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Die Psyche in der Corona-Krise

06. Juli 2020

Ein Kompass für die Krisen­na­vi­gation

Die aktuelle Krise führt zu einer ganzen Reihe von Verän­de­rungen, wie dem Arbeiten im Home-Office, der Kurzarbeit, Schul­schlie­ßungen oder der Abstands­re­gelung, die unsere psychische Wider­stands­fä­higkeit (auch als Resilienz bezeichnet) auf eine harte Probe stellen können. Diese Verän­de­rungen sind wie ein Sturm auf offener See über uns herein­ge­brochen, wir haben sie weder so gewollt, noch kommen sehen.

So ist es kaum verwun­derlich, dass viele Menschen im Moment deutlich die Auswir­kungen der Krise auf ihre Psyche spüren: Beispiels­weise ist da diese Ungewissheit, wie lange die Krise noch andauern wird (Wochen, Monate oder sogar Jahre?) und ob noch weitere Pande­mie­wellen mit erneutem Lockdown folgen werden. Auch Ängste sind da, vor einer Anste­ckung mit dem Virus, vor einem schweren Krank­heits­verlauf, vor Folge­schäden für die Lunge, vor dem Tod, vor dem Verlust geliebter Menschen, aber auch vor den wirtschaft­lichen und den sozialen Folgen der Krise.

Wie das Virus selbst ist unser durch die Pandemie verur­sachter Stress mit bloßem Auge nicht sichtbar, aber dennoch präsent. Er äußert sich bei jedem Menschen indivi­duell: Während der eine vielleicht ein unter­schwel­liges Gefühl innerer Unruhe oder Reizbarkeit in sich trägt, fühlt sich ein anderer “emotional dünnhäutig” oder sogar “aus der Bahn geworfen”. Nehmen Sie sich einen Augen­blick Zeit und fühlen wertungsfrei in sich hinein, was Sie in diesem Moment bei sich selbst spüren.

Falls Sie seit einiger Zeit unter Konzen­tra­ti­ons­schwie­rig­keiten, Vergess­lichkeit, Leistungs-minderung, Energie­mangel, Müdigkeit, vermehrten Kopfschmerzen, Verdau­ungs­pro­blemen, Appetit­ver­än­de­rungen oder Schlaf­stö­rungen leiden, kann dies auf den Stress der Krise zurück­zu­führen sein.

Unser Gehirn besitzt bemer­kens­werte Fähig­keiten, sich an Verän­de­rungen der Außenwelt anzupassen. Mögli­cher­weise träumen Sie derzeit inten­siver als sonst – ein Versuch Ihres Gehirns, emotionale Belas­tungen zu verar­beiten und die “neue Norma­lität” in Ihr bestehendes inneres Bild der Wirklichkeit zu integrieren. Sie können diese Verar­bei­tungs­pro­zesse unter­stützen, indem Sie abends zeitiger zu Bett gehen und morgens, falls möglich, zu einem für Sie natür­lichen Zeitpunkt aufwachen (ohne Wecker).

Manchmal reichen jedoch die psychi­schen Selbst­hei­lungs­kräfte nicht aus, um das Erlebte zu verar­beiten. Wie die Pande­mie­for­schung zeigt, kann es dann zu länger­fris­tigen psychi­schen Nachwir­kungen (z.B. Trauma­fol­ge­stö­rungen) kommen. In diesem Fall kann eine Psycho­the­rapie weiter­helfen.

Wissen­schaft­liche Studien auf dem Gebiet der Psycho­neu­ro­im­mu­no­logie zeigen, dass anhal­tender Stress, Angst­zu­stände und andere negative Emotionen die Funktionen unseres Immun­systems erheblich beein­träch­tigen können und damit unsere Anfäl­ligkeit für Krank­heiten und Infek­tionen (z.B. mit dem Corona­virus) erhöhen. Wie kommen wir mental stark durch die Krise?

Mental stark durch die Krise

Das Fernglas beiseite legen

Das Corona-Thema ist durch die Medien omnipräsent, wir können ihm kaum entfliehen. Wie durch ein Fernglas betrachtet, wird das Thema aus der Ferne in unser Bewusstsein heran­geholt, als würde sich die Gefahr unmit­telbar vor uns befinden. Das führt bei manchen Menschen dazu, dass sie in eine Art ‘Katastrophen-Trance’ verfallen, nicht mehr abschalten können und sich unentwegt mit dem Thema beschäf­tigen.

Medien nutzen oft reiße­rische Überschriften mit Buzz-Wörtern, die daraufhin konzi­piert sind, automa­tische emotionale Reaktionen in unserem Gehirn hervor­zu­rufen, damit wir den zugehö­rigen Artikel lesen oder das jeweilige Video klicken. Das kann unser Gehirn in einen Alarm­modus versetzen und den Körper mit Stress­hor­monen fluten.

Wenn Sie das Fernglas beisei­te­legen und Ihren Corona-Medien­konsum auf ca. 20 Minuten täglich reduzieren, werden Sie sich entspannter fühlen. Gehen Sie kritisch mit den Infor­ma­tionen um, denn zurzeit finden Verschwö­rungs­theorien, Fake News und falsch inter­pre­tierte wissen­schaftliche Ergeb­nisse eine weite Verbreitung.

Versuchen Sie, CoVid-19 nicht zum allei­nigen Unter­hal­tungs­thema zu erheben. Während das Reden über die eigenen Gefühle mit naheste­henden Menschen emotional befreiend wirkt, ist eine einseitige Schwarz­ma­lerei der Situation, dem seeli­schen Wohlbe­finden eher hinderlich.

Das Ruder wieder übernehmen

Es gibt Dinge, die liegen außerhalb unserer Kontrolle, wie ein Sturm oder die globale Pandemie. Während wir diese Dinge selbst nicht ändern können, können wir dennoch durch unsere Ein­stellungen und Verhal­tens­weisen kontrol­lieren, wie wir mit diesen Dingen umgehen. So können wir beispiels­weise das Infek­ti­ons­risiko für uns und für andere durch umsich­tiges Verhalten wie Tragen einer Atemmaske, Hände­wa­schen, Abstand halten oder virtuelle Meetings minimieren.  

Wenn wir durch etwas aus der Bahn geworfen werden, neigen wir manchmal dazu, in eine Opfer­rolle zu verfallen. Dann fühlen wir uns wie ein Spielball schick­sal­hafter äußerer Mächte und im Grunde genommen machtlos. Falls Sie sich im Hinblick auf die Krise gerade so fühlen, dann ist es wichtig, dass Sie Ihre Selbst­wirk­samkeit stärken. Selbst­wirk­samkeit ist nach dem Psycho­logen Albert Bandura die Überzeugung, die Heraus­for­de­rungen des Lebens, zu denen auch diese Krise zählt, aus eigener Kraft meistern zu können oder anders formu­liert: sich zuzutrauen, durch aktives Handeln positive Verän­de­rungen bewirken zu können.

Sie können Ihre Selbst­wirk­samkeit trainieren, indem Sie sich täglich gezielt eine neue Heraus­for­derung setzen, die für Sie zwar mit etwas Anstrengung verbunden, aber dennoch realis­tisch erreichbar ist. Durch den Erfolg beim Erreichen des Zieles wächst Ihre Zuver­sicht in Ihre eigenen Fähig­keiten mit jedem Tag.

Entspannt durch den Sturm navigieren

Den Wellen der negativen Gefühle, die die Pandemie und die Krise bei uns verur­sachen, können wir mithilfe von Achtsamkeit begegnen. Nach Jon Kabat-Zinn, dem Pionier der Achtsamkeits­forschung, ist Achtsamkeit die absichts­volle, wertungs­freie Lenkung der Aufmerk­samkeit auf den gegen­wär­tigen Augen­blick.  

Viele der Ängste und Sorgen, die wir uns täglich machen, betreffen abstrakte Zukunfts­sze­narien. Wir “katastro­phi­sieren” etwas, indem wir den schlimmst­mög­lichen Ausgang für uns befürchten, dessen Eintreffen aber eher unwahr­scheinlich ist. Durch die Filter unserer Gedanken kreieren wir unsere Gefühle, und unser Gehirn reagiert mit einer Kaskade von Stress­re­ak­tionen, wie bei einer realen Bedrohung.

Es hilft, sich dessen bewusst zu werden, dass im Hier und Jetzt meist keine unmit­telbare Gefahr für unser Leben besteht: Lenken Sie dazu Ihren Fokus auf den gegen­wär­tigen Augen­blick, sehen Sie sich um, und stellen Sie fest, dass Ihnen jetzt gerade keine tatsäch­liche Lebens­gefahr droht. Entspannen Sie daraufhin bewusst für etwa 5 Sekunden alle Muskeln Ihres Körpers und atmen Sie einige Atemzüge langsam tief in den Bauch ein und wieder aus. Je öfter Sie diese Achtsam­keits­übung prakti­zieren, desto leichter wird es Ihnen fallen, sich nicht mehr in den Sorgen um die Zukunft zu verlieren.

Achtsamkeit beinhaltet auch das wohlwol­lende Gewahr­werden dessen, was in unserem Geist vorgeht, z.B. unserer Gedanken. Wir können uns dessen bewusst­werden, dass wir bestimmte Gedanken haben, ohne uns gleich mit ihnen zu identi­fi­zieren oder von ihnen mitreißen zu lassen. Das geschieht dadurch, dass wir feststellen, dass es einen Teil unseres Bewusst­seins gibt, der das, was in uns vorgeht, zu jeder Zeit neutral beobachten kann.

Stellen Sie sich Ihren Geist als einen Bahnhofvor, durch den die Gedanken als Zügefahren. Sie würden in einem Bahnhof doch auch nicht gleich in jeden belie­bigen Zug einsteigen, ohne vorher zu schauen, wohin er fährt?

Beobachten Sie das Kommen und Gehen Ihrer Gedanken wertungsfrei, wie die Züge im Bahnhof beim Ein- und Ausfahren, und wählen Sie bewusst aus, welchen Zug Sie nehmen möchten.

Die Segel setzen – wohin darf die Reise gehen?

Sie können die Krise als Chance nutzen, um Ihre Segel auf neuen Kurs zu setzen. Vielleicht erleben Sie derzeit eine Entschleu­nigung Ihres Alltags, der Ihnen die Zeit und die Möglichkeit gibt, Ihr aktuelles Leben zu reflek­tieren. In einer Krise kann vieles wegbrechen, was wir bisher als selbst­ver­ständlich erachtet hatten. Dies wiederum lenkt unsere Aufmerk­samkeit auf das, was uns wirklich wichtig ist.

Was ist Ihnen wichtig im Leben?

• Was zählt für Sie? Was erfüllt Sie mit Sinn?

• Was brauchen Sie, um glücklich zu sein?

• Welche Lebens­träume, Visionen oder Ziele haben Sie?

• Was macht Ihnen Spaß oder erfüllt Sie mit Freude?

• Welche negativen Verhal­tens­weisen möchten Sie vielleicht durch gesunde Verhal­tens­muster ersetzen?

• Was in Ihrem Leben darf so bleiben wie es ist, was darf sich verändern?

Bringen Sie mehr Leich­tigkeit in Ihren Alltag und in das tägliche Erreichen Ihrer Ziele, indem Sie beispiels­weise die Phrase “ich muss” aus Ihrem Wortschatz streichen und durch “ich kann” austau­schen. Das ersetzt das negative Gefühl, fremd­be­stimmt zu sein, durch ein Gefühl der freien Entscheidung Ihrer­seits.

Auch große Ziele lassen sich bewäl­tigen, indem Sie sie in kleine und leicht zu errei­chende Ziele herun­ter­brechen, die Sie dann konse­quent in Ihren Alltag integrieren. Nehmen wir an, Sie möchten z.B. ein Buch schreiben. Ein ganzes Buch zu schreiben, erscheint wie eine unüber­windbare Hürde. Wenn Sie jedoch jeden Tag nur eine oder zwei Seite(n) schreiben (was nicht besonders schwer­fällt), wird Ihr Buch irgendwann mit Leich­tigkeit fertig. Dieses Prinzip können Sie auch auf viele andere Ziele übertragen, wie zum Beispiel auf den Sport oder die gesunde Ernährung. Das Erreichen bereits einiger solcher kleinen Ziele am Tag wird Ihnen das Gefühl geben, auf dem richtigen Kurs zu sein.

Autorin: Marina Winkler, MSc
Leitende Psycho­login der Nordsee­klinik Westfalen, Föhr
Dokto­randin der Psycho­logie und Neuro­wis­sen­schaften
www.nordseeklinik.online



Bildnachweis:
Peter Atkins, alzay, nerthuz – alle Adobe­Stock
Nordsee­klinik Westfalen, Wyk auf Föhr

Der Beitrag wurde in der Sommer­ausgabe 2020 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.


Schlagwörter: Achtsamkeit, COPD, Corona, Krisennavigation, Lunge, Lungenemphysem, Mental, Nordseeklinik Westfalen, Psyche, Resilienz, Ruder übernehmen, Selbstwirksamkeit

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