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Wege aus dem Grübelkarussell

23. Okt. 2020

In Stress­si­tua­tionen und Krisen

Kennen Sie das Grübel­ka­russell, wenn die Gedanken sich immerzu im Kreis drehen und kein Ende finden wollen? Besonders in Stress­si­tua­tionen und Krisen (wie der aktuellen Corona-Pandemie) neigen auch gesunde Menschen dazu, mehr zu grübeln und sich Sorgen zu machen.

Wir Menschen sind in der Lage, emotional belas­tende Ereig­nisse der Vergan­genheit mental durch­zu­spielen, um zu verstehen was, schief­ge­laufen ist, und aus unseren Fehlern der Vergan­genheit zu lernen. Beim Grübeln jedoch läuft dieser Denkprozess ins Leere. Obwohl ein Problem immer wieder mühsam “gewälzt” wird, stellt sich dabei kein Erfolg ein: Wir kommen immer wieder am Anfang an, wir finden weder eine adäquate Lösung, noch gewinnen wir neue Erkennt­nisse oder erreichen Erleich­terung von den negativen Emotionen, die das Problem in uns hervorruft.

Oft drehen sich Inhalte der Grübel­ge­danken um Themen wie Konflikte, Arbeits­stress, Verluste (z.B. Liebes­kummer) oder um Selbst­zweifel. Meistens haben Grübel­at­tacken einen konkreten Auslöser (z.B. eine kritische Bemerkung) und gehen mit negativen Gefühlen wie Schuld, Scham, Verzweiflung, Angst und Ärger einher.

Während Grübeln sich auf das Nachdenken über ein Problem in der Gegenwart oder Vergan­genheit bezieht (oft um die Frage “Warum …?”), drehen sich Sorgen in der Regel um poten­zielle Gefahren in der Zukunft (“Was wäre, wenn …?”). Dabei entwi­ckelt unsere Fähigkeit, mögliche Probleme in der Zukunft vorher­zu­sehen, um ihnen entge­gen­zu­wirken, ein nahezu übermäch­tiges Eigen­leben. Oft geraten wir dann in eine regel­rechte Sorgen­spirale, in der sich angst­ver­stär­kende Katastro­phen­ge­danken gegen­seitig hochschaukeln.

Sowohl ständiges Grübeln, als auch übermä­ßiges Sorgen, wirken auf Dauer negativ auf Psyche und Körper. Sie rauben uns nachts oft den Schlaf und tagsüber unser Wohlbe­finden, verstärken unsere negativen Gefühle, belasten unsere zwischen­mensch­lichen Bezie­hungen, reduzieren die Konzen­tra­tions- und Leistungs­fä­higkeit im Alltag und versetzen unseren Körper in den Dauer­stress-Modus. Darüber hinaus erhöhen sie unsere Vulnerabi­lität gegenüber psychi­schen Erkran­kungen, wie beispiels­weise Depres­sionen und Angst­stö­rungen.

Warum können wir unsere Grübel­ge­danken nicht einfach unter­drücken, indem wir uns selbst das Grübeln verbieten? Versuchen Sie bitte ganz konzen­triert nicht an einen rosa Elefanten zu denken. Alles andere dürfen Sie denken, nur bitte keines­falls an einen rosa Elefanten. Woran haben Sie gerade gedacht?

Durch den Versuch, das Grübeln willentlich mit Gedanken wie “ich darf nicht grübeln” zu unter­drücken, verstärken wir es meistens nur.

Dreht sich Ihr Grübel­ka­russell gerade?

Handelt es sich bei Ihrem Denken gerade um produk­tives Nachdenken oder befinden Sie sich mitten im fahrenden Grübel­ka­russell? Um das für sich heraus­zu­finden, können Sie die 2‑Minuten-Regel auspro­bieren. Fahren Sie dazu die nächsten zwei Minuten gedanklich mit dem fort, was sie gerade tun. Danach können Sie sich fragen:

  1. Sind Sie durch Ihr Denken in den letzten 1 Minuten der Lösung des Problems näher gekommen?
  2. Konnten Sie für sich neue Erkennt­nisse über den Sachverhalt gewinnen?
  3. Hat sich durch das Nachdenken Ihre Stimmung gebessert?
  4. Haben negative Gefühle nachge­lassen?

Ein wesent­liches Merkmal des Grübelns ist ja, dass es unpro­duktiv ist, also zu keiner Lösung des Problems oder Verbes­serung des Zustandes führt. Falls Sie keine dieser Fragen bejahen können, deutet das auf einen Grübel­prozess hin.

Techniken gegen das Grübeln

Wie können Sie sich selbst helfen, Ihr Grübel­ka­russell anzuhalten?1 Im Folgenden finden Sie einige Techniken, die gegen Grübeln und Sich-sorgen helfen können.

Die Ablen­kungs­stra­tegie

Als Gewohnheit tritt Grübeln oft in ähnlichen Situa­tionen auf, z.B. immer dann, wenn wir uns einsam, sozial abgelehnt oder überfordert fühlen. Beobachten Sie Ihr Grübeln einmal genauer: in welchem Kontext tritt es bei Ihnen immer auf, zu welcher Tageszeit und durch welchen Auslöser (sog. Triggerreiz) angestoßen? Diese Infor­ma­tionen können Ihnen helfen, Ihren Tag so zu planen, dass Sie genau diese Situa­tionen vermeiden, indem Sie in der für Sie typischen Grübelzeit zum Beispiel einer ablen­kenden Aktivität nachgehen, vorzugs­weise einer, die Sie gerne machen. Eine Studie zeigte beispiels­weise, dass ein 90-minütiger Spaziergang in der Natur das Grübeln im Anschluss signi­fikant reduzierte.

Die Rückkehr zu den Sinnen

Stellen Sie sich Ihre Aufmerk­samkeit als einen großen Schein­werfer vor. Wo immer sein Licht­kegel auftrifft, wird alles hell erleuchtet. Beim Grübeln richtet sich die Aufmerk­samkeit nach innen auf unsere Gedanken, Erinne­rungen und negativen Gefühle. Üben Sie, Ihre Aufmerk­samkeit statt­dessen bewusst nach außen zu richten, zum Beispiel auf Ihre Sinne.

Dazu können Sie die 5–4‑3–2‑1 Übung nutzen

Sehen Sie sich um. Nehmen Sie bewusst 5 Sachen wahr,

5 die Sie sehen (z.B. das Bild an der Wand, die lila Blume auf dem Fenster­brett, das Blau des Himmels),

4 danach nehmen Sie bewusst Geräusche wahr, die Sie gerade hören (z.B. einen Möwen­schrei …),

3 dann Dinge die Sie gerade fühlen (z.B. einen Windhauch auf Ihrem Gesicht …),

2 gefolgt von Gerüchen, die sie riechen (z.B. den fischigen Meeresduft …)

1 und Dinge, die Sie schmecken (z.B. Kaffee …).

Achtsam­keits­prak­tiken

Es gibt verschiedene Achtsam­keits­tech­niken, die man erlernen kann, um eine neutrale Beobach­ter­po­sition seinen Gedanken gegenüber einzu­nehmen und sich von ihnen nicht immer mitreißen zu lassen. Stellen Sie sich zum Beispiel ihren aktuellen Gedanken jeweils als Wolke vor, der am Himmel vorbei­zieht.

Beobachten Sie Ihre Gedanken dabei wohlwollend und wertungsfrei beim Kommen und Gehen als Beobachter. Genau wie der Fluss Ihrer Gedanken, sind die Wolken einfach da und ziehen vorüber, es gibt keinen Grund, sie zu hinter­fragen oder beein­flussen zu müssen.

Der Grübelauf­schub

Haben Sie schon einmal darüber nachge­dacht, was Sie sich eigentlich vom Grübeln versprechen? Oft hoffen wir durch exzes­sives Nachdenken unsere Probleme lösen zu können oder vielleicht wichtige Details zu finden, die uns vorher so noch nicht aufge­fallen sind. Es wurde in Studien gezeigt, dass Menschen, die dauernd grübeln, sich etwas Positives vom Grübeln versprechen. Machen Sie sich bewusst, dass das Grübeln nichts Positives bringt, sondern nur Ihre Zeit kostet und in dem Augen­blick auch ihre Problem­lö­se­fä­hig­keiten negativ beein­trächtigt.

Es hat sich als wirksam erwiesen, seine Grübel­ge­danken auf eine begrenzte Zeitspanne in der nahen Zukunft (jedoch nicht direkt vor dem Schla­fen­gehen) zu verschieben. Dazu könnten Sie Ihre Grübel­ge­danken oder Sorgen auf Zettel schreiben, diese in einen Brief­um­schlag legen, verschließen, und sich sagen, “morgen von 13.00–13.20 nehme ich mir die Zeit, über diese wichtigen Probleme nachzu­denken, bis dahin verbleiben sie in dem Umschlag”. Durch diese Technik wird Ihr Grübeln für Sie zeitlich kontrol­lier­barer.

Humor­volles Grübeln

Nehmen Sie die Inhalte Ihrer eigenen Gedanken nicht allzu ernst. Uns gehen tagtäglich sehr viele Gedanken durch den Kopf und gerade beim Grübeln neigen wir gerne dazu, unseren eigenen Gedanken eine viel zu große Bedeutung beizu­messen, wir identi­fi­zieren uns mit ihnen und lassen uns leiden­schaftlich von ihnen mitreißen. Wie wäre es, wenn Sie sich von den Inhalten Ihrer Grübel­ge­danken distan­zieren, indem Sie sich zum Beispiel Ihre Grübel­ge­danken als einen lustigen Trickfilm oder Comic vorstellen, als ein drama­ti­sches Theater­stück, oder sie als Lied zu einer ausge­dachten Melodie singen, oder vielleicht sogar daraus ein Gedicht verfassen?

Mut zu mehr Gelas­senheit

Gelas­senheit erfordert Mut: den Mut Vergan­genes loszu­lassen, den Mut in die eigenen Problem­lö­sungs­fä­hig­keiten zu vertrauen und den Mut, Gefühle zuzulassen und sie bewusst zu spüren (anstatt sie “wegdenken” zu wollen). Es gibt einige Dinge im Leben, die wir nicht verändern können, wohl aber unsere Einstel­lungen zu ihnen. Wenn wir lernen, diese Dinge zu akzep­tieren, legen wir damit den Grund­stein für eine zukunfts­be­zogene, optimis­tische Sicht­weise. Diese befähigt uns wiederum dazu, Resilienz zu entwi­ckeln und die Anfor­de­rungen des Lebens besser zu meistern.


1 Falls Sie feststellen, dass Sie häufig mehrere Stunden am Tag mit Grübeln oder Sorgen zubringen, könnte das eventuell ein Anzeichen für eine psychische Erkrankung sein, wie z.B. eine Depression, eine genera­li­sierte Angst­störung oder eine soziale Phobie. In diesen Fällen kann eine Psycho­the­rapie weiter­helfen. Falls Ihre Gedanken sich um das Thema Suizid drehen, wählen Sie bitte den Notruf unter 112.


Marina Winkler, MSc 
Leitende Psycho­login
Nordsee­klinik Westfalen
Dokto­randin der Psycho­logie und Neuro­wis­sen­schaften                       

Sabine Jochheim
Gesund­heits­psy­cho­logie
Nordsee­kli­niken Westfalen und Sonneneck
www.Nordsee.Health

Bildnachweis:
Nordsee­klinik Westfalen
Dagmar-Christ-ICONS


Weiter­füh­rende Literatur:

Teismann, T., & Ehring, T. (2019). Patho­lo­gi­sches Grübeln (Vol. 74).
Hogrefe Verlag, Göttingen


Dieser Beitrag wurde in der Herbst­ausgabe 2020 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.


Schlagwörter: Corona, Grübeln, Konflikt, Psyche, Resilienz, Selbstzweifel, Stress, Verzweiflung

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