Gesamtbeitrag als PDF. Veröffentlicht in der Ausgabe 51/Sommer 2026, S59 ff
Ernährungstipps und Rezepte aus der Praxis
Für Menschen mit chronischen Lungenerkrankungen wie COPD wird „Selbstfürsorge“ oft mit Medikamentenplänen und Inhalationstechniken gleichgesetzt. Ihre persönliche Ernährungsweise kann jedoch ebenso zu einer hochwirksamen Therapiestrategie werden, die direkt über Ihre Muskelkraft, Ihre Infektanfälligkeit und Ihre Lebensqualität entscheidet!
Der Hochleistungsmotor:
Warum Ihr Körper mehr Energie braucht
Atmen ist für gesunde Menschen Schwerstarbeit, die größtenteils unbewusst abläuft. Bei einer COPD muss die Atemhilfsmuskulatur jedoch massiv kompensieren. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass der Energieverbrauch allein für die Atmung bei COPD-Patienten bis zu zehnmal höher sein kann als bei Lungengesunden. Weiterhin sind ein unbeabsichtigter Gewichtsverlust oder ein niedriger Body-Mass-Index (BMI < 21 kg/m²) unabhängige Risikofaktoren für eine schlechtere Prognose. Selbstfürsorge bedeutet hier, den „Tank“ stets gefüllt zu halten, um den Abbau lebenswichtiger Muskelsubstanz zu verhindern.
Eiweiß und Bewegung:
Die Synergie der Kraft
Der Abbau von Muskelmasse (Sarkopenie) ist eine häufige Begleiterscheinung der COPD, die besonders das Zwerchfell schwächt. Aktuelle klinische Empfehlungen raten zu einer täglichen Eiweißzufuhr von 1,2 bis 1,5 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht.
Das „anabole Fenster“: Selbstfürsorge heißt auch, klug zu planen. Nutzen Sie die Synergie: Verzehren Sie proteinreiche Mahlzeiten (Quark, Eier, Hülsenfrüchte, Fisch) idealerweise in zeitlicher Nähe zu Ihrem Lungensport oder der Physiotherapie. Nur in Kombination mit Bewegung kann der Körper das Eiweiß effizient in Muskelmasse umwandeln.
Die Darm-Lungen-Achse: Immunologische Selbstfürsorge
Die moderne Forschung zur sogenannten Darm-Lungen- Achse (gut-lung axis) zeigt, dass unser Immunsystem im Darm direkt mit dem in der Lunge kommuniziert.
Ballaststoffe als Schutzschild: Wenn Darmbakterien Ballaststoffe aus Vollkorn und Gemüse abbauen, entstehen kurzkettige Fettsäuren. Diese wirken systemisch entzündungshemmend. Eine ballaststoffreiche Ernährung ist somit aktive Infektprophylaxe und hilft, das Risiko für Exazerbationen (akute Verschlechterungen) zu senken.
Mikronährstoffe: Omega-3-Fettsäuren (aus Leinöl, Nüssen oder Fisch) und Antioxidantien (aus Beeren und grünem Blattgemüse) mindern den oxidativen Stress in den Lungenbläschen.
Pacing in der Küche:
Energiemanagement bei Erschöpfung
Viele Patienten leiden unter Fatigue (chronischer Erschöpfung). Selbstfürsorge bedeutet hier die Anwendung des „Pacings“ – das Haushalten mit den eigenen Kräften:
- Vorbereitung: Nutzen Sie energiereiche Phasen (oft morgens), um Mahlzeiten vorzubereiten (meal prepping).
- Essen ohne Atemnot: Große Mahlzeiten drücken den Magen gegen das Zwerchfell und erschweren die Atmung. Wechseln Sie zu fünf bis sechs kleinen Mahlzeiten.
- Trink-Timing: Trinken Sie vor allem zwischen den Mahlzeiten, um das Magenvolumen während des Essens nicht unnötig einzuschränken.
Psychologische Dimension:
Achtsamkeit und Selbstwirksamkeit
Selbstfürsorge hat eine starke mentale Komponente. Das Gefühl, der Krankheit nicht machtlos ausgeliefert zu sein, stärkt die Selbstwirksamkeit.
- Achtsames Essen: Studien zur achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (mindfulness-based stress reduction, MBSR) zeigen, dass bewusstes Genießen den Cortisolspiegel senkt. Dies verbessert die Verdauung und hilft, die Angst vor Atemnot während des Essens zu reduzieren.
- Soziale Ressourcen: Isolation führt oft zu Mangelernährung. Gemeinsames Essen steigert nachweislich die Lust am Essen und fördert den Austausch über
Bewältigungsstrategien, was wiederum die psychische Resilienz stärkt.
Wissen ist Macht und Kraft
Die „Nutrition Literacy“ – also das Wissen über die richtige Ernährung – ist ein Werkzeug der Patientensouveränität. Die Nationale Versorgungsleitlinie (NVL) empfiehlt ausdrücklich eine gezielte individuelle Ernährungsberatung für Patienten mit COPD.
Betrachten Sie jede Mahlzeit zudem als eine bewusste Entscheidung für Ihre Gesundheit. Indem Sie Ihren Körper gezielt mit Nährstoffen versorgen, gewinnen Sie ein Stück Kontrolle über Ihr Leben und Ihre Atemkraft zurück.
Autorinnen
Cindy Maréchal
Dipl. oec. troph. (FH), Ernährungstherapeutin
Roxana J. Paysen, B.Sc.
Ernährungstherapeutin, Köchin
Prokuristin der Nordseeklinik Westfalen
Nordseeklinik Westfalen, Wyk auf Föhr
www.nordseeklinik.online
Verpassen Sie nicht die leckeren Rezepte – siehe PDF S. 61:
- Buchweizenpfannkuchen mit Spinat-Feta-Champignonfüllung
- Haferflockenbratlinge mit Quarkdip
Quellen:
- Nationale Versorgungsleitlinie (NVL) COPD, 2. Auflage, 2024. COPD — Leitlinien.de
- Global Initiative for Chronic Obstructive Lung Disease (GOLD)
Report, 2023. 2025 GOLD Report – Global Initiative for Chronic Obstructive Lung Disease – GOLD - ESPEN Guideline: Clinical nutrition in chronic lower respiratory
diseases (2019). ESPEN Guidelines on Enteral Nutrition: Cardiology and Pulmonology – Clinical Nutrition - Budden, K. F., et al.: Emerging role of the gut microbiome in inflammatory lung diseases. In: Nature Communications.
- Schols, A. M., et al.: Nutritional assessment and therapy in COPD: a European Respiratory Society statement. Nutritional assessment and therapy in COPD: a European Respiratory Society statement – PubMed
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