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Gesundheitsbezogene Lebensqualität

04. Mai 2020

Den Alltag meistern

Gesundheitsbezogene Lebensqualität ist ein Wortungetüm. Dahinter steckt jedoch ein hilfreiches Konzept – vor allem für psychopneumologische Ansätze. Denn in einem Punkt sind sich Patienten, Behandler und Forscher einig: Chronische Lungenerkrankungen beeinträchtigen die Lebensqualität.

Weniger Einigkeit besteht darüber, was eigentlich unter Lebensqualität zu verstehen ist. Grundlagen für eine hilfreiche Auseinandersetzung mit diesem Thema bietet das Konzept der Gesundheitsbezogenen Lebensqualität.

Was ist gesund­heits­be­zogene Lebens­qua­lität?

Gesund­heits­be­zogene Lebens­qua­lität (engl. Health Related Quality of Life = HRQoL) beschreibt, wie sich der Gesund­heits­zu­stand auf das Befinden auswirkt:

  • körperlich (= physisch)
  • seelisch (= psychisch)
  • geistig (= kognitiv, mental)
  • sozial (= in Bezie­hungen)

Bei Patienten mit chroni­schen Lungen­er­kran­kungen spielen häufig FEV1-Wert (Einse­kun­den­ka­pa­zität) und Sauer­stoff­sät­tigung eine geringere Rolle für das subjektive Wohlbe­finden als Gehstrecke, erhol­samer Schlaf und ausge­gli­chene Stimmung.

Natürlich hängen die klini­schen Werte und das subjektive Befinden zusammen – jedoch keineswegs zwangs­läufig und auch nicht bei jedem Patienten in gleichem Maße. Deshalb ist es sinnvoll, außer Lungen­funktion und Labor die Auswir­kungen der Erkrankung auf die indivi­duelle Lebens­si­tuation jedes Patienten zu messen.

Wie misst man die gesund­heits­be­zogene Lebens­qua­lität?

Die Messung der Gesund­heits­be­zo­genen Lebens­qua­lität (HRQoL) erfolgt mithilfe von Selbst­be­ur­tei­lungs-Frage­bögen. Die Patienten geben an, wie stark die Krank­heits­sym­ptome das Befinden und den persön­lichen Lebensstil beein­flussen. Die Antworten werden entweder anhand einer Bewer­tungs­skala (engl. Rating Scale) einge­tragen oder aus vorge­ge­benen Antwort­mög­lich­keiten ausge­wählt.

Welche Messin­stru­mente für die gesund­heits­be­zogene Lebens­qua­lität sind gebräuchlich?

Es gibt zahlreiche allgemein gehaltene Frage­bögen zur Erfassung der Gesund­heits­be­zo­genen Lebens­qua­lität (HRQoL), sogenannte generische Frage­bögen. Zusätzlich gibt es für einzelne Krank­heits­bilder spezi­fische Instru­mente.

Zur Erfassung der gesund­heits­be­zo­genen Lebens­qua­lität (HRQoL) bei chroni­schen Lungen­er­kran­kungen kommen vor allem drei Tests zum Einsatz:

  • CAT (= COPD Assessment Test)
  • SGRQ (= Saint George Respiratory Questi­on­naire)
  • SRI (= Severe Respiratory Insuffi­ciency Questi­on­naire)

CAT (= COPD Assessment Test)

Der CAT mit acht Fragen (engl. Items) ist in der ambulanten pneumo­lo­gi­schen Versorgung inzwi­schen fest etabliert. Die Patienten kreuzen in einer Bewer­tungs­skala von 0 bis 5 jeweils an, welche Aussage derzeit am besten auf ihre Situation zutrifft.

Beispiel-Item des CAT:

Ich bin voller Energie    0 – 1 – 2 – 3 – 4 – 5     Ich habe überhaupt keine Energie

Die Punkt­werte für die einzelnen Fragen werden zu einem Gesamtwert (Score) zusam­men­ge­zählt. Ein hoher Gesamtwert entspricht einer hohen krank­heits­be­dingten Belastung bzw. einer stark einge­schränkten gesund­heits­be­zo­genen Lebens­qua­lität.

Den CAT-Test finden Sie hier zum online ausfüllen und ausdrucken https://www.atemwegsliga.de/copd-assessment-test.html

SGRQ (= Saint George Respi­ratory Questi­on­naire)

Der SGRQ kommt vor allem zur Verlaufs­kon­trolle in der pneumo­lo­gi­schen Reha und in der Forschung zum Einsatz. Die deutsche Version ist mit insgesamt 50 Fragen (Items) in drei Subskalen (Krank­heits­sym­ptome – Aktivi­täten – Belastung) recht umfang­reich. Sie kombi­niert Richtig-Falsch-Fragen mit Bewer­tungs­fragen.

Die Gesamt­werte (Summen-Scores) der SGRQ-Subskalen bilden ein prozen­tuales Maß der Beein­träch­tigung, das von 0% (unbeein­trächtigt) bis 100% (vollständig beein­trächtigt) reicht.

Beispiel-Item des SGRQ (aus der Subskala Belas­tungen):

Wenn ich keine Luft kriege, bekomme ich Angst und gerate in Panik

Richtig            Falsch

Deutsche Version des Frage­bogens https://docplayer.org/61685610-Sgrq-deutsche-version.html

SRI (= Severe Respi­ratory Insuf­fi­ciency Questi­on­naire)

Der SRI umfasst sieben Subskalen (Atembe­schwerden, körper­liche Rollen­funktion, Begleitsymptome/Schlaf, soziale Bezie­hungen, krank­heits­be­zogene Ängste, psychische Befind­lichkeit und soziale Rollen­funktion) mit insgesamt 49 Fragen (Items). Er wurde von einem Team aus Pneumo­logen und Psycho­so­ma­tikern speziell für Patienten mit fortge­schrit­tenen Lungen­er­kran­kungen entwi­ckelt und erfasst deren Gesund­heits­be­zo­genen Lebens­qua­lität (HRQoL) sehr zuver­lässig und präzise.

Beispiel-Item des SRI (aus der Subscala Soziale Rollen­funktion):

Besuch strengt mich sehr an            

Richtig            Falsch

Weitere Infor­ma­tionen und den deutschen Frage­bogen finden Sie hier https://www.pneumologie.de/aktuelles-service/patienteninformation/patienten-fragebogen-zur-befindlichkeit-bei-schwerer-respiratorischer-insuffizienz/?L=0%27A%3D0

Gesund­heits­be­zogene Lebens­qua­lität und Psychopneu­mo­logie

Gerade psychische Störungen beein­träch­tigen die Lebens­qua­lität von Patienten mit chroni­schen Lungen­er­kran­kungen erheblich. Angst­sym­ptome und depressive Verstim­mungen stellen Hinder­nisse für eine erfolg­reiche Therapie dar. Das geschieht auf mehreren Wegen:

  • Psychische Störungen belasten als Begleit­erkran­kungen den Patienten zusätzlich.
  • Sie verstärken die Symptome der chroni­schen Lungen­er­krankung und verschlechtern den Krank­heits­verlauf.
  • Sie wirken sich nachhaltig auf die Thera­pie­treue (= Adhärenz) aus (z. B. auf die Inhala­ti­ons­the­rapie, LTOT = Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie, NIV = nicht-invasive Beatmung).

Die Frage­bögen zur Gesund­heits­be­zo­genen Lebens­qua­lität erfassen neben den körper­lichen Auswir­kungen der chroni­schen Lungen­er­krankung auf Lebens­qua­lität auch die psychi­schen und sozialen Probleme. Diese Belas­tungen bleiben in der Praxis häufig unerwähnt, unbeachtet und unbehandelt.

Weil psychische Themen oft als schwierig, peinlich, tabui­siert erlebt werden, liefern die Ergeb­nisse der Frage­bögen zur Lebens­qua­lität einen niedrig­schwel­ligen Einstieg in das gemeinsame Gespräch zwischen Patienten und Behandlern.

Warum sollte die Gesund­heits­be­zogene Lebens­qua­lität routi­ne­mäßig erfasst werden?

Für Patienten mit chroni­schen Lungen­krank­heiten sind vor allem die Auswir­kungen ihrer Erkrankung auf das tägliche Leben entscheidend. Wenn sie erleben, dass im Gespräch mit Behandlern ihre Lebens­qua­lität Beachtung findet, so verändert das die Qualität und die Dynamik der Beziehung gleich mehrfach:

  • Patienten fühlen sich umfas­sender wahrge­nommen.
  • Sie werden ermutigt, ihre Beschwerden und ihre Behand­lungs­wünsche indivi­du­eller mitzu­teilen.
  • Patienten verstehen die Auswir­kungen von Thera­pie­ent­schei­dungen besser. Sie fühlen sich einbe­zogen, können Thera­pie­emp­feh­lungen leichter umsetzen und verläss­licher einhalten.

Auch für die Behandler ergeben sich durch die Messung der gesund­heits­be­zo­genen Lebens­qua­lität neue Perspek­tiven:

  • Die Behandler erfahren neben den körper­lichen auch die indivi­du­ellen psychi­schen, geistigen und sozialen Auswir­kungen der chroni­schen Lungen­er­krankung. So erhalten sie Hinweise für weitere Diagno­se­schritte und Inter­ven­tionen.
  • Bei fortge­schrit­tenen Erkran­kungen mit begrenzten Thera­pie­mög­lich­keiten zeigt die Messung der gesund­heits­be­zo­genen Lebens­qua­lität, durch welche Maßnahmen sich das Niveau der Lebens­qua­lität erhalten und in welchen Bereichen es sich mögli­cher­weise gezielt steigert lässt.
Den Alltag meistern

Autorin: Monika Tempel

Ärztin, Autorin, Referentin, Schwer­punkt Psychopneu­mo­logie, Regensburg, www.monikatempel.de


Veröf­fent­licht in der Ausgabe 25,  Winter 2019 der Fachzeit­schrift für Arzt und Patient  “Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge”

Schlagwörter: Alltag meistern, Atemnot, CAT, chronische Lungenerkrankung, COPD, Lebensqualität, Luftnot, Lungenemphysem, Psyche, Psychopneumologie

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