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Leben mit Sauerstoff-Langzeittherapie

09. Sep. 2020

Das Leben gestalten

Annette Hendl (57) aus Oberbayern wendet sich mit ihrem autobio­gra­fi­schen Patien­ten­rat­geber „Leben mit Sauer­stoff-Langzeit­the­rapie“ sowohl an Lungen­er­krankte mit Sauer­stoff­the­rapie als auch an Ärzte, Psycho­the­ra­peuten, Kranken­pfleger und an Angehörige.

Sie beschreibt ihr Leben nach der Diagno­se­stellung eines Asthma-COPD-Overlap-Syndroms (ACOS), die Verän­de­rungen und die Ängste, die eine chronische Erkrankung und die notwendige Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie mit sich bringen, ebenso wie die positiven Erfah­rungen, die Hilfe­stel­lungen und den neuen Lebensmut angesichts der Erkrankung.

Wir haben einige Passagen aus dem Buch heraus­ge­griffen und darüber mit Annette Hendel gesprochen.

„Manche Menschen betrachten andere Menschen mit einer sicht­baren Einschränkung auf eine Art und Weise, die deren Selbstbild verletzt. Das führt oft dazu, dass sich die Betrof­fenen nur selten in die Öffent­lichkeit trauen und sich immer weiter zurück­ziehen.“

Als Heiler­zie­hungs­pfle­gerin und Erzie­herin habe ich mehr als 30 Jahre mit Schwerst­be­hin­derten zusam­men­ge­ar­beitet. Diese Jahre haben mich natürlich sehr geprägt und mir dabei geholfen, meine eigene Erkrankung zu relati­vieren. Berüh­rungs­ängste in der Öffent­lichkeit mit der Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie (LOT) hatte ich aufgrund dieser Erfahrung zwar nicht, aber ich bin aufgrund meiner Tätigkeit sehr sensi­bi­li­siert für den Blick­winkel sicht­barer Einschrän­kungen.

Unsicher­heiten im Umgang mit der LOT, dem vielfäl­tigen Zubehör und auch der Erkrankung selbst hatte ich aller­dings schon. Durch die Teilnahme an einer Selbst­hil­fe­gruppe der Deutschen Sauer­stoff- und BeatmungsLiga LOT e.V. konnte ich jedoch sehen, dass andere Betroffene mit der LOT zurecht­kommen und ich keineswegs alleine bin. Das hat mich gestärkt und mir Ängste genommen. Der Austausch hat mir zudem viele hilfreiche Infor­ma­tionen über das Arztge­spräch hinaus ermög­licht.

Heute bin ich Leiterin der Selbst­hil­fe­gruppe in Mühldorf am Inn und erlebe viel zu häufig, dass Lungen­er­krankte ihre Sauer­stoff­ver­sorgung ablegen, bevor sie in die Öffent­lichkeit gehen. Obwohl die Sauer­stoff­ver­sorgung gerade in den Momenten, in denen man sich körperlich bewegt, besonders dringend benötigt wird.

Ein wichtiges Anliegen ist es mir daher, anderen Mut zu machen und auch Möglich­keiten zu eröffnen, sich mit der LOT freier bzw. mit einer Art Selbst­ver­ständ­lichkeit zu bewegen – so wie dies für mich möglich ist. 

Über das Buch kann ich viele Infor­ma­tionen, persön­liche Eindrücke und Erfah­rungen vermitteln und auch die Öffent­lichkeit auf das Thema aufmerksam machen.

Über meine Arbeit in der Selbst­hilfe wiederum kann ich beispiels­weise durch die jährliche Organi­sation von Gruppen­fahrten auch ganz praktische Unter­stützung für gemein­schaft­liche erste Schritte in die Öffent­lichkeit mit LOT leisten.

„Ich glaube, viele Betroffene haben Angst davor, an ihrem Leben etwas zu ändern. Es braucht viel Zeit, eine chronische Krankheit zu akzep­tieren. Schön ist es, wenn man einen Partner hat, der einen in dieser Phase unter­stützt. Das Leben ist wie eine Sanduhr…“

Erhält man die Diagnose und die Verordnung einer LOT, so sind die Gedanken meist zunächst völlig fixiert auf das, was man bisher konnte und nun wahrscheinlich nicht mehr kann. Seien es spontane Flugreisen, bestimmte Hobbys oder andere liebge­wonnene Aktivi­täten.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass eine Änderung des Blick­winkels verhindern kann, dem Verlust allzu sehr nachzu­trauern und es hingegen förderlich ist, mehr Raum für neue Möglich­keiten zu schaffen.

Denn richtet man seinen Fokus vor allem auf vergangene Möglich­keiten, wird man immer wieder an seine Grenzen stoßen. Richtet man seinen Fokus jedoch auf die vielen Möglich­keiten, die trotz einer LOT reali­sierbar sind, wird man ganz neue und ebenso erfül­lende Aktivi­täten finden – für die man vielleicht bisher nur noch keine Zeit hatte.

Sei es das Klavier­spielen, das man immer schon erlernen wollte, das Kennen­lernen der Sehens­wür­dig­keiten in seiner näheren Umgebung, zu denen man noch nie gekommen ist oder die Zeit, die man nun endlich für seine Enkel zur Verfügung hat. Sie werden merken, das Leben nimmt eine ganz andere Gestalt an, bei der es nicht mehr um Quantität, sondern vor allem um Qualität geht.

Ich selbst habe meinem Enkel zum Geburtstag ganz einfach Zeit geschenkt und konnte seine Freude darüber erleben: „Daheim hat niemand für mich Zeit, aber die Oma, die hat Zeit für mich.“ Zeit, die wir vernüglich mit Tisch­spielen und mit Erzählen verbringen konnten, Zeit, die andere im hekti­schen Alltag oft gar nicht mehr erübrigen können.

„Nach drei Monaten konnte ich die Klinik wieder verlassen. In meinem Koffer hatte ich viele gute Vorsätze, mein Leben ab jetzt allein in den Griff zu bekommen.“

Mein Mann, der mich mit der Erkrankung sehr unter­stützt, mir Kraft gegeben und immer wieder Mut gemacht hat, verstarb plötzlich. Kurz nachdem unser neues Traumhaus am See fertig wurde.

Eine schwierige Zeit begann, in der ich mir gezielt Unter­stützung in einer psycho­the­ra­peu­ti­schen Klinik suchte. Viel Kraft habe ich auch durch die Selbst­hil­fe­gruppe erhalten, der ich zu dieser Zeit bereits mehrere Jahre angehörte, und die für mich wie eine zweite Familie wurde. Gelernt habe ich während dieser Zeit, dass es Situa­tionen gibt, aus denen man ohne fremde Hilfe nicht mehr heraus­kommt.

War diese Lebens­phase auch schwierig, so ermög­lichte sie mir doch, neue Lebens­ziele und Aufgaben zu erkennen. Durch mein Schreiben erlebte ich auf Lesungen oder Buchvor­stel­lungen auf Messen, dass Menschen sich mit ihren eigenen Erfah­rungen darin wieder­finden konnten und den Mut schöpften, endlich auch selbst über ihre Sorgen und Probleme zu sprechen. Ich erlebte also, dass ich durch das Schildern meiner Erfah­rungen anderen Hilfe geben kann. Ein mich erfül­lendes Ziel, dessen Umsetzung ich in der Selbst­hilfe und in meinen Büchern reali­siere.

Eine weitere Aufgabe steht in Zusam­menhang mit dem neuen Haus am See. Groß genug und bereits behin­derten gerecht von meinem Mann einge­richtet, entwi­ckelte sich der Gedanke einer Sauer­stoff-Wohnge­mein­schaft. Vor 1,5 Jahren wurde die Idee Realität. Margrit Selle und ich kennen uns von den Gruppen­lei­ter­treffen der Deutschen Sauer­stoff- und BeatmungsLiga. Jeder hat im Haus sein eigenes Zimmer und – ganz wichtig – sein eigenes Bad. Küche und Wohnzimmer nutzen wir gemeinsam.

Wenn es auch am Anfang etwas gewöh­nungs­be­dürftig war, so haben wir bisher die Entscheidung, eine WG zu gründen, nicht bereut.

Viele praktische Vorteile ergeben sich neben der Gemein­schaft an sich, wie z. B. im Hinblick auf die Sauer­stoff­be­vor­ratung, den gemein­samen Notruf, aber auch Neben­kosten, GEZ-Gebühren, Versi­che­rungen und vieles vieles mehr.

Erfahren Sie mehr im:

Patien­ten­rat­geber
Leben mit Sauer­stoff-Langzeit­the­rapie
Erfah­rungen, Infos und Tipps

Verlag Hartmut Becker, Taschenbuch, 100 Seiten, Juli 2018, ISBN 978–3‑92980–61‑0


Bildnachweis:
A Stock­photo – Adobe­Stock
Annette Hendl

Text/Interview:
Zitate, Annette Hendl
Text Redaktion, Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek


Der Beitrag wurde in der Frühjahrs­ausgabe 2019 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.


Schlagwörter: ACOS, COPD, Langzeit-Sauerstofftherapie, Leben gestalten, Lunge, Lungenemphysem, Sauerstoff, Sauerstoff-Langzeittherapie, SauerstoffLiga

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