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Immunsystem auf Trab bringen

28. Juli 2020

Impfen – Antworten auf Ihre Fragen

Wenn der Sommer zu Ende geht, der Herbst naht, beginnt für viele Patienten mit chronisch obstruk­tiven (veren­genden) Atemwegs­er­kran­kungen, wie z. B. Asthma und COPD, eine Phase mit vermehrten Infekten. Gerade Patienten mit fortge­schrit­tenen Erkran­kungen fürchten, in dieser Phase in Turbu­lenzen zu geraten und machen sich Gedanken darüber, wie sie sich gegen Infekte schützen können.

Sich zu Hause einzu­sperren, mindert die Gefahr leider kaum und hat den großen Nachteil, dass der Organismus eher noch anfäl­liger wird und Viren oder Bakterien auf umso gerin­geren Wider­stand stoßen, je weniger der Organismus trainiert und gewappnet ist.

Immun­system auf Trab bringen
Damit sind wir auch schon beim Thema impfen. Am meisten bringt es, sich jedes Jahr gegen Grippe impfen zu lassen. Die echte asiatische Grippe ist für jeden eine Gefahr, besonders aber für Menschen mit fortge­schrit­tener COPD. Wenn jemand schon mit einer erheblich vorge­schä­digten Lunge lebt, dann kann für ihn eine Grippe der berühmte Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen und den Patienten in akute Gefahr bringt.

Aber auch für einen gesunden Organismus können besonders aggressive Grippe­er­reger, wie sie in unregel­mä­ßigen Abständen immer wieder zu beobachten sind, lebens­ge­fährlich sein. Eine bedeu­tende Eskalation war die Spanische Grippe, die am Ende des Ersten Weltkriegs weltweit Millionen Opfer forderte. Es ist daher wichtig, dass man den Impfschutz nutzt, der Jahr für Jahr im Herbst angeboten wird und bei dem versucht wird, mögliche Grippe­er­reger der kommenden Monate vorweg­zu­nehmen und den Körper dagegen zu wappnen.

Dabei machen sich die Impfspe­zia­listen zu Nutze, dass Grippe­wellen meistens im asiati­schen Raum ihren Ursprung haben und sich dann allmählich ausweiten, sodass die Analyse dabei zu beobach­tender Grippe­stämme Rückschlüsse darauf zulässt, was Monate später in anderen Teilen der Welt an Grippe­er­regern zum Problem werden könnte. Aller­dings gibt es dabei immer wieder Überra­schungen, insbe­sondere kann es passieren, dass Grippe­viren sich weiter­ent­wi­ckeln und so verändern, dass sie in der Impfung nicht mehr vollständig erfasst werden können.

Immer wieder kommt daher der Einwand, die Grippe­impfung verfehle häufig das Ziel und überhaupt sei man just nach der Impfung erst richtig krank geworden. Das ist insofern nicht ganz von der Hand zu weisen, als das Immun­system durch die Impfung natürlich erst einmal aktiviert wird. Es kann zu grippe­ähn­lichen Beschwerden kommen, die manchmal lästig sein können. Das spricht aber nicht wirklich dagegen, sich im Folgejahr wieder impfen zu lassen, im Gegenteil: Ein aktives Immun­system ist schließlich das, was wir in der Ausein­an­der­setzung mit der Umwelt benötigt.

Die Grippe­impfung hat den wichtigen Neben­effekt, dass sie gewis­ser­maßen das Immun­system auf Trab bringt, die körper­eigene Immun­ma­schi­nerie ölt und dafür sorgt, dass auch gegenüber anderen Erregern als nur dem Grippe­virus eine schnellere und aktivere Abwehr möglich ist. Für Atemwegs­pa­ti­enten empfiehlt sich obendrein eine Impfung gegen Pneumo­kokken, eine der gefähr­lichsten Bakte­ri­en­arten, die eine Lungen­ent­zündung auslösen können.

Identi­fi­zierung in der „Verbre­cher­datei“
Wie funktio­niert nun eine Impfung eigentlich genau? Bei einer Impfung werden dem Immun­system abgetötete oder stark abgeschwächte Krank­heits­er­reger vor die Nase gehalten. In der Regel erfolgt dies in Form einer subku­tanen (unter die Haut) oder intra­mus­ku­lären (in den Muskel) Injektion. Das Abwehr­system stürzt sich auf die Eindring­linge, versucht sie schnell zu identi­fi­zieren und abzutöten und aktua­li­siert bei dieser Gelegenheit die „Verbre­cher­datei“, in der alle gefähr­lichen Bakterien und Viren aufge­listet sind, damit sie jederzeit schnell identi­fi­ziert und bekämpft werden können.

Und genau darum geht es. Bakterien oder Viren, die in den Körper eindringen, versuchen so schnell wie möglich einen Brückenkopf zu bilden, sich festzu­setzen und zu vermehren. Auf der anderen Seite beginnt der Körper, nachdem er die Feinde lokali­siert und identi­fi­ziert hat, Abwehr­stoffe zu produ­zieren und die Eindring­linge so effektiv wie möglich an ihrer Vermehrung zu hindern. Es kommt also zu einem erbit­terten Kampf zwischen Krank­heits­er­regern und Abwehr, den die Seite gewinnt, die schneller und effek­tiver agieren kann.

Und da liegt das Problem. Ein geschwächter Organismus, geschä­digte Organe mit schlechter Sauer­stoff­ver­sorgung und zu wenig Nährstoffen kommen nicht schnell genug in Fahrt, brauchen länger, bis ausrei­chend Truppen bereit­ge­stellt werden können und laufen damit Gefahr, den Wettlauf mit den Eindring­lingen zu verlieren.

Sofort­re­aktion des Abwehr­systems
Die Impfung vergrößert die Chancen der Abwehr geradezu drama­tisch. Bei der Impfung werden zwar auch Erreger präsen­tiert, das Abwehr­system hat jetzt aber Zeit, sich in aller Ruhe mit dem Eindringling zu beschäf­tigen – der ja entweder schon tot oder zumindest massiv geschwächt ist. Der Körper bildet in großer Menge Abwehr­stoffe, die er aber zu diesem Zeitpunkt gar nicht wirklich braucht, da keine gefähr­liche Infektion erfolgt ist.

Diese Abwehr­stoffe werden daher beispiels­weise in der Schleimhaut einge­lagert. Es werden sozusagen Depots angelegt, in denen Abwehr­waffen in großer Zahl und hervor­ra­gender Qualität bereit­liegen und sofort zur Verfügung stehen, wenn es doch zu einer echten Infektion kommt. Der Körper ist nun in einer ganz anderen Position. Er steht zu diesem Zeitpunkt noch relativ wenigen Eindring­lingen gegenüber und kann aus dem Stand heraus sofort den Angriff erwidern und die Erreger nieder kämpfen. Im besten Fall kommt es dann gar nicht erst zu einer voll ausge­bil­deten Infektion, sondern der Angriff wird abgewehrt, weil ein entschlos­sener Wider­stand sofort möglich war.

Darin besteht das Wesen der Impfung und deswegen sind Impfungen überall dort extrem sinnvoll und segens­reich, wo es auf diese Sofort­re­aktion des Abwehr­systems ankommt.

Leider stehen Impfungen fast ausschließlich nur für Infek­tionen durch Viren zur Verfügung, es gibt nur wenige Ausnahmen, was Bakterien anbetrifft. Eine sehr wichtige ist die bereits erwähnte Pneumo­kok­ken­impfung, die sehr zuver­lässig und effektiv gegen den wichtigsten Erreger eine Lungen­ent­zündung gerade bei älteren Menschen und vorge­schä­digten Lungen wirksam ist. Sie wird daher generell auch für Atemwegs­pa­ti­enten empfohlen, ganz besonders aber für ältere Patienten ab dem 50. Lebensjahr, da hier die Gefahr einer Infektion deutlich zunimmt. Beide Impfungen – Influenza und Pneumo­kokken – werden sowohl für Patienten mit COPD als auch für Asthma­tiker empfohlen.

Sich selbst, aber auch andere schützen!
Ganz unabhängig davon, dass jeder Einzelne durch eine Impfung zunächst sich selbst indivi­duell schützen kann, leistet er damit weiterhin auch einen Beitrag zum Schutz seiner Mitmen­schen. Je mehr Menschen geimpft sind, desto geringer ist die Gefahr einer flächen­haften Ausbreitung von Krank­heits­er­regern und damit die Gefährdung Dritter, die beispiels­weise aus überge­ord­neten Gründen nicht geimpft werden konnten. Gerade in Alten­heimen, Kranken­häusern oder anderen sozialen Einrich­tungen ist daher ein möglichst umfas­sender Impfschutz aller Betei­ligten von hoher Bedeutung.

Wenn wir schon beim Thema Impfen sind, dann sei an dieser Stelle darauf verwiesen, dass es auch eine ganze Reihe weiterer Impfungen gibt, die sinnvoll und wichtig sind, wie beispiels­weise die Impfung gegen Tetanus (Wundstarr­krampf) oder auch Herpes Zoster (Gürtelrose).

Herpes Zoster wird ebenfalls durch Viren übertragen und kann sehr gut und zuver­lässig durch eine Impfung verhindert werden. Wenn man bedenkt, dass in Deutschland mehr als 300.000 Personen jährlich an Herpes erkranken und auch hier besonders Menschen jenseits des 50. Lebens­jahres betroffen sind, ist gut nachvoll­ziehbar, dass die Ständige Impfkom­mission (STIKO, www.impfen-info.de) auch diese Impfung flächen­de­ckend empfiehlt. Patienten mit rheuma­toider Arthritis, chroni­scher Nieren­er­krankung, chronisch-obstruk­tiver Lungen­er­krankung oder Diabetes mellitus stehen hier besonders im Fokus.

Gürtelrose-Impfung nun Kassen­leistung
Zum 01. Mai 2019 ist die Herpes-Zoster Schutz­impfung in den Leistungs­ka­talog der Gesetz­lichen Kranken­kassen (GKV) aufge­nommen worden.

Für alle Personen ab 60 Jahren sowie Personen ab 50 Jahren mit einer erhöhten gesund­heit­lichen Gefährdung, wie z. B. bei COPD, wird der Toten­impf­stoff Shingrix von den Kassen erstattet. Der zweite in Deutschland zur Verfügung stehende Impfstoff, der Lebens­impf­stoff Zostavax, wird hingegen nicht erstattet.  

Weitere Infor­ma­tionen siehe www.rki.de – Robert Koch Institut.

…um den kalten, nebeligen Tagen entspannt entge­gen­zu­sehen
Nutzen Sie die verblei­benden Wochen, um Ihr Abwehr­system auf Vordermann zu bringen, sei es durch körper­liches Training, durch gesunde und vitamin­reiche Ernährung, Verzicht auf Umwelt­gifte oder eben eine recht­zeitige Impfung, um ihre Abwehr­ma­schi­nerie richtig „durch­zuölen“, Abwehr­depots anzulegen und dann entspannt auch kalten und nebeligen Tagen entge­gen­zu­sehen.


Autor: Dr. Michael Barczok
Facharzt für Innere Medizin, Lungen- und Bronchi­al­heil­kunde, Aller­go­logie, Sozial‑, Schlaf- und Umwelt­me­dizin
www.lungenexperte.info
Lungen­zentrum Ulm

Bildnachweis:
ulrich, Dr. N. Lang – Fotolia.com
Dr. Michael Barczok


Der Beitrag wurde in der Herbst­ausgabe 2019 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.

Schlagwörter: Asthma, Atemwegserkrankungen, COPD, Grippe, Immunsystem, Impfen, Infektion, Influenza, Lungenemphysem, Lungenentzündung, Pneumokokken

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