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Selbstfürsorge beginnt auf dem Teller

06. Sep. 2026

Älteres Paar gemeinsam beim Kochen

Bild KI-generiert

Gesamt­beitrag als PDF. Veröf­fent­licht in der Ausgabe 51/Sommer 2026, S59 ff

Ernährungstipps und Rezepte aus der Praxis

Für Menschen mit chroni­schen Lungen­er­kran­kungen wie COPD wird „Selbst­für­sorge“ oft mit Medika­men­ten­plänen und Inhala­ti­ons­tech­niken gleich­ge­setzt. Ihre persön­liche Ernäh­rungs­weise kann jedoch ebenso zu einer hochwirk­samen Thera­pie­stra­tegie werden, die direkt über Ihre Muskel­kraft, Ihre Infekt­an­fäl­ligkeit und Ihre Lebens­qua­lität entscheidet!

Der Hochleistungsmotor:
Warum Ihr Körper mehr Energie braucht

Atmen ist für gesunde Menschen Schwerst­arbeit, die größten­teils unbewusst abläuft. Bei einer COPD muss die Atemhilfs­mus­ku­latur jedoch massiv kompen­sieren. Wissen­schaft­liche Unter­su­chungen belegen, dass der Energie­ver­brauch allein für die Atmung bei COPD-Patienten bis zu zehnmal höher sein kann als bei Lungen­ge­sunden. Weiterhin sind ein unbeab­sich­tigter Gewichts­verlust oder ein niedriger Body-Mass-Index (BMI < 21 kg/m²) unabhängige Risiko­fak­toren für eine schlechtere Prognose. Selbst­für­sorge bedeutet hier, den „Tank“ stets gefüllt zu halten, um den Abbau lebens­wich­tiger Muskel­sub­stanz zu verhindern.

Eiweiß und Bewegung:
Die Synergie der Kraft

Der Abbau von Muskel­masse (Sarko­penie) ist eine häufige Begleit­erscheinung der COPD, die besonders das Zwerchfell schwächt. Aktuelle klinische Empfeh­lungen raten zu einer täglichen Eiweiß­zufuhr von 1,2 bis 1,5 Gramm pro Kilogramm Körper­ge­wicht.

Das „anabole Fenster“: Selbst­für­sorge heißt auch, klug zu planen. Nutzen Sie die Synergie: Verzehren Sie prote­in­reiche Mahlzeiten (Quark, Eier, Hülsen­früchte, Fisch) idealer­weise in zeitlicher Nähe zu Ihrem Lungen­sport oder der Physio­the­rapie. Nur in Kombi­nation mit Bewegung kann der Körper das Eiweiß effizient in Muskel­masse umwandeln.

Die Darm-Lungen-Achse: Immunologische Selbstfürsorge

Die moderne Forschung zur sogenannten Darm-Lungen- Achse (gut-lung axis) zeigt, dass unser Immun­system im Darm direkt mit dem in der Lunge kommu­ni­ziert.

Ballast­stoffe als Schutz­schild: Wenn Darmbak­terien Ballast­stoffe aus Vollkorn und Gemüse abbauen, entstehen kurzkettige Fettsäuren. Diese wirken syste­misch entzün­dungs­hemmend. Eine ballast­stoff­reiche Ernährung ist somit aktive Infekt­pro­phylaxe und hilft, das Risiko für Exazer­ba­tionen (akute Verschlech­te­rungen) zu senken.

Mikro­nähr­stoffe: Omega-3-Fettsäuren (aus Leinöl, Nüssen oder Fisch) und Antioxi­dantien (aus Beeren und grünem Blatt­gemüse) mindern den oxida­tiven Stress in den Lungen­bläschen.

Pacing in der Küche:
Energiemanagement bei Erschöpfung

Viele Patienten leiden unter Fatigue (chroni­scher Erschöpfung). Selbst­für­sorge bedeutet hier die Anwendung des „Pacings“ – das Haushalten mit den eigenen Kräften:

  • Vorbe­reitung: Nutzen Sie energie­reiche Phasen (oft morgens), um Mahlzeiten vorzu­be­reiten (meal prepping).
  • Essen ohne Atemnot: Große Mahlzeiten drücken den Magen gegen das Zwerchfell und erschweren die Atmung. Wechseln Sie zu fünf bis sechs kleinen Mahlzeiten.
  • Trink-Timing: Trinken Sie vor allem zwischen den Mahlzeiten, um das Magen­vo­lumen während des Essens nicht unnötig einzu­schränken.

Psychologische Dimension:
Achtsamkeit und Selbstwirksamkeit

Selbst­für­sorge hat eine starke mentale Kompo­nente. Das Gefühl, der Krankheit nicht machtlos ausge­liefert zu sein, stärkt die Selbst­wirk­samkeit.

  • Achtsames Essen: Studien zur achtsam­keits­ba­sierten Stress­re­duktion (mindfulness-based stress reduction, MBSR) zeigen, dass bewusstes Genießen den Corti­sol­spiegel senkt. Dies verbessert die Verdauung und hilft, die Angst vor Atemnot während des Essens zu reduzieren.
  • Soziale Ressourcen: Isolation führt oft zu Mangel­er­nährung. Gemein­sames Essen steigert nachweislich die Lust am Essen und fördert den Austausch über
    Bewäl­ti­gungs­stra­tegien, was wiederum die psychische Resilienz stärkt.

Wissen ist Macht und Kraft

Die „Nutrition Literacy“ – also das Wissen über die richtige Ernährung – ist ein Werkzeug der Patien­ten­sou­ve­rä­nität. Die Nationale Versor­gungs­leit­linie (NVL) empfiehlt ausdrücklich eine gezielte indivi­duelle Ernäh­rungs­be­ratung für Patienten mit COPD.

Betrachten Sie jede Mahlzeit zudem als eine bewusste Entscheidung für Ihre Gesundheit. Indem Sie Ihren Körper gezielt mit Nährstoffen versorgen, gewinnen Sie ein Stück Kontrolle über Ihr Leben und Ihre Atemkraft zurück.


Autorinnen
Cindy Maréchal
Dipl. oec. troph. (FH), Ernäh­rungs­the­ra­peutin

Roxana J. Paysen, B.Sc.
Ernäh­rungs­the­ra­peutin, Köchin
Proku­ristin der Nordsee­klinik Westfalen

Nordsee­klinik Westfalen, Wyk auf Föhr
www.nordseeklinik.online

Verpassen Sie nicht die leckeren Rezepte – siehe PDF S. 61:

  • Buchwei­zen­pfann­kuchen mit Spinat-Feta-Champi­gnon­füllung
  • Hafer­flo­cken­brat­linge mit Quarkdip

Quellen:


Bildnachweis
Copyright Foto: Adobe­Stock – Olga Che

Schlagwörter: Atmung, COPD, Darm-Lunge-Achse, Eiweiß, Energieverbrauch, Ernährung, Körpergewicht, Lungenemphysem, Mahlzeiten, Mikronährstoffe, Nährstoffe, Sarkopenie

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