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Einsatz der Bio-Impedanz-Analyse

29. Juli 2020

Gezielte Messung von Ernäh­rungs­zu­ständen

Verän­de­rungen des Ernäh­rungs­zu­standes

Der Ernäh­rungs­zu­stand gibt Auskunft darüber, wie gut ein Mensch mit Nährstoffen und Energie versorgt ist. Bei den meisten COPD-Patienten kommt es im Verlauf der Erkrankung zu einer Verschlech­terung des Ernäh­rungs­zu­standes.

Ein schlechter Ernäh­rungs­zu­stand oder eine Mangel­er­nährung wirkt sich negativ auf den Verlauf der COPD-Erkrankung aus. Die Betrof­fenen sind geringer belastbar, infekt­an­fäl­liger, benötigen längere Erholungs­zeiten nach Kranken­haus­auf­ent­halten und erleben häufiger Exazer­ba­tionen.

Für einen schlechten Ernäh­rungs­zu­stand gibt es mehrere Ursachen:

  • Die an COPD erkrankte Lunge kann bis zu 10x mehr Energie als eine gesunde Lunge verbrauchen. Bei einem Lungen­em­physem ist der zusätz­liche Energie­ver­brauch besonders hoch. Diesem deutlich erhöhten Kalorien­ver­brauch muss mit Hilfe gezielter Maßnahmen Rechnung getragen werden.  
  • Gleich­zeitig nehmen COPD-Patienten oft zu wenig Kalorien, Eiweiß und Nährstoffe auf, weil sie z. B. an Appetit­lo­sigkeit, Atem- und Schluck­be­schwerden beim/nach dem Essen leiden. So entsteht ein deutliches Energie­de­fizit. Als Folge „verbrennt“ der Körper bestehende Reserven zur (Energie-)Versorgung. Die Patienten bemerken dies als ungewollten Gewichts­verlust.
  • Erschwerend kommt hinzu, dass sich die meisten COPD-Patienten aus Angst vor Atemnot immer weniger bewegen und Sport bzw. Belastung vermeiden. Die Musku­latur, die nicht genutzt und nicht ausrei­chend mit Nährstoffen versorgt wird, wird reduziert. Auch dies äußert sich in Form eines Gewichts­ver­lusts.

Oftmals ist erst der ungewollte Gewichts­verlust Anlass, ernäh­rungs- und bewegungs­the­ra­peu­tische Maßnahmen zu ergreifen. Bis dahin ist aber schon wertvolle Muskel­masse, auch Teile der Atemmus­ku­latur, verloren gegangen und bereits eine große Nährstoff­lücke entstanden.

Auch überge­wichtige COPD-Patienten können bei falscher Ernährung und wenig Bewegung Nährstoff­de­fizite und zu wenig Muskel­masse aufweisen. Zudem belastet eine erhöhte Fettmasse die Lunge, verstärkt die Dyspnoe (Atemnot aufgrund gestörter Atmung mit vermehrter Atemarbeit) und steigert das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkran­kungen. Die gezielte Gewichts­ab­nahme entlastet den Körper.

Die regel­mäßige und gezielte Kontrolle des Ernäh­rungs­zu­standes ist wichtig, um recht­zeitig eine angepasste, kombi­nierte Ernäh­rungs- und Trainings­the­rapie einzu­leiten und den Ernäh­rungs­zu­stand zu verbessern.

Warum reicht der BMI nicht aus?

Die einfachste und seit Jahren etablierte Methode zur Erfassung des Ernäh­rungs­zu­standes ist die Berechnung des BMI:  

Gewicht (kg)
————————————
Größe (m) x Größe (m)

Ein BMI von 18,5 kg/m2 bedeutet Unter­ge­wicht, ab <16 kg/m2 wird eine ausge­prägte Mangel­er­nährung diagnos­ti­ziert. Ein zu niedriger BMI ist assoziiert mit einer höheren Sterb­lich­keitsrate und einem höheren Risiko für weitere Erkran­kungen.

Ein hoher BMI (> 30 kg/m2) ist verbunden mit einer höheren Fettmasse, die mit einem größeren Risiko für Stoff­wechsel- und Herz-Kreislauf-Erkran­kungen assoziiert ist.

Aller­dings berück­sichtigt der BMI ausschließlich das Gewicht eines Menschen. Die für medizi­nische Inter­ven­tionen wichtige Körper­zu­sam­men­setzung (Fettmasse, Muskel­masse, Körper­wasser) wird nicht erfasst. Leicht kann bei allei­niger Betrachtung des BMIs eine Mangel­er­nährung oder ein schlechter Trainings­zu­stand übersehen werden. So kann z. B. auch ein normal­ge­wich­tiger Patient eine zu geringe Muskel­masse aufweisen. Ist aber der BMI vor dem Ergreifen ersten Maßnahmen bereits unter den kriti­schen Marker von 18,5 kg/m2 abgesunken, ist wichtige Zeit für die Ernäh­rungs- und Trainings­the­rapie verloren gegangen.

Was ist die Bio-Impedanz-Analyse (BIA)?

Die BIA ist eine Methode zur Messung der Körper­zu­sam­men­setzung. Mithilfe der BIA wird die fettfreie Masse mit dem gesamten Körper­wasser und die Muskel­masse mit ihren stoff­wech­sel­ak­tiven Zellen sowie indirekt die Fettmasse bestimmt.

Die Messung erfolgt im Liegen. An den Händen und Füßen des Patienten werden an definierten Messpunkten Elektroden angebracht. Das Messgerät schickt einen nicht spürbaren Strom von 50 kHz durch den Körper, der anhand des Wider­standes der Zellen Aufschluss über die Körper­zu­sam­men­setzung und den Zustand der Zellen gibt.

Welche Werte werden zur Inter­pre­tation heran­ge­zogen?

Fettfreie Masse (FFM) In der fettfreien Masse sind alle Bestand­teile des Körpers ohne Fett (Organe, Knochen, Bänder, Muskeln und Wasser) enthalten. Die FFM zeigt die Muskel­aus­prägung an und dient deshalb als Indikator für eine Mangel­er­nährung.

Muskel­masse Die Muskel­masse aller Extre­mi­täten (Arme, Beine) und des Torsos wird angezeigt.

Fettmasse (FM) Die Fettmasse beinhaltet den Gesamt­fett­anteil des Körpers. Visze­rales Fett (Bauchfett) wird ebenfalls angezeigt.

Wasser Die BIA misst das Gesamt­kör­per­wasser und unter­scheidet zwischen

  • extra­zel­lu­lärem (außerhalb der Zelle vorlie­gendem) Wasser und
  • intra­zel­lu­lärem (innerhalb der Zelle vorlie­gendem) Wasser.

Durch den erhöhten Nährstoff­ver­brauch bei COPD kommt es zum Eiweiß­abbau in der Zelle. Dadurch verschiebt sich das intra­zel­luläre Wasser aus der Zelle ins extra­zel­luläre Wasser. Die Zelle ist „vertrocknet“ und in ihrer Funkti­ons­weise einge­schränkt. Viel extra­zel­lu­läres Wasser anteilig am Gesamt­kör­per­wasser zeigt eine Mangel­er­nährung oder Ödeme an.

Phasen­winkel Der Phasen­winkel gibt Auskunft über den Zustand der Zellen. Ist er groß, liegt eine gut versorgte Zelle vor. Ist er klein, liegt eine mangel­er­nährte Zelle mit zu wenig Nährstoffen und Wasser vor.

Warum ist der Einsatz der Bio-Impedanz-Analyse bei COPD-Patienten sinnvoll?

Die BIA macht die Körper­zu­sam­men­setzung sichtbar und wird zur Erfassung des Ernäh­rungs­zu­standes eines COPD–Patienten und zur Begleitung der Therapie einge­setzt.

Die BIA ist ein wichtiges Instrument, um eine Mangel­er­nährung frühzeitig zu diagnos­ti­zieren. Eine Mangel­er­nährung äußert sich durch einen schlechten Zustand der Zellen, hervor­ge­rufen durch Eiweiß­mangel, sowie einen verän­derten Wasser­haushalt. Meist geht damit ein Rückgang der Musku­latur her, weil der Körper das fehlende Eiweiß aus den Muskeln nimmt. Davon ist auch die Atemmus­ku­latur betroffen, was wiederum die Dyspnoe verstärken kann.

Die Darstellung der Muskel­masse zeigt den Trainings­zu­stand eines COPD-Patienten.

Dadurch können recht­zeitig sport­the­ra­peu­tische Schritte einge­leitet werden, um Muskel­verlust vorzu­beugen. Außerdem kann gezielt an den Bereichen des Körpers trainiert werden, wo besonders wenig Musku­latur vorliegt. Bei COPD-Patienten ist oft der Rumpf sehr muskelarm. Diese Musku­latur ist für die Atmung besonders wichtig. Mit der BIA kann der Verlauf des Muskel­auf­bau­trai­nings oder der Atemthe­rapie verfolgt werden. Der Wasser­haushalt und der Phasen­winkel geben Auskunft darüber, ob genügend Eiweiß während der Trainings­phase aufge­nommen wird. Der Patient wird zudem von den sicht­baren Fortschritten motiviert.

Bei überge­wich­tigen COPD Patienten macht die BIA eine erhöhte Fettmasse sichtbar. Während der gezielten Gewichts­re­duktion kann verfolgt werden, wie sich die Körper­zu­sam­men­setzung ändert, z. B., ob Muskel­masse erhalten und vor allem Fettmasse reduziert wird. Hier ist ein positiver Neben­effekt die Motivation des Patienten, denn oft zeigt die Waage keine Verän­derung an, weil Fettmasse durch Muskel­masse ersetzt wird.

Einsatz der BIA in der Rehabi­li­tation von COPD-Patienten

In der Rehabi­li­tation von COPD-Patienten erfolgt eine kombi­nierte Ernäh­rungs- und Trainings­the­rapie. Schon am Ende einer spezia­li­sierten COPD-Reha, bei der der Patient motiviert mitar­beitet, sind i.d.R. positive Verän­de­rungen in der Körper­zu­sam­men­setzung erkennbar. Die BIA-Auswertung veran­schau­licht den Aufbau von Muskel­masse, die Besei­tigung von Mangel­er­nährung, Reduktion von Überge­wicht und eine bessere Zellge­sundheit.

Fallbei­spiele
präsen­tiert und ausge­wertet vom Exper­tenteam der Nordsee­klinik Westfalen

Frau A.: 65 Jahre, Normal­ge­wicht, unauf­fäl­liger BMI, mangel­er­nährt

 Referenz­be­reichMessung 1  Messung 2
Gewicht       44,0 kg      45,7 kg
BMI18,5 – 24,9 kg/m219,6 kg/m220,3 kg/m2
Fettfreie Masse> 15 kg/m214,0 kg/m215,3 kg/m2
Fettmasse3,8 – 8,7 kg/m2 5,5 kg/m2  5,0 kg/m2
Ext./Gesamtwasser< 49,3 %53,1 %52,1 %
Phasen­winkel4,7 – 6,3 °3,8 °4,0 °

Messung 1 (grün = Referenz­be­reich)
Messung 2

Inter­pre­tation Messung 1: Frau A. hat gemäß dem BMI Normal­ge­wicht. Die BIA zeigt jedoch, dass ihre fettfreie Masse unter dem Grenzwert von 15 kg/m2 liegt, was auf eine zu geringe Muskel­masse hinweist. Die Abbildung der Muskel­masse bestätigt das. Ihr Körper­fett­anteil ist normal. Sie weist ein zu hohes extra­zel­lu­läres Wasser im Vergleich zum Gesamt­kör­per­wasser auf. Der Phasen­winkel ist zu niedrig und zeigt eine schlechte Zellge­sundheit.

Frau A. ist trotz des Normal­ge­wichts mangel­er­nährt. Sie erhält während des Reha-Aufent­haltes muskel­auf­bau­endes Training und eiweiß­reiche Kost.

Wäre der Ernäh­rungs­zu­stand nur über das Gewicht beurteilt worden, hätte Frau A. erst sehr spät eine entspre­chende Therapie erhalten.

Inter­pre­tation Messung 2: Nach drei Wochen in der Rehabi­li­tation mit Ernäh­rungs- und Trainings­the­rapie hat sich der Ernäh­rungs­zu­stand der Patientin deutlich verbessert. Sie hat 1,7 kg zugenommen. Die fettfreie Masse ist auf 15,3 kg/m2 angestiegen. Sie hat Muskel­masse, besonders die Atemmus­ku­latur im Torso (Rumpf), aufgebaut. Ihre Fettmasse hat sich leicht reduziert. Das extra­zel­luläre Wasser hat sich im Vergleich zum Gesamt­kör­per­wasser reduziert. Dadurch hat sich der Zustand der Zellen erheblich verbessert. Der Anstieg des Phasen­winkels verdeut­licht das.

Herr B.: 56 Jahre, Überge­wicht, geringe Muskel­masse, erhöhte Fettmasse

 Referenz­be­reichMessung 1  Messung 2
Gewicht          82,0 kg         82,2 kg
BMI18,5 – 24,9 kg/m225,3 kg/m225,4 kg/m2
Fettfreie Masse> 17 kg/m217,8 kg/m218,1 kg/m2
Fettmasse1,2 – 5,6 kg/m2 7,5 kg/m2  7,2 kg/m2
Ext./Gesamtwasser< 43,8 %45,1 %43,4 %
Phasen­winkel4,9 – 7,2 °5,0 °5,9 °
Messung 1 (grün = Referenz­be­reich)
Messung 2

Inter­pre­tation Messung 1: Herr B. hat gemäß dem BMI Überge­wicht. Die BIA zeigt, dass die Fettmasse erhöht ist. Die fettfreie Masse liegt am unteren Referenz­be­reich. Dies erklärt sich durch die zu geringe Muskel­masse, die der Patient aufweist. Das extra­zel­luläre Wasser ist im Vergleich zum Gesamt­kör­per­wasser zu hoch, seine Zellen weisen zu wenig Eiweiß und Nährstoffe auf. Der Phasen­winkel ist deshalb sehr niedrig.

Herr B. hat eine zu hohe Fettmasse bei einer gleich­zeitig zu geringen Muskel­masse. Auch er weist mangel­er­nährte Zellen auf. Während der Rehabi­li­tation erhält er muskel­auf­bau­endes Training und Empfeh­lungen für eine ausge­wogene Ernährung mit ausrei­chend Eiweiß.

Inter­pre­tation Messung 2: Nach vier Wochen hat sich der Ernäh­rungs­zu­stand des Patienten verbessert. Er hat zwar kein Gewicht verloren, aber seine Körper­zu­sam­men­setzung hat sich positiv verändert. Er hat Muskel­masse, besonders Atemmus­ku­latur im Torso, aufgebaut. Die fettfreie Masse ist auf 18,1 kg/m2 angestiegen. Die Fettmasse hat sich leicht reduziert. Das extra­zel­luläre Wasser hat sich im Vergleich zum Gesamt­kör­per­wasser reduziert. Dadurch hat sich der Zustand der Zellen erheblich verbessert. Der Anstieg des Phasen­winkels zeigt das ebenfalls.

Zusam­men­fassend zeigen diese Beispiele, dass die BIA, als wissen­schaftlich evalu­ierte Maßnahme innerhalb eines COPD-Rehabi­li­ta­ti­ons­kon­zepts, ein hilfreiches Feedback­in­strument darstellt.

Wichtig für einen erfolg­reichen Einsatz sind die fundierte Erfahrung der Ernäh­rungs­the­ra­peuten sowie deren Zusam­men­arbeit und Lösungs­kom­petenz mit dem Ärzte- und Bewegungs­the­ra­peu­tenteam.  


Britta Ziebarth, MSc
Ökotropho­login & Ernäh­rungs­wis­sen­schaft­lerin
Nordsee­klinik Westfalen, Wyk auf Föhr
www.Nordseeklinik.online

Roxana J. Jochheim
Direk­ti­ons­as­sis­tentin, Köchin,
Studentin BSc „Ernäh­rungs­the­rapie“
Nordsee­klinik Westfalen


Der Beitrag wurde in der Herbst­ausgabe 2019 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.

Schlagwörter: Atemnot, BIA, Bio-Impedanz-Analyse, BMI, COPD, Ernährungszustand, Fettmasse, Körperzusammensetzung, Lungenemphysem, Muskelmasse, Nährstoffe, Trainingszustand

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