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Chronische Lungenerkrankungen und Corona

08. Juli 2020

Analyse der aktuellen Situation

Beim Vorliegen wissen­schaft­licher Daten zu CoVid-19 handelt es sich um einen sehr dynami­scher Prozess, da konti­nu­ierlich neue Studi­en­ergeb­nisse hinzu­kommen. Verständ­li­cher­weise kann daher immer nur über das aktuell bestehende Wissen berichtet werden!

Während norma­ler­weise wissen­schaft­liche Studien von der Bevöl­kerung fast unbemerkt im Hinter­grund ablaufen, in Fachjour­nalen publi­ziert, auf Kongressen disku­tiert, hinter­fragt und analy­siert werden und die daraus resul­tie­renden Ergeb­nisse erst dann, nach einem Konsens der jewei­ligen Experten an die Öffent­lichkeit gelangen, erleben wir in Zeiten von Corona all diese, für Laien oftmals verwir­renden, überfor­dernden, aber notwen­digen Einzel­schritte, täglich fast hautnah mit. Eine Orien­tierung bieten einmal mehr die ausge­wie­senen Fachge­sell­schaften mit ihren Fachkom­pe­tenzen und Experten. 

Am 27. April wurde eine Stellung­nahme der Deutschen Gesell­schaft für Pneumo­logie und Beatmungs­me­dizin e.V. (DGP)  mit Unter­stützung der Pneumo­logen, Schlaf- und Beatmungs­me­di­ziner e.V. (BdP) zur Risiko­ab­schätzung bei Patienten mit chroni­schen Atemwegs­er­kran­kungen veröf­fent­licht – siehe auch www.pneumologie.de.

„Im Rahmen der aktuellen SARS-CoV-2-Pandemie gibt es eine Verun­si­cherung bezüglich der Frage des indivi­du­ellen Schutzes bestimmter Patien­ten­gruppen mit chroni­schen Atemwegs- und Lungen­er­kran­kungen, sowohl bei den Ärzten, die in der Pflicht sind, den Patienten geeignete und sinnvolle Schutz­maß­nahmen zukommen zu lassen, als auch bei den Patienten, die sich verständ­li­cher­weise optimal vor CoVid-19 schützen wollen. Daher ist die Risiko­ab­schätzung für bestimmte Patien­ten­gruppen von beson­derer Bedeutung. Das Risiko, an CoVid-19 zu erkranken, ist aktuell aufgrund der fehlenden Immunität für alle Bevöl­ke­rungs­gruppen hoch: nur die Einführung eines wirksamen Impfstoffes kann dieses Risiko senken.“ Auszug aus der Einleitung der Stellung­nahme

Im Gespräch Professor Dr. Claus F. Vogel­meier, Leiter der Klinik für Innere Medizin, Schwer­punkt Pneumo­logie des Univer­si­täts­kli­nikums Marburg und Vorsit­zender des Wissen­schaft­lichen Komittés der GOLD-Initiative erfahren wir mehr über die aktuelle Situation.

Welche Patienten sind nach aktuellem Wissens­stand am stärksten gefährdet für einen schweren Verlauf bei einer CoVid-19-Infektion?

Zunächst ist es wichtig zu wissen, dass die meisten wissen­schaft­lichen Daten, die derzeit vorliegen, in China erhoben wurden. Aus den USA liegen momentan vergleichs­weise noch wenige Daten vor. Chinesen haben jedoch nicht nur eine andere Physio­gnomie (charak­te­ris­ti­sches äußeres Erschei­nungsbild) als z. B.  Europäer, sondern besitzen zudem einen anderen Genpool. Auch finden sich in China beispiels­weise kaum Überge­wichtige, fast 50 % der Männer rauchen, um nur einige Unter­schiede zu benennen. Die aktuellen Daten spiegeln also die Situation einer deutlich anderen Population wider.

Fassen wir dennoch alle bishe­rigen Unter­su­chungen zusammen, so kann aktuell formu­liert werden, dass

  • ältere Menschen (über 65 Jahren)
  • Patienten mit kardio­vas­ku­lären (das Herz und die Gefäße betref­fenden) Erkran­kungen
  • und/oder Diabetes

das größte Risiko für einen schweren Verlauf haben.

Ein weiterer Indikator, der scheinbar eine zusätz­liche wichtige Rolle einnimmt, ist Adipo­sitas, d.h. ein deutliches Überwicht über einem BMI (Body-Mass-Index) von mindestens 30.

Wie wird das Risiko bei Patienten mit chroni­schen Atemwegs­er­kran­kungen einge­schätzt?

Inter­es­san­ter­weise werden Lungen­er­kran­kungen bei den gerade genannten General­ri­si­ko­fak­toren nicht aufge­führt. Dennoch gibt es Hinweise darauf, dass auch das Vorliegen von chroni­schen Atemwegs- und Lungen­er­kran­kungen eine relevante Rolle spielt.

Bei einem gut einge­stellten Asthma, leichten bis mittleren Schwe­re­grades, liegen aktuell weder Hinweise für ein erhöhtes Risiko für eine Infektion, noch für einen schwe­reren Verlauf der Erkrankung vor. Die inhalative Therapie, insbe­sondere auch die Therapie mit Cortison, sollte konse­quent und unver­ändert fortge­führt werden. Auch bei Patienten mit einem schweren Asthma gilt die Empfehlung, die Therapie mit Biologika weiter fortzu­führen.

Bei einer COPD (chronisch obstruktive Bronchitis und/oder Lungen­em­physem) finden sich Anhalts­punkte, dass die Wahrschein­lichkeit eine Infektion zu bekommen, erhöht ist und auch die Erkrankung schwerer verlaufen kann.

In einer Studie aus dem Unikli­nikum Aachen, wo insbe­sondere Patienten aus Heinsberg behandelt wurden, hatten 22 % der Studi­en­teil­nehmer eine vorbe­kannte COPD unter­schied­licher Schwe­re­grade. Die Diagnose COPD, gleich welchen Schwe­re­grades, scheint mit einem höheren Risiko für eine Infektion verge­sell­schaftet zu ist. Aller­dings geht weder ein niedriger noch ein höherer Schwe­regrad zwangs­läufig mit einem schweren Verlauf einer CoVid-19-Erkrankung einher. Viele der COPD-Patienten sind inzwi­schen genesen.  

Welche Rolle spielen vorlie­gende Begleit­erkran­kungen?

Im Journal JAMA, der ameri­ka­ni­schen Medical Association, wurden aktuell Daten über eine große Fallsammlung von 5.700 CoVid-19-Patienten aus New York veröf­fent­licht. Sehr auffällig ist, dass nur 6 % der Studi­en­teil­nehmer keine Begleit­erkrankung (Komor­bi­dität) aufwiesen. Bei 88 % der Patienten hingegen lagen mindestens eine oder mehrere Begleiterkrankung(en) vor.

Komor­bi­di­täten sind bei COPD eine häufig anzutref­fende Konstel­lation.

Liegt eine kardio­vas­kuläre Begleit­erkrankung vor, wie z. B ein hoher Blutdruck, ist von einem deutlich erhöhten Risiko eines schweren Verlaufs einer CoVid-19-Infektion auszu­gehen, gleiches gilt bei einem Diabetes.

Insbe­sondere ein Bluthoch­druck wird oftmals verharmlost bzw. als „nicht so schlimm“ angesehen. Nach unseren bishe­rigen Erfah­rungen ist dem jedoch nicht so. Eine Bluthoch­druck­the­rapie, inklusive der Therapie mit ACE-Hemmern (wie Ramipril) oder Sartanen, sollte daher unbedingt fortge­führt werden. Es gibt keine Hinweise darauf, dass diese Medika­mente das Risiko für schwere Verläufe steigern.

Die auftre­tende Sympto­matik einer CoVid-19-Infektion und die einer COPD können einige Paral­lelen aufweisen. Mit seiner „üblichen“ Sympto­matik ist der Patient in der Regel vertraut. Wie sollten sich Patienten verhalten, wenn eine Verän­derung ihrer Sympto­matik auftritt?

Die zentrale Frage, die sich hierbei natürlich stellt, ist, wie ist eine sich anbah­nende akute Verschlech­terung (Exazer­bation) von der einer CoVid-19-Infektion zu unter­scheiden.

Wir wissen, dass die üblichen Symptome einer Exazer­bation, wie vermehrter Husten, Auswurf und gestei­gerte Atemnot sowie ein allgemein schlech­terer Allge­mein­zu­stand, auch bei einer COVID-19-Infektion auftreten können. Was sich jedoch unter­scheidet und bei einer Exazer­bation in der Regel nicht auftritt, ist hohes Fieber.

Auch der Verlust des Geruchs- und Geschmacksinnes kommt bei einem substan­zi­ellen Anteil der CoVid-19-Patienten vor.

Die Entwicklung des Krank­heits­ver­laufs bei CoVid-19 kann im Fall einer Lungen­be­tei­ligung sehr rasch voran­schreiben. Was sollten Patienten hierzu wissen?

Viele Patienten wollen einen Kranken­haus­auf­enthalt unbedingt vermeiden und zögern ihre Reaktion auf eine sich verschlech­ternde Gesund­heits­si­tuation zu lange hinaus. Eine ungute und durchaus hochge­fähr­liche Entwicklung, die wir in den letzten Wochen in allen Fachbe­reichen bundesweit und zwar unabhängig von CoVid-19-Infek­tionen, gehäuft beobachten.

Durch dieses Verhalten sehen wir zunehmend z. B. verschleppte Herzin­farkte und Schlag­an­fälle. Fachge­sell­schaften, wie die Deutsche Gesell­schaft für Innere Medizin und weitere, haben bereits Appelle an die Bevöl­kerung gerichtet, dass im Fall einer akuten Verschlech­terung der Sympto­matik bzw. des Gesund­heits­zu­standes unbedingt der Kontakt mit dem Arzt gesucht und auch die Notauf­nahme im Krankenhaus in Anspruch genommen wird.

Kranken­häuser haben sich in den vergan­genen Wochen und Monaten komplett umorga­ni­siert. Es wurden separate CoVid-19-Verdachts­be­reiche und CoVid-19 freie Bereiche einge­richtet, sodass ich sogar behaupten möchte: Es gibt zurzeit kaum einen siche­reren Ort, außer den eigenen vier Wänden, als das Krankenhaus.

Insbe­sondere zu Beginn der Pandemie wurden vor allem Patienten mit einer stabilen Erkran­kungs­si­tuation gebeten, ihre Routi­ne­termine auf einen späteren Zeitpunkt zu verlegen. Diese Maßnahme basierte jedoch auf den vorzu­neh­menden struk­tu­rellen Verän­de­rungen, die zu meistern waren, um die befürchtete Überwäl­ti­gungs­si­tuation, wie sie in Ländern, wie Spanien, Italien und den USA aufge­treten ist, zu vermeiden.

Bei einem sich verschlech­ternden Beschwer­debild sollte der Griff zum Telefon, die Kontakt­auf­nahme mit dem behan­delnden Arzt der erste Weg sein. Gemeinsam kann dann entschieden werden, welche Vorge­hens­weise in der jewei­ligen Situation die beste ist.   

Welche Bedeutung haben die Influenza- und die Pneumo­kok­ken­imp­fungen?

Die Influ­en­za­impfung ist zunächst für jeden einzelnen chroni­schen Atemwegs- und Lungen­pa­ti­enten zum Schutz vor einer weiteren Infektion und Vermeidung einer Verschlech­terung seiner Erkran­kungs­si­tuation wichtig.

Gleicher­maßen ist eine Influ­en­za­impfung aus epide­mio­lo­gi­scher Sicht wichtig, um die Erkran­kungs­zahlen insgesamt so gering wie möglich zu halten, damit Kranken­häuser nicht zusätzlich zu CoVid-19-Infek­tionen mit einer hohen Anzahl von Influ­enzakranken belastet werden. In der vergan­genen Influ­enz­a­saison ist dies gut gelungen.

Für den kommenden Herbst gilt daher die dringende Empfehlung, die Möglichkeit der Influ­en­za­impfung wahrzu­nehmen. Ab September sind die neuen Impfstoffe vorrätig.

Der Pneumo­kok­ken­impfung kommt in Zusam­menhang mit CoVid-19 eine verschärfte Bedeutung zu. Anhand von Studi­en­daten aus China wurde dokumen­tiert, dass bei älteren Patienten mit schweren Krank­heits­ver­läufen sehr häufig bakte­rielle Super­in­fek­tionen auftraten. Da Pneumo­kokken nun einmal der wichtigste bakte­rielle Auslöser für eine Lungen­ent­zündung sind, sollte chroni­schen Atemwegs- und Lungen­pa­ti­enten ein möglichst umfas­sender Schutz zugeführt werden.

Als umfas­senden Pneumo­kok­kendchutz empfehle ich die Impfung mit beiden derzeit zur Verfügung stehenden Impfstoffen und zwar in Form einer sequen­zi­ellen Impfung.Unter einer sequen­zi­ellen Impfung versteht man die Impfung mit dem 13-valenten Konju­gat­impf­stoff (PCV13) gefolgt von einer Impfung mit dem 23-valenten Polys­ac­cha­rid­impf­stoff (PPSV23) zur Erwei­terung der Seroty­pen­ab­de­ckung.

Ist dem Patienten bekannt, dass er bisher nur einen Pneumo­kok­ken­impf­stoff erhalten hat, empfehle ich eine Kontakt­auf­nahme mit dem behan­delnden Arzt. Impfstoff ist in ausrei­chender Menge wieder verfügbar.

Was sollten COPD-Patienten im Hinblick auf ihre medika­mentöse Therapie beachten?

Einige Berichte, wonach Patienten mit einer Corti­son­the­rapie eine schlechtere Prognose hätten, haben eine Zeit lang für Verun­si­cherung gesorgt. Nach aktuellem Kennt­nis­stand ist weder die Anwendung von inhala­tivem noch von sytemisch (über eine Tablette) verab­reichtem Cortison mit nachweis­baren Risiken verbunden.

Aus diesem Grund empfehlen alle natio­nalen wie auch inter­na­tio­nalen Fachge­sell­schaften die unver­än­derte Fortsetzung der Therapie mit Cortison.

Innerhalb des Behand­lungs­kon­zeptes einer COPD nehmen körper­liche Aktivi­täten einen sehr hohen Stellenwert ein, die jedoch derzeit in Lungen­s­port­gruppen gar nicht oder nur einge­schränkt statt­finden können. Welchen Ausblick können Sie Patienten aktuell geben?

Ich persönlich glaube, dass eine Botschaft, die wir aus der jetzigen Situation mitnehmen sollten, ein vermehrtes Einlassen auf neue Konzepte in Richtung digitale Medizin ist.

Aus der Not heraus sind bereits z. B. Angebote zur Video­sprech­stunde und auch zum Lungen­sport per Webinar entstanden. Appba­sierte Problem­lö­sungen für die körper­liche Aktivierung von Patienten mit Atemwegs- und Lungen­er­kran­kungen sind in Planung.    

Natürlich gilt es zu berück­sich­tigen, dass der deutlich älteren Generation auch der Zugang zu den neuen Medien ermög­licht wird. Hier müssen neue Wege erschlossen werden, wie z. B. die aktive Einbindung der technik­af­finen Generation der Angehö­rigen.

Damit die Entwick­lungen auch fundiert sind, wird dies etwas Zeit in Anspruch nehmen, doch ich sehe viele Möglich­keiten und auch eine inzwi­schen deutlich höhere Bereit­schaft. 

Gibt es derzeit ein konkretes Zeitfenster, einen Horizont für Impfungen und Medika­mente?

Aufgrund vieler weltweit durch­ge­führter Studien mit einer ganzen Reihe von Substanzen besteht eine substan­zielle Chance, dass wir noch in diesem Jahr eine Medikation definieren können, die zumindest den Krank­heits­verlauf günstig beein­flussen kann.

Zu keiner Zeit gab es in der Mensch­heits­ge­schichte eine vergleichbare Phase, in der so schnell und so weitrei­chend globale Forschungs­ak­ti­vi­täten aufge­nommen wurden.

Die Situation der Impfstoffe ist deutlich komplexer als die der Medika­mente. Derzeit wird an unter­schied­lichen Ansätzen geforscht, sowohl an klassi­schen Impfstoffen, die wir kennen, wie z. B. der Influ­en­za­impfung, aber auch an ganz neuen Konzepten mit sog. RNA-Impfstoffen. Auch deutsche Firmen sind hieran beteiligt. Testver­fahren verlaufen beschleunigt, indem verschiedene Studi­en­phasen, die norma­ler­weise nachein­ander umgesetzt, nun fast parallel durch­ge­führt werden. Etwa 20 Impfstoff­kan­di­daten werden derzeit überprüft.

Bei optimis­tischster Betrachtung steht ein Impfstoff Ende des Jahres zur Verfügung, pessi­mis­ti­scher gesehen erst Ende 2021.


Bildnachweis:
Blue Planet Studio, sewcream – Adobe­Stock

Interview/Text:
Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek


Der Beitrag wurde in der Sommer­ausgabe 2020 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.

Schlagwörter: akute Verschlechterung, Alter, Asthma, Begleiterkrankungen, Bronchitis, chronische Lungenerkrankungen, COPD, Corona, CoVid-19, Diabetes, Gefäße, Herz, Impfung, Influenza, Lungenemphysem, Pneumokokken

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