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“Wir bekommen das in den Griff”

11. Mai 2020

Sarko­idose – Verän­de­rungen annehmen und positiv gestalten

Die Erkrankung von Hildegard Stachetzki aus Bonn begann schlei­chend. Bereits im Alter von 24 Jahren bekam sie schlechter Luft, beim Treppen-steigen geriet sie in Atemnot – Beschwerden, die nicht mit ihrer Sport­lichkeit zusam­men­passten. Auch andere Symptome äußerten sich: Kopfschmerzen, häufige Erkäl­tungen und Fieber, Ausschlag und geschwollene Beine. Unspe­zi­fische Beschwerden, die zudem oftmals als Banali­täten, nach dem Motto „das wird schon wieder“ rasch abgetan werden. Zusam­men­ge­nommen übten sie jedoch einen großen Leidens-druck aus – zumal die Symptome eben nicht wieder verschwanden.

Eine Odyssee von Facharzt zu Facharzt begann. Die diagnos­ti­schen Unter­su­chungen anhand von Blut- und Labor­werten dokumen­tierten, dass ein großes Problem vorliegt. Doch dessen Ursache konnte nicht gefunden werden.

„Am schlimmsten war während dieser Zeit für mich die Ungewissheit. Hinzu kam der emotional sehr belas­tende Verdacht, ich sei eine Simulantin. Noch heute sehe ich die Blicke von Bekannten, Kollegen und sogar Ärzten, die mir diesen Stempel der schnellen Verur­teilung aufdrückten.“

Insgesamt vier Jahre dauerte es, bis die Erkrankung Sarko­idose dann durch Zufall erkannt wurde. Bei einer routi­ne­mä­ßigen Röntgen­un­ter­su­chung entdeckte der Arzt Streifen auf ihrer Lunge. Dem hinzu­ge­zo­genen Lungen-facharzt genügte bereits ein Blick auf die Röntgen­bilder, um zu erkennen, dass es sich bei den sicht­baren Verän­de­rungen des Lungen­ge­webes um eine Sarko­idose handeln muss. Im Alter von 30 Jahren wurde Hildegard Stachetzki aufgrund ihrer Erkrankung berentet.

Hildegard und Bernd Stachetzki

Im Gespräch mit Bernd Stachetzki erfahren wir, wie er die Situation erlebt hat und wie sich das weitere gemeinsame Leben mit der Erkrankung gestaltet.

Wie haben Sie den Weg Ihrer Frau zur Diagnose erlebt?

In der Endphase vor der Diagno­se­stellung hat meine Frau aufgrund der gesund­heit­lichen Situation nur noch 38 kg gewogen. Viele Dinge konnte sie nicht mehr selbst bewäl­tigen. Das Wissen einer endlich eindeu­tigen Diagnose bedeutete daher zunächst eine große Erleich­terung.

Da es sich um eine seltene Erkrankung handelt, waren jedoch kaum medizi­nische Erkennt­nisse vorhanden. Auch der behan­delnde Lungen­facharzt in Düsseldorf hatte mit Sarko­idose wenig Erfahrung. Doch er war ein Mensch mit Herz und machte sich die Wissens­er­wei­terung zum Krank­heitsbild Sarko­idose fortan zur persön­lichen Aufgabe.

Ein befreun­deter Arzt durch­forstete – zur damaligen Zeit noch ohne Internet – sogar eine Univer­si­täts­bi­bliothek, um die vorhan­denen Publi­ka­tionen zur Sarko­idose zusam­men­zu­tragen. So begann die intensive Ausein­an­der­setzung mit der Erkrankung.

Was hat Ihnen im Umgang mit der unbekannten Erkrankung und der neuen Lebens­si­tuation geholfen?

Die begonnene Behandlung schlug bei meiner Frau tatsächlich an, aller­dings mit gravie­renden Neben­wir­kungen, sodass die Dosierung zunächst reduziert und später das Präparat abgesetzt wurde. Dann bei einem gravie­renden Rezidiv erneut begonnen und wieder abgesetzt wurde. Ein stetiges Auf und Ab, das sehr belastete, aber eben den fehlenden Erfah­rungs­werten geschuldet war.

Als die Situation besonders schlimm wurde und meine Frau sogar im Krankenhaus lag, habe ich ihr – wir waren zu dem Zeitpunkt noch nicht verhei­ratet – einen Heirats­antrag gemacht. Wir hatten ein gemein­sames Problem und die Heirat bedeutete für mich, unsere starke Verbun­denheit zum Ausdruck zu bringen.

Ungewissheit war unser ständiger Begleiter. Zwei Charak­ter­ei­gen­schaften haben uns im Umgang damit am meisten geholfen: bei meiner Frau die unbeirrbare Gewissheit „was kommt, das geht auch wieder“, eine Art „Stehauf­männchen-Menta­lität“ und bei mir eine innere Ruhe, die es mir bei aufkom­menden Problemen ermög­licht, nicht so leicht in Panik zu geraten. Eine gute Konstel­lation, die dafür geeignet ist, das Leben auch mit einer unbekannten, belas­tenden Erkrankung in den Griff zu bekommen.

„Wir kriegen das in den Griff “, wurde für uns lebens­be­gleitend, immer wieder haben wir uns diese selbst­pro­phe­zeiende Gewissheit gegen­seitig bestätigt und ließen nie einen Zweifel daran aufkommen.

Dann machten wir uns auf die Suche nach Ärzten, die sich mit dem Thema Sarko­idose auskannten. Teilweise sind wir bis nach Hamburg gefahren, um jemanden zu finden. Zudem suchten wir Kontakte zu anderen, sprachen über die Erkrankung, die wir nie verheim­licht haben, und haben dabei die wichtige Erfahrung gemacht, dass sich aus einem einfachen Austausch immer wieder neue Hilfen ergeben.

Je länger aller­dings die Suche nach mehr Infor­mation und Erfahrung andauerte, umso klarer wurde, dass Sarko­idose unser Lebens­thema wird. Wir bewegten uns ständig in einer Art „Niemandsland“, haben uns aber ge-traut, offensiv ranzu­gehen, uns permanent selbst einzu-bringen, dabei die Augen offen­zu­halten und zu schauen, wo wir etwas Neues zur Sarko­idose finden können.

Als wir dann auf andere Betroffene mit der gleichen Unori­en­tiertheit, wie bei uns selbst vor vielen Jahren, stießen, begann sich das Thema der Selbst­hilfe und der Verbands­ak­ti­vi­täten zu entwi­ckeln. Inzwi­schen liegt das erste kleine Selbst­hil­fe­treffen mehr als 27 Jahre zurück.

Wie hat die Erkrankung Ihre Familie und Ihren Alltag geprägt?

Mit 30 Jahren wurde meine Frau bereits berentet. Wenn es ihr phasen­weise besser ging, konnte sie sich um die alltäg­lichen Dinge kümmern, oft von einer Freundin unter­stützt. Das ermög­lichte mir, mich inten­siver um mei-nen Beruf zu kümmern.

Hinsichtlich des Gesund­heits­zu­standes meiner Frau gab es ein ständiges Auf und Ab. Über viele Jahre kamen immer wieder „Überra­schungen“ und auch weitere Erkran­kungen hinzu. Ihre Zuver­sicht verlor meine Frau jedoch nie, und nach einer schlechten Zeit folgte wieder eine „normale“ Zeit.

Im Laufe der Jahre schränkte sich aufgrund der gesund­heit­lichen Situation unser Radius der Beweg­lichkeit ein, mit dem Bewusstsein, bestimmte Dinge, die wir früher fallweise unter­nehmen konnten, nun nicht mehr reali­sieren zu können. Doch es bleibt noch eine Menge Lebens­qua­lität übrig.

Natürlich, die Erkran­kungs­si­tuation nimmt Einfluss auf unser Leben. Doch für uns wurde die Situation ein normaler Bestandteil, so wie das Grauwerden der Haare im Alter oder die nicht­be­ein­flussbare Körper­größe, zum Leben eines jeden Einzelnen dazuge­hören – Äußer­lich­keiten, mit denen man sich einfach abfindet.

Ich denke, bei schwie­rigen Situa­tionen geht es immer darum, diese zunächst anzunehmen, dann seine Perspektive entspre­chend zu verändern, um sich dann neu zu organi­sieren und, so normal wie es eben geht, weiter zu leben.

Was ist Ihnen besonders wichtig?

Eine enorme Trieb­feder für unsere Arbeit ist die Erfahrung, Betrof­fenen helfen zu können und deren Dankbarkeit. Hinzu kommen die Anerkennung und Unter­stützung von Ärzten, Wissen­schaftlern, Kranken­kassen etc., die uns vermitteln, dass wir in gewisser Weise auf das „Gesund­heits­system“ einwirken können. So formu­lieren Ärzte beispiels­weise, dass aufgrund un-serer Selbst­hil­fe­ak­ti­vi­täten das Thema Sarko­idose in der Diagnos­tik­vielfalt deutlich stärker präsent ist, was wiederum zu einer vermehrten Identi­fi­zierung von Betrof­fenen führt.

Motivation, in der Arbeit der Selbst­hilfe nicht nachzu­lassen, ist aber vor allem, dass wir etwas bewegen und verbessern können, sowie dem einzelnen Menschen helfen und ihm vermitteln können: „Das packen wir, trotz einer Erkrankung, die das Leben verändern kann!“

Trägt man einmal selbst „den Kopf ganz unten“ und erfährt in diesem Moment, dass man einem anderen Betrof­fenen hat helfen können, beflügelt dies ungemein, selbst einfach weiter zu machen.


Sarko­idose – wandelbar wie ein Chamäleon

Chamäleon der Inneren Medizin

Sarko­idose ist im eigent­lichen Sinne keine Lungen­er­krankung, doch bei der Mehrzahl der Betroffenen sind das Lungen­gewebe und die Lymph­knoten in Mitlei­den­schaft gezogen.

Was ist Sarko­idose?

Sarko­idose, auch Morbus Boeck genannt, ist eine entzünd­liche Erkrankung, die syste­misch auftritt, d.h. den gesamten Körper betrifft. Dabei entwi­ckeln sich im Binde­gewebe mikro­sko­pisch kleine Knötchen (Granulome), die die Funktion der betroffenen Organe einschränken können. Zudem können Entzün­dungs­re­ak­tionen binde­ge­webige Verän­de­rungen (Fibrose) hervor­rufen. Neben der Lunge und den Lymph­knoten können Organe wie z. B. Leber, Milz, Herz, Nieren, Haut, Augen oder das Nerven­system betroffen sein.

Sarko­idose tritt oft zwischen dem 25. und 40. Lebensjahr auf, wird aber in den letzten Jahren zunehmend erst im späteren Lebens­alter festge­stellt. Die Ursache der Erkrankung ist bis heute unbekannt.

Wie äußert sich die Erkrankung?

Krank­heits­sym­ptome können sich sehr unter­schiedlich äußern. Viele Patienten klagen jedoch über allge­meine unspe­zifische Symptome wie z. B. erhöhte Körper­tem­pe­ratur, Gewichts­ab­nahme, Nacht­schweiß, Müdigkeit und Abgeschla­genheit. Da fast immer die Lunge beteiligt ist, kann es zu Husten und Atem-not kommen, insbe­sondere unter Belastung. Es wird zwischen akuter und chroni­scher Verlaufsform unter­schieden. Die Erkrankung wird bei Lungen­be­tei­ligung in die Röntgen­typen 0–4 einge­teilt. Die Aussichten auf Heilung sind je nach Ausprägung der Erkrankung sehr unter­schiedlich.

Wie wird die Erkrankung festge­stellt?

Bei einem Lungen­facharzt können durch bildge­bende Verfahren Verän­de­rungen an der Lunge und den Lymph­knoten im Brustraum erkannt, die Lungen­funktion genau unter­sucht und endosko­pische Unter­su­chungen wie eine Lungen­spie­gelung mit einer Entnahme von Lungen­gewebe veran­lasst werden. Darüber hinaus sind fachärzt­liche Unter­su­chungen der Augen, des Herzens (z. B. EKG), der inneren Organe (Ultra­schall) oder des Skeletts (z. B. Röntgen, MRT) sinnvoll. Eine Gewebe­probe sichert oftmals erst die eindeutige Diagnose.

Die Vielfalt der Erschei­nungs­formen einer Sarko­idose führt dazu, dass fast jeder Betroffene seine „eigene“ Sarko­idose entwi­ckelt. Dies erschwert die Diagno­se­stellung erheblich. Da die Krankheit an allen Stellen im Körper auftreten kann, benötigen Betroffene meist verschiedene Fachbe­reiche der Medizin zu Diagnostik und Therapie. Sarko­idose wird aufgrund ihrer vielen Beson­der­heiten und Wandlungs­ei­gen­arten auch als das Chamäleon der Inneren Medizin bezeichnet.


Sarko­idose-Netzwerk e.V.

Der Verein wurde im Jahr 2009 von Betrof­fenen gegründet und hat sich zum Ziel gesetzt, die medizi­nische und psycho­so­ziale Versorgung für die betrof­fenen Erkrankten und ihr persön­liches Umfeld vor Ort zu verbessern. Bundesweit finden sich Regio­nal­gruppen und regionale Netzwerke.

Sarko­idose-Netzwerk e.V.

Rudolf-Hahn-Str. 148, 53227 Bonn, Telefon/Telefax 0228 – 471108

verein@sarkoidose-netzwerk.de, www.sarkoidose-netzwerk.de


Dieser Beitrag wurde in der Frühjahrs­ausgabe 2020 der Zeitschrift Atemwege und Lunge veröf­fent­licht

Interview: Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek

Fotos: Adobe­Stock Minerva, Adobe­Stock Vera Kuttel­va­serova, JoHempel

Schlagwörter: Atemnot, Bernd Stachetzki, Bindegewebe, Chamäleon, Entzündung, Granulome, Hildegard Stachetzki, Lungengewebe, Sarkoidose, Sarkoidose-Netzwerk

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