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Wenn Hitze auf Feuchtigkeit trifft

06. Sep. 2026

Saunabank mit Handtüchern und Saunaeimer

Gesamt­beitrag als PDF. Veröf­fent­licht in der Ausgabe 51/Sommer 2026, S32 ff

Die "Kühlgrenztemperatur" und ihre Gefahr

Sommer­liche Hitze belastet uns alle. Doch nicht die reine Außen­tem­pe­ratur entscheidet, wie schwül und anstrengend ein Tag wird – sondern das Zusam­men­spiel von Hitze und Luftfeuch­tigkeit. Fachleute nennen diesen Wert die Kühlgrenz- oder Feucht­ku­gel­tem­pe­ratur. Sie beschreibt, wie gut sich unser Körper durch Verdunstung von Schweiß maximal abkühlen kann. Ist die Luft feucht, verdunstet Schweiß schlechter – die Kühlung durch Schwitzen versagt immer mehr.

Warum sind gerade Lungenkranke besonders gefährdet?

Bei chroni­schen Lungen­er­kran­kungen wie COPD, Asthma, Lungen­fi­brose, oder Bronchiek­tasen kann eine gefähr­liche Kombi­nation entstehen:

  • Hitze und Feuchte erschweren die Atmung.
  • Hohe Feuchte kann die Lungen­funktion direkt verschlechtern.
  • Heiße Tage gehen oft mit erhöhten Ozon‑, Pollen oder Feinstaub­werten einher, also bekannten Auslösern für Asthma- und COPD-Schübe (WHO, 2021).

Der Deutsche Wetter­dienst (DWD, 2020) betont, dass thermische Belastung immer aus Tempe­ratur, Feuchte, Wind und Strahlung besteht. Die ameri­ka­nische Gesund­heits­schutz­be­hörde CDC (2022) benennt Hitze, schlechte Luftqua­lität und chronische Erkran­kungen explizit als Risiko­kom­bi­nation.

Was passiert im Körper bei hoher Kühlgrenztemperatur?

Um sich abzukühlen, muss der Körper mehr leisten: Puls und Atemfre­quenz steigen. Gleich­zeitig kann Flüssig­keits­mangel das Sekret in den Atemwegen zäh machen – Husten und Luftnot nehmen zu. Studien zeigen, dass extreme Hitze mit mehr COPD-Beschwerden, Kranken­haus­ein­wei­sungen und sogar erhöhter Sterb­lichkeit verbunden ist. Eine Metaanalyse ergab ein signi­fikant erhöhtes Risiko für COPD-Exazer­ba­tionen und ‑Sterb­lichkeit durch Hitze­ex­po­sition (Song et al., 2021).

Kritische Grenzen: Tiefer als oft angenommen

Früher galt eine Kühlgrenz­tem­pe­ratur von 35 °C als theore­tische Überle­bens­grenze. Neuere physio­lo­gische Studien zeigen jedoch, dass kritische Werte bei realen Menschen deutlich niedriger liegen. Für junge gesunde Erwachsene fanden Vecellio et al. (2022) je nach Bedin­gungen Grenzen zwischen 25,8 und 31,3 °C. Bei älteren Menschen und erst recht bei chronisch Kranken ist die sichere Zone wahrscheinlich noch kleiner.

Schon 28 bis 32 °C bei hoher Luftfeuch­tigkeit können für Sie belas­tender sein als trockene 35 °C. Besonders tückisch sind heiße, schwüle Nächte – der Körper kann sich nicht erholen.

Was Sie im Alltag tun können

Bei hoher Kühlgrenz­tem­pe­ratur (erkennbar an Schwü­le­war­nungen des DWD oder Hitze-Apps) empfehle ich:

  • Körper­liche Aktivität reduzieren, am besten in die kühlen Morgen- oder Abend­stunden legen.
  • Kühle Innen­räume aufsuchen (ggf. mit Verdun­kelung, Venti­lator – Klima­anlage auf niedrige Stufe, direkten Luftzug vermeiden).
  • Ausrei­chend trinken (Wasser, ungesüßte Tees; auf Alkohol und koffe­in­haltige Getränke verzichten).
  • Medika­mente wie verordnet weiter einnehmen – nicht eigen­mächtig absetzen.
  • Peak-Flow oder Sauer­stoff­sät­tigung nach ärztlicher Vorgabe kontrol­lieren.
  • Zusätzlich auf Ozon- und Pollen­war­nungen achten.

Warnzeichen – wann sofort handeln?

Suchen Sie unver­züglich medizi­nische Hilfe bei:

  • Zuneh­mender Atemnot (auch in Ruhe)
  • Pfeifender Atmung oder Husten, der nicht auf das Notfall­spray anspricht
  • Verwirrtheit, Schwindel, starker Schwäche
  • Brust­schmerz oder bläulichen Lippen
  • Deutlich fallender Sauer­stoff­sät­tigung (z. B. unter 90 %, falls bekannt)

Literatur/Quellen (nach APA 7)
Centers for Disease Control and Prevention. (2022). Climate and health – Heat & lung disease. Abgerufen am 25.05.2026.
Deutscher Wetter­dienst. (2020). Hitze­war­nungen und thermische Belastung – Grund­lagen. Offenbach: DWD.
Song, X., Wang, S., Hu, Y., Yue, M., Zhang, T., Liu, Y., … & Shang, J. (2021). Impact of ambient tempe­rature on morbidity and mortality of chronic obstructive pulmonary disease: A meta-analysis.
Science of The Total Environment, 787, 147539. https://doi.org/10.1016/j.scitotenv.2021.147539
Vecellio, D. J., Wolf, S. T., Cottle, R. M., & Kenney, W. L. (2022). Critical environ­mental limits for young, healthy adults (PSU Heat Project).
Nature Commu­ni­ca­tions, 13, 1594. https://doi.org/10.1038/s41467-022‑9168-World Healt­hOr­ga­nization. (2021). Heat and health . Genf: WHO.
Abgerufen von https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/climate-change-heat-and-health

Warum ist dann die Sauna nicht gefährlicher – obwohl sie viel heißer ist?

1. Entscheidend ist die Luftfeuch­tigkeit, nicht die Tempe­ratur
In einer Sauna (klassisch finnisch) liegt die Luftfeuch­tigkeit meist nur bei 10–20 %, bei Tempe­ra­turen von 80–100 °C. Die Luft ist extrem trocken. Dadurch kann der Schweiß auf der Haut sofort verdunsten – die Verduns­tungs­kühlung funktio­niert hervor­ragend. Der Körper kühlt sich effektiv, solange man genug Flüssigkeit hat. Die Kühlgrenz­tem­pe­ratur bleibt in der Sauna also überra­schend niedrig.
Bei schwüler Hitze (z. B. 32 °C Außen­tem­pe­ratur mit 80 % Luftfeuch­tigkeit) ist die Luft dagegen schon fast mit Wasser­dampf gesättigt. Der Schweiß kann nicht mehr verdunsten – die Kühlgrenz­tem­pe­ratur steigt auf gefähr­liche Werte (nahe der Körper­tem­pe­ratur). Der Körper überhitzt, auch wenn es „nur“ 32 °C sind.

2. Kurze Aufent­halts­dauer + aktive Abkühlung
Niemand bleibt eine Stunde in der Sauna. Typisch sind 10–15 Minuten, dann folgt bewusste Abkühlung (kalt duschen, im Freien abkühlen). Danach Ruhephase. Der Kreislauf wird trainiert, nicht dauerhaft belastet. Bei einer Hitze­welle hingegen sind Menschen viele Stunden oder Tage ununter­brochen der Belastung ausge­setzt – besonders nachts, wenn keine Erholung möglich ist.

3. Atemwege: Heiße, trockene Luft ist weniger belastend als feucht­warme
Für Asthma­tiker oder COPD-Patienten kann feucht­warme, stickige Luft (wie in Gewit­ter­nächten) die Atemwege verengen. Trockene Saunaluft wird dagegen oft sogar als angenehm und befreiend empfunden – ich empfehle daher, Sauna bei stabilem Asthma oder COPD ggf. mal auszu­pro­bieren, mit Aufgüssen und damit verbun­dener Dampf­erzeugung und ggf. stark riechenden Zusätzen aber eher vorsichtig zu sein. Im Zweifelsfall kann man im Übrigen auch zunächst einmal auf die sogenannte Bio-Sauna mit Tempe­ra­turen zwischen 55 und 65 °C ausweichen.

Fazit

Sauna ist nicht mit schwüler Sommer­hitze vergleichbar.
In der Sauna ist die Luft trocken → Verdunstung kühlt → kurzzeitig → kontrol­liert. In der Hitze­welle ist die Luft feucht → Verdunstung versagt → dauerhaft → unkon­trol­liert. Deshalb ist 32 °C bei Regen­wetter gefähr­licher für Atemwegs­pa­ti­enten als 90 °C in der Sauna.

Referenzen (APA 7)
Hannuksela, M. L., & Ellahham, S. (2001). Benefits and risks of sauna bathing. The American Journal of Medicine, 110(2), 118–126.
https://doi.org/10.1016/S0002-9343(00)00671–9
Kukkonen-Harjula, K., & Kauppinen, K. (2006). How the sauna affects the body. In Sauna studies (pp. 27–35). Sauna Society of Finland.
Vecellio, D. J., Wolf, S. T., Cottle, R. M., & Kenney, W. L. (2022). Critical environ­mental limits for young, healthy adults (PSU Heat Project).
Nature Commu­ni­ca­tions, 13, Article 1594. https://doi.org/10.1038/s41467-022–29168‑2


Autor
Dr. med. Michael Barczok
Facharzt für Innere Medizin, Lungen- und Bronchi­al­heil­kunde, Aller­go­logie, Sozial‑, Schlaf- und Umwelt­me­dizin
Lungen­zentrum Ulm
www.lungenzentrum-ulm.de


Bildnachweis
Copyright Foto: Adobe­Stock – Robert Kneschke

Schlagwörter: Asthma, Atemnot, Atemwege, COPD, Feuchtigkeit, Fibrose, Hitze, Hitzewelle, Kühlgrenztemperatur, Luftfeuchtigkeit, Lungenemphysem, Lungenwetter, Sauna, Wetter

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