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Asthma bronchiale im Wandel

20. Juli 2020

Thera­peu­tische Erfolgs­ge­schichte

Asthma ist eine Erkrankung, die die Menschheit seit Jahrhun­derten, wenn nicht Jahrtau­senden begleitet. Noch zu Beginn des 19.Jahrhunderts wurden „Asthma- Zigaretten“ zur Linderung des Leidens angeboten. Das klinische Bild der Erkrankung und die Behand­lungs­mög­lich­keiten haben sich in den letzten Jahrzehnten drama­tisch verändert und verändern sich weiter in Richtung perso­na­li­sierter Medizin.

…kaum mehr vorstellbar, “Asthma-Zigaretten” zu Beginn des 19. Jahrhun­derts

Noch in den 1990er Jahren haben nieder­ge­lassene Allge­mein­me­di­ziner berichtet, dass sie immer wieder oft bis zu zweimal pro Woche lebens­be­droh­liche Asthma­an­fälle zu versorgen hätten. Dies bedeutete für diese Ärzte einen hohen Aufwand, da Patienten mit akuter Atemnot oft mitten in der Nacht oder am frühen Morgen zu versorgen waren. Die thera­peu­ti­schen Möglich­keiten bestanden damals in der intra­ve­nösen Gabe von Theophyllin-Präpa­raten in Kombi­nation mit Kortison.


Asthma bronchiale, verein­fa­chend meist als Asthma bezeichnet, ist eine chronische Atemwegs­er­krankung. Den Begriff Asthma verwendete der griechische Arzt Hippo­krates bereits vor zweiein­halb­tausend Jahren für Atemnot und vorüber­ge­hende Kurzat­migkeit. Übersetzt bedeutet er sinngemäß “Beklemmung” oder “Keuchen”.

In den Atemwegen von Menschen mit Asthma besteht andauernd (chronisch) eine Entzündung, die mit einer erhöhten Empfind­lichkeit des Bronchi­al­systems gegenüber verschie­denen Reizen einhergeht.

Diese sogenannte bronchiale Hyper­re­agi­bi­lität und die perma­nente Entzündung führen über mehrere Mecha­nismen zu einer Verengung der Bronchien (=Atemwegs­ob­struktion), welche die asthma­ty­pi­schen Symptome hervorruft. Dazu zählen pfeifende Atmung, Kurzat­migkeit und Luftnot, ein Engegefühl in der Brust oder auch nur Husten. Ein charak­te­ris­ti­sches Merkmal dieser Erkrankung ist, dass die Symptome anfalls­artig auftreten, sich wieder zurück­bilden, um dann beim nächsten Anfall erneut aufzu­flammen. Bei Asthma gibt es Zeiträume mit stärkeren und schwä­cheren Beschwerden, aber auch beschwer­de­freie Zeiten.

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Gut zu wissen: Asthma kann sowohl bei Kindern – Asthma ist die häufigste chronische Kinder­krankheit – als auch bei Erwach­senen auftreten, in manchen Fällen tritt Asthma sogar erstmals im betagten Alter auf. Nicht immer einfach ist es, Asthma bronchiale von der chronisch obstruk­tiven Lungen­er­krankung COPD (Lungen­em­physem und chronische Bronchitis) zu unter­scheiden. Einige Patienten haben zudem sowohl Asthma als auch COPD oder es entwi­ckelt sich nach einem kindlichen Asthma im betagten Alter zusätzlich eine COPD.

Eine ausführ­liche Diffe­ren­zi­al­dia­gnostik nimmt also einen besonders wichtigen Stellenwert ein! 


Kortison als Tablette oder zum Inhalieren

Ende der 1970er Jahre wurde Kortison zum Inhalieren entwi­ckelt, womit sich die Behandlung des Asthma bronchiale grund­legend änderte. Mit der Inhalation gelangte nun Kortison direkt in die Atemwege, und es war möglich geworden, die täglich notwendige Korti­son­dosis um das 10- bis 100-Fache zu reduzieren, um die gleiche Wirkung bei jedoch drama­tisch reduzierten Neben­wir­kungen zu erreichen.

Dies war möglich, da durch die Inhalation der entzün­dungs­hem­menden Korti­son­mo­leküle, diese direkt auf die chronische Asthma­ent­zündung in den Atemwegen, sozusagen „vor Ort“, einwirken konnten. Die gefürch­teten Langzeit­folgen einer oralen Stero­id­the­rapie, wie Diabetes mellitus, arterielle Hyper­tonie (Bluthoch­druck), Osteo­porose und Katarakt­er­kran­kungen des Auges sind mit der Verwendung des inhala­tiven Kortison aus dem klini­schen Alltag verschwunden. Dennoch besteht bei vielen Patienten und Angehö­rigen nach wie vor eine große Angst vor Kortison, die aller­dings beim Kortison zum Inhalieren nicht begründet ist.

Auch lange verschwunden sind jene Behand­lungs­me­thoden, die wie eine „Asthma-Zigarette“ funktio­nieren sollten und bei der Rauch von verbrannten Kräutern in die Atemwege einge­bracht wurde. Einer Überprüfung wurde diese Therapie aus dem Beginn des 19. Jahrhun­derts jeden­falls nie unter­zogen. Ganz im Gegenteil: wir wissen heute, dass Rauch­be­lastung die Entzün­dungs­re­aktion in den Atemwegen akut verschlechtert und damit Asthma­an­fälle bewirken kann.

Aktives Rauchen, das eine intensive Belastung für Lunge und Atemwege bedeutet, führt dazu, dass Kortison deutlich weniger oder gar nicht wirkt. Kortison führt zu einem Rückgang der Entzündung in den Atemwegen, während Rauchen diese Entzündung begünstigt. Neben dem klar nachge­wie­senen negativen Effekt des Aktiv­rau­chens ist auch Passiv­rauchen als Luftschad­stoff zu werten, der die chronische Entzündung bei Asthma verschlechtert.

Neben der Inhalation von anderen Luftschad­stoffen, wie z. B. Feinstaub oder Ozon, sind es natürlich auch Belas­tungen durch Allergene, wie Pollen oder Tierhaare, die bei Asthma eine entschei­dende Rolle spielen. In den letzten 50 Jahren ist es zu einem drama­ti­schen Anstieg der Häufigkeit aller­gi­scher Erkran­kungen gekommen, und im gleichen Ausmaß damit auch zu einer deutlichen Zunahme der Asthma­er­kran­kungen.

Unter­su­chungen großer Bevöl­ke­rungs­gruppen in europäi­schen Ländern zeigen, dass 5 bis 10 % der Bevöl­kerung jeden Alters von Asthma bronchiale betroffen sind.

Obwohl die Häufigkeit von Asthma­er­kran­kungen in den letzten 20 Jahren deutlich zugenommen hat, in manchen Ländern um mehr als Fünffache, ist es doch gleich­zeitig zu einem Rückgang der schweren Asthma­fälle und Asthma­to­des­fälle gekommen. Diese Abnahme der schweren Asthma­er­kran­kungen und Asthma­to­des­fälle, trotz Zunahme der Asthma­er­kran­kungen insgesamt, wird in erster Linie dem inhala­tiven Kortison zugeschrieben.

Zielge­richtete Therapie bei Asthma bronchiale

Seit den 2000er Jahren hat die Therapie von Asthma bronchiale nochmals einen grund­le­genden Wandel erfahren. Mit neuen Medika­menten wurde begonnen – wie das bereits in der Onkologie seit langem der Fall war – zielge­richtete Therapien durch­zu­führen. Mit einem besseren Verständnis davon, wie einzelne Moleküle, wie z. B. Immunglobulin‑E oder Interleukin‑5, die chronische Entzündung bei Asthma bewirken, konnten auch Medika­mente entwi­ckelt werden, die diese Moleküle gezielt ausschalten.

Das Immunglobulin‑E (IgE) spielt eine zentrale Rolle für alle aller­gi­schen Reaktionen, und die Blockade von Ig‑E kommt daher in erster Linie beim aller­gi­schen Asthma zum Einsatz. Erhöhte Ig-E-Werte im Blut sind eine Voraus­setzung, diese Therapie zum Einsatz zu bringen. Mit Omali­zumab steht ein Wirkstoff zur Verfügung, der als Injektion unter die Haut verab­reicht werden kann. Neben der Blockade des Ig‑E kann auch Interleukin‑5 (IL‑5) blockiert werden, ein Boten­stoff, der für die Regulation der Eosino­philen von Bedeutung ist. Diese sogenannten Eosino­philen sind Teil der weißen Blutkör­perchen und für die Entzün­dungs­re­aktion bei Asthma entscheidend. Für die Blockade des IL‑5 können mehrere Medika­mente (Mepoli­zumab, Benra­li­zumab, Trastu­zumab) verwendet werden. Diese Anti-IL‑5 Medika­mente werden entweder subkutan (unter die Haut) oder über eine I.-v.-Therapie (intra­venös – in die Vene) verab­reicht. Voraus­setzung für eine Verschreibung sind erhöhte Blutspiegel der Eosino­philen, die beim sogenannten eosino­philen Asthma vorliegen.

Die Entwicklung der moleku­lar­bio­lo­gi­schen Blockade von einzelnen Boten­mo­le­külen bei Asthma bronchiale steht erst am Anfang. Mit fortschrei­tendem Verständnis der Moleku­lar­bio­logie der Erkrankung wird es in Zukunft besser möglich sein, verträg­liche und neben­wir­kungs­ärmere Therapien zum Einsatz zu bringen. Die neuen Medika­mente, die eine Blockade von Molekülen bewirken und damit den Teufels­kreis der Entzündung unter­brechen, führen zu einer verbes­serten Kontrolle der Asthma­be­schwerden und gleich­zeitig kann oftmals die Korti­son­dosis reduziert werden.

Entscheidend für eine wirksame Behandlung der Asthma­er­krankung ist neben der exakten medika­men­tösen Therapie auch eine genaue Kenntnis der Risiko­fak­toren, die im persön­lichen Umfeld einen Asthma­anfall auslösen können. Der einzige Risiko­faktor, der sich überein­stimmend für alle Arten von Asthma nachweisen lässt, ist das Zigaret­ten­rauchen. Sowohl passives als auch aktives Rauchen begüns­tigen die Entzündung der Atemwege. Dies beginnt oftmals schon bei rauchenden Schwan­geren mit der vorge­burt­lichen Schädigung des Lungen­wachstums des Fetus.

Mit jenen Medika­menten, die uns heute zur Verfügung stehen, sollte es in mehr als 95 % der Erkran­kungen möglich sein, mit Asthma ein gutes Leben in guter Lebens­qua­lität zu führen. Daneben besteht das Thera­pieziel, diese Lebens­qua­lität mit der niedrigst möglichen Korti­son­dosis zu erreichen.

Der künftige Wandel wird dadurch bestimmt sein, dass vermehrt zielge­richtete Therapien zum Einsatz kommen.


Autor: Professor Dr. Michael Studnicka
Univer­si­täts­kli­nikum für Pneumo­logie
Unikli­nikum Salzburg

Bildnach­weise:
Professor Dr. Michael Studnicka
Sandra Hallinger/Wildbild
igoraul – Fotolia.com


Der Beitrag wurde in der Herbst­ausgabe 2019 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.

Schlagwörter: Antikörper, Asthma, Asthma bronchiale, Asthmaanfall, Ig-E, Immunglobulin-E, Inhalation, Kortison

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