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Thorakale Transplantationen

12. Okt. 2025

Herz- und Lungentransplantation

Das vergangene Jahr war ein bewegtes für die Organ­trans­plan­tation in Deutschland, leider nicht immer in positiver Weise. Der Skandal um Manipu­lation bei Organ­trans­plan­ta­tionen in Göttingen, Regensburg, München und Leipzig hat viel Aufmerk­samkeit erregt und verur­sachte katastro­phale Konse­quenzen für die Spenden­be­reit­schaft in Deutschland. Seit der inten­siven Bericht­erstattung über die Skandale ist ein drama­ti­scher Rückgang der Spender­zahlen zu beobachten. Die Deutsche Stiftung Organ­trans­plan­tation (DSO) meldet, dass die Zahl der Organ­spender bundesweit von 1.046 im Jahr 2012 auf 876 im Jahr 2013 zurück­ge­gangen ist – und das vor dem Hinter­grund eines ohnehin chroni­schen Organ­mangels.

Diese negative Entwicklung trifft in erster Linie jene Patienten, die aktuell auf ein Spende­organ warten.

Nach der Trans­plan­tation
Was es für einen Patienten bedeutet, wenn die Wartezeit vorüber ist und ein Organ zur Verfügung steht, zeigt eine Umfrage, die wir an der HTTG-Chirurgie der MHH anlässlich des 20. Jubiläums unseren Thora­kalen (den Brustkorb betref­fenden) Trans­plan­ta­ti­on­pro­gramms durch­ge­führt haben. Von den insgesamt 31 ehema­ligen Patienten, die an der Umfrage teilnahmen, leben viele bereits seit 20 Jahren oder länger mit dem gespen­deten Organ. Wir haben die Patienten nach den kurz- und langfris­tigen Zielen gefragt, die sie sich in ihrer Wartezeit vor der Trans­plan­tation gesetzt haben. Genannt wurden die Ziele Überleben, Familie, Reisen und Arbeiten – und zum größten Teil konnten diese Ziele auch umgesetzt werden: Mehr als die Hälfte der befragten Patienten hatte darüber hinaus keine wesent­lichen Probleme nach der Trans­plan­tation.

Neue innovative Ansätze
Der angespro­chene Organ­mangel führt dazu, dass Patienten mit immer längeren Warte­zeiten konfron­tiert werden. Die rigorosen Auswahl­kri­terien, die angesetzt werden um geeignete Organe zu identi­fi­zieren, führen darüber hinaus zu der Situation, dass viele Spender­organe gar nicht erst angeboten werden, weil kein entspre­chend geeig­neter Empfänger gefunden werden kann. Das führt zu einer zusätz­lichen Reduzierung der verfüg­baren Organe.

Innovative Ansätze, die die Probleme des Organ­mangels und des effizi­enten Ressour­cen­ein­satzes angehen, sind dringend nötig – so wie z. B. unkon­ven­tio­nelle Strategien, um dem richtigen Patienten die richtige Lunge zu vermitteln. In Deutschland und anderen Eurotrans­plant-Ländern werden Spender­lungen nach Dring­lich­keits­kri­terien an Patienten vermittelt. Priorität haben High Urgency Patients – d.h. Patienten von der Hochdring­lich­keits­liste, die in Deutschland im Durch­schnitt mit zwischen 30 – 40 Tage Wartezeit zu rechnen haben. In Fällen in denen ein Organ aus funktio­nalen oder logis­ti­schen Gründen von drei unter­schied­lichen Trans­plan­ta­ti­ons­zentren abgelehnt wird, kann im Rahmen einer sogen­naten rescue allocation (Notfall­al­lo­kation) vom entspre­chenden Trans­plan­ta­ti­ons­zentrum selber vermittelt werden.
In der Medizi­ni­schen Hochschule Hannover – dem Zentrum mit dem größten Lungen­trans­plan­ta­tions-Programm in Europa – wurde in einem Pilot­pro­gramm die Allokation (Zuteilung) von Spender­lungen aus dieser Notfall­al­lo­kation an die stabilsten Patienten erprobt, um so negative Trans­plan­ta­ti­ons­er­geb­nisse zu reduzieren. Trotz der Tatsache, dass diese Lungen nicht den Kriterien für optimale Trans­plantate entsprachen (oft waren sie von älteren Spendern und wiesen eine signi­fikant (deutlich) niedrigere Sauer­stoff­an­rei­cherung auf), waren die Studi­en­ergeb­nisse überwäl­tigend positiv. Empfänger dieser Lungen (72 insgesamt) benötigten kürzere postope­rative Beatmung (Beatmung nach der Operation), waren kürzer in statio­närer Behandlung und hatten 27 Monate nach der Operation mit normal trans­plan­tierten Patienten vergleichbare Überle­bens­raten (81,6% verglichen mit 80,76%).

Dieser Ansatz zeigt, dass insbe­sondere auch diese aus einer Notfall­al­lo­kation stammenden Organe – die in der Regel verloren gehen – für eine Trans­plan­tation verwendet werden können und damit die verfüg­baren, knappen Ressourcen effizi­enter genutzt werden können.

Neue Verfahren zur Konser­vierung
Nicht nur wird durch Innova­tionen in diesem Bereich die Alloka­ti­ons­ef­fi­zienz erhöht: Neue Verfahren zur Konser­vierung von Organen eröffnen gleich­zeitig völlig neue Möglich­keiten. Die derzeitige Standard­me­thode für die Konser­vierung von Organen ist die kalte ischae­mische Lagerung. Dieses Verfahren wird seit Erfindung der Organ­trans­plan­tation angewendet, wobei durch die Kühlung im Prinzip das Ausmaß der Organ­schäden während des Trans­ports reduziert werden soll. Doch es kommt noch immer zu nicht unwesent­lichen Schäden des gespen­deten Organs. Je länger das Organ auf Eis bleibt, desto stärker die Schäden. Zudem ermög­licht die Kaltla­ge­rungs­technik keine wieder­be­le­bende Beurteilung, während das Organ vom Spender zum Empfänger trans­por­tiert wird.

Dies bringt eine Reihe von Einschrän­kungen mit sich: Der Zeitraum für die Gewinnung, den Transport und die Implan­tation des Organs ist sehr kurz. Darüber hinaus ist die Gefahr einer Beschä­digung des Organs im Rahmen der kalten Lagerung recht hoch. Außerdem kann das Organ vor der Implan­tation nur einge­schränkt auf seine Funktion überprüft werden. Um diesen Problemen zu begegnen hat die Firma Trans­medics ein leicht trans­por­tables Gerät zur warmen Blutper­fusion entwi­ckelt, das zur Unter­stützung einer Trans­plan­tation heran­ge­zogen werden kann.
Das Organ Care SystemTM (OCS) stellt sicher, dass die Organe in einer warmen, durch­blu­teten und stabilen Umgebung außerhalb eines Körpers gelagert und trans­por­tiert werden können. Zusätzlich ergibt sich daraus die Möglichkeit einer Verbes­serung des Zustandes des Organs sowie einer konti­nu­ier­lichen klini­schen Überprüfung des Trans­plantats. Die OCS-Techno­logie ermög­licht es somit, zusätz­liche Organe zu erhalten und bis zur Implan­tation laufend zu kontrol­lieren. In einer Pilot­studie von zwei europäi­schen Zentren der Lungen­trans­plan­tation in Hannover und Madrid haben wir das OCS System in einer Serie von 12 Hochrisiko-Patienten getestet. Die Ergeb­nisse waren außer­or­dentlich vielver­spre­chend – alle Patienten haben die Trans­plan­tation erfolg­reich überstanden und das Organ funktio­niert jeweils einwandfrei.

Alter­na­tiven zur Trans­plan­tation
Hinzu tritt die voran­schrei­tende Entwicklung von Alter­na­tiven zu einer Trans­plan­tation. Kunst­herzen können inzwi­schen mit minimal­in­va­siven Methoden (schonendere Methoden mit nur kleinen Hautschnitten) implan­tiert werden und kommen sowohl als Überbrü­ckung bis zu einer Trans­plan­tation (bridge to trans­plan­tation) als auch als Endpunkt einer Therapie (bridge to desti­nation) in Frage.

Die Forschung beschäftigt sich weiter mit Xenotrans­plan­taten sowohl für Gewebe als auch für solide Organe. Xenogene Herzklappen befinden sich bereits im klini­schen Einsatz. Bei einer Xenotrans­plan­tation handelt es sich um die Übertragung von lebens- und funkti­ons­tüch­tigen Zellen, Geweben oder Organen zwischen Individuen verschie­dener Spezies. Ein Beispiel für eine Xenotrans­plan­tation ist die Übertragung einer Herzklappe von einem Schwein auf einen Menschen.

Weiterhin sind bioar­ti­fi­zielle Organe (also Hybride sowohl aus künst­lichem als auch aus biolo­gi­schem Material) als Maßnahme zur Abwehr der Probleme in der Standard­the­rapie (wie z. B. Infek­ti­ons­risiko und Thrombose) in den Fokus gerückt.

So entstehen in diesem Bereich zahlreiche innovative Thera­pie­mög­lich­keiten, die als Alter­native zur Organ­trans­plan­tation mit Organen dienen sollen. Gleich­zeitig ist klar, dass diese Entwick­lungen noch einige Zeit beanspruchen werden, ehe sie zu einer klini­schen Reife gebracht sind. Bis dahin sind wir weiter angewiesen auf die Spenden­be­reit­schaft um die Patienten auf den Warte­listen zügig behandeln zu können. Es gilt das Vertrauen in die Organ­trans­plan­tation und in die Forschung in diesem Bereich zurück­zu­ge­winnen und aufzu­bauen.



… mehr Wissen

  • www.dso.de
    Die Deutsche Stiftung Organ­trans­plan­tation, kurz DSO, ist
    Koordi­na­ti­ons­stelle nach § 11 des Trans­plan­ta­ti­ons­ge­setzes
    und damit für die Organi­sation der Organ­spende in
    Deutschland verant­wortlich.
  • www.eurotransplant.org
    Die Stiftung Eurotrans­plant ist als Service-Organi­sation
    verant­wortlich für die Zuteilung von Spender­or­ganen in
    sieben europäi­schen Ländern und arbeitet hierzu eng mit
    den Organ­spende-Organi­sa­tionen, Trans­plan­ta­ti­ons­zentren,
    Labora­torien und Kranken­häusern zusammen.
  • www.bdo-ev.de
    Bundes­verband der Organ­trans­plan­tierten e.V. (BDO)


Herausgeber Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge:
Offene Akademie und Patien­ten­Bi­bliothek gemein­nützige GmbH
Unterer Schran­nen­platz 5
88131 Lindau
www.patienten-bibliothek.de
info@patienten-bibliothek.de

Bildnachweis aus Ratgeber:
Alexander Raths, Birgit Reitz-Hofmann – Fotolia.com
Jamie­Hooper – Fotolia.com
Grafiken Professor Dr. Axel Haverich, Hannover

Schlagwörter: bioartifizielle Organe, Herz, Lunge, Organspende, Organtransplantation, Spendenbereitschaft, Spenderausweis, Transplantation, Xenotransplantation

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