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Kolumne: …als Arzt und Patient

04. Juli 2020

Mund-Nasen-Schutz

Dr. Michael Barczok, Ulm

Als Pneumologe stehe ich im Brenn­punkt des aktuellen Pande­mie­ge­schehens, gleich­zeitig gelte ich auch als Risiko­person, schon allein aufgrund meines Alters (66 Jahre) und diverser Vorer­kran­kungen.

Seit März 2020 trifft also die Ausbreitung der Sars-CoVid-19 Pandemie mein privates Leben ebenso wie meine beruf­liche Tätigkeit.

In meinem heutigen Beitrag möchte ich mich vor allem mit dem Thema Maske beschäf­tigen, nachdem gerade (Ende Mai 2020) überall, mal schneller, mal langsamer über Locke­rungen der umfang­reichen Lock-down-Maßnahmen in den Monaten März bis Mai 2020 nachge­dacht wird. Die Maske soll dabei das „Zuhau­se­bleiben“ ersetzen, ein jeder von uns soll sich frei bewegen können, dabei die heimische Haustür sozusagen durch eine Maske ersetzen.

Einige Menschen aber erleben die Maske als einengend und unangenehm. In der Praxis häufen sich gerade die Anfragen, „bin ich ein Risiko­pa­tient, soll ich im Homeoffice bleiben, sollen meine Kinder nicht in die Schule oder in den Kinder­garten gehen“ etc., einer­seits und anderer­seits: „Ich bin doch Atemwegs­pa­tient, ich kann mit einer Maske nicht atmen, bitte schicken Sie mir ein Attest, dass ich keine Maske tragen muss!“

Warum überhaupt…?

Zunächst einmal stellt sich dabei die Frage, warum brauchen wir überhaupt Masken, vor allen Dingen warum brauchen wir einen Mund-Nasen-Schutz, der Schleim­tröpfchen beim Träger selbst zurück­halten soll, dabei aber in der Luft schwe­bende Aerosol­tröpfchen anderer aber nicht zuver­lässig heraus­filtern, mich also nur bedingt schützen kann.

Nun ganz einfach:

Solange wir alle zuhause geblieben sind, war das Risiko einer Infektion sehr gering, Kontakte mit Dritten waren ja extrem reduziert. Genau das wird aber jetzt verlassen, wir bewegen uns immer freier in allen möglichen Lokali­täten. Deshalb müssen wir den häuslichen Schutz in Zukunft in Form einer Maske mit uns nehmen. Daran wird sich meines Erachtens auch nichts ändern, bevor nicht ein wirklich wirksames Medikament gefunden oder aber eine Impfung weltweit verfügbar ist, beides ist im Moment nicht absehbar. Ja, die Zahl der positiv getes­teten Menschen ist deutlich zurück­ge­gangen, trotzdem sterben weltweit noch immer Tausende an diesem Virus. Wer das nicht glauben will, muss nur nach Amerika oder Brasilien schauen, auch in Staaten, die sich bereits auf der sicheren Seite wähnten, steigen erneut die Erkran­kungs­zahlen.

Was hat sich geändert?

Nichts hat sich geändert! Noch immer schlägt der Virus wahllos zu, noch immer ist er für Problem­gruppen besonders gefährlich, vieles spricht dafür, dass spätestens im Herbst das Infekt­ge­schehen wieder erheblich zunehmen wird. Es sagt auch nicht viel aus, ob über mehrere Tage oder Wochen hinweg in einem Landkreis keine neuen Infek­tionen erfasst werden. Wir testen ja nur Menschen, die relevante Krank­heits­sym­ptome entwi­ckeln, wissen aber, dass die Dunkelrate dabei sehr hoch ist. Null Infizierte heißt deshalb nicht, dass der Virus in diesem Landkreis ausge­merzt worden ist. Er ist weiter vorhanden, wird unbemerkt weiter­ge­geben und kann überall erneut zuschlagen.

Zwei Ereig­nisse Ende Mai illus­trieren für mich die Gefahr, die damit verbunden ist. Auf einer Party in einem Gasthof infizierten sich an einem einzigen Abend 40 Gäste, eine Situation vergleichbar mit der in Ischgl oder Dangelt, wo in einer Bar bzw. anlässlich einer Karne­vals­ver­an­staltung letzt­endlich hunderte, im Fall von Ischgl tausende Menschen infiziert wurden und die Pandemie sich weltweit ausbreiten konnte. Der Rückgang der Infek­tionen in der harten Phase der Quaran­tä­ne­be­stim­mungen hat uns Glauben gemacht, die Infektion sei tatsächlich unter Kontrolle. In Wirklichkeit ist sie in den Unter­grund abgetaucht und kann jederzeit wieder losschlagen.

Hinzu kommt, dass die anfäng­liche Sorge eher einem allge­meinen Unmut Platz gemacht hat, sich weiter durch irgend­welche Regeln einschränken zu lassen.

Das ist das Dilemma, in dem wir uns zurzeit befinden und in dem ich als Lungen­spe­zialist einer­seits und als Risiko­pa­tient anderer­seits ganz persönlich einen möglichst ratio­nalen und vernünf­tigen Ausweg finden muss.

Ich kann mich dabei gut in die Situation meiner Patienten hinein­ver­setzen. Obwohl Risiko­pa­tient bin ich weiter als Lungenarzt tätig, meine Frau ist Atemthe­ra­peutin und stunden­weise in der Praxis aktiv. Wir haben zusammen zwei Kinder, der eine Sohn geht noch zur Schule, der andere hat gerade angefangen zu studieren. Beide haben einen großen Bekannten- und Freun­des­kreis und stehen mitten im Leben bzw. in einem sich wieder öffnenden Umfeld in Schule und Univer­sität.

Wie gehe ich damit zuhause um?

Nun, zunächst einmal benutzen wir alle durch­gehend als Familie konse­quent und ohne Wenn und Aber Schutz­masken, zumindest einen gut sitzenden Mund-Nasen-Schutz, wenn wir uns in der Öffent­lichkeit bewegen. Das verlange ich auch von Freun­dinnen und Freunden meiner Söhne, wenn Sie zu mir Kontakt haben.

Öffent­lichkeit heißt im Übrigen nicht: freie Luft. Beim Spazie­ren­gehen, Radfahren, Wandern sollten Sie immer einen Mund-Nasen-Schutz in der Tasche haben und auch verwenden, wenn man Freunde trifft, in einem Biergarten Pause macht oder unterwegs eine Besorgung erledigt. Ansonsten kann man sich an der frischen Luft problemlos ohne Maske bewegen. Ich schließe mich hier der Meinung unserer zwei Spitzen­vi­ro­logen in Deutschland, Professor Drosten und Professor Kekulé an, dass an der frischen Luft Infek­tionen so gut wie unmöglich sind. Auch Schmier­in­fek­tionen werden wahrscheinlich in ihrer Bedeutung überschätzt, gleichwohl ziehe ich mir zumindest in der Praxis und beim Einkaufen immer Einmal­hand­schuhe an.

Gehe ich zum Einkaufen, verwende ich persönlich als gut behan­delte Risiko­person eine FFP2-Maske, also eine Maske, die mir eine relativ große Sicherheit gibt, dass ich, selbst wenn ich mit Viren in Kontakt käme, geschützt bin.

Vor diesem Hinter­grund sollten auch Sie sich die Frage stellen: käme auch ich als Risiko­pa­tient vielleicht mit einer FFP 2‑Maske zurecht und wenn nicht: Ist es wirklich sinnvoll, mit einem Mund-Nasen-Schutz zum Einkaufen oder zum Friseur zu gehen oder gar aufgrund meiner Atemwegs­er­krankung mich von der Masken­pflicht befreien zu lassen und ganz ohne Maske herum­zu­laufen?

Ganz ohne…?

Um es gleich vorneweg klar zu sagen: Sich ganz ohne Maske jetzt und auch in den kommenden Monaten in der Öffent­lichkeit zu bewegen, ist sicherlich für niemand eine Lösung. Jedermann sollte zumindest einen Mund-Nasen-Schutz in der Öffent­lichkeit tragen, das kann man auch jedem zumuten. Selbst für Patienten, die eine schwere COPD haben oder Sauer­stoff brauchen gilt, dass ein einfacher Mund-Nasen-Schutz so durch­lässig ist, dass von allen Seiten genügend Luft einströmt, dass ich damit in einem Warte­zimmer sitzen oder mich langsam bewegen kann.

Für Atemwegs­pa­ti­enten, die als Risiko­pa­ti­enten gelten müssen, gilt darüber hinaus: Entweder man bleibt zuhause und kontrol­liert sehr genau, wer alles die eigenen vier Wände betreten darf oder aber man verwendet möglichst eine FFP2-Maske.

Wenn jemand beispiels­weise unter der Maske beengt fühlt und die Maske nicht brauchen kann, kann es schon einmal so sein, dass man sagen muss: „Nun gut, bevor Sie in Panik geraten, verwenden Sie die Maske nicht“, aber dann muss konse­quent gelten: „dann bleiben Sie aber auch zuhause“. Gerade als Atemwegs­pa­tient sich ohne Maske in der Öffent­lichkeit zu bewegen, ist wider­sinnig, unlogisch und gefährlich.

Vom allge­meinen Mund-Nasen-Schutz per Attest zu befreien, ist meines Erachtens nur möglich, wenn das durch andere Maßnahmen abgelöst wird.

Ein anderes Problem sind Patienten, die sich mit einem einfachen Mund-Nasen-Schutz unsicher fühlen und sagen, ich möchte eine FFP2-Maske tragen. FFP2- oder FFP3-Masken sind nun im Gegensatz zum einfachen Mund-Nasen-Schutz wirklich dicht. Es fällt daher mit diesen Masken schon deutlich schwerer, zu atmen, insbe­sondere wenn dies mit körper­licher Anstrengung verbunden ist. Meist ist dieser Effekt auch erst nach längerem Tragen einer Maske von Bedeutung, er kann aber für Atemwegs­pa­ti­enten mit einer fortge­schrit­tenen Lungen­er­krankung doch wichtig sein.

Deshalb gilt als Grund­regel: alle sollten bis auf weiteres einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Risiko­pa­ti­enten, zu denen auch Menschen mit einem schlecht einge­stellten Asthma oder einer weit fortge­schrit­tenen COPD gehören, sollten gegebe­nen­falls nach Rücksprache mit ihrem Lungenarzt in unüber­sicht­lichen Situa­tionen versuchen, eine FFP 2‑Maske zu tragen oder besser noch konse­quent zu Hause bleiben und mit Kontakte nach außen zurück­haltend sein.


Autor: Dr. Michael Barczok

Facharzt für Innere Medizin, Lungen- und Bronchi­al­heil­kunde, Aller­go­logie, Sozial‑, Schlaf- und Umwelt­me­dizin, Ulm

Lungen­zentrum Ulm, www.lungenzentrum-ulm.de

Blog www.lungenexperte.info

Aktuell ist von Dr. Michael Barczok die überar­beitete Neuauflage des Buches “Luft nach oben” erschienen.

Die Kolumne wurde in der Sommer­ausgabe 2020 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.

Heraus­geber der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge:
Offene Akademie & Patienten-Bibliothek gGmbH, Lindau

Bildnach­weise:
Dr. Michael Barczok, Ulm
titipong – Adobe­Stock

Schlagwörter: Aerosoltröpfchen, Asthma, Atemwege, COPD, Corona, FFP2, FFP3, Lunge, Lungenemphysem, Maske, Mund-Nasen-Schutz, Pandemie, Risikopatient, Sars-CoVid-19

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