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Patienten kennen nicht nur technische Probleme

04. Nov. 2020

Das Leben mit LTOT (Sauer­stoff) und NIV (nicht-invasive Masken­be­atmung)

Dieser Artikel setzt einiges voraus: Erstens eine Vorstellung davon, was sich hinter den Abkür­zungen LTOT und NIV überhaupt verbirgt. Daneben die Bereit­schaft, sich mit den Auswir­kungen von LTOT und NIV auf die Psyche ausein­an­der­zu­setzen. Denn im klini­schen Alltag zeigt sich deutlich: LTOT und NIV sind für viele Patienten ein Segen – aber das Leben mit LTOT und NIV hält nicht nur technische Fallstricke bereit.

LTOT (englisch: long-term oxygen therapy = Langzeit-Sauerstofftherapie)

„Sauer­stoff ist Leben!“ Dieser Slogan klingt so vernünftig, dass wahrscheinlich die meisten Menschen positive Bilder damit verbinden: Frische, Vitalität, je nach Tempe­rament würzige Waldluft oder kühle Meeres­brise, durch­atmen, freies Leben…

Wie kommt es dann, dass sich bei Patienten mit LTOT mitunter ganz andere Erfah­rungen beim Gedanken an „Sauer­stoff“ einstellen?

Worüber LTOT-Patienten klagen

Patienten mit chroni­schen Lungen­er­kran­kungen profi­tieren bei sorgfäl­tiger Beachtung der Indikation in aller Regel von einer LTOT (dauer­hafte Sauer­stoffgabe von mindestens 16 Stunden am Tag). Obwohl Studien einen positiven Einfluss der LTOT auf die körper­liche Leistungs­fä­higkeit nachweisen, hat die Thera­pie­treue (= Adhärenz) „noch viel Luft nach oben“.

Fragt man Patienten nach ihren Gründen für fehlende Akzeptanz und Adhärenz, hört man Antworten wie diese:

  • „Ich fühle mich mit dem Ding so unsicher und gebrechlich.“
  • „Das unhand­liche Gerät macht jede Aktion zu einem logis­ti­schen Mammut­un­ter­nehmen.“
  • „Ich will nicht abhängig werden von Sauer­stoff.“
  • „Was sollen die Leute denken?!?“
  • „Der Schlauch und die Flasche erinnern mich ständig daran, dass ich sehr krank bin.“

Diese Aussagen verdeut­lichen anschaulich, was Studien belegen: LTOT verändert das psychische Befinden nicht unbedingt zum Besseren. Angst und Depression bleiben unver­ändert oder neigen sogar zur Verschlim­merung.

Diese Reaktionen lassen sich mögli­cher­weise nicht nur auf die LTOT zurück­führen – schließlich befinden sich die meisten Patienten mit LTOT in einem fortge­schrit­tenen Krank­heits­stadium. Die Ergeb­nisse hängen jedoch mit bestimmten Einstel­lungen der Patienten zur LTOT zusammen. Studi­en­daten weisen darauf hin, dass hierbei das Schamer­leben eine zentrale Rolle spielt. Hier helfen Infor­mation und eine Stärkung des Selbst­wert­ge­fühls.

Die Bedeutung von Angehörigen für die LTOT-Akzeptanz

Eine Thera­pieform wie die LTOT verlangt auch von den Angehö­rigen eine „Reise zur Akzeptanz“. Bevor die LTOT als „Famili­en­mit­glied“ oder als „Haustier“ angenommen wird, durch­laufen die Betrof­fenen häufig die Erfah­rungen von Schock, Angst, Verleugnung, Ablehnung, bis sie allmählich die Unaus­weich­lichkeit erkennen und schließlich im günstigsten Fall Annäherung und Norma­li­sierung gelingen.

Dabei haben Familien mit den folgenden Eigen­schaften offen­sichtlich einen Vorteil:

  • problem­ori­en­tierter Umgang mit Belas­tungen (= Coping)
  • angemessene gemeinsame Stress­be­wäl­tigung (= dyadi­sches Coping)
  • gegen­sei­tiger Respekt
  • Flexi­bi­lität
  • gesunde Abgrenzung
Warum ist das dyadische Coping bei LTOT so bedeutsam?

Jede chronische Erkrankung fordert eine Partner­schaft oder Familie heraus. In beson­derem Maße gilt das bei einschnei­denden Thera­pie­formen wie etwa der LTOT. Dann wächst nämlich in der Regel das Konflikt­po­tenzial, z. B. durch unter­schied­liche Vorstel­lungen von Patienten und Angehö­rigen bezüglich Thera­pie­treue und Alltags­ge­staltung.

Ärger und Frustration bei den Betreuern führt zu Angst, Schuld­ge­fühlen, Verleugnung und Rückzug bei den Patienten. Rasch droht ein Teufels­kreis. Hier kann ein angemes­senes dyadi­sches Coping vorbeugen oder Verschlim­merung verhüten.

Fazit:

  • LTOT ist eine Heraus­for­derung für Patienten, Betreuer und Behandler.
  • LTOT bedeutet „Chance“ und „Gefahr“.
  • Wichtig ist die offene Kommu­ni­kation zwischen allen Betei­ligten.
  • Behandler sollten beachten, dass Patienten und Angehörige angemessene Unter­stützung benötigen, um das „Unter­nehmen LTOT“ zu einem dauer­haften Erfolgs­modell zu machen.
  • Patienten und Angehörige sollten wissen, wo und wie sie konkrete Unter­stützung bei LTOT finden (z. B. in einer regio­nalen SHG der Sauer­stoff-Liga).

NIV (englisch: non-invasive ventilation = nicht-invasive Beatmung)

Die mecha­nische Beatmung über eine Maske (Nasen-Maske oder Mund-Nasen-Maske) ist eine anspruchs­volle Behandlung. Sie erfordert nicht nur Sachver­stand und praktische Fertig­keiten, sondern ebenso enorme emotionale Anpas­sungs­leis­tungen.

Die Anfor­de­rungen unter­scheiden sich, je nachdem, wann und zu welchem Zweck die NIV einge­setzt wird. Die „Schlüs­sel­themen“ bei den Patien­ten­er­fah­rungen gleichen sich jedoch und kreisen im Wesent­lichen um „Angst und Panik“:

  • Angst vor Maske und Technik
  • Angst vor Enge, Ersticken, Sterben und Tod
  • Angst vor Verlust von Kontrolle, Unabhän­gigkeit, Würde, Lebens­qua­lität
Was NIV-Patienten berichten

Patienten mit chroni­schen Lungen­er­kran­kungen machen ihre ersten Erfah­rungen mit einer NIV häufig in einer Notfall­si­tuation, z. B. bei einem akuten Versagen der Atempumpe im Rahmen einer schweren Exazer­bation. Entspre­chend drama­tisch klingen dann die Patien­ten­aus­sagen:

  • „Es war schrecklich: nur Atemnot, Angst, Beklemmung – sonst nichts.“
  • „Es ist wie das Gefühl, in einer Falle zu sitzen.“
  • „Du hast nur eine Chance mit der Maske. Punkt. Ende der Geschichte.“ 

Typische Phasen der NIV-Anpassung führen dann über Panik, Angst, Kampf mit der Maske, Unbehagen – je nachdem – entweder zu Toleranz oder endgül­tiger Ablehnung.

Ein ähnlicher Verlauf zeigt sich auch bei Patienten, die eine NIV-Verordnung wegen eines chroni­schen Versagens der Atempumpe erhalten: etwas weniger drama­tisch vielleicht – oft jedoch ebenfalls im ständigen Auf und Ab.

Die Bedeutung der Behandler für die NIV-Akzeptanz

Was die Angehö­rigen für die LTOT-Akzeptanz, das leisten die medizi­ni­schen Fachkräfte für die NIV-Akzeptanz. Entscheidend für die Angst­be­wäl­tigung und die Annäherung an die Maske sind laut Studien:

  • ausrei­chende, verständ­liche Infor­ma­tionen
  • Anwesenheit, Verläss­lichkeit und Zuwendung der medizi­ni­schen Fachkräfte (NIV-Team aus Beatmungs­me­di­zinern, NIV-erfah­renen Pflegern, Atmungs­the­ra­peuten, Physio­the­ra­peuten)
  • angemessene psychopneu­mo­lo­gische Begleitung (z. B. angst­lö­senden Angebote wie Hypno­the­rapie, achtsam­keits­ba­sierte Verfahren, medika­mentöse Angst­lösung)

Wegen der großen Bedeutung der nicht-medika­men­tösen Unter­stützung werden derzeit einige vielver­spre­chende Ansätze zur Steigerung der NIV-Toleranz unter­sucht:

  • Effekt von Musik­the­rapie
  • Effekt einer psycho­lo­gi­schen Kurzin­ter­vention (Kombi­nation aus Psycho-Edukation, Verhal­tens­the­rapie und Entspan­nungs­training)
Die Bedeutung von Angehörigen für die NIV-Akzeptanz

Die Behandler spielen zwar die Haupt­rolle bei der NIV-Akzeptanz – jedoch kommen auch die Angehö­rigen zu ihren Einsätzen. Eine große franzö­sische Studie (PARVENIR-Studie) zeigt nämlich, dass sowohl Patienten wie Angehörige starke Angst während der NIV erfahren.

Diese Angst hängt von allge­meinen und indivi­du­ellen Faktoren ab, die sich nur teilweise beein­flussen lassen. Eine Rolle spielen beispiels­weise:

  • die Länge der NIV-Phasen (lange Phasen angst­ver­stärkend)
  • das Setting (Inten­siv­station angst­ver­stär­kender als Normal­station)

Die Studie liefert zudem ein erstaun­liches Ergebnis zur Beurteilung der NIV: Sowohl die Notwen­digkeit wie auch die Auswir­kungen dieser Thera­pieform werden von Patienten, Angehö­rigen, Inten­siv­pfle­ge­kräften und Beatmungs­me­di­zinern extrem unter­schiedlich beurteilt. Diese Unter­schiede sollten beim Training des NIV-Teams und bei der Kommu­ni­kation mit Patienten und Angehö­rigen unbedingt berück­sichtigt werden.

Fazit:

  • NIV ist eine Heraus­for­derung für Patienten, Angehörige und Behandler.
  • Wesentlich ist das Vertrau­ens­ver­hältnis zwischen Patienten, Angehö­rigen und NIV-Team.
  • Das NIV-Team benötigt eine ständige Schulung gemäß dem Stand der Wissen­schaft, um Patienten und Angehörige bei der NIV angemessen unter­stützen zu können.
  • Neben techni­schem Know-how und fachlichen Kennt­nissen sind Einfüh­lungs­ver­mögen und emotionale Fähig­keiten unver­zichtbar.
  • Patienten und Angehörige sollten Methoden für den Umgang mit Stress­si­tua­tionen und Ängsten erlernen.
„Grau, grau ist alle Theorie…“

Soweit also die psychopneu­mo­lo­gi­schen Hinter­gründe zu LTOT und NIV. Doch, wie bitte kann man mit diesen Erkennt­nissen den Alltag mit Sauer­stoff­gerät und Beatmungs­maske meistern?

Ein paar Hinweise aus der psychopneu­mo­lo­gi­schen Schatz­kiste zum Umgang mit LTOT und NIV gibt es in der umfang­reichen Infobox. Wer danach noch Lust auf „Mehr“ hat, kann den Lektü­re­emp­feh­lungen online und offline folgen…

Mit herzlichen Grüßen und guten Wünschen an alle mutigen LTOT- und NIV-Patienten

Ihre
Monika Tempel
Ärztin, Autorin, Referentin, Regensburg
www.monikatempel.de und www.atemnot-info.de


Infobox

LTOT: Selbst­be­wusst mit Sauer­stoff

Die modernen LTOT-Geräte ermög­lichen Mobilität und Aktivität. Nutze diese Chance zum Training Deines Selbst­wert­ge­fühls (in Anlehnung an M. Lammers und I. Ohls).

  • Geh raus – mit einem Lächeln!

Das Lächeln kannst Du zuhause vor dem Spiegel üben. Egal, wie es Dir gerade geht: Lächle Dich etwa 30 Sekunden (oder länger) im Spiegel an und nimm dabei wahr, ob und wie sich Dein emotio­nales Befinden ändert.

Das Prinzip dahinter: Du kannst selbst Emotionen bei Dir auslösen, wenn Du eine verän­derte Mimik einsetzt.

Und das Prinzip auf der Straße: Ein Lächeln lädt andere ein, dies spontan zu erwidern.

  • Menschen lieben es zu helfen – wenn Du sie lässt!

Grund­sätzlich kümmern sich Menschen um andere, wenn sie es können.

Gelegentlich um Hilfe zu bitten, eröffnet Dir wahrscheinlich den Weg zu überra­schenden Erfah­rungen.

Achte aber darauf, im Kontakt mit anderen Menschen auch über die angenehmen Dinge im Leben zu sprechen.

  • Humor ist ein Weg zum Herzen – meistens!

Fast alle Menschen sind im Alltag offen dafür, auf humor­volle Weise angesprochen zu werden.

Finde also immer wieder einen Grund, um herzlich mitein­ander zu lachen.

  • Such keine Lösung für Probleme, die nicht Deine Probleme sind!

Gelegentlich macht Dich das Verhalten von anderen Menschen vielleicht betroffen. Sie äußern verse­hentlich eine ungeschickte Bemerkung oder verletzen Dich mehr oder weniger bewusst. Damit erweisen sie sich als Grenz­ver­letzer.

Ihr Problem – nicht Deines!

Du ziehst eine Grenze – das Problem liegt auf der anderen Seite.

  • Akzep­tiere die anderen – und Dich selbst!

Einen guten Umgang mit sich selbst kann man einüben, z. B. anhand folgender Fragen:

  • Fünf Dinge, die mir an mir selbst gefallen
  • Fünf Erfah­rungen, die mich in dieser Einschätzung bestärken
  • Wem und wie kann ich das Liebens­werte meiner Person konkret am besten mitteilen?
  • In welcher schwie­rigen Situation habe ich mich zuletzt erfolg­reich selbst­be­wusst verhalten?

NIV: Ruhe finden mit der Maske

Die NIV-Akzeptanz lässt sich für Patienten nur im konkreten Tun einüben. An dieser Stelle können also nur ein paar Hinweise erfolgen, wie Bereit­schaft (ein anderes Wort für Akzeptanz) grund­sätzlich aussehen könnte.

Folgende Bilder sind mögli­cher­weise hilfreich:

  • Die Maske achten, wie man einen Freund achten würde, dem man auch bei unange­nehmen Wahrheiten zuhört.
  • Den Krieg mit der Maske verlassen, wie ein Soldat, der seine Waffen niederlegt und nach Hause geht.
  • Auf die Maske schauen, wie auf ein unbekanntes Bild und nur wahrnehmen, was es auf diesem Bild zu entdecken gibt.

…mehr Wissen

Patien­ten­er­fah­rungen

Annette Hendl: Leben mit Sauer­stoff-Langzeit­the­rapie. Erfah­rungen, Infos und Tipps. Verlag Hartmut Becker, 2018

Web-Links

www.monikatempel.de/lexikon-der-psychopneumologie-1-wie-langzeit-sauerstofftherapie/

www.patienten-bibliothek.de/lexikon-der-psychopneumologie-1-wie-langzeit-sauerstofftherapie/

www.sauerstoffliga.de

Tipp von Ursula Krütt-Bockemühl

Keine Angst vor der Therapie oder dem Thera­pie­equipment, lernen Sie es kennen.

Wenden Sie sich bei Fragen an die Deutsche Sauer­stoff- und BeatmungsLiga LOT e.V. – www.sauerstoffliga.de, nutzen Sie das dortige Beratungs­te­lefon.

Fragen Sie auch in Ihrer Lungen­fach­arzt­praxis nach einer O2-Assistentin/einem O2-Assis­tenten.


Der Beitrag wurde in der Herbst­ausgabe 2020 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.


Text:
Monika Tempel

Bildnachweis:
Monika Tempel, Regensburg
Susi Donner, Lindau
Phattmann – Fotolia.com
ResMed


Schlagwörter: Langzeit-Sauerstofftherapie, LOT, LTOT, Maske, nicht-invasive Beatmung, NIV, Psychopneumologie, Sauerstoff, Sauerstofftherapie

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