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Unser Leben mit Corona

04. Okt. 2020

Sicherheit gewinnen

Die aktuelle Situation führt zu einer ganzen Reihe von Verän­de­rungen, die nicht nur unsere psychische Wider­stands­fä­higkeit auf eine harte Probe stellt, so formu­lierte Marina Winkler, leitende Psycho­login der Nordsee­klinik Westfalen bereits in der Sommer­ausgabe der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge (nachzu­lesen auf www.Patienten-Biblithek.de).

Während wir der Pandemie durch seine Omnipräsenz in den Medien kaum entfliehen können, so können wir dennoch durch unsere Einstel­lungen und Verhal­tens­weisen Dinge verändern und somit unser persön­liches Sicher­heits­gefühl stärken. Lernen wir MIT Corona zu leben.

Sicherheit gewinnen ist das Leitthema der Herbst­ausgabe der Fachzeit­schrift Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge. Betrachtet aus der Perspektive der Wissen­schaft finden Sie nachfolgend den Beitrag mit Professor Dr. Pfeifer, weiterhin die Darstellung der zukunfts­ori­en­tierten Verbes­serung der Versorgung durch die Instal­lation eines Registers von Dr. Bachmann und die Kolumne des Arztes und COPD-Patienten Dr. Barczok.

Einen beson­deren Stellenwert in dieser Ausgabe nimmt die Motivation für das tägliche Training und dessen ganz praktische Umsetzung auch zu Hause ein. Viel zu lange wurde die körper­liche Bewegung in den letzten Wochen und Monaten vernach­lässigt, was sich manchmal nicht nur in der Verschlech­terung der gesund­heit­lichen Gesamt­si­tuation wider­spiegelt, sondern mögli­cher­weise in einem Verlust des eigenen Sicher­heits­ge­fühls. 

Doch zunächst erfahren wir im Gespräch mit Professor Dr. Michael Pfeifer, Chefarzt Klinik Donaustauf, Univer­si­täts­kli­nikum Regensburg, Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg und Präsident der Deutschen Gesell­schaft für Pneumo­logie und Beatmungs­me­dizin e.V. (DGP) mehr über die wissen­schaft­lichen Aspekte und wie wir unser Leben mit Corona gestalten können.

Wie kann die Situation mit CoVid-19 in Deutschland aktuell beschrieben werden – auch im Kontext der inter­na­tio­nalen Betrachtung?

Die Situation in Deutschland hat sich in den letzten Wochen deutlich entspannt – aller­dings sehen wir jetzt wieder mehr Infek­tionen, wobei zur Zeit die Verläufe sehr milde sind und deutlich weniger Patienten als im Frühjahr stationär im Krankenhaus behandelt werden müssen. Grund­sätzlich aber ist das Gesund­heits­system in Deutschland deutlich stabiler als im Vergleich beispiels­weise zu den USA oder auch zu Südamerika.

Innerhalb von Europa sind die Länder deutlich entlas­teter als zu Beginn der Pandemie. Wir haben noch Probleme in Großbri­tannien und verzeichnen aufgrund vielfäl­tiger Reise­be­we­gungen in der Ferienzeit einen Anstieg der Infek­ti­ons­zahlen etwa in Spanien. Dennoch haben sich die Belas­tungen auf dasGe­sund­heits­system im europäi­schen Raum, aber insbe­sondere in Deutschland, deutlich stabi­li­siert. Das Risiko einer Anste­ckung konnte reduziert werden. 

Trotzdem nehmen Patienten, insbe­sondere chronisch kranke Patienten, nach wie vor deutlich weniger Termine wahr. Oftmals wird nicht einmal die dringend notwendige Hilfe für Zuhause, aufgrund einer möglichen Anste­ckungs­ge­fährdung, in Anspruch genommen. Die Gesamt­si­tuation gerade von Patienten mit einer Erkrankung in fortge­schrit­tenem Stadium verschlechtert sich spürbar  – so berichten Patienten – was meist in Kauf genommen wird. Manche Patienten hegen die Hoffnung, dass das Virus irgendwann entweder wieder verschwunden sein wird oder Impfungen bzw. Medika­mente greifen und sie dann mit ihrem Gesamt­paket an Behand­lungs­maß­nahmen neu ansetzen können. Was kann man diesen Patienten sagen?

Die Situation, die Sie schildern, erlebe auch ich in der täglichen Praxis. Patienten sind so verun­si­chert, dass sie nicht einmal ihre unmit­tel­baren Angehö­rigen um Unter­stützung bitten. Gerade bei Patienten, die zur Risiko­gruppe zählen, sind daher erheb­liche Probleme bei der Versorgung aufge­treten. Wir betrachten diese Entwicklung mit großer Sorge.

Wir sollten uns bewusst machen, dass die Anste­ckungs­gefahr derzeit noch gering ist und auch Risiko­pa­ti­enten sowohl besucht als auch umfassend versorgt werden sollten – natürlich immer unter Berück­sich­tigung der entspre­chenden Schutz­maß­nahmen.

Wir erleben weiterhin, dass einige Patienten aus Angst ihre notwen­digen Behand­lungen im Krankenhaus nicht antreten, was mit einer deutlichen Gefährdung dieser Patienten einhergeht. Hier empfehle ich eindringlich, dass die Patienten ihre Sorgen unbedingt immer mit dem behan­delnden Arzt besprechen und keine einsamen Entschei­dungen treffen sollten.

Gleiches gilt für das Einhalten der verord­neten Therapien. Auch hier sind Unsicher­heiten aufge­treten, da vermutet wurde, dass Medika­mente, wie z. B. Kortison, mögli­cher­weise mit einem höheren Risiko für eine Infektion behaftet sein könnten. Doch dieser anfäng­liche Verdacht hat sich nicht bestätigt.

Grund­sätzlich sollte eine bestehende Therapie niemals eigen­mächtig geändert oder abgesetzt werden. Patienten gefährden sich sonst selbst, es besteht die Gefahr einer Verschlech­terung des Verlaufs der Erkrankung. Patienten sollten immer das Gespräch mit dem behan­delten Arzt suchen.  

Die strikten Maßnahmen eines Lockdowns, die in den Monaten März und April notwendig waren, sind aktuell nicht mehr erfor­derlich. Die daraus entwi­ckelte, vollständige Abson­derung von Patienten muss unbedingt relati­viert werden. Eine übertriebene Isolation kann eher schädlich als nützlich sein.

Wir müssen lernen, mit dem Corona­virus zu leben, mögli­cher­weise über eine Zeitstrecke von mehreren Jahren. Das Virus wird nicht einfach verschwinden.

Die vielfäl­tigen, täglich neuen Infor­ma­tionen verun­si­chern Patienten stark. Es ist kaum möglich, Neuig­keiten auf ihre tatsäch­liche Relevanz einzu­schätzen. Umso wichtiger sind verläss­liche Quellen zur Orien­tierung.

Was sollten Patienten über die Deutsche Gesell­schaft für Pneumo­logie und Beatmungs­me­dizin e.V. (DGP) wissen?

Die DGP ist primär eine wissen­schaft­liche Fachge­sell­schaft. Die Gesell­schaft veröf­fent­licht gemäß dem aktuellen wissen­schaft­lichen Stand Leitlinien und Empfeh­lungen zur Orien­tierung für die Ärzte­schaft in der ärztlichen Praxis, der Ambulanz oder auch dem Krankenhaus.

Bedenken wir, dass erst im Februar dieses Jahres die ersten Fälle in Deutschland mit dem neuen Virus aufge­treten sind, wird verständlich, dass wir täglich mehr über diese Erkrankung lernen. Die DGP fasst die aktuellen Infor­ma­tionen zusammen und bewertet sie aus wissen­schaft­licher Perspektive. Bei den veröf­fent­lichten Empfeh­lungen handelt es sich also um für Patienten schwer verständ­liche medizi­nische Fachli­te­ratur. 

Primärer Ansprech­partner bei Verun­si­che­rungen von Patienten ist daher zunächst der behan­delnde Arzt.

Dennoch nehmen wir natürlich wahr, dass die enorme Infor­ma­ti­onsflut keineswegs zu einer Sicherheit, sondern vielmehr zu einer Verun­si­cherung beiträgt. Auch als wissen­schaft­liche Gesell­schaft müssen wir uns dem Thema der Patien­ten­in­for­mation mehr annehmen. Gemeinsam mit den assozi­ierten Gesell­schaften der DGP, d.h. der Deutschen Atemwegsliga e.V. und der Deutschen Lungen­stiftung, werden wir in naher Zukunft patien­ten­ori­en­tierte, verständlich aufbe­reitete Infor­ma­tionen auf Basis der wissen­schaft­lichen Daten veröf­fent­lichen.

Die Masken­pflicht ist ein ständig präsentes Thema. Die DGP hat eine Stellung­nahme zum Masken­einsatz bei Patienten mit kardialen (das Herz betref­fende) und pulmo­nalen (die Lunge betref­fende) Vorer­kran­kungen veröf­fent­licht. Welche Hinweise sind für chronische Lungen­pa­ti­enten in der täglichen Anwendung von beson­derer Bedeutung?

Grund­sätzlich sprechen wir uns für den Einsatz von Masken aus. Während im Freien Masken nur erfor­derlich sind, wenn eine ausrei­chende Distanz nicht sicher einge­halten werden kann, sollten in geschlos­senen Räumen, wenn Menschen zusam­men­kommen, Masken getragen werden.

Eine Maske bedeutet aller­dings keinen 100-%igen Schutz. Da verschiedene Arten von Masken mit unter­schied­licher Materi­al­dichte zur Verfügung stehen, ist auch zu berück­sich­tigen, dass es ggf. zu einer nicht unerheb­lichen Belastung beim Atmen kommen kann.

Daher sprechen wir uns in den Empfeh­lungen dafür aus, dass an Lunge oder an Herz vorer­krankte Patienten, insbe­sondere bei fortge­schrit­tener Erkrankung, sich eng mit ihrem behan­delnden Arzt – also dem Pneumo­logen oder dem Kardio­logen – über das Tragen und die Auswahl der Maske abstimmen sollten. Falls erfor­derlich, kann der Arzt zusätz­liche Unter­su­chungen vornehmen und beispiels­weise die Sauer­stoff­werte mit und ohne Maske messen, die Atemfre­quenz oder den Herzschlag überprüfen und somit einschätzen, ob sich durch das Tragen einer Maske eine klinische Verän­derung und somit eine zu starke Belastung für den Organismus entwi­ckelt. 

Es ist immer wieder zu betonen, dass die Kommu­ni­kation mit dem Arzt in Zeiten von Corona einen nochmals deutlich höheren Stellenwert einnimmt als bisher.

Die kühlere Jahreszeit liegt vor uns und damit einher­gehend ein grund­sätzlich höheres Risiko für Virus­in­fek­tionen. Was ist in diesem Jahr besonders zu bedenken, welche Vorsorge kann und sollte getroffen werden?

Natürlich können wir nicht vorher­sagen, wie sich das Virus in der Zukunft verhalten wird. Wir müssen jedoch damit rechnen, dass in den Winter­mo­naten, alleine durch die Tatsache, dass wir uns vermehrt wieder in geschlos­senen Räumen aufhalten werden, mögli­cher­weise die CoVid-Infek­ti­onsrate ansteigt.

Das, was wir alle tun können und unbedingt tun sollten, ist die konse­quente Fortsetzung der einge­übten Maßnahmen – also die Abstands­haltung, das Tragen von Masken in öffent­lichen Räumen und in geschlos­senen Räumen außerhalb des familiären Umfeldes und das Einhalten der Hände­hy­giene.

In Australien, ein Kontinent, der uns die Jahres­zeiten betreffend etwa ein halbes Jahr voraus ist, gibt es erste Hinweise darauf, dass resul­tierend aus der strikten Einhaltung dieser Schutz­maß­nahmen deutlich weniger Influ­en­za­in­fek­tionen zu beobachten sind.

Natürlich haben wir die Sorge, dass neben mögli­cher­weise anstei­genden CoVid-Infek­tionen im Winter zeitgleich hohe Influ­en­za­in­fek­tionen das Gesund­heits­system überlasten könnten.

Eine Grippe­impfung ist in Corona­zeiten daher besonders wichtig.

Fragen zu der eigenen Risiko­si­tuation und ob noch weitere Impfungen, wie die Pneumo­kok­ken­impfung erfor­derlich sind, sollte mit dem behan­delnden Arzt besprochen werden.      

Wie können wir uns bestmöglich auf ein Leben mit Corona einstellen?

Wir sollten uns zunächst eins immer vor Augen halten: über 90 % der Infizierten haben einen milden Verlauf ohne schwere Sympto­matik.

Zudem mehren sich Hinweise, dass wir Medika­mente zur Verfügung haben werden, die einen schweren Verlauf zu mindestens lindern können.

Im Februar, März wussten auch wir Ärzte noch nicht, was überhaupt auf uns zukommt. Aber selbst zu diesen Zeiten gab es in Deutschland nur wenige Engpässe. Inzwi­schen haben wir uns auf die Situation einge­stellt, Konzepte und Struk­turen für die Behandlung der Betrof­fenen im Krankenhaus entwi­ckelt und instal­liert, sodass ich sehr zuver­sichtlich bin, dass unser Gesund­heits­system auch die kommenden Heraus­for­de­rungen meistern wird und wir keine Defizite und Einschrän­kungen haben werden.   

Langfristig hoffen wir natürlich, dass durch Impfungen ein Schutz gegen das Virus gewähr­leistet werden kann. Diese Entwicklung wird aller­dings noch etwas dauern. 

Wie gehen Sie persönlich als Arzt und Wissen­schaftler mit den Unsicher­heiten bzw. dem „noch nicht Wissen“ um CoVid-19 um?

Eine berech­tigte Frage. Natürlich haben wir Ärzte genau die gleichen Befürch­tungen wie jeder andere auch. Was bedeutet es, wenn ich mich persönlich infiziere? Was ist mit meiner Familie?

Ich selbst arbeite als Pneumologe in einer Klinik mit schwerst erkrankten CoVid-Patienten, setze mich somit einer hohen Anste­ckungs­ge­fährdung aus und kenne die Ängste.

Doch inzwi­schen haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Schutz­maß­nahmen tatsächlich wirkungsvoll greifen. In unserem Krankenhaus etwa haben wir weit über 100 Patienten auf der Inten­siv­station behandelt. Die Anste­ckungsrate, selbst bei den Kolle­ginnen und Kollegen, die wie ich, immer auch auf der Inten­siv­station waren, war praktisch null. In unserem Krankenhaus sind keine schwer­wie­genden Probleme und nur ganz wenige Infek­tionen aufge­treten.

Wir wissen nun aus eigener Erfahrung, dass wir uns schützen können, wenn wir die Schutz­maß­nahmen konse­quent durch­führen.

Parallel zu diesen Erfah­rungen ist ein Lernprozess von immer mehr Wissen um das Virus einher­ge­gangen. Worauf wir achten müssen, welche Risiko­fak­toren bestehen, wie wir reagieren müssen, wenn die und die Symptome auftreten, können wir nun besser einschätzen.

Eigene Erfah­rungen und mehr Wissen haben bei mir persönlich dazu beigetragen, dass ich deutlich ruhiger und entspannter im Umgang mit der Erkrankung geworden bin. 

Dennoch, wir müssen weiterhin wachsam sein und weiterhin sehr streng, sehr konse­quent die hygie­ni­schen Maßnahmen und den Selbst­schutz fortführen.  

Weitere Infor­ma­tionen sowie Empfeh­lungen, State­ments und Leitlinien finden Sie auf den Seiten der Deutschen Gesell­schaft für Pneumo­logie und Beatmungs­me­dizin e.V. (DGP).


Bildnachweis:
tatoman, Fiedels – Adobe­Stock
Professor Dr. Michael Pfeifer
Deutsche Gesell­schaft für Pneumo­logie und Beatmungs­me­dizin e.V. (DGP)

Text/Interview:
Sabine Habicht – Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek


Der Beitrag wurde in der Herbst­ausgabe 2020 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.


Schlagwörter: COPD, Corona, Coronavirus, CoVid, CoVid-19, DGP, Lungenemphysem, Pneumologie, Sicherheit, Sicherheit gewinnen, Training

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