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Wechsel der Perspektive

07. Juli 2020

Risiko­fak­toren und Schutz­fak­toren

Im Hinblick auf das Corona­virus gelten Patienten mit einer chroni­schen Lungen­er­krankung als gefähr­deter im Vergleich zu Lungen­ge­sunden.

Ausdrücklich zu empfehlen ist daher die Beachtung aller Hinweise der zustän­digen medizi­ni­schen Experten und Behörden für den Schutz besonders gefähr­deter Perso­nen­gruppen!  Verhalten Sie sich stets umsichtig.

Nur wenn Sie die Vorsichts­maß­namen akzep­tieren und umsetzen, haben Sie bei einer Betrachtung der „Corona-Krise“ von einem psycho­so­ma­ti­schen Blick­winkel aus die Chance, mit einem Perspek­tiv­wechsel  „doppelt geschützt“ durch die „Corona-Zeit“ zu kommen.

Wie kann der erlernte Umgang mit einer chroni­schen Erkrankung zum Vorteil werden?

Um diesen nicht auf Anhieb verständ­lichen Ansatz nachzu­voll­ziehen, lohnt es sich, den Blick weg von den Risiko­fak­toren hin zu den Schutz­fak­toren zu lenken. Denn Patienten mit chroni­schen Lungen­er­kran­kungen haben im Hinblick auf Schutz­fak­toren mögli­cher­weise entschei­dende Vorteile gegenüber Lungen­ge­sunden.

Schutz­faktor 1: Ganzheit­liches Krank­heits­konzept

Im Erleben von Krankheit stellt der „Körper“ nur einen Aspekt dar. Ein umfas­sendes, ganzheit­liches Krank­heits­konzept hingegen berück­sichtigt mindestens vier Kategorien: Körper, Psyche, Sozial­leben und Spiri­tua­lität. 

Als Patient mit einer chroni­schen Lungen­er­krankung haben Sie durch die Teilnahme an einer Pneumo­lo­gi­schen Rehabi­li­tation, einer Selbst­hil­fe­gruppe oder beim Lungen­sport in der Regel einiges über ein erwei­tertes Krank­heits­konzept erfahren.

Viele von Ihnen erleben immer wieder das untrennbare Wechsel­spiel zwischen Lunge und Psyche, wie z. B. bei Atemnot und Angst oder bei akuter Verschlech­terung (Exazer­bation) und depres­siver Stimmung. In diesen Situa­tionen kann mit Hilfe von psychopneu­mo­lo­gi­schen Methoden Atemnot „gebändigt“ und die „schwarze Wolke“ der Depression beisei­te­ge­schoben werden.

Glück­li­cher­weise haben auch viele Patienten im Laufe ihrer chroni­schen Lungen­er­krankung ein tragfä­higes soziales Netz geknüpft. Dieses Netz kann sich in Pande­mie­zeiten als besonders hilfreich erweisen. Die Betei­ligten kennen einander; sie wissen um die Beson­der­heiten, die Vorliegen und Abnei­gungen. Fallstricke können routi­niert gemieden werden.

Schutz­faktor 2: Effektive Bewäl­ti­gungs­stra­tegien

Patienten mit chroni­schen Lungen­er­kran­kungen (und ihre „Kümmerer“) werden im Krank­heits­verlauf zu sog. Coping(Bewältigungs)-Experten. Manchmal mehr oder minder gezwungen, mitunter aber auch freiwillig engagiert, entwi­ckeln sie indivi­duelle und kreative Bewäl­ti­gungs­stra­tegien für den Alltag.

Ob einzeln oder gemeinsam, chronische Lungen­pa­ti­enten können aufgrund ihrer Erfahrung mit der Erkrankung auf effek­tives Coping zurück­greifen wie z. B. Emotionen regulieren, Gedanken (neu) bewerten und Probleme analy­sieren.

Schutz­faktor 3: Umgang mit Ungewissheit

Am 21. März 2020 veröf­fent­lichte die Leopoldina* aus gegebenem Anlass eine Ad-hoc-Stellung­nahme mit dem Titel: Corona­virus-Pandemie in Deutschland: Heraus­for­de­rungen und Inter­ven­ti­ons­mög­lich­keiten – nachzu­lesen auf www.Leopoldina.org.

* Die Leopoldina ist die älteste natur­wis­sen­schaftlich-medizi­nische Akademie der Welt. Sie wurde 2008 zur Natio­nalen Akademie der Wissen­schaften Deutsch­lands ernannt. In dieser Funktion hat sie zwei besondere Aufgaben: die Vertretung der deutschen Wissen­schaft im Ausland sowie die Beratung von Politik und Öffent­lichkeit. Seitdem steht die Leopoldina unter der Schirm­herr­schaft des Bundes­prä­si­denten. Sie ist unabhängig und dem Gemeinwohl verpflichtet.

Darin findet sich der bemer­kens­werte Satz:

Diese hochdy­na­mische und so noch nicht dagewesene Situation birgt Unsicher­heiten und erfordert unkon­ven­tio­nelle Lösungen, deren Auswir­kungen und nicht inten­dierte (beabsich­tigte) Neben­wir­kungen in ihrer Tragweite größten­teils nicht vollständig antizi­piert (vorweg­ge­nommen) werden können.“

Der Umgang mit Unsicher­heiten stellt für die meisten Menschen eine große Heraus­for­derung dar. Viele Facetten wie z. B. Wider­sprüch­lichkeit, Willkür­lichkeit, Komple­xität, Unvor­her­seh­barkeit und Infor­ma­ti­ons­de­fizite müssen in einer solchen Situation bewältigt werden. Manche Studien sehen in der Fähigkeit zum Aushalten von Ungewissheit und Wider­sprüch­lichkeit ein Merkmal von Reife und Weisheit.

Patienten mit chroni­schen Lungen­er­kran­kungen müssen die Fähigkeit zum Umgang mit Ungewissheit durch die Beson­der­heiten des Krank­heits­ver­laufs quasi im „Crash-Kurs“ erwerben. Viele von ihnen entwi­ckeln so – mehr oder weniger freiwillig – ein hohes Maß an Bereit­schaft (Akzeptanz) und Gelas­senheit.

Fazit

Der Perspek­tiv­wechsel auf die Schutz­fak­toren zeigt, dass in Zeiten der COVID-19-Pandemie Lungen­pa­ti­enten aufgrund ihrer Erfahrung, der Bewäl­tigung und dem Umgang MIT der chroni­schen Erkrankung mögli­cher­weise über stärkere emotionale und soziale Schutz­fak­toren, über effek­tivere Bewäl­ti­gungs­stra­tegien und über einen besseren Umgang mit Unsicher­heiten verfügen als Lungen­ge­sunde.

Lungen­ge­sunde müssen sich diese Strategien erst mühsam erarbeiten, entdecken oder erproben bzw. erwerben.


Autorin: Monika Tempel
Ärztin, Autorin, Referentin
Schwer­punkt Psychopneu­mo­logie, Regensburg
www.monikatempel.de
www.atemnot-info.de

Bildnachweis:
Philip Steury – Adobe­Stock
Monika Tempel, Regensburg
Logo Leopoldina


Der Beitrag wurde als Editorial in der Sommer­ausgabe 2020 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.

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