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…die Lunge will bewegt werden

12. Okt. 2025

5 Jahre nach der Lungen­trans­plan­tation

Im August 2014 wurde Hans Messinger aus Windsbach im Alter von 64 Jahre trans­plan­tiert. Bereits in der Herbst­ausgabe 2016 haben wir darüber berichtet – online nachzu­lesen auf www.Patienten-Bibliothek.de.

Atemnot beim Treppen­steigen war der Grund für seinen Besuch beim Arzt. Im Alter von 50 Jahren wurde die Diagnose Lungen­fi­brose gestellt, Belas­tungen im Berufs­leben als Handwerks­meister im Schlosser- und Metall­bau­handwerk mit Ozon, Staub und Kunst­stoff (Parafin) waren mögli­cher­weise eine Ursache. asdkfja­ödkfj

„Obwohl über den 14-jährigen Verlauf die Situation der Erkrankung konti­nu­ierlich schlechter wurde und ich insgesamt 10 Jahre sauer­stoff­pflichtig war, habe ich meinen unbedingten Lebens­willen immer behalten. Ich habe erlebt, dass andere Betroffene sich der Erkrankung ergeben haben und nicht mehr aktiv waren. Das wollte ich nicht, ich wollte trotz Einschrän­kungen weiter­machen. Dabei geholfen haben mir meine Frau und die Teilnahme an einer Selbst­hil­fe­gruppe der Deutschen Sauer­stoff- und BeatmungsLiga LOT, 

Im Jahr 2013 verschlech­terte sich die Erkrankung aller­dings so stark, dass selbst Sprechen zur Belastung wurde. Eine Trans­plan­tation war die letzte Thera­pie­option.“

Bevor Hans Messinger in den OP-Saal zur Trans­plan­tation geschoben wurde, visierte er ein konkretes Ziel an. „Wenn ich das hier überlebe, mache ich den Jakobsweg.“

Und er hat es geschafft! Vier Wochen war er von Ansbach, über die Schweiz und Frank­reich mit dem E‑Bike bis nach Santiago de Compostella unterwegs.

Auch diesen Bericht können Sie in der Herbst­ausgabe 2016 nachlesen.

Mir geht es nicht nur gesund­heitlich, sondern auch mental sehr gut. Es gibt keinerlei Einschrän­kungen und ich kann alles machen. Denke ich an die Zeit vor der Trans­plan­tation zurück, empfinde ich für mein heutiges Leben Dankbarkeit und ein wahnsin­niges, eigentlich kaum zu beschrei­bendes, Glücks­gefühl.

Nach meiner Trans­plan­tation, als es mir körperlich wieder besser ging, war es mir ein Bedürfnis, in meinem Waldstück bei Windsbach eigen­händig 1.200 junge Buchen zu pflanzen. Es ist so schön zu sehen, dass diese Bäume inzwi­schen fast so groß sind wie ich selbst.

Haben sich im Verlauf der vergan­genen Jahre gesund­heit­liche Probleme mit der Lunge, Infek­tionen oder Begleit­erschei­nungen, wie z. B. aufgrund der vielfältig notwen­digen Medikation einge­stellt?

Ernst­hafte Probleme haben sich nach der Trans­plan­tation nicht einge­stellt und auch Infek­tionen sind in den letzten Jahren nicht aufge­treten. Die anfangs 54 Tabletten täglich konnten mittler­weile auf 12 Tabletten reduziert werden – doch die Medika­men­ten­ein­nahme betrachte ich als einen „Klacks“, gemessen an meiner heutigen Lebens­qua­lität. 

Wie beein­flusst die Trans­plan­tation Ihr tägliches Leben – auf was müssen Sie z. B. achten, welche Kontroll­termine sind einzu­halten etc.?

Auch wenn gewisse Regeln zum täglichen Leben nun dazu gehören, so hat sich für mich, im Vergleich zu der Zeit vor der Trans­plan­tation, alles zum Positiven gewendet. Die Selbst­mes­sungen wie auch alle anderen täglichen Notwen­dig­keiten sind im Alltag integriert und zur Routine geworden.

Die Kontrolle einiger sogenannter Vital­werte ist von mir selbst konse­quent vorzu­nehmen und zu dokumen­tieren. Auf bestimmte Grenz­be­reiche ist zu achten und bei deutlichen oder konti­nu­ier­lichen Abwei­chungen der Lungenarzt zu infor­mieren.


Tägliche Kontrolle der Vital­werte bei lungen­trans­plan­tierten Patienten:

1. FEV1 Messung mittels PeakFlow­Meter – Abwei­chungen nicht mehr als 10 %

2. Blutdruck­messung  – oberer Wert nicht > 150 mmHg oder unterer Wert nicht > 90 mmHg

3. Pulsmessung in Ruhe – nicht mehr als 100 Schläge pro Minute

4. Gewichts­messung – Zunahme nicht mehr als 1 kg pro Tag

5. axilläre Körper­tem­pe­ra­tur­messung – nicht mehr als 37,5 ˚C

6. Messung mit dem Pulso­xi­meter – Sauer­stoff­sät­tigung nicht < 90 %


Alle drei Wochen erfolgt eine Blutab­nahme, wobei die Nieren- und Leber­werte kontrol­liert und der Tacro­limus-Spiegel bestimmt wird. Anhand des Tacro­limus-Spiegels im Blut kann festge­stellt werden, ob die Therapie mit den notwen­digen Immun­sup­pressiva auch wirksam ist.

Zweimal jährlich fahre ich zu Kontroll­ter­minen in das Pneumo­lo­gische Zentrum der MHH, der Medizi­ni­schen Hochschule Hannover, in der ich trans­plan­tiert worden bin.

Achtsam zu sein, ist eine täglich Aufgabe, um jegliche Infek­ti­ons­quellen zu vermeiden. Dies betrifft insbe­sondere auch den Bereich der Ernährung. Typische Regeln, die für Urlaubs­rei­sende in ferne Länder gelten, wie z. B. „Koch es, schäl es oder vergiss es!“, gelten für Trans­plan­tierte beispiels­weise immer.

Wie ist Ihr heutiges Lebens­gefühl, wie hat Sie die Trans­plan­tation zurück­bli­ckend geprägt?

Ich bin ein sehr viel „freier“ agierender Mensch geworden und sehr viel aktiver. Mein Selbst­wert­gefühl, das ich vor der Trans­plan­tation aufgrund meiner Immobi­lität fast verloren hatte, habe ich auf dem Jakobsweg zurück­ge­wonnen – und vielleicht ist es sogar noch etwas stärker als früher. Nach so einer körperlich und mental sehr anspruchs­vollen Reise weiß man, was wirklich zählt im Leben!

Nach wie vor bin ich Gruppen­leiter der LOT-Gruppe Ansbach, organi­siere regel­mäßig Tages­reisen und die entspre­chend dafür notwendige Versorgung für die Teilnehmer mit Sauer­stoff. Zuletzt waren wir beispiels­weise im Schwarzwald, im Elsass und am Ammersee.

Seit 2017 engagiere ich mich zudem als Vorsit­zender des VdK Ortsver­bandes in Windsbach mit 450 Mitgliedern. Auch halte ich Vorträge über meine Trans­plan­tation und über meine Reisen.

Mein Leben ist also ausge­füllt mit vielen positiven Aufgaben.

Das E‑Bike wurde zur Leiden­schaft

Was ist Ihnen wichtig, anderen chroni­schen Lungen­pa­ti­enten auf Grundlage Ihrer Erfah­rungen zu vermitteln?

Ich habe zunächst gelernt, dass Bewegung das A und O für die Gesundheit, insbe­sondere für die Lungen­ge­sundheit, bedeutet. Inzwi­schen formu­liere ich, damit es plasti­scher und fassbarer wird: „Die Lunge ist im Prinzip wie ein faules Luder, sie muss bewegt werden.“

Diese Tatsache habe ich für mich verin­ner­licht, Bewegung, an der frischen Luft, laufen, E‑Bike-Fahren und ebenso Lungen­sport gehören zu meinem Leben einfach dazu.

Spazie­ren­gehen im Wald empfinde ich sogar wie eine Art zweite Apotheke.

Achtsam im Sinne der Vermeidung von Infek­tionen ist der zweite Punkt, der nicht nur für Lungen­trans­plan­tierte von enormer Bedeutung ist, sondern gleicher­maßen für alle chronisch kranken Lungen­pa­ti­enten. Dazu zählen Grippe­imp­fungen ebenso wie Mundhy­giene, regel­mäßige Kontroll- wie auch Vorsor­ge­termine sollte jeder einhalten, sei es der Check beim Hausarzt, beim Zahnarzt bis hin zum Augenarzt.

Und auch der dritte Punkt nimmt wichtige Rolle bei chroni­schen Erkran­kungen ein: die aktive Teilhabe am Leben und der Austausch mit anderen.  

2017 mit dem E‑Bike von Windsbach über die alte Römer­straße nach Pisa

Einige außer­ge­wöhn­liche sport­liche Aktivi­täten von Ihnen haben wir bereits kurz skizziert. Sogar Gleit­schirm­fliegen waren Sie mit einer LOT. Welche Aktivi­täten haben Sie nach dem Jakobsweg reali­siert und welche Ziele haben Sie sich noch vorge­nommen?

Meine ganze Leiden­schaft liegt im Fahrrad­fahren mit dem E‑Bike (Pedelec). Inzwi­schen habe ich mir ein neues, ganz auf meine Bedürf­nisse zugeschnit­tenes, Rad zugelegt.

Im Jahr 2017 bin ich damit im Frühsommer die Alte Römer­straße gefahren. Von Windsbach über den Reschen- und Fernpass, nach Parma und Pisa und dann, aufgrund der großen Hitze etwas abgekürzt, nach Rimini, San Marino, Gardasee und wieder zurück nach Hause. Es waren vier erleb­nis­reiche, wunderbare Wochen, die mich wieder sehr gestärkt haben – körperlich und geistig.

Während einer Rehabi­li­tation in der Klinik Schönau im Berch­tes­ga­dener Land habe ich im März 2018 den Grünstein im Schnee bestiegen. Eine ungeheure Anstrengung, nur mein unbedingter Wille es schaffen zu wollen, hat mich auf den letzten Metern des 1.304 Meter hohen Berges getragen. Ein weiteres Erlebnis, das hat mich mental geprägt und erneut gezeigt hat, wie entscheidend der eigene Wille ist. 

In Schönau konnte ich auch Gespräche mit Lungen­pa­ti­enten, die auf der Warte­liste zur Trans­plan­tation stehen, führen und meine eigenen Erfah­rungen als Motivation weiter­geben – ein gutes Gefühl.

PS: Während Sie diesen Beitrag lesen, befindet sich Hans Messinger auf seiner nächsten Reise. Diesmal geht es zunächst mit dem Zug nach Pisa und dann mit dem E‑Bike die gesamte Küste des italie­ni­schen Stiefels entlang, ca. 3.000 km, über einen Zeitraum von acht Wochen.


Bildnachweis:
Hans Messinger

Interview/Text:
Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek


Der Beitrag wurde in der Sommer­ausgabe 2019 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.

Schlagwörter: COPD, Lunge, Lungenemphysem, Lungenfibrose, Lungentransplantation, Transplantation

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