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Von der Hantelbank in den OP

12. Okt. 2025

Lungen­trans­plan­tation: Nichts wird so sein wie früher

Vor sieben Jahren wurde bei Roland Rothen­häusler (58) aus Amtzell bei Ravensburg Lungen­fi­brose festge­stellt. Atemnot beim Treppen­steigen, ein klassi­sches Symptom der meisten Lungen­er­kran­kungen, hatte ihn den Arzt aufsuchen lassen. Erst eine Reihe von Unter­su­chungen sowohl beim Lungen­facharzt als auch in der Lungen­fach­klinik Wangen, inklusive Biopsie (Entnahme einer Gewebe­probe), ermög­lichte eine eindeutige Diagnose.

Im weiteren Verlauf verschlech­terte sich die Erkrankung relativ rasch, so wie es bei Fibrosen häufig der Fall ist, im Gegensatz zur COPD, bei der es sich meist um einen eher schlei­chenden Prozess handelt.

Annäherung an das Thema Trans­plan­tation

Zunächst standen die persön­liche Verar­beitung der Diagnose und das Leben mit der Erkrankung im Vorder­grund. Doch bereits frühzeitig sprach die behan­delnde Lungen­fach­ärztin das Thema Lungen­trans­plan­tation mit dem Hinweis an, dass diese Frage­stellung zwar weit entfernt, aber eine recht­zeitige Ausein­an­der­setzung mir ihr dennoch sinnvoll sei.

Nach einigen Jahren wurde eine Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie (LOT) notwendig. Anfangs mit 1,5–2 Litern, später mit 5 Litern pro Minute unter Belastung.

„Dieser Entwick­lungs­prozess beschleu­nigte auch meine gedank­liche Annäherung an eine Trans­plan­tation“, schildert Roland Rothen­häusler. „Gespräche mit meinem Sohn, Bekannten und Freunden gestal­teten sich aller­dings verständ­li­cher­weise eher schwierig. Ich erkannte, dass nur meine ganz persön­liche Ausein­an­der­setzung mit dem Thema den Weg zu einer Entscheidung ermög­licht und begann, mich umfassend zu infor­mieren.“

Regel­mäßige Kontroll­un­ter­su­chungen in der Fachklinik Wangen reflek­tierten den aktuellen Stand der Erkrankung, auch von dort kam ein Signal, dass eine Trans­plan­tation irgendwann in Erwägung gezogen werden müsse.

„Ich war bereit für einen weiteren Schritt und so kam der Anstoß, wie es denn nun weiter­gehen könne, beim nächsten Termin von mir selbst.“ Zwei Wochen später fand ein Erstge­spräch im Lungen­trans­plan­ta­ti­ons­zentrum München statt. Kurz darauf erfolgten während eines einwö­chigen Klinik­auf­ent­haltes die notwen­digen Vorun­ter­su­chungen zur Aufnahme in die Warte­liste. „Ein Riesen­schritt für mich, von der gedank­lichen Ausein­an­der­setzung zur realen Vorbe­reitung, immer mit dem Bewusstsein, dass es nun ernster wird.“

Die komplexen Vorun­ter­su­chungen verliefen gut, wenngleich mit manchen Ängsten besetzt, wie z. B. bei der notwen­digen Herzka­the­ter­un­ter­su­chung.

„Für meine eigene Entscheidung zur Trans­plan­tation und auch zur mentalen Vorbe­reitung war es besonders wichtig, während dieser Zeit des Klinik­auf­ent­haltes, mit bereits trans­plan­tierten Patienten sprechen zu können und auch zu sehen, wie es ihnen geht. Ich konnte erfahren, dass es manchen Patienten unmit­telbar nach der Operation bereits gut geht, andere jedoch viele Monate oder gar ein Jahr benötigen, um gesund­heitlich stabil zu werden. Ebenso erhielt ich über diesen Weg viele Detail­in­for­ma­tionen, wie sich das Leben nach einer Trans­plan­tation gestaltet.“

Die Listung zur Lungen­trans­plan­tation erfolgte am 17. Juni 2018.

Das Ausblasen einer Kerze, wie hier auf dem Geburts­tags­kuchen, war vor der OP nicht mehr möglich.

Von der Listung zur Trans­plan­tation

Überra­schend schnell kam im Juli der erste Anruf. Die Abholung erfolgte per Kranken­wagen. Die Stunden im Kranken­zimmer verliefen in höchster Anspannung. Dann die Infor­mation: Die Trans­plan­tation kann nicht erfolgen.

Die Zeit danach gestaltete sich deutlich belas­teter. Stets gedanklich auf Abruf, das Telefon oder Handy immer im Blick. Das bestehende Netzwerk aus Ärzten, Familie und Bekann­ten­kreis ermög­lichte die notwendige Unter­stützung und half bei der Rückkehr zum Alltag.

Roland Rothen­häusler nutzte die Zeit, trieb viel Sport. Freude an der Bewegung war schon immer vorhanden, doch ohne die Konse­quenz der Regel­mä­ßigkeit. Nach einer ersten Rehabi­li­ta­ti­ons­maß­nahme 2014 gelang es jedoch, Bewegung zu einem Bestandteil eines jeden Tages werden zu lassen. „Ich habe gewusst, dass es irgendwann einmal soweit sein wird, dass ich eine neue Lunge bekomme, dafür wollte ich so fit wie möglich sein. Auch machte ich die Erfahrung, dass mehr körper­liche Fitness sich positiv auf die psychische, mentale Stärke auswirkt.“

Eine weitere, vorbe­rei­tende Rehabi­li­ta­ti­ons­maß­nahme wurde beantragt und im Oktober 2018 genehmigt.

In der vierten Woche der Rehabi­li­tation, während des Hantel­trai­nings kam der zweite Anruf. „Ich wurde in das Zimmer der behan­delnden Ärztin gerufen, die mir mitteilte, dass sie eine gute und eine schlechte Nachricht für mich habe. Die schlechte sei, dass ich nun leider die Rehabi­li­ta­ti­ons­klinik verlassen müsse, die gute dass ein Spender­organ für mich gefunden sei. Mein erster Gedanke: Ich bin optimal vorbe­reitet! Trotzdem überwäl­tigte mich die Situation emotional wieder völlig, wie beim ersten Anruf.“

Viele Umarmungen und gute Wünsche beglei­teten Roland Rothen­häusler nach München.

Bevor er in den OP geschoben wurde, grub sich ein Satz der beglei­tenden Ärztin in seine Gedanken: „Nichts wird mehr so sein wie früher.“

Die Lunge bestimmt den Tages­rhythmus

Die Schwester entfernte am dritten Tag nach der Trans­plan­tation die Geräte zur medizi­ni­schen Überwa­chung: „Fühlen Sie sich gut?“ “Ja, es geht mir gut, doch es wäre schön, wenn ich jetzt eine neue Lunge bekommen würde.“

Erst dann erfolgte die Reali­sierung der gelun­genen Operation.

Der erste unmit­telbare positive Effekt: die Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie ist nicht mehr erfor­derlich. Von körper­licher Aufbau­arbeit, Atemphy­sio­the­rapie, Kranken­gym­nastik, Muskel­aufbau etc. waren die folgenden Wochen und Monate bestimmt, zuerst in der Klinik, anschließend während der Anschluss­heil­be­handlung in einer Rehabi­li­ta­ti­ons­klinik. Der Aufbau funktio­nierte nur in kleinen Schritten. „Nach der OP hatte ich die größten Schwie­rig­keiten ein Blatt Papier zu halten. Dies wurde aber spürbar immer besser – ganz im Gegensatz zur Zeit vor der Trans­plan­tation als die Leistungs­fä­higkeit konti­nu­ierlich nur schlechter wurde.“

Tägliche Kontroll­selbst­mes­sungen gehören nun zum Lebens­rhythmus, der Umgang damit und überhaupt mit der neuen Lebens­si­tuation muss erlernt werden. Ärztliche Blutab­nahmen erfolgten anfangs täglich, inzwi­schen wöchentlich. Eine gewisse Anspannung, ob alles in Ordnung ist, bleibt dennoch bestehen und wird nur ganz langsam zur Routine.

Die statt­liche Anzahl von ca. 25–30 Tabletten ist täglich konse­quent nach einem Zeitschema einzu­nehmen. Am Anfang variierte die Tablet­ten­anzahl in Anlehnung an den jewei­ligen Blutspiegel, sind die Werte konstant, kann die Einnahme der Tabletten reduziert werden.

Der Schutz vor Infek­tionen, gleich welcher Art, bedeutet eine täglich neue Heraus­for­derung und betrifft vor allem im ersten Jahr nach der Trans­plan­tation auch den Bereich der Ernährung. So dürfen beispiels­weise Nüsse, ungeschältes Obst, aufge­wärmte Lebens­mittel, Blatt­salate und vieles mehr nicht verzehrt werden. Es geht um die Vermeidung von Bakterien, Pilzen und Viren, also einer Konta­mi­nation im weitesten Sinne.

Das erste Jahr nach der Trans­plan­tation ist geprägt von einem Auf und Ab, Anspannung und Entspannung und vielen Lernpro­zessen. Gesund­heit­liche Probleme mit den Nieren bedeuten einen kurzzei­tigen Einbruch, aktuell bereiten Zahnent­zün­dungen starke Schmerzen und bringen Schlaf­pro­bleme mit sich. 

„Mein Leben nach der Trans­plan­tation hat sich verändert und ich empfinde es als ein Geschenk. Ich bin gerne bereit, meinen Tages­rhythmus anzupassen, um für meine neue Lunge Sorge zu tragen. Meine Lebens­qua­lität ist heute eine andere, sie ist eine bessere.“

Ein Anfang, die erste Radaus­fahrt über vier Kilometer am 1. Mai 2019. Das nächste anvisierte Ziel ist eine Radreise auf Mallorca.

Untersuchungen zur Aufnahme auf die Warteliste

Vor Aufnahme auf die Warte­liste ist es wichtig zu klären, ob der Patient aus medizi­ni­scher Sicht (abgesehen von seiner schweren Lungen­er­krankung) für die Trans­plan­tation geeignet ist. Diese muss mit einem vertret­baren Risiko durch­ge­führt werden können.

Neben der einge­henden Unter­su­chung der Lungen­funktion und des Herz- und Kreis­lauf­systems wird der gesamte körper­liche Zustand analy­siert. Dazu gehören Röntgen­un­ter­su­chungen und Compu­ter­to­mo­graphie des Thorax, Lungen­funk­ti­ons­un­ter­su­chung, Venti­la­tions-Perfu­sions-Scan, Echokar­dio­graphie und Abdomen­so­no­graphie.

Umfang­reiche Unter­su­chungen des Blutes dienen zum Ausschluss latenter Tumor­er­kran­kungen und chroni­scher Infek­tionen. Im Rahmen der Unter­su­chung des Herz-Kreislauf-Systems wird auch eine Rechtsherz-Kathe­ter­un­ter­su­chung durch­ge­führt, um die Druck­ver­hält­nisse im Lungen­kreislauf zu überprüfen.

Auch psych­ia­trische und psycho­so­ma­tische Erkran­kungen werden unter­sucht, beurteilt und gegebe­nen­falls behandelt. Sind alle Unter­su­chungen abgeschlossen, werden die Ergeb­nisse zusam­men­ge­stellt und dem Trans­plan­ta­ti­ons­zentrum übergeben. Dort entscheidet ein Gremium aus Pneumo­logen und Thorax-/Herz­chir­urgen, ob der Patient – falls dies sein Wunsch ist – auf die Warte­liste aufge­nommen werden kann und soll. Zum Team gehören auch Narko­se­ärzte (Anästhe­sisten), um die Opera­bi­lität des Patienten aus anästhe­sio­lo­gi­scher Sicht zu beurteilen.

Quelle: Trans­plan­ta­ti­ons­zentrum München LMU, Campus Großadern


Bildnachweis:
Roland Rothen­häusler

Interview/Text:
Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek


Dieser Beitrag wurde in der Sommer­ausgabe 2019 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.

Schlagwörter: COPD, COPD/Lungenemphysem, Listung, Lunge, Lungenfibrose, Lungentransplantation, Organspende, Transplantation

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