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Formen der Atmungsschwäche

27. Juli 2020

Thera­peu­tische Optionen bei Vorliegen einer Atmungs­schwäche

Die nachfol­genden Inhalte zur Atmungs­schwäche basieren auf dem Vortrag „High-Flow-Sauer­stoff-Therapie im außer­kli­ni­schen Bereich – eine echte Alter­native?“ von Dr. Jens Geiseler anlässlich des Workshops der Deutschen Sauer­stoff- und BeatmungsLiga LOT e.V. beim Kollo­quium 2019 in Bad Reichenhall und einem Gespräch mit Dr. Geiseler im Nachgang des Vortrages.  

Dr. Geiseler ist Chefarzt der Medizi­ni­schen Klinik IV für Pneumo­logie, Beatmungs- und Schlaf­me­dizin, Klinikum Vest in Marl und Vorsit­zender der Deutschen Sauer­stoff- und BeatmungsLiga LOT e.V.  – www.sauerstoffliga.de 

Atmungs­systeme

Sauer­stoff­auf­nahme
Jede einzelne Zelle unseres Körpers benötigt dauerhaft Sauer­stoff. Auch wenn manche Körper­zellen einige Stunden ohne Sauer­stoff funkti­ons­fähig bleiben, so sterben andere Zellen – speziell die Hirnzellen – bereits nach kurzer Zeit ohne Sauer­stoff ab. 

Bei der Einatmung nehmen wir über die Lunge Sauer­stoff auf. In den winzigen Lungen­bläschen am Ende der kleinsten Bronchi­en­ver­äs­te­lungen findet der Austausch des Sauer­stoffs ins Blut statt. Über das Blut wird der Sauer­stoff für den „Endver­brauch“ weiter zu den einzelnen Körper­zellen trans­por­tiert.

Sauer­stoff ist für unsere Körper­zellen essen­ziell notwendig, um Energie zu produ­zieren. Die gewonnene Energie dient sowohl dem Selbst­erhalt der Zellen, als auch der funktio­nellen Leistungs­er­bringung, wie z. B. dem Zusam­men­ziehen bei Muskel­zellen.

Kohlen­di­oxid­abgabe
Im Rahmen des Stoff­wechsels entsteht im Körper als „Abbau­produkt“ neben Wasser vor allen Dingen Kohlen­dioxid (CO2). Zur „Entsorgung“ muss das Kohlen­dioxid über das Blut zur Lunge trans­por­tiert und dort über die Ausatmung abgeatmet werden. Der Abtransport erfolgt also entge­gen­ge­setzt zum Weg des Sauer­stoffs.   

Im Prinzip basiert die Atmung auf mehreren mitein­ander „verzahnten Systemen“ zur Sauer­stoff­auf­nahme und Kohlen­di­oxid­abgabe. Erkran­kungen können Einfluss auf die Systeme nehmen und eine Atmungs­schwäche an einem System oder aber auch an beiden Systemen auslösen.

Formen der Atmungs­schwäche

Zwei Formen der Atmungs­schwäche (respi­ra­to­rische Insuf­fi­zienz) sind zu unter­schieden:

Schwä­chung der Lunge (pulmonale Insuf­fi­zienz)

Erkran­kungen der Lunge, wie beispiels­weise eine Lungen­ent­zündung, eine Lungen­fi­brose oder eine COPD, können den Gasaus­tausch zwischen den Millionen kleinen Lungen­bläschen und den sie umschlie­ßenden kleinen Gefäß­netzen beein­träch­tigen. Die notwendige Fläche zum Gasaus­tausch wird durch die Erkrankung reduziert bzw. einge­schränkt. 

Eine Erkrankung der Lunge führt primär zu einer Störung der Sauer­stoff­auf­nahme. Als Konse­quenz daraus nimmt der Gehalt des Sauer­stoffs im Blut ab.

Häufigste Ursache für eine Sauer­stoff­störung ist die chronisch obstruktive Lungen­er­krankung (COPD), unter diesem Begriff werden das Lungen­em­physem und die chronische Bronchitis zusam­men­ge­fasst. Sauer­stoff­mangel im Blut wird medizi­nisch als Hypoxämie bezeichnet.

Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie
Ein behand­lungs­be­dürf­tiger chroni­scher Sauer­stoff­mangel im Blut liegt vor, wenn sich der arterielle Sauer­stoff­par­ti­al­druck (PaO2) unter Ruhebe­din­gungen während einer stabilen Krank­heits­phase von ca. vier Wochen mehrfach (mindestens dreimal) zwischen 56–60 mm Hg befindet (gemäß der derzeit in Überar­beitung befind­lichen Leitlinie zur Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie). Der Normbe­reich liegt zwischen 75–95 mmHg.

Eine Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie erhöht die Konzen­tration des Sauer­stoffs bei der Einatmung. Ziel einer Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie ist die Wieder­her­stellung einer ausrei­chenden Belüftung/Durchblutung (Ventilation/Perfusion) zur Sicher­stellung des Gasaus­tau­sches.

Durch die erhöhte Konzen­tration des Sauer­stoffs merkt das Atemzentrum, dass wieder genug Sauer­stoff vorhanden ist und reduziert somit den Antrieb der Atemmus­ku­latur, die Atemfre­quenz norma­li­siert sich.

Schwä­chung der Atempumpe

Der Begriff Atempumpe wurde vor ca. 25 Jahren in der Medizin geprägt. Unter diesem Begriff werden die Skelett­an­teile des Brust­korbs, die Atemmus­ku­latur mit ihren peripheren Nerven und das Atemzentrum (Teil des Gehirns, das die Ein- und Ausatmung reguliert) zusam­men­ge­fasst. Die Atemmus­ku­latur wiederum setzt sich aus dem Zwerchfell, dem wichtigsten Atemmuskel, sowie den Zwischen­rip­pen­muskeln zusammen. Bei körper­licher Anstrengung und erschwerter Atmung kann die Atemhilfs­mus­ku­latur (Hals‑, Nacken- und Schul­ter­gür­tel­muskeln) die Atmung zusätzlich unter­stützen.

Lunge und Zwerchfell, der größte Atemmuskel

Ist der Sauer­stoff­gehalt im Blut durch eine Erkrankung oder durch den ganz natürlich erhöhten Bedarf, wie z. B. durch verstärkte körper­liche Bewegung, zu niedrig, erfolgt automa­tisch mittels Impulsen der Befehl an das Gehirn, schneller und tiefer zu atmen.

Durch die gestei­gerte Atmung kann mehr CO2 abgeatmet und im Prinzip mehr Platz für Sauer­stoff geschaffen werden – der Körper versucht über diese Steuerung eine Balance zwischen den einzelnen Systemen herzu­stellen.

Solange die mit der gestei­gerten Atmung einher­ge­hende Belastung der Atemmus­ku­latur zeitlich begrenzt bleibt, wie dies bei einem Gesunden der Fall ist, sind keinerlei Auswir­kungen zu erwarten. Bei einer Dauer­be­lastung der Atemarbeit und somit der Atemmus­ku­latur über Jahre bzw. Jahrzehnte hinweg, etwa aufgrund einer Erkrankung der Lunge mit chroni­schem Sauer­stoff­mangel, kann diese jedoch sekundär zu einer Überlastung der Atemmus­ku­latur führen.

Wichtig zu wissen: Haupt­effekt einer Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie ist die Entlastung der Atemmus­ku­latur, damit diese nicht überlastet bzw. geschwächt wird.  

Eine Schwä­chung der Atemmus­ku­latur kann sich aller­dings auch unmit­telbar durch Erkran­kungen der Atempumpe entwi­ckeln und so das System der Abatmung stören. Auslöser können beispiels­weise Durch­blu­tungs­stö­rungen des Gehirns sein, Nerven­er­kran­kungen, die die Weiter­leitung der Infor­ma­tionen zum Ein- und Ausatmen an die Musku­latur behindern, oder Verän­de­rungen des Brust­korbs durch eine extrem verkrümmte Wirbel­säule, wie klassi­scher­weise bei einem Morbus Bechterew.  

Eine Schwä­chung der Atempumpe führt zu einer Störung der Abatmung des Kohlen­di­oxids, es staut sich im Körper und die CO2-Blutgas­werte steigen an.

Ein Anstieg von CO2 im Blut wird medizi­nisch als Hyper­kapnie bezeichnet.

Nicht-invasive Beatmung (NIV)
Wichtigste Kriterien für die Einleitung einer NIV bei COPD ist ein chronisch erhöhter Kohlen­di­oxid­gehalt im Blut und eine chronische Überlastung der Atemmus­kel­pumpe, wenn dieser mit den typischen Symptomen einer Gasaus­tausch­störung (pulmo­nalen Insuf­fi­zienz) und Einschränkung der Lebens­qua­lität bzw. immer wieder­keh­renden akuten Verschlech­te­rungen (rezidi­vie­renden Exazer­ba­tionen) einhergeht.

NIcht-invasive Beatmung – NIV

Weitere Indika­ti­ons­kri­terien sind eine chronische Tages-Hyper­kapnie mit einem arteri­ellen Kohlen­di­oxid­par­ti­al­druck (PaCO2) ≥50 mmHg und eine nächt­liche Hyper­kapnie >55 mmHg.

Die Masken­be­atmung einer NIV funktio­niert ähnlich dem Prinzip einer Luftpumpe. Durch erhöhten Druck gelangt mehr Luft in die Lunge als über den Weg der normalen Atmung. In der Regel ist eine nächt­liche Anwendung einer NIV über 6–8 Stunden für eine Erholung der Atemmus­ku­latur ausrei­chend.  

Bei Patienten mit fortge­schrit­tener COPD lassen sich mit einer nicht-invasiven Beatmungs­the­rapie Verbes­se­rungen der Lebens­qua­lität, der körper­lichen Leistungs­fä­higkeit und der Lebens­er­wartung erzielen. Die Langzeit-NIV ist eines der wenigen Verfahren im Bereich der pneumo­lo­gi­schen Therapie, mit der nachweislich eine höhere Lebens­er­wartung erzielt werden kann. Die Effekte der NIV-Beatmung bei einer Atempum­pen­schwäche basieren laut Hypothese auf der Erholung der Musku­latur und der Senkung der Last durch Verbes­serung der elasti­schen Volumen­dehn­barkeit von Lunge und Brustkorb (Thorax).  

Nasale High-Flow-Therapie
Bei Atmungs­schwächen (respi­ra­to­ri­schen Insuf­fi­zi­enzen) ist die Therapie je nach Ursache mit Sauer­stoff bzw. Beatmung erfor­derlich, um die Sympto­matik und die Prognose der Erkrankung entscheidend zu verbessern. Neben der konven­tio­nellen Sauer­stoff­the­rapie mittels Nasen­brillen oder Mund-Nasen-Masken und der NIV hat sich in den letzten Jahren die sog. nasale High-Flow-Therapie (NHF) etabliert.

Ursprünglich stammt diese Thera­pieform aus der Kinder­heil­kunde. Die NHF wird bei der Behandlung von Frühchen bereits als Standard­the­rapie einge­setzt, denn Frühge­borene haben häufig Probleme mit der Atmung. Die künst­liche Beatmung bei sehr kleinen Kindern, deren Lungen sich noch in der Entwicklung befinden, stellt eine ganz besondere Heraus­for­derung dar.

Über spezielle kleine, dünne Sonden der NHF kann ein erwärmtes und befeuch­tetes Luft-Sauer­stoff-Gemisch besonders schonend zugeführt werden. Die Durch­flussrate der NHF-Therapie ist mit 20 bis 60 Litern pro Minute höher als in der konven­tio­nellen Sauer­stoff­the­rapie. Dies führt zu einem geringen Überdruck in den oberen Atemwegen. Je nach Bedarf lässt sich der einge­atmete Sauer­stoff­anteil stufenlos variieren.


Welche Anwendung kann die nasale High-Flow-Therapie in der Behandlung respi­ra­to­ri­scher Insuf­fi­zi­enzen bei Erwach­senen finden, für welche Patienten ist diese Anwendung besonders geeignet? Welche Vor- und welche Nachteile gibt es im Vergleich zu den konven­tio­nellen Therapien?

Was sollte man zum Wirkprinzip der NHF wissen? Wie ist der aktuelle Stand der Studien

Auf diese und vielen weitere Fragen geht der zweite Teil des Beitrages in der Winter­ausgabe 2019 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge ein. Siehe ab Seite 30.


Blutgas­analyse

Die Blutgas­analyse (BGA) zählt zur klini­schen Standard-Diagnostik. Mit ihr werden die Gasver­teilung – der sog. Parti­al­druck – von Sauer­stoff (O2) und Kohlen­dioxid (CO2), der Säure-Basen-Haushalt und der pH-Wert im Blut gemessen.

Zur Blutgas­analyse wird arteri­elles Blut, etwa aus dem Ohrläppchen, der Unterarm- oder Oberschen­kel­arterie entnommen und in spezi­ellen Analy­se­ap­pa­raten ausge­wertet. Bei Lungen­er­kran­kungen wie COPD, Asthma und Mukovos­zidose, die mit Atembe­schwerden einher­gehen, ist vor allem die Überwa­chung der Sauer­stoff­ver­sorgung von Interesse.

Auch der Säure-Basen-Haushalt kann über Lungen­er­kran­kungen Aufschluss geben: Eine Übersäuerung ist auf einen erhöhten Anteil von gelöstem Kohlen­dioxid im Blut zurück­zu­führen, was wiederum auf Probleme der Sauer­stoff­auf­nahme hindeuten kann.

Nicht jede Abwei­chung vom Normwert ist ein Grund zur Beunru­higung. COPD-Patienten haben zum Beispiel häufig einen erhöhten Kohlen­dioxid-Parti­al­druck, werden dadurch aber nicht weiter beein­trächtigt.

Quelle: www.lungeninformationsdienst.de

Wichtig!
Mittels Pulso­xi­meter kann nur die Sauer­stoff­sät­tigung gemessen und der Puls ermittelt werden. Die Blutgas­analyse ist bei den lungen­fach­ärzt­lichen Kontroll­un­ter­su­chungen daher unerlässlich.


Bildnachweis:
Fisher & Paykel
ResMed
Jack Tuszynski PhotoJack.net – Helios
rdnzl, Alexandr Mitiuc – Fotolia

Interview/Text:
Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek


Der Beitrag wurde in der Herbst­ausgabe 2019 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.

Schlagwörter: Alpha1, Atemnot, Atmung, Atmungsschwäche, COPD, High Flow, Luftnot, Lungenemphysem, Lungenfibrose, nasaler High Flow, nicht-invasive Beatmung, NIV, Sauerstoff

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