Artikel

Pneumologische Rehabilitation

13. Okt. 2020

…in Zeiten von Corona

In einer aktuellen Empfehlung zur Pneumo­lo­gi­schen Rehabi­li­tation bei CoVid-19 beschreibt die Deutsche Gesell­schaft für Pneumo­logie und Beatmungs­me­dizin e.V. (DGP) die gesund­heit­lichen Folgen von CoVid-19 und leitet daraus rehabi­li­tative Maßnahmen für die Betrof­fenen ab.

Etwa 173.000 Menschen in Deutschland haben nach Schät­zungen des Robert Koch-Insti­tutes eine CoVid-19-Erkrankung überstanden und gelten formal als „genesen“. Doch auch nach Abklingen der Infektion können die Lungen­funktion und körper­liche Leistungs­fä­higkeit beein­trächtigt sein. Daher benötigen einige „genesene“ Patienten auch nach der Akutphase der Erkrankung eine fachkundige Nachsorge und Rehabi­li­tation durch erfahrene Pneumo­logen.

Im Gespräch mit Professor Dr. Rembert Koczulla, Chefarzt, Fachzentrum für Pneumo­logie, Schön Klinik Berch­tes­ga­dener Land, Schönau erfahren wir mehr.

CoVid-19 bringt in vielen Bereichen Verun­si­cherung mit sich. Chronische Lungen­pa­ti­enten ohne Infektion fragen sich beispiels­weise, ob in Corona­zeiten eine reguläre stationäre Pneumo­lo­gische Rehabi­li­ta­ta­ti­ons­maß­nahme überhaupt möglich ist.

Pneumo­lo­gische Rehabi­li­tation findet ganz normal statt, natürlich unter den erfor­der­lichen Schutz­maß­nahmen der Hygiene. Dies bedeutet insbe­sondere: Abstands­re­ge­lungen, Mundschutz und Hände­des­in­fektion.

Um diesen Regularien zu entsprechen, wurde beispiels­weise in unserer Rehabi­li­ta­ti­ons­klinik die Zahl der vor Ort befind­lichen Rehapa­ti­enten reduziert. Somit können die erfor­der­lichen Abstände sowohl bei den thera­peu­ti­schen Maßnahmen als auch bei den Mahlzeiten einge­halten werden.

Patienten, die eine stationäre Pneumo­lo­gische Rehabi­li­ta­ti­ons­maß­nahme benötigen, sollten sich daher nicht scheuen, diese auch zu beantragen.

Wichtig zu wissen ist lediglich, dass eine Befreiung vom Mund-Nasen-Schutz während des Aufent­haltes nicht möglich ist, da es sich um einen Kranken­haus­be­trieb handelt. Sollte ein Mund-Nasen-Schutz überhaupt nicht tolerabel sein, kann ggf. ein sog. Face-Shield, d.h. ein aus Kunst­stoff bestehendes Visier, eine Alter­native darstellen, wobei der Schutz hier deutlich weniger effizient ist. Es handelt sich jedoch um eine Einzel­fall­ent­scheidung.

Welche Erfah­rungen haben Sie bei Anschluss­heil­be­hand­lungen (AHB), d.h. einer unmit­telbar auf einen Kranken­haus­auf­enthalt folgenden Rehabi­li­ta­ti­ons­maß­nahme, nach einer CoVid-19-Infektion gemacht?

Wir haben gelernt, dass eine CoVid-19-Erkrankung letzt­endlich nicht nur die Lunge betreffen kann, wenngleich der Fokus auf der Lunge liegt. Vielfältige Befunde dokumen­tieren, dass auch die Gefäße ein Angriffsort für das Virus sind und den gesamten Erkran­kungs­verlauf beein­flussen können.   

Da der mensch­liche Körper von einem Gefäßnetz durch­zogen ist, können viele Stellen betroffen sein, beispiels­weise das Herz, die Nieren, es kann aber auch zu neuro­lo­gi­schen Ausfällen und allgemein zu Gefäß­pro­blemen kommen.

Bei Patienten, die aufgrund eines schweren Verlaufs mit CoVid-19 beatmet werden mussten, kommt es zudem zu einer langen Liegezeit im Krankenhaus, was einen deutlichen Muskel­verlust, eine sog. Sarko­penie, und unter Umständen eine Beein­träch­tigung des neuro­mus­ku­lären Zusam­men­spiels, also der Signal­über­tragung der Nerven auf die Musku­latur, mit sich bringt.

Aufgrund dieser möglichen Vielfalt der Auswir­kungen von CoVid-19 ist bei einer Aufnahme zur Pneumo­lo­gi­schen Rehabi­li­tation daher zunächst eine sehr sorgfältige Bestands­auf­nahme der vorlie­genden Beein­träch­ti­gungen erfor­derlich.

Das Wichtigste, was wir also gelernt haben, ist, dass die Erkrankung mögli­cher­weise sehr viele Zielorgane betrifft und sehr verschiedene, indivi­duelle Verläufe mit sich bringen kann.

Auch bei Patienten ohne schweren Verlauf und ohne Kranken­haus­auf­enthalt kann im Nachgang einer CoVid-19-Infektion eine Pneumo­lo­gische Rehabi­li­tation erfor­derlich werden. Was sollten CoVid-19-Patienten grund­sätzlich wissen?

Es ist tatsächlich so, dass nicht nur bei Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden mussten, sondern auch bei Patienten, die einen leichten Verlauf der Infektion zu Hause erlebt haben, im Nachgang deutliche Verän­de­rungen auftreten können. Hierbei kann es sich auch um Patienten handeln, die gar nicht auf CoVid-19 getestet wurden, klinische Nachweise jedoch Rückschlüsse auf eine statt­ge­fundene CoVid-19-Infektion zulassen.

Bei den Verän­de­rungen kann es sich beispiels­weise um pulmonale, die Lunge betref­fende, handeln, aber auch um das Fatigue-Syndrom, das vor allem durch eine anhal­tende Müdigkeit, Antriebs­lo­sigkeit und Erschöpfung gekenn­zeichnet ist und ebenso neuro­mus­kuläre oder kognitive Symptome. 

Hinweise kann der persön­liche Vergleich des eigenen Leistungs­zu­standes vor und nach einer möglichen Infektion geben. Anhal­tende Verän­de­rungen sollten auf jeden Fall ärztli­cher­seits kontrol­liert und ggf. thera­piert werden. 

Einigen Medien­be­richten ist zu entnehmen, dass die Pneumo­lo­gische Rehabi­li­tation bei CoVid-19-Infek­tionen deutlich länger dauert. Wie ist das zu inter­pre­tieren?

Bei sehr schweren Verläufen ist es aufgrund der bereits beschrie­benen Beein­träch­ti­gungen durch die langen Liegezeit nicht möglich, innerhalb eines regulären dreiwö­chigen Rehauf­ent­haltes den ursprüng­lichen Zustand wieder herzu­stellen – allein bedingt durch die Muskel­phy­sio­logie. Stellt man sich vor, man würde innerhalb kürzester Zeit etliche Kilogramm an Gewicht verlieren, macht dies verständlich, dass es nicht möglich ist, das verlorene Muskel­gewebe innerhalb von nur drei Wochen wieder aufzu­bauen.   

Wir empfehlen daher, die Rehabi­li­ta­ti­ons­maß­nahmen entweder zu Hause in Form einer ambulanten Rehabi­li­tation, alter­nativ einem Fitness­training oder im Rahmen des angelei­teten Selbst­aufbaus weiter fortzu­führen. Teilweise kann eine stationäre Rehabi­li­ta­ti­ons­maß­nahme auch in Abstimmung mit den Kosten­trägern verlängert werden

Welche Erfah­rungen haben Sie speziell mit chroni­schen Lungen­pa­ti­enten, die sich mit CoVid-19 infiziert haben?

Auch hier ist zu bedenken, dass sich Krank­heits­ver­läufe sehr unter­schiedlich und sehr indivi­duell gestalten. Bei einigen infizierten Lungen­trans­plan­ta­ti­ons­pa­ti­enten beispiels­weise konnten wir einen sehr symptom­armen Verlauf feststellen.

Grund­sätzlich gilt bei jedem einzelnen Patienten, eine sehr genaue Bestands­auf­nahme in Abhän­gigkeit zum vorhe­rigen Zustand vorzu­nehmen, um dann ein realis­tisch erreich­bares Rehabi­li­ta­ti­onsziel festzu­legen.

Hinweis: Die vollstän­digen Empfeh­lungen der DGP können auf der Website www.pneumologie.de abgerufen werden.


Bildnachweis:
Igor Link – Adobe­Stock
Professor Dr. Rembert Koczulla

Text:
Interview/Text Sabine Habicht – Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek


Der Beitrag wurde in der Herbst­ausgabe 2020 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.


Schlagwörter: chronische Lungenerkrankung, COPD, Corona, Coronazeiten, CoVid-19, Fibrose, Infektion, Lungenemphysem, Pneumologische Rehabilitation, Reha, Rehabilitation

Zeitschrift
Atemwege und Lunge
als Print-Ausgabe bestellen

Unsere Fachzeitschrift "Atemwege und Lunge – Eine Patienten-Bibliothek" erscheint 4x im Jahr (Frühjahr, Sommer, Herbst, Winter) – für Patienten, Angehörige, Fachpersonal, Apotheken, Selbsthilfegruppen und Arztpraxen.

Haben Sie Fragen?

Unsere Redaktion hilft Ihnen gerne weiter. Schreiben Sie einfach eine E-Mail an: info@atemwegeundlunge.de

Artikel, die Sie auch interessieren könnten:

Operationsverfahren

…operative Eingriffe an der Lunge Opera­tionen an der Lunge können im Prinzip in zwei große Gruppen einge­teilt werden. Bei der ersten...

Thorakale Transplantationen

Herz- und Lungen­trans­plan­tation Das vergangene Jahr war ein bewegtes für die Organ­trans­plan­tation in Deutschland, leider nicht immer...

Lungentransplantation

…was Lungen­pa­ti­enten wissen sollten Für viele Patienten mit endgradig fortge­schrit­tenen Lungen­er­kran­kungen bedeutet eine...

…die Lunge will bewegt werden

5 Jahre nach der Lungen­trans­plan­tation Atemnot beim Treppen­steigen war der Grund für seinen Besuch beim Arzt. Im Alter von 50 Jahren...

Von der Hantelbank in den OP

Lungen­trans­plan­tation: Nichts wird so sein wie früher Bereits frühzeitig sprach die behan­delnde Lungen­fach­ärztin das Thema...

Schlüssel zu mentaler Stärke

Kohärenz­gefühl und Resilienz An COPD erkrankte Menschen stehen vor der großen Heraus­for­derung ihr Leben und den Alltag an die...

Förderung eines gesunden Schlafs

Ratgeber Stress trägt in erheb­lichem Maße zu Schlaf­pro­blemen bei. Menschen mit Schlaf­pro­blemen entwi­ckeln Strategien, um sich dem...

Gute Schlafhygiene

…bedeutet auch Prävention Schlaf­pro­bleme waren schon vor Corona weit verbreitet. In der aktuellen Pande­mie­krise, die uns alle vor...

…die verborgene Volkskrankheit

Schlaf­apnoe in Deutschland Etwas mehr als 1 Million Menschen in Deutschland werden aktuell bereits auf Schlaf­apnoe, eine...

Lebensabschnitte souverän gestalten

Buchvor­stellung Aus der Not heraus entschied ich mich, eine ambulant betreute Wohnge­mein­schaft zu gründen. Meine Erkun­di­gungen bei...