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Infektionen

19. Juli 2020

Mythen und Reali­täten

Sie sind winzig klein und unsichtbar, kommen in riesigen Mengen und überall vor. Mikro­or­ga­nismen wie Viren oder Bakterien gehören zum biolo­gi­schen System und haben in allen lebenden Organ­simen nützliche Funktionen. Sie können aber auch zu Infek­ti­ons­er­regern werden.

Warum Patienten mit chroni­schen Atemwegs­er­kran­kungen dafür ein beson­deres Risiko haben, wie man sich vor Anste­ckung schützen kann, über einige Mythen und überra­schende Befunde in der Infek­tio­logie sprach Elke Klug mit Professor Dr. Torsten Bauer, Chefarzt Klinik für Pneumo­logie, Lungen­klinik Heckeshorn am Helios Klinikum Emil von Behring in Berlin-Zehlendorf.

Das Risiko für Infek­ti­ons­krank­heiten ist bei chroni­schen Atemwegs­er­kran­kungen deutlich erhöht. Warum ist das so?

Die COPD und alle chroni­schen Atemwegs­er­kran­kungen sind ein Locus minoris resis­tentiae, heißt ein Ort des geringsten Wider­standes, also eine Schwach­stelle des Körpers, die die Entstehung von Erkran­kungen begünstigt. Die Patienten bekommen wesentlich häufiger und auch schwerere Infek­tionen, weil die Lunge ohnehin schon krank ist, und Einschrän­kungen, die eine akute Infektion wie eine Lungen­ent­zündung mit sich bringt, schlechter kompen­siert werden als in einer gesunden Lunge. Wenn die Lungen­funktion wegen einer chroni­schen Atemwegs­er­krankung nur die Hälfte des Solls bringt und dann noch ein Teil von dieser Hälfte wegfällt, dann haben die Patienten ein größeres Problem.

Bei chroni­schen Atemwegs­er­kran­kungen ist die Lunge die Schwach­stelle des Körpers, was die Entstehung von Infek­ti­ons­er­kran­kungen begünstigt.

Welche Folgen können Infek­tionen haben? Was bewirken die Erreger genau?

Bei COPD beispiels­wei­se­Ex­azer­ba­tionen (akute Verschlech­te­rungen). Diese sind zur Hälfte infektiös bedingt. Bei der anderen Hälfte wissen wir nicht genau, warum es zur Exazer­bation kommt. Von den infek­tiösen ist jeweils wieder die Hälfte viral bzw. bakte­riell bedingt. Man muss also unter­scheiden zwischen viralen und bakte­ri­ellen Erregern. Die Bakterien siedeln sich in der Lunge an, vermehren sich dort und führen dazu, dass weiße Blutkör­perchen in die Lunge gelangen, um die Bakterien abzuwehren. Die Lunge füllt sich mit körper­ei­genen weißen Blutkör­perchen und kann ihrer Aufgabe, nämlich den Gasaus­tausch zu sichern, nicht mehr nachkommen. Die Patienten bekommen Luftnot. Im Grunde sind also die Bakterien nicht direkt „schuld“ an der Verschlech­terung, sondern die Immun­abwehr des Körpers infolge der Bakterien. Im Normalfall sind es die weißen Blutkör­perchen, die dem Patienten die Atmung verwehren.

Welche Erreger sind die Haupt­feinde für diese Patienten?

Bei der Lunge sind das die Pneumo­kokken. Sie sind, zumindest bei uns in Deutschland, gut thera­pierbar. In Spanien, Griechenland oder Honkong und anderen Ländern gelingt das weniger gut. Ein weiterer bekannter Erreger von Lungen­in­fek­tionen ist z. B. *Haemo­philus influ­enzae, der anders als sein Name sugge­riert, nicht die Influenza, also die Grippe auslöst, sondern Lungen­ent­zün­dungen.

* Haemo­philus influ­enzae ist ein Bakterium, von dem früher fälsch­li­cher­weise angenommen wurde, dass es der echten Grippe zugrunde liege – daher sein Name. Die Krankheit beginnt meist als fieber­hafte Infektion des Nasen­ra­chen­raums. Üblicher­weise ist die Impfung gegen Haemo­philus influ­enzae Bestandteil einer Kombi­na­ti­ons­impfung, wie z. B. im Sechs­fach­impf­stoff zusammen mit Tetanus, Diphtherie, Kinder­lähmung, Keuch­husten und Hepatitis B.

Was sollten Patienten mit einer Lungen­er­krankung wie COPD über bakte­rielle und virale Infek­tionen wissen?

Sie sollten wissen, dass man die Farbe des Sputums beobachten muss. Wenn es gelb wird, geht man davon aus, dass eine infek­tiöse Ursache vorliegt. Dann sollten die Patienten recht­zeitig einen Arzt aufsuchen, der ggf. antibio­tisch behandelt, auch wenn das nicht in jedem Fall hilft, wie bei einer viralen Ursache. Leider können wir bei der COPD nicht unter­scheiden, ob die Ursache eine bakte­rielle oder eine virale ist. Man behandelt deshalb „breit“ antibio­tisch und nimmt damit eine gewisse Überthe­rapie in Kauf, um die Infektion zu bekämpfen.

Auf Verfär­bungen beim Abhusten achten!

Kann eine virale Infektion überhaupt thera­piert werden, wenn das mit Antibiotika nicht gelingt?

Die antivi­ralen Medika­mente, die wir haben, funktio­nieren nicht wirklich gut. Einige virale Infekte elimi­nieren wir aber durch unser Immun­system selbst mit einer Immun­antwort (die sich als Entzündung bemerkbar macht). In solchen Fällen unter­drücken wir diese Immun­antwort mit Kortison, um zu verhindern, dass sich die Lunge zu sehr entzündet. Die Entzündung muss in den meisten Fällen bekämpft werden. Bei der COPD immer, weil dadurch die bereits bestehende Atemwegs­ob­struktion schlimmer wird.

Was können Patienten vorbeugend tun?

Es gibt zwei Impfungen, die für diese Patien­ten­gruppe empfohlen werden: die Pneumo­kok­ken­impfung und, noch viel wichtiger, die jährliche Grippe­schutz­impfung. Leider werden diese Empfeh­lungen zu selten umgesetzt. Die Impfmü­digkeit innerhalb der relevanten Zielgruppe ist sehr hoch. Aktuell lassen sich von den Menschen, für die diese Impfung empfohlen wird, maximal 30 bis 40 % impfen. Das sind viel zu wenig!

Unbedingt gegen Pneumo­kokken und jährlich gegen Influenza impfen!

Und im Alltag?

Die normalen Hygie­ne­maß­nahmen beachten, vor allem öfter die Hände waschen. Und es gibt eine inter­es­sante Studie aus den USA, die nach Einführung eines neuen Impfstoffes gegen Pneumo­kokken für Kinder gezeigt hat, dass Großeltern weniger Pneumonien bekommen, wenn ihre Enkel­kinder geimpft sind, insbe­sondere dann, wenn diese in einer Gemein­schafts­ein­richtung unter­ge­bracht sind. Patien­tinnen und Patienten mit Atemwegs­er­kran­kungen sollten also, wenn sie Enkel­kinder versorgen, deren Eltern nahelegen, dass der Nachwuchs gegen Pneumo­kokken geimpft wird. Die Großeltern bekommen dann nachweislich weniger häufig Lungen­ent­zün­dungen.

Nachweislich weniger Lungen­ent­zün­dungen bei Großeltern, wenn deren Enkel gegen Pneumo­kokken geimpft sind!

Was erklären Sie Patienten, die vor einem eventuell erfor­der­lichen Klinik­auf­enthalt Angst vor Kranken­haus­keimen haben?

Die wirksamste Prävention für solche sog. nosoko­miale (= Infektion, die im Zuge eines Aufent­haltes in einem Krankenhaus auftritt) Infek­tionen ist, nicht ins Krankenhaus zu gehen: Das heißt zu prüfen, ob es die Möglichkeit gibt, dass das, was geplant ist, außerhalb des Kranken­hauses, also ambulant, statt­finden kann. In allen Kranken­häusern auf der ganzen Welt kommen Kranken­haus­in­fek­tionen vor ‒ in unter­schied­lichen Ländern und in unter­schied­lichen Diszi­plinen unter­schiedlich häufig.

Kranken­haus­auf­ent­halte nur, wenn unbedingt erfor­derlich!

Falls ein Aufenthalt im Krankenhaus unbedingt notwendig ist gilt, je länger er dauert, umso schwerer sind die Infek­tionen. Der Kranken­haus­auf­enthalt sollte möglichst kurz gehalten werden. Was die Patienten zur Infek­ti­ons­ver­meidung beitragen können, ist die rasche Mobili­sation nach der Operation. Sie sollten nicht, wenn wir sagen, Sie können aufstehen, noch einen Tag liegen bleiben. Das machen sie aber sehr gern. Auch wenn wir Patienten einbe­stellen z. B. für eine geplante Unter­su­chung, ist das erste, was sie tun: Sie ziehen sich aus und legen sich ins Bett, ohne dazu aufge­fordert worden zu sein. Diese Grund­an­nahme, dass das so sein muss, kommt aus dem Mittel­alter. Eine Liegekur war gleich­zeitig die Therapie. Heute würden wir als Mediziner im Krankenhaus Bettruhe lieber als Einzel­maß­nahme stunden­weise je nach Notwen­digkeit verschreiben. Als Infek­ti­ons­me­di­ziner sage ich, wenn wir könnten, würden wir morgens die Betten hochklappen. Das Aufstehen aus dem Bett führt zu einer besseren Durch­lüftung der Lunge und ist damit die beste Prävention von Infek­tionen.

Die Lunge muss bewegt werden!

Das Aufstehen aus dem Bett führt zu einer besseren Durch­lüftung der Lunge und ist damit die beste Prävention von Infek­tionen!

Besteht nicht beim Herum­laufen auch die Gefahr der Anste­ckung?

Nicht alle Patienten im Krankenhaus haben Infek­ti­ons­krank­heiten. Die Durch­mi­schung mit infek­tiösen Patienten können wir ja steuern, denn wir wissen, wen es betrifft. Und die Infek­tiösen, dafür sorgen schon die Hygie­ne­ärzte im Krankenhaus, haben strenge Restrik­tionen.

Dass das Krankenhaus ein Hort von Infek­ti­ons­quellen ist, das muss man also hinnehmen?

Das muss man akzep­tieren. Nicht zu akzep­tieren ist, dass die Haupt­ur­sache für die Übertragung das Kranken­haus­per­sonal ist, Pflege­per­sonal und Ärzte, die mit ihrer hygie­ni­schen Vorstellung teilweise noch sehr im Mittel­alter verhaftet sind.

Aber es hat in den letzten zehn Jahren auch ein großes Umdenken gegeben, besonders bei der Hände­des­in­fektion. Das ist die wichtigste Inter­vention, die wir im Krankenhaus haben. Heute entscheidet der Gesamt­ver­brauch an Desin­fek­ti­ons­mitteln, ob eine Station gut oder schlecht beurteilt wird. Während man früher eher gesagt hat „Ihr habt einen zu hohen Desin­fek­ti­ons­mit­tel­ver­brauch“, ist es heute so, dass die Stationen angeschrieben werden, die einen geringen Desin­fek­ti­ons­mit­tel­ver­brauch haben. In diesem Bereich wird auch nicht gespart, das meine ich mit Umdenken. Früher war das anders. Als ich hier im Jahr 2007 angefangen habe, mussten wir noch um jeden Desin­fek­ti­ons­spender kämpfen. Es hieß, reicht nicht einer pro Station? Heute hängt an jedem Zimmer einer und der wird auch an jedem Zimmer benutzt. Zusätzlich gibt es die Kittel­ta­schen­des­in­fektion, d. h. die Ausrede, ich habe gerade keinen gefunden, gibt es nicht mehr, das Kranken­haus­per­sonal kann sich wirklich in jeder Situation die Hände desin­fi­zieren.

Hände­des­in­fektion ist die wichtigste Inter­vention im Krankenhaus!

Aktion Saubere Hände** ‒ ist das nach wie vor ein Thema oder immer noch zu wenig beachtet? Halten Sie die Aktion für sinnvoll und prakti­kabel.

Die Propa­gierung der Aktion wird sicherlich noch die nächsten 50 bis 100 Jahre sinnvoll und notwendig bleiben. Man kann hoffen, dass es nicht so lange dauert, aber solange die Durch­dringung des Bewusst­seins für die Hände­des­in­fektion nicht 100 % beträgt, hat die Aktion mit vielen Einzel­maß­nahmen ihren Stellenwert.

Es gab dazu auch eine Änderung in der Gesetz­gebung. Die sog. KRINKO*** hat durch­ge­setzt, dass Hygie­ne­per­sonal am Krankenhaus fest angestellt sein muss und genau beobachtet, wo und wann Infek­tionen statt­finden. Das funktio­niert hier im Haus exzellent, d.h., wir werden aktiv angesprochen, wenn auf einer Station plötzlich ein Erreger zweimal hinter­ein­ander auftaucht und können dann sofort handeln. Das war z. B. vor zwei Jahren so, als wir auf einer Station ein Problem hatten mit einem bestimmten Erreger. Wir haben dann zusammen mit der Hygiene diese Zimmer umgebaut, sodass dort, wo früher die Patienten Schränke gemeinsam genutzt haben, jetzt einzelne Schränke aufgebaut wurden und eine striktere Trennung zwischen den Betten erfolgte.

**Die “Aktion Saubere Hände” ist eine nationale Kampagne zur Verbes­serung der Compliance der Hände­des­in­fektion in deutschen Gesund­heits­ein­rich­tungen. Sie wurde am 1. Januar 2008, mit Unter­stützung des Bundes­mi­nis­te­riums für Gesundheit, vom Natio­nalen Referenz­zentrum für Surveil­lance von nosoko­mialen Infek­tionen (NRZ), dem Aktions­bündnis Patien­ten­si­cherheit e.V. (APS) sowie der Gesell­schaft für Quali­täts­ma­nagement in der Gesund­heits­ver­sorgung e.V. ins Leben gerufen.
www.aktion-sauberehaende.de

***Gemäß § 23 Abs. 1 Infek­ti­ons­schutz­gesetz (IfSG) erstellt die Kommission für Kranken­haus­hy­giene und Infek­ti­ons­prä­vention (KRINKO) Empfeh­lungen zur Prävention nosoko­mialer Infek­tionen sowie zu betrieblich-organi­sa­to­ri­schen und baulich-funktio­nellen Maßnahmen der Hygiene in Kranken­häusern und anderen medizi­ni­schen Einrich­tungen.

Wie ist es beim Pflege­per­sonal? Wie wird es geschult und werden die Schulungen immer wieder erneuert?

Tradi­tionell ist das Hygie­ne­be­wusstsein beim Pflege­per­sonal höher als bei den Ärzten, daran hat sich auch in den letzten Jahren nicht viel geändert, die Pflege ist sehr gut geschult.

Sind „Fremd­firmen“ (z. B. Reini­gungs­per­sonal) „Infek­ti­ons­ge­fährder“ für Patienten?

Sie sind nicht das Problem. Die Hände müssen am Patienten gewesen sein, dann findet die Übertragung statt, da spielt Reini­gungs- oder anderes Personal überhaupt keine Rolle. Die Probleme im Krankenhaus machen nicht die Erreger, die von außen kommen. In der Influ­enz­a­saison gibt es immer mal wieder einen Ausbruch, wenn jemand mit Influenza zu Besuch war, weil sie anste­ckend ist, noch bevor derjenige merkt, dass er richtig krank ist. Das lässt sich nicht vermeiden. Aber alles, was von draußen herein­ge­tragen wird, ist nicht schwer zu behandeln. Das Problem im Krankenhaus sind eher die schwer behan­del­baren Infek­tionen. Und da ist tradi­tio­nel­ler­weise die Inten­siv­station ein Hotspot.

Was sollten COPD-Patienten über Pilzin­fek­tionen wissen?

Der Klassiker bei COPD-Patienten ist der Mundsoor. Der entsteht bei sehr hohen Korti­son­dosen oder durch Fehler bei der Inhalation mit den inhala­tiven Korti­son­prä­pa­raten. Letzteres kann man ändern. Wir schulen alle unsere Patienten in der Inhala­ti­ons­technik, aber es stehen mittler­weile bei den COPD-Patienten so viele Inhala­toren zur Verfügung, dass kaum noch jemand die richtige Anwendung kennt. Ich kann nur empfehlen, mit dem behan­delnden Arzt darüber zu sprechen, welches das für den Patienten geeignete Inhala­ti­ons­gerät ist und danach dann auch das Medikament auszu­suchen.

Inhala­ti­ons­schu­lungen können bei inhala­tivem Kortison Pilzin­fek­tionen vermeiden.

Und wenn es doch zu einer Pilzin­fektion gekommen ist?

Der Mundsoor ist sehr gut mit einem lokalen Antimy­ko­tikum, was nicht in den Körper aufge­nommen wird, behan­delbar. Bei schwe­reren Pilzin­fek­tionen kann man auch syste­misch thera­pieren. Aber, Pilzin­fek­tionen sind meistens Ausdruck einer antibio­ti­schen Vorbe­handlung, auch in dem Fall gilt, nicht in jedem Fall ein Antibio­tikum nehmen, sondern nur, wenn das Sputum gelb ist und dann auch möglichst kurz, fünf Tage.


Bildnach­weise:
Professor Dr. Torsten Bauer, Berlin
Aktion Saubere Hände
Naeblys, ylivdesign, Peter Atkins – Fotolia.com

Interview/Text:
Elke Klug, freie Medizin­jour­na­listin, Berlin

Der Beitrag wurde in der Herbst­ausgabe 2019 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.

Schlagwörter: akute Verschlechterung, Bakterien, COPD, Corona, Erreger, Händedesinfektion, Infektionen, Infektionsquelle, Inhalationsschulung, Lungenemphysem, Mikroorganismen, Pilze, Viren

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