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Langzeit-Sauerstofftherapie

05. Nov. 2020

Aktua­li­sierte Leitlinie veröf­fent­licht

Ende Juli 2020 wurde die neue Leitlinie zur Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie (LTOT) veröf­fent­licht. Es handelt sich dabei um eine Revision der im Jahr 2008 publi­zierten Leitlinie. Aufgrund der wachsenden Bedeutung der Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie wurde auf Initiative der Deutschen Gesell­schaft für Pneumo­logie und Beatmungs­me­dizin in Zusam­men­arbeit mit anderen Fachge­sell­schaften die überar­beitete Version erstellt.

Durch die Einbindung von Experten aus Deutschland, Öster­reich und der Schweiz wurde die Leitlinie zum ersten Mal für alle drei Länder des deutsch­spra­chigen Raumes erarbeitet.

Die Redaktion sprach mit dem Leitli­ni­en­ko­or­di­nator Dr. Peter Haidl, Chefarzt Pneumo­logie II, Ärztlicher Direktor des Fachkran­ken­hauses Kloster Grafschaft in Schmal­lenberg, Akade­mi­sches Lehrkran­kenhaus der Philipps Univer­sität Marburg über Beson­der­heiten und Neuerungen der Leitlinie.

Welches Sauer­stoff­system und ‑gerät das Richtige ist, muss für jeden Patienten indivi­duell in Anpassung seiner Bedürf­nisse beim Lungen­facharzt getestet werden.

Bisher wurde eine Empfehlung zur Anwen­dungs­dauer der LTOT für mindestens 16 Stunden ausge­sprochen. Was sind die Hinter­gründe der verän­derten Mindest­dauer?

Die Reduktion von 16 auf mindestens 15 Stunden täglich bedeutet lediglich eine Anpassung an die Empfehlung der briti­schen Leitlinie; sie basiert nicht auf neuen Studi­en­erkennt­nissen.

Anhand der beiden Studien, die auch bereits in der vergan­genen Leitlinie die Grundlage für die Empfehlung gebildet haben, wurden Patien­ten­daten unter­schied­licher Anwen­dungs­dauer mitein­ander verglichen und daraus eine entspre­chende Mindest­dauer abgeleitet.

Autoren der briti­schen Leitlinie haben diesen Wert der Anwen­dungs­dauer nun lediglich

nochmals präzi­siert. Im Sinne einer länder­über­grei­fenden Verein­heit­li­chung hat die deutsch­spra­chige Leitlinie dieser Empfehlung entsprochen.  

Die LTOT hat einen hohen Stellenwert zur Vermin­derung der Sterb­lich­keitsrate. Was sollten Patienten hierzu wissen?

Die entschei­dende Botschaft, die wir Patienten in Verbindung mit der Anwen­dungs­dauer vermitteln möchten, lautet: Eine kurzzeitige Sauer­stoffgabe, wie beispiels­weise 2 x 1 Stunde täglich, kann mögli­cher­weise eine gewisse Sympto­matik lindern, hat jedoch nachweislich keinen positiven Effekt auf die Sterb­lichkeit.

Salopp ausge­drückt: „ab und zu mal an Sauer­stoff schnuppern, wenn man in Ruhe auf dem Sofa sitzt“ oder „ein bisschen Sauer­stoff zuführen, wenn man das Gefühl hat, es zu brauchen“ reicht definitiv nicht aus.

Um den Effekt einer Lebens­zeit­ver­län­gerung durch eine Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie zu erzielen, ist eine Anwen­dungs­dauer von mindestens 15 Stunden täglich unbedingt erfor­derlich.

Welches Verständnis sollten Patienten entwi­ckeln, um die LTOT als konse­quente Thera­pieform leichter zu akzep­tieren?

Der Vergleich mit einem Akku mag hier eine hilfreiche Erklärung sein, die ich gerne auch in Gesprächen mit meinen Patienten einsetze:

Betrachten Sie die Anwen­dungs­dauer Ihrer Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie wie das notwendige Laden einer Batterie. Der Akku der Atemmus­ku­latur benötigt nun einmal eine Mindest­dauer seiner Ladezeit von 15 Stunden.

Doch es gibt weitere Aspekte, die Patienten wissen und berück­sich­tigen sollten.

Patienten gehen oftmals davon aus, dass das Symptom der Luftnot durch Gabe einer Sauer­stoff­the­rapie vollständig beseitigt werden kann. Dies ist jedoch nicht der Fall.

COPD-Patienten entwi­ckeln beispiels­weise ihre Luftnot meistens aufgrund einer sog. dynami­schen Überblähung eines Lungen­em­physems und nicht aufgrund eines Sauer­stoff­mangels unter Belastung.

Um festzu­stellen, ob eventuell dennoch ein Sauer­stoff­mangel unter Belastung vorliegt, sind entspre­chende umfäng­liche fachärzt­liche Testungen erfor­derlich.

Der Nutzen einer LTOT ist nachweislich erst dann gegeben, wenn bestimmte Voraus­set­zungen vorliegen. Was sollten Patienten hierzu wissen?

Grund­vor­aus­setzung für die Verordnung einer Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie ist eine fachärzt­liche Unter­su­chung, die in einer stabilen Erkran­kungs­phase erfolgen muss.

In dieser stabilen Phase sind zwei *Blutgas­ana­lysen (siehe Infor­ma­tionen im Kasten) in einem Intervall von mindestens drei Wochen erfor­derlich.

Für die Verordnung einer LTOT ist eine umfas­sende pneumo­lo­gische Unter­su­chung notwendig, die nur von einem Lungen­facharzt vorge­nommen werden kann, denn nur so kann eine Fehlver­sorgung vermieden werden.

Eine Messung per Pulso­xi­meter ist kein Ersatz für eine Blutgas­analyse!

In der Realität erfolgt die Verordnung einer LTOT oftmals im Nachgang einer akuten Verschlech­terung mit statio­närem Aufenthalt noch im Krankenhaus. Was sollten Patienten hierzu wissen?

Das Kapitel „Postakute Sauer­stoff­the­rapie“ wurde erstmals als separates Kapitel in die Leitlinie integriert, um klar zwischen den verschie­denen Thera­pie­formen der posta­kuten und der Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie zu diffe­ren­zieren.

Befindet sich ein Patient im Krankenhaus und weist schlechte Sauer­stoff­werte auf, so erhält er  selbst­ver­ständlich eine Sauer­stoff­the­rapie. Dies kann beispiels­weise Patienten mit einer vorlie­genden COPD betreffen, die aufgrund einer akuten Verschlech­terung (Exazer­bation) einen statio­nären Aufenthalt benötigen.

Haben sich die Sauer­stoff­werte vor der Entlassung aus dem Krankenhaus noch nicht ausrei­chend norma­li­siert, kann zusätzlich ein Sauer­stoff­system für die Anwendung zu Hause verordnet werden. Hierbei handelt es sich dann jedoch keineswegs um die klassische Versorgung einer Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie, sondern vielmehr um eine postakute Versorgung, also nach der Akutphase der Erkrankung.

Die postakute Sauer­stoff­the­rapie muss spätestens drei Monate nach dem Kranken­haus­auf­enthalt überprüft werden. Erst dann kann in einem stabilen Intervall entschieden werden, ob die postakute Therapie in eine klassische Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie mündet oder ob aufgrund der Stabi­li­sierung und Verbes­serung der Blutgas­werte eine Sauer­stoff­the­rapie nicht mehr erfor­derlich ist.

Was hat sich in der Leitlinie hinsichtlich der Indikation der LTOT geändert?

Bezüglich der Indikation wurde eine Einteilung in die prognos­tische, d.h. im Hinblick auf die Verlän­gerung der Lebenszeit bezogene und sympto­ma­tische, d.h. im Hinblick auf die körper­liche Belastung bezogene Indikation getroffen, was insbe­sondere in Zusam­menhang mit der mobilen Sauer­stoff­ver­sorgung steht.

Ein mobiles System kann verordnet werden, um für den Patienten die Mindest­the­ra­pie­dauer von 15 Stunden zu gewähr­leisten (prognos­tische Indikation), d.h. das System wird stets in Ruhe angewandt.

Davon abzugrenzen ist die sympto­ma­tische Indikation. Hierbei handelt es sich um die Verordnung eines mobilen Systems, um die körper­liche Belast­barkeit zu verbessern und das System z. B. bei einem Spaziergang mitzu­führen. Dies bedeutet eine höhere Anfor­derung an die Qualität und Leistungs­fä­higkeit des mobilen Gerätes.

Um alle notwen­digen Anfor­de­rungen, vor allem im Hinblick auf die persön­liche Mobilität, zu berück­sich­tigen und das geeignete Gerät bzw. System für jeden Patienten indivi­duell auszu­wählen, ist eine kennt­nis­reiche lungen­fach­ärzt­liche Unter­su­chung erfor­derlich.   

Bei einer sympto­ma­ti­schen Indikation ist beispiels­weise wichtig zu prüfen, ob mit dem Sauer­stoff­system die körper­liche Belast­barkeit verbessert und die Symptome reduziert werden können. Ebenso ist eine Testung auf eine Demandfä­higkeit, notwendig, d.h. eine Überprüfung, ob eine atemzug­ge­steuerte Abgabe des Sauer­stoff­flusses überhaupt möglich ist.

In der Leitlinie wird verstärkt auf die nicht-invasive Beatmung (NIV), insbe­sondere bei COPD-/Lungen­em­physem-Patienten, hinge­wiesen. Was sollten Patienten hierzu wissen?

Wie bereits formu­liert, entwi­ckelt sich bei Patienten mit einem Lungen­em­physem aufgrund der Überblähung das Symptom der Atemnot. Atemnot wird fälsch­li­cher­weise oft zwangs­läufig mit einem Sauer­stoff­mangel gleich­ge­setzt.

Ursache der Atemnot können jedoch zwei verschiedene Krank­heits­bilder sein, die diffe­ren­ziert betrachtet werden müssen und unter­schied­liche thera­peu­tische Inter­ven­tionen erfordern:

Die hypoxä­mische Insuf­fi­zienz (reduzierter Sauer­stoff­gehalt im Blut) aufgrund der Beein­träch­tigung der Sauer­stoff­auf­nahme durch eine reduzierte Lungen­fläche und einer LTOT als thera­peu­ti­schen Maßnahme.

Die Hyper­kapnie (erhöhter Kohlen­di­oxid­gehalt im Blut) aufgrund einer Erschöpfung der Atemmus­ku­latur (insbe­sondere des Zwerch­fells), die eine nicht-invasive Masken­be­atmung (NIV) erfordert.

Hypoxämie und Hyper­kapnie können parallel vorliegen, aber ebenso kann auch nur eines der beiden Krank­heits­bilder auftreten. Die Bewertung der Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie im Vergleich zu einer häuslichen Masken­be­atmung ist ein neues Thema innerhalb der Leitlinie. Beide Erkran­kungen werden dokumen­tiert und diffe­ren­ziert, um Fehlver­sor­gungen zu vermeiden.

Die Leitlinie empfiehlt eine struk­tu­rierte Patien­ten­schulung zur Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie. Wie sieht aktuell die Realität aus?

Auch wenn bereits im Fortbil­dungs-Curri­culum der Atmungs­the­ra­peuten die Schulung von Patienten mit einer Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie enthalten ist, so besteht hier aktuell Handlungs­bedarf – noch ist eine allgemein gültige struk­tu­rierte Patien­ten­schulung nicht vorhanden.

Eine sehr gute Option für eine Sauer­stoff­schulung bieten jedoch einige spezia­li­sierte Rehabi­li­ta­ti­ons­kli­niken innerhalb einer pneumo­lo­gi­schen Rehamaß­nahme oder Anschluss­heil­be­handlung (AHB) nach einem statio­nären Kranken­haus­auf­enthalt an.

Nachweislich ist bei einer COPD die pneumo­lo­gische Rehabi­li­tation ein überaus wichtiger Thera­pie­bau­stein innerhalb des Gesamt­kon­zeptes der Behandlung.

Inter­essant wäre die Entwicklung von Schulungs­videos zur korrekten Anwendung der Sauer­stoff­the­rapie in Analogie zu den Videos der Deutschen Atemwegsliga e.V. der verschie­denen Inhala­ti­ons­systeme. Momentan ist dies noch „Zukunfts­musik“.

Als ebenfalls neues Thema ist in der Leitlinie die Pallia­tiv­me­dizin aufge­führt. Was beinhaltet diese Rubrik?

Wenn ein Patient innerhalb der Pallia­tiv­me­dizin unter einem Sauer­stoff­mangel leidet, greifen natürlich auch die Verord­nungs­kri­terien der Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie. Im Vorder­grund steht dabei vor allem die Reduktion der Sympto­matik.

Hat ein Patient aller­dings normale Sauer­stoff­werte, kann die Zuführung z. B. eines kühlen Luftstroms bereits zur Linderung des Gefühls Atemnot führen, wie Studien belegen. Die kühle Luft (ggf. einen Venti­lator) reizt durch einen Reflex die Gesichts­nerven und senkt die Luftnot.

Ist eine Linderung der Atemnot über diesen Weg nicht möglich, können ggf. Opioide einge­setzt werden.


…mehr Wissen

Die Leitlinie finden Sie auf www.pneumologie.de.

Ein Beratungs­te­lefon und Hilfe zur Selbst­hilfe finden Sie auf www.sauerstoffliga.de.

Ein Infor­ma­ti­ons­blatt zur Verordnung der LTOT finden Sie auf www.atemwegsliga.de.


Text/Interview:
Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek

Bildnachweis:
Invacare
Linde Healthcare
Dr. Peter Haidl
Ursula Krütt-Bockemühl


Dieser Beitrag wurde in der Herbst­ausgabe 2020 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.


Schlagwörter: COPD, Fibrose, Hyperkapnie, Hypoxämie, Langzeit-Sauerstofftherapie, Leitlinie, LOT, LTOT, Lungenemphysem, nicht-invasive Beatmung, NIV, Sauerstofftherapie

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