wortung und trägt nachhaltig zur leich­teren Bewäl­tigung von Alltags­auf­gaben bei.

Im Sinne kompe­tenz­ori­en­tierter Rehabi­li­tation ist es daher unver­zichtbar, Patienten auf ihrem Weg zu sich selbst zu begleiten und ihr Selbst­ver­trauen auszu­bauen.

Gesundheit und Krankheit gehören zusammen

Lange Jahre konzen­trierten sich die Gesund­heits­wis­sen­schaften ausschließlich auf die Bekämpfung von Krank­heits­aus­lösern und Gesund­heits­ri­siken (Impfungen, Vorsor­ge­un­ter­su­chungen etc.), der sogenannten Patho­genese. Ein Mensch galt demnach als gesund, wenn er an keiner diagnos­ti­tierten Erkrankung litt.

Doch schon 1986 erwei­terte die WHO dieses Gesund­heits­ver­ständnis um den Ansatz der Entstehung und Förderung von Gesundheit, der sogenannten Saluto­genese. Dieses Konzept basiert auf den sozial­wis­sen­schaft­lichen Forschungen des Medizin­so­zio­logen Aaron Antonovsky.

Aus saluto­ge­ne­ti­scher Sicht sind Gesundheit und Krankheit zwei sich nicht ausschlie­ßende Zustände, sondern zwei Endpunkte eines gemein­samen, lücken­losen Zusam­men­hangs (Konti­nuums). Dabei bewegt sich jeder Mensch im Laufe seines Lebens immer zwischen den Polen „völlige Gesundheit“ und „völlige Krankheit“, beides existiert gleich­zeitig neben­ein­ander.

Das ständige, sich verän­dernde Zusam­men­spiel von Belas­tungen und Ressourcen kennzeichnet den Gesund­heits­zu­stand eines Menschen und seine jeweilige Position auf der Skala des Gesund­heits-Krank­heits-Konti­nuums.

Im Zentrum der Saluto­genese stehen Gesund­heits­fak­toren, die als Schutz­fak­toren die Entwicklung in Richtung des positiven Endes des Konti­nuums fördern.  Diese Faktoren sind einzig und allein auf die Entstehung- und Erhaltung von Gesundheit ausge­richtet.

Hier bekommt das von Antonovsky erforschte „Kohärenz­gefühl“ eine zentrale Bedeutung.

Vertrauen in sich selbst


Kohärenz­gefühl als Basis der Krank­heits­be­wäl­tigung

Aaron Antonovsky bezeichnet das „Gefühl von Vertrauen eines Menschen in sich, das ihn, trotz einer zunächst als poten­ziell bedrohlich bewer­teten Situation, dazu befähigt erfolg­reich zu handeln“ als Kohärenz­gefühl. Er gliedert dieses Gefühl in die drei Vertrau­ens­aspekte Versteh­barkeit, Machbarkeit und Sinnhaf­tigkeit.

Die Stärke dieses META-Gefühls gibt Auskunft darüber, wie gesund ein Mensch ist. Je stärker das Kohärenz­gefühl, desto gesünder ist der Mensch, bzw. desto leichter wird er gesund.

Die Aufgabe einer pneumo­lo­gi­schen Rehabi­li­tation besteht darin, das Vertrauen des erkrankten Menschen in sich und seine Fähigkeit in allen drei Bereichen auszu­bauen:

  • Vertrauen als Gefühl von Versteh­barkeit (kognitiv)

Zur Stärkung dieses Aspekts ist es die Aufgabe der Experten, mittels Aufklärung und Infor­mation die Patienten soweit zu schulen, dass sie ihre Erkrankung und alle  krank­heits­spe­zi­fi­schen Begleit­erschei­nungen verstehen und sicher einordnen können.

Diese (Selbst-)Vertrauensebene vermeidet u.a. situa­ti­ons­be­dingten Stress und Überfor­derung.

  • Vertrauen als Gefühl der Machbarkeit (pragma­tisch)

Diese Kernaufgabe aller Schulungen, Trainings und Anwen­dungen in der Rehabi­li­tation vermittelt den Patienten das Werkzeug, für sich konkrete Handlungs- und Lösungswege zur Bewäl­tigung von Hürden zu entwi­ckeln. Hier hat jeder Mensch andere Präfe­renzen, die ein umfang­reiches Angebots­port­folio erfordern.

Der Patient soll vieles auspro­bieren, aktiv mitent­scheiden was ihm liegt und vor allem, was ihm Spaß macht. Nur solche Elemente wird er später in seinem Alltag etablieren und nachhaltig weiter­führen.

  • Vertrauen als Gefühl von Sinnhaf­tigkeit (emotional)

Für Antonovsky ist dieser motiva­tionale Aspekt der wichtigste. Ohne  Sinnhaf­tigkeit und ohne positive Erwar­tungen an das Leben kann sich trotz hoher Ausprägung der beiden anderen Kompo­nenten kein hoher Wert für das Kohärenz­gefühl ergeben. Ein Mensch ohne Erleben von Sinnhaf­tigkeit wird das Leben in allen Bereichen nur als Last empfinden und jede weitere sich stellende Aufgabe als zusätz­liche Qual.

Diese mentalen Auswir­kungen von Vertrau­ens­stei­ge­rungen während der Rehabi­li­tation haben somit funda­men­talen Stellenwert. Deshalb werden an die Wirksamkeit der Reha-Konzepte i. S. einer indivi­du­ellen Betreuung hohe inhalt­liche Anfor­de­rungen gestellt:

  • Würdigung der Gesamt­si­tuation des Erkrankten. Seine Einordnung als Betrof­fener in den Kontext seines Lebens durch ärztliche, thera­peu­tische und wertschät­zende Begleitung. 
  • Das Erleben der Sinnhaf­tigkeit und der Erfolge von vermit­telten Trainings­in­halten zur Besserung von Gesund­heits­ele­menten, bzw. zur Erleich­terung bei der Bewäl­tigung von Krank­heits­folgen und deren Verar­beitung.
    Wissen­schaftlich fundierte Erfolgs­mes­sungen wie z. B. der 6‑Minuten-Gehtest, die BIA (bioelek­tro­nische Impedanz­messung – hierbei werden Parameter wie Körper­ge­wicht, Körperfett, Muskel­masse und Wasser­haushalt analy­siert) oder die CO-Messung (Kohlen­monoxid-Messung), durch­ge­führt am Anfang und am Ende der Maßnahme, verzeichnen ergänzend erfah­rungs­gemäß große Motiva­ti­ons­er­folge.

Die Steigerung des Kohärenz­ge­fühls eines Erkrankten schafft die mentale Grundlage für ausge­prägtes Vertrauen in die eigenen Ressourcen und Fähig­keiten.

Aufbauend auf dieser Basis erfolgt danach die weitere Stärkung der psychi­schen Wider­stand­kraft des Patienten mit der Steigerung seiner indivi­du­ellen Resilienz.

Resilienz – Das Immun­system der Seele

Jeder Mensch erlebt im Laufe seines Lebens unter­schiedlich starke Krisen. Manche trifft es so schwer, dass sie die Hoffnung verlieren und an der Belas­tungs­si­tuation fast zerbrechen. Sie fühlen sich ohnmächtig und dem Erlebten hilflos ausge­liefert. Nicht selten entwi­ckeln sich daraus auch Erschöp­fungs­zu­stände, Depres­sionen, Angst­stö­rungen oder andere psychische Einschrän­kungen.

Aber es gibt auch Menschen, die Schick­sals­schläge gut verar­beiten. Sie leiden zwar nicht weniger, finden aber aus eigener Kraft und mit einem festen Glauben an die eigenen Fähig­keiten wieder zurück in ein glück­liches Leben.

Das liegt am Ausprä­gungsgrad der psychi­schen Wider­stands­kraft. Wissen­schaftler sprechen hier von der Resilienz. Das latei­nische Wort „resilire“ bedeutet übersetzt „zurück­springen“, oder „abprallen“.

Resilienz bezeichnet die mentalen Fähig­keiten und Stärken leichter mit belas­tenden Lebens­um­ständen umgehen zu können. Diese Wider­stands­kraft ist von Mensch zu Mensch unter­schiedlich ausge­prägt.  Aber sie kann unabhängig von der indivi­du­ellen Ausgangs­basis und in jedem Alter, trainiert werden. Diese Chance gilt im Beson­deren auch für erkrankte Menschen und ist während der Reha umfassend zu nutzen.

Welche Poten­ziale resiliente Menschen abrufen können ist zum Teil sehr erstaunlich.

Der Weg zur Stärkung der Resili­en­zei­gen­schaften

Die Selbst­wirk­samkeit, das Vertrauen in sich selbst, spielt wieder eine entschei­dende Rolle. Resiliente Menschen fühlen und wissen, dass sie dank ihrer inneren Stärke und ihrer Kompe­tenzen einen Weg aus der Krise finden und Heraus­for­de­rungen bewäl­tigen können.

Diese Menschen verlassen die Opfer­rolle und übernehmen die Selbst­ver­ant­wortung für ihr Leben, nicht ohne auch die eigenen Grenzen zu kennen.

Auch die optimis­tische Grund­haltung trägt zur Stärkung der Resilienz bei. Optimisten lenken ihre Aufmerk­samkeit auf die Zukunft, anstatt auf die Vergan­genheit und verwenden ihre Energie lösungs­ori­en­tiert.

Denken, Reden und Handeln müssen zukunfts­ori­en­tiert, mit dem Ziel, mögliche Lösungen zu finden, ausge­richtet sein. All das zählt zu den Voraus­set­zungen für den Ausprä­gungsgrad der Lösungs­kom­petenz.

Menschen mit hoher Resilienz trägt die Überzeugung, dass alle Erleb­nisse und jede Erfahrung im Leben einen Sinn haben und zu ihrer eigenen Weiter­ent­wicklung beitragen.
Dazu gehört auch die Resili­enz­fä­higkeit ist der Faktor Akzeptanz. Verän­de­rungen werden akzep­tiert, statt gegen sie anzukämpfen.

Von unschätz­barem Wert ist in Krisen­zeiten auch ein gut funktio­nie­rendes soziales Netzwerk. Schon das Wissen auf einen starken Rückhalt in der Familie, beim Partner oder bei guten Freunden vertrauen zu können, fördert die Resilienz.
Um ein funktio­nie­rendes Netzwerk zu pflegen und zu erhalten, bedarf es eines hohen Maßes an sozialer Kompetenz. Soziale Kompetenz beschreibt die Fähigkeit, einfühlsam, fair und konstruktiv mit Menschen umzugehen.

Resiliente Menschen planen proaktiv und zielge­richtet ihre Zukunft, setzen sich für ihre Wünsche und Pläne ein, in dem festen Glauben, das eigene Leben meistern zu können. Dieser positive Blick auf die Welt und auf abrufbare Poten­tiale festigt nachhaltig die innere Stärke der Menschen.

Resili­en­z­stärkung – unver­zicht­barer Bestandteil einer Reha

Jeder einzelne der 7 Resili­en­z­po­ten­ziale und die im Resili­en­z­kompass abgebil­deten Faktoren sind für die Ausprägung der seeli­schen Wider­stands­kraft von gleich großer Bedeutung. Wenn sie gleicher­maßen trainiert und in den aktiven Lernprozess des Umdenkens einge­bunden werden, ist Resilienz mehr als nur eine Anpassung an aktuelle widrige Umstände. Resili­en­z­schu­lungen sind Bestandteil der modernen Rehabi­li­tation.

Zur Stärkung der Resilienz gehören Angebote, wie beispiels­weise Achtsam­keits­übungen, Entspan­nungs- und Stress­be­wäl­ti­gungs­trai­nings, Atemschu­lungs­pro­gramme, Coachings, Wissens­ver­mittlung zu Schutz­fak­toren, PRÄGRESS®-Yoga, Krank­heits­be­wäl­tigung, ebenso wie spezi­fische Bewegungs- und Ernäh­rungs­kon­zepte.

Wird in der Erkrankung auch eine Chance gesehen, um als Mensch daran zu wachsen, ist dies der beste Weg, seine eigene Überle­bens­stra­tegie zu entwi­ckeln und wieder Glück und eine gestei­gerte Lebens­qua­lität zu erfahren!


Dr. Ralf J. Jochheim
Gesund­heits- und Klinik­ma­nager
Nordsee­klinik Westfalen, Wyk auf Föhr
www.Nordseeklinik.online
www.coronach.online


Sabine Jochheim
Gesund­heits­trai­nerin und Geschäfts­füh­rerin
Gesell­schaft für Resilienz
www.Resilienz.guide

Bildnachweis:
Adobe­Stock – Robert Kneschke
Nordsee­klinik Westfalen


Der Beitrag wurde in der Frühjahrs­ausgabe 2019 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.


Schlagwörter: chronische Bronchitis, COPD, Corona, Kohärenz, Luftnot, Lungenemphysem, mentale Stärke, Rehabilitation, Resilienz, Schutzfahtoren

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