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Empathie – mehr als Medizin

19. Aug. 2026

Beitrag Warum Empathie so wichtig ist, Dr med. Caroline Gloeckl

Gesamt­beitrag als PDF. Veröf­fent­licht in der Ausgabe 51/Sommer 2026, S6 ff

Warum Empathie so wichtig ist

Laut Duden ist Empathie die Bereit­schaft und Fähigkeit, sich in die Einstel­lungen anderer Menschen einzu­fühlen. Es geht also darum, Emotionen, Gedanken, Motive
und Persön­lich­keits­merkmale anderer Menschen zu erkennen, zu verstehen und nachzu­emp­finden.

Empathie wird oft als Einfüh­lungs­ver­mögen definiert und beinhaltet einen Perspek­tiv­wechsel, bedeutet also, die eigene Sicht­weise zu verlassen, um die Welt, Gefühle und Handlungen eines anderen Menschen aus dessen Position zu verstehen („in die Schuhe eines anderen schlüpfen“).

Warum ist Empathie in der Versorgung von Menschen mit chroni­schen Lungen­er­kran­kungen, wie beispiels­weise COPD oder Lungen­fi­brose, also so wichtig und was kann sie konkret bewirken?

Es gibt Situa­tionen, die Betroffene mit einer chroni­schen Lungen­er­krankung nicht vergessen. Beispiels­weise der Moment, in dem sie die Diagnose mitge­teilt
bekommen. Oft unver­mittelt und mit der erschre­ckenden Botschaft, dass die Erkrankung fortschreitend ist und es keine Heilung gibt.

Vielleicht auch der Moment, wenn sie nach wenigen Treppen­stufen stehen bleiben müssen, um Luft zu holen und vorbei­het­zende Menschen keine Rücksicht nehmen.
Vielleicht auch ein Arzttermin, bei dem Lungen­funktion und Medika­mente besprochen werden, aber niemand fragt, wie es einem wirklich geht. Oder auch
die Begegnung mit Angehö­rigen, die kein Verständnis haben für abgesagte Treffen, weil sie die Erschöpfung nicht nachvoll­ziehen können.

Von außen oft nicht sichtbar

Viele chronische Lungen­er­kran­kungen sind von außen oft nicht gleich sichtbar. Die Atemnot, die Erschöpfung, die Angst vor der nächsten Verschlech­terung, all das trägt
man oft allein in sich. Genau deshalb ist Empathie, der Perspek­tiv­wechsel in der Begleitung von Menschen mit chroni­schen Lungen­er­kran­kungen, keine Neben­sache.
Sie ist das Fundament, auf dem eine gute Versorgung, eine gute Arzt-Patienten-Beziehung entstehen kann.

Empathie bedeutet nicht, dass die Menschen, die Patienten mit chroni­schen Lungen­er­kran­kungen begleiten, dasselbe erlebt haben müssen. Es bedeutet, dass sich das Gegenüber (z. B. Arzt, Therapeut oder Angehö­riger) bemüht, die Perspektive Betrof­fener zu verstehen.

Erst einmal: zuhören

Echtes Zuhören bedeutet, nicht gleich unter­brechen, wenn Beschwerden geschildert werden. Von Ängsten und Sorgen berichten lassen, obwohl im Gesund­heits­system
ein gewisser Zeitdruck besteht.

Für Menschen mit einer chroni­schen Lungen­er­krankung kann das besonders belastend sein, denn es ist nicht nur eine körper­liche Erkrankung. Die Erkrankung betrifft alle Lebens­be­reiche eines Menschen und kann Gefühle auslösen, die von Patient zu Patient und auch im Verlauf einer Behandlung sehr verschieden
sein können: Angst, Trauer, Wut, Hilflo­sigkeit, aber auch Phasen von Akzeptanz und innerer Stärke.

Emotionen

Viele Betroffene berichten, dass sie sich mit all diesen Emotionen allein gelassen fühlen. Die Medizin konzen­triert sich häufig auf messbare und objektive Parameter
wie Lungen­funk­ti­ons­werte, Sauer­stoff­sät­tigung und Medika­men­ten­do­sie­rungen. Alles wichtig und richtig.

Aber die Frage: „Wie geht es Ihnen wirklich damit?“ bleibt oft ungestellt. Dabei wissen wir aus der Forschung, wer sich emotional verstanden fühlt, geht auch
mit seiner körper­lichen Erkrankung besser um.

Vertrauen

Empathie im Alltag, was sich Betroffene oft wünschen:

  • Gehört werden. Nicht nur mit dem Stethoskop, sondern mit echtem Interesse an der persön­lichen Situation.
  • Idealer­weise Konti­nuität in der Behandlung, denn wenn der Ansprech­partner häufig wechselt, müssen häufig die gleichen Dinge immer wieder erzählt werden.
  • Ehrlichkeit bei der Bespre­chung von Diagnose, Prognose und Thera­pie­op­tionen mit genügend Raum für Rückfragen.
  • Eine gemeinsame Entschei­dungs­findung bei Therapie und Versorgung.

Diese Wünsche sind keine optio­nalen Extras, sondern medizi­nisch relevant. Denn Vertrauen in das Behand­lungsteam ist eine der wichtigsten Voraus­set­zungen dafür,
dass Therapien wirken.

Umsetzung

Viele Lungen­fach­kli­niken und ‑ambulanzen arbeiten multi­pro­fes­sionell. Verschiedene Berufs­gruppen wie Ärzte, Pflege­fach­kräfte, Physio­the­ra­peuten, Psycho­logen
und Sozial­ar­beiter erarbeiten gemeinsam mit dem Patienten einen Behand­lungsplan. Nicht jede Berufs­gruppe muss also alles können, aber gemeinsam wird die ganze
Person gesehen, nicht nur die erkrankte Lunge.

Auch Selbst­hil­fe­gruppen können eine wichtige Rolle einnehmen, denn der Austausch mit ebenfalls betrof­fenen Menschen kann das Gefühl geben, nicht allein zu sein und Unter­stützung jenseits der medizi­ni­schen Belange zu finden.

Auch für Famili­en­mit­glieder ist Empathie keine Selbst­ver­ständ­lichkeit und will gelernt sein. Was Betroffene sich wünschen, ist die Präsenz von Familie und Freunden.

Ein Schlusswort

Empathie ist keine Behandlung im klini­schen Sinne, aber sie ist die Grundlage dafür, dass jede Therapie erst wirken kann. Wer sich verstanden fühlt, hat mehr Kraft für den Alltag und das Leben mit einer schweren Erkrankung. Empathie und Einfüh­lungs­ver­mögen sind also zentrale Bausteine bei der Therapie und Begleitung
von Menschen mit einer chroni­schen Lungen­er­krankung.

Egal ob Arzt, Therapeut oder Angehö­riger: lassen Sie uns alle gemeinsam um Geduld, Perspek­tiv­wechsel und aktives Zuhören bemühen!


Autorin
Dr. med. Caroline Gloeckl
Fachärztin für Innere Medizin und Pallia­tiv­me­di­zi­nerin
Spezia­li­sierte ambulante Pallia­tiv­ver­sorgung (SAPV), Traun­stein


Bildnachweis
Copyright Foto: Adobe­Stock – RZ Images

Schlagwörter: Arzt-Patienten-Gespräch, Atemnot, COPD, Einfühlungsvermögen, Empathie, Erschöpfung, Lebensqualität, Lungenfibrose, Verschlechterung

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