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Corona: Kapazitäten und Notwendigkeiten

05. Okt. 2020

DIGAB-Register für außer­kli­nische Inten­siv­pflege

Die aktuelle Corona­virus-Pandemie stellt unsere Gesell­schaft im Allge­meinen und das Gesund­heits­system im Beson­deren vor bisher nicht gekannte Heraus­for­de­rungen. Ein rascher Anstieg von Infek­ti­ons­zahlen birgt immer die Gefahr einer Überfor­derung der betrof­fenen Gesund­heits­systeme, die dann Behand­lungs- und insbe­sondere Beatmungs­ka­pa­zi­täten nicht ausrei­chend vorhalten könnten. Dieses Risiko muss in der Bundes­re­publik, insbe­sondere in Zusam­menhang mit den aktuellen Diskus­sionen um die richtige Strategie für einen Exit aus den Beschrän­kungen des öffent­lichen Lebens, berück­sichtigt werden.

Die Deutsche inter­dis­zi­plinäre Verei­nigung für Intensiv- und Notfall­me­dizin (DIVI) hat daher ein Register ins Leben gerufen, um einen konti­nu­ier­lichen Überblick über die zur Verfügung stehenden Kapazi­täten zu ermög­lichen. Derzeit stehen laut DIVI-Register gut 32.000 inten­siv­me­di­zi­nische Behand­lungs­plätze zur Verfügung, in denen aller­dings nicht nur Menschen, die sich mit SARS-CoV2 infiziert und an CoVid-19 erkrankt sind, sondern auch alle anderen inten­siv­pflich­tigen Patienten behandelt werden.  

Um eine Überfor­derung des Gesund­heits­systems in Deutschland zu verhindern, wurden einer­seits weitrei­chende Einschrän­kungen des öffent­lichen Lebens verfügt, um die Anste­ckungs­raten zu reduzieren, und anderer­seits in den Kranken­häusern alle denkbaren Anstren­gungen unter­nommen, um ausrei­chende inten­siv­me­di­zi­nische Behand­lungs­mög­lich­keiten bereit­stellen zu können.

Auf Initiative des Präsi­denten der Deutschen inter­dis­zi­pli­nären Gesell­schaft für außer­kli­nische Beatmung (DIGAB) e.V., Dr. med. Martin Bachmann, hat der Vorstand der DIGAB beschlossen, dem Inten­siv­betten-Register nun ein eigenes DIGAB-Register für außer­kli­nische Inten­siv­pflege an die Seite zu stellen.

Es wurde am 27. Juli 2020 freige­schaltet und ist unter dem Link www.digab-register.de erreichbar.

Dr. phil. Maria Panzer, Presse­spre­cherin der DIGAB und Medizin­jour­na­listin sprach mit Dr. Martin Bachmann, Chefarzt der Klinik für Atemwegs‑, Lungen- und Thorax­me­dizin, Beatmungs­zentrum Asklepios Klinikum Harburg, Hamburg über das DIGAB-Register.

Das Register ist nun seit etwa einem Monat online. Welche Erfah­rungen konnten Sie bereits sammeln?

Inzwi­schen haben sich bereits 200 Pflege­an­bieter (Pflege­dienste, Wohnge­mein­schaften und stationäre Einrich­tungen) regis­triert, und täglich kommen neue hinzu. Außerdem erreichen uns viele Anrufe. Ich bin überzeugt, dass wir nach Ende der Ferienzeit noch sehr viel mehr Regis­trie­rungen erhalten werden. Die mediale Aufmerk­samkeit, die das DIGAB-Register erfährt, freut uns, denn auch darüber erreichen wir viele Unter­nehmen, die außer­kli­nische Inten­siv­pflege anbieten, sei es in Pflege-/Wohn­heimen, Intensiv-Wohnge­mein­schaften oder im Rahmen einer häuslichen Versorgung. Auch an dieser Stelle appel­liere ich an die Anbieter außer­kli­ni­scher Inten­siv­pflege, sich unter www.digab-register.de zu regis­trieren.

Welche Zielsetzung des Registers ist Ihnen persönlich besonders wichtig?

Zwar bin ich in einer Klinik tätig, aber ich werde tagtäglich mit Problemen in der außer­kli­ni­schen inten­siv­pfle­ge­ri­schen Versorgung konfron­tiert. Ich sehe, wie negativ sich beispiels­weise Krank­heits­fälle im Pflegeteam auswirken und unmit­telbar Versor­gungs­eng­pässe auftreten können. Das hat für die Betrof­fenen vielfach fatale Folgen und die Corona-Pandemie schränkt uns zusätzlich ein, weil wir nicht mehr so flexibel Inten­siv­betten bereit­stellen können.

Um einen raschen Überblick über die Versor­gungs­mög­lich­keiten zu gewinnen, hat mich die Idee des DIVI-Registers derart faszi­niert, dass ich sofort dachte: Genau so etwas brauchen wir auch im außer­kli­ni­schen Bereich. Mir persönlich ist es ein großes Anliegen, dass die Patient*innen, die ich in der Klinik behandle, auch nach ihrer Entlassung adäquat versorgt werden. Hier waren wir uns im Vorstand sofort einig. Neben Jörg Brambring unter­stützte uns bei der Umsetzung ganz besonders tatkräftig Dr. Benjamin Grolle, der Sprecher unserer „Sektion Kinder“, dem ich an dieser Stelle ganz besonders danken möchte.

Das Register ist vornehmlich für Ärzte und Fachper­sonal, dennoch, wie können Patienten bzw. pflegende Angehörige davon unmit­telbar profi­tieren?

Patient*innen und pflegende Angehörige können das Register schon jetzt nutzen, da die Kontakt­daten und die Webseite eines jeden Anbieters außer­kli­ni­scher Inten­siv­pflege ersichtlich sind. Wer einen Pflege­an­bieter mit einem spezi­fi­schen Angebot sucht, kann die Filter­funktion nutzen und z.B. im jewei­ligen Bundesland recher­chieren. Auch speziell nach Kapazi­täten für Kinder kann gesucht werden bzw. es werden Kinder- und Erwach­se­nen­ver­sor­gungen darge­stellt. Besonders hilfreich dürfte das Register auch im Rahmen des Überlei­tungs­ma­nage­ments für die Sozial­dienste der Kliniken und die Kranken­kassen sein. Die durch das Register angestrebte Trans­parenz der Versor­gungs­ka­pa­zi­täten macht es auch möglich, dass die Anbieter der außer­kli­ni­schen Inten­siv­pflege besser mitein­ander koope­rieren und besonders regionale Engpässe überbrücken können. Damit soll erreicht werden, dass die betrof­fenen Menschen mit außer­kli­ni­scher Beatmung in ihrem privaten Umfeld bzw. regional weiter­ver­sorgt werden.

Sie zeigen auch eine mittel­fristige Perspektive des Registers im Sinne einer verbes­serten Bedarfs­planung und Versor­gungs­struk­turen auf. Kann man das Register langfristig auch als ein Element der Versor­gungs­for­schung bezeichnen?

Die Versor­gungs­for­schung steckt bei der außer­kli­ni­schen Inten­siv­ver­sorgung noch immer „in den Kinder­schuhen“. Es gibt zwar schon einige sehr gute Modell­pro­jekte und Studien, aber es fehlt uns der Überblick. Seit Jahren kursiert die geschätzte Zahl von bundesweit 30.000 außer­kli­nisch beatmeten Kindern und Erwach­senen. Selbst die Antwort der Bundes­re­gierung auf eine Anfrage im Deutschen Bundestag stellt mich hier nicht zufrieden. Es wird zu wenig diffe­ren­ziert zwischen den Betrof­fenen, die invasiv oder nicht-invasiv beatmet werden, ob Betroffene zwar eine Trache­al­kanüle haben, aber nicht beatmet werden, wie schwer die Beein­träch­tigung und wie hoch der Bedarf an Inten­siv­pflege ist, ganz zu schweigen die Frage, mit welchen Erkran­kungen, in welcher Zahl wir es zu tun haben. Es gibt hier noch sehr viele Fragen, die es unmöglich machen, einen exakten Überblick über die Versor­gungs­struk­turen zu erhalten.

Eine Ursache dieser Intrans­parenz ist auch, dass Kliniken und Versorger in der Außer­klinik noch nicht optimal mitein­ander kommu­ni­zieren, keine Daten gesammelt werden und keine wirkliche Durch­läs­sigkeit herrscht. Grund­sätzlich müssen wir bei der Versorgung unserer Patient*innen sektor­über­greifend denken. Auch in diesem Sinn leistet das Register einen wesent­lichen Beitrag, in dem es dem z.T. schnellen Wechsel der Patient*innen zwischen außer­kli­ni­schem und statio­närem Bereich unter­stützend entge­gen­kommt. 

Wir streben insgesamt einen Zustand an, in dem die Bedarfs­planung schneller erfolgen kann und die Versor­gungs­struk­turen an diese Bedarfe angepasst werden. Hierfür brauchen wir aber belastbare Daten über die Versor­gungs­land­schaft. Deshalb streben wir eine Weiter­ent­wicklung des DIGAB-Registers an und werden die teilneh­menden Unter­nehmen bitten, zusätz­liche Infor­ma­tionen in anony­mi­sierter Form beizu­tragen, beispiels­weise über zugrun­de­lie­gende Erkran­kungen bei ihren Patient*innen und andere Details, die uns mehr Erkennt­nisse über die Versor­gungs­struk­turen und die Erfor­der­nisse einer adäquaten Versorgung geben. Wir werden dies auf wissen­schaft­licher Ebene und unter strikter Einhaltung des Schutzes sensibler Daten auswerten, über die Ergeb­nisse die Öffent­lichkeit infor­mieren und, sollte dies erfor­derlich sein, die Politik auffordern, im Interesse der Betrof­fenen tätig zu werden.

Und welche Rolle spielt langfristig die große Anzahl der nicht-invasiv Beatmeten – auch für das Register?

Sobald wir das DIGAB-Register erweitert haben, werden wir auch Fragen zu nicht-invasiv beatmeten Betrof­fenen stellen und sie in die Versor­gungs­for­schung selbst­ver­ständlich einbe­ziehen. Sicher betrifft das Register nur einen kleinen Teil der nicht-invasiv Beatmeten, die auch eine Indikation für eine außer­kli­nische Inten­siv­pflege aufweisen, also in der Regel neuro­mus­kulär Erkrankte oder Betroffene mit Motoneu­ro­n­er­kran­kungen.

Hinweis:
Weitere Infor­ma­tionen erhalten Sie auf www.digab.de



Der Beitrag wurde in der Herbst­ausgabe 2020 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.


Bildnachweis:
ResMed
Dr. Martin Bachmann
Deutsche inter­dis­zi­plinäre Gesell­schaft für außer­kli­nische nicht-invasive Beatmung e.V. (DIGAB)

Text:
Interview/Text – Dr. phil. Maria Panzer, DIGAB
Konzept – Sabine Habicht – Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek


Schlagwörter: Behandlungsplätze, Corona, DIGAB, DIGAB-Register, Gesundheitssystem, Notwendigkeiten, Pandemie, Überforderung, Zusammenarbeit

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