Gesamtbeitrag als PDF. Veröffentlicht in der Ausgabe 51/Sommer 2026, S6 ff
Warum Empathie so wichtig ist
Laut Duden ist Empathie die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen. Es geht also darum, Emotionen, Gedanken, Motive
und Persönlichkeitsmerkmale anderer Menschen zu erkennen, zu verstehen und nachzuempfinden.
Empathie wird oft als Einfühlungsvermögen definiert und beinhaltet einen Perspektivwechsel, bedeutet also, die eigene Sichtweise zu verlassen, um die Welt, Gefühle und Handlungen eines anderen Menschen aus dessen Position zu verstehen („in die Schuhe eines anderen schlüpfen“).
Warum ist Empathie in der Versorgung von Menschen mit chronischen Lungenerkrankungen, wie beispielsweise COPD oder Lungenfibrose, also so wichtig und was kann sie konkret bewirken?
Es gibt Situationen, die Betroffene mit einer chronischen Lungenerkrankung nicht vergessen. Beispielsweise der Moment, in dem sie die Diagnose mitgeteilt
bekommen. Oft unvermittelt und mit der erschreckenden Botschaft, dass die Erkrankung fortschreitend ist und es keine Heilung gibt.
Vielleicht auch der Moment, wenn sie nach wenigen Treppenstufen stehen bleiben müssen, um Luft zu holen und vorbeihetzende Menschen keine Rücksicht nehmen.
Vielleicht auch ein Arzttermin, bei dem Lungenfunktion und Medikamente besprochen werden, aber niemand fragt, wie es einem wirklich geht. Oder auch
die Begegnung mit Angehörigen, die kein Verständnis haben für abgesagte Treffen, weil sie die Erschöpfung nicht nachvollziehen können.
Von außen oft nicht sichtbar
Viele chronische Lungenerkrankungen sind von außen oft nicht gleich sichtbar. Die Atemnot, die Erschöpfung, die Angst vor der nächsten Verschlechterung, all das trägt
man oft allein in sich. Genau deshalb ist Empathie, der Perspektivwechsel in der Begleitung von Menschen mit chronischen Lungenerkrankungen, keine Nebensache.
Sie ist das Fundament, auf dem eine gute Versorgung, eine gute Arzt-Patienten-Beziehung entstehen kann.
Empathie bedeutet nicht, dass die Menschen, die Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen begleiten, dasselbe erlebt haben müssen. Es bedeutet, dass sich das Gegenüber (z. B. Arzt, Therapeut oder Angehöriger) bemüht, die Perspektive Betroffener zu verstehen.
Erst einmal: zuhören
Echtes Zuhören bedeutet, nicht gleich unterbrechen, wenn Beschwerden geschildert werden. Von Ängsten und Sorgen berichten lassen, obwohl im Gesundheitssystem
ein gewisser Zeitdruck besteht.
Für Menschen mit einer chronischen Lungenerkrankung kann das besonders belastend sein, denn es ist nicht nur eine körperliche Erkrankung. Die Erkrankung betrifft alle Lebensbereiche eines Menschen und kann Gefühle auslösen, die von Patient zu Patient und auch im Verlauf einer Behandlung sehr verschieden
sein können: Angst, Trauer, Wut, Hilflosigkeit, aber auch Phasen von Akzeptanz und innerer Stärke.
Emotionen
Viele Betroffene berichten, dass sie sich mit all diesen Emotionen allein gelassen fühlen. Die Medizin konzentriert sich häufig auf messbare und objektive Parameter
wie Lungenfunktionswerte, Sauerstoffsättigung und Medikamentendosierungen. Alles wichtig und richtig.
Aber die Frage: „Wie geht es Ihnen wirklich damit?“ bleibt oft ungestellt. Dabei wissen wir aus der Forschung, wer sich emotional verstanden fühlt, geht auch
mit seiner körperlichen Erkrankung besser um.
Vertrauen
Empathie im Alltag, was sich Betroffene oft wünschen:
- Gehört werden. Nicht nur mit dem Stethoskop, sondern mit echtem Interesse an der persönlichen Situation.
- Idealerweise Kontinuität in der Behandlung, denn wenn der Ansprechpartner häufig wechselt, müssen häufig die gleichen Dinge immer wieder erzählt werden.
- Ehrlichkeit bei der Besprechung von Diagnose, Prognose und Therapieoptionen mit genügend Raum für Rückfragen.
- Eine gemeinsame Entscheidungsfindung bei Therapie und Versorgung.
Diese Wünsche sind keine optionalen Extras, sondern medizinisch relevant. Denn Vertrauen in das Behandlungsteam ist eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür,
dass Therapien wirken.
Umsetzung
Viele Lungenfachkliniken und ‑ambulanzen arbeiten multiprofessionell. Verschiedene Berufsgruppen wie Ärzte, Pflegefachkräfte, Physiotherapeuten, Psychologen
und Sozialarbeiter erarbeiten gemeinsam mit dem Patienten einen Behandlungsplan. Nicht jede Berufsgruppe muss also alles können, aber gemeinsam wird die ganze
Person gesehen, nicht nur die erkrankte Lunge.
Auch Selbsthilfegruppen können eine wichtige Rolle einnehmen, denn der Austausch mit ebenfalls betroffenen Menschen kann das Gefühl geben, nicht allein zu sein und Unterstützung jenseits der medizinischen Belange zu finden.
Auch für Familienmitglieder ist Empathie keine Selbstverständlichkeit und will gelernt sein. Was Betroffene sich wünschen, ist die Präsenz von Familie und Freunden.
Ein Schlusswort
Empathie ist keine Behandlung im klinischen Sinne, aber sie ist die Grundlage dafür, dass jede Therapie erst wirken kann. Wer sich verstanden fühlt, hat mehr Kraft für den Alltag und das Leben mit einer schweren Erkrankung. Empathie und Einfühlungsvermögen sind also zentrale Bausteine bei der Therapie und Begleitung
von Menschen mit einer chronischen Lungenerkrankung.
Egal ob Arzt, Therapeut oder Angehöriger: lassen Sie uns alle gemeinsam um Geduld, Perspektivwechsel und aktives Zuhören bemühen!
Autorin
Dr. med. Caroline Gloeckl
Fachärztin für Innere Medizin und Palliativmedizinerin
Spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV), Traunstein
Bildnachweis
Copyright Foto: AdobeStock – RZ Images
