Artikel

Endlich durchatmen

03. Juni 2020

Der Atemnot aktiv begegnen

Chronisch obstruktive Bronchitis und Lungen­em­physem (COPD) sowie Asthma sind die häufigsten chroni­schen Erkran­kungen der Atmungs­organe. Ein großer Teil der Bevöl­kerung hat aufgrund dieser Krank­heiten unter Atemnot zu leiden.

In den letzten Jahren sind sehr große Fortschritte bei der Entwicklung wirksamer Medika­mente zur Behandlung dieser Krank­heiten erzielt worden, sodass insbe­sondere Asthma inzwi­schen recht gut behan­delbar ist. Dennoch treten bei den genannten Krank­heiten immer wieder Atembe­schwerden auf. Viele Studien haben ergeben, dass eben der medika­men­tösen Therapie körper­liches Training sowie ein Training der Atmung wichtig sind.

Das Buch „Endlich durch­atmen“ soll ein Ratgeber sein für Menschen, die sich bei solchen Beschwerden selbst helfen wollen, in Ergänzung einer Therapie unter fachlicher Anleitung. Auch ist das Buch für Angehörige zu empfehlen, um verstehen zu können, welche Auswir­kungen die Krank­heiten auf den Alltag haben, und wie sie Betrof­fenen helfen können. Die Autoren – Professor Dr. Rainer Dierkesmann, Internist und Pneumologe, und Sonja Kaiser, Dipl.-Sportpädagogin, Sport­the­ra­peutin legten bei Erstellung größten Wert auf eine gut verständ­liche praxisnahe Darstellung.

Körperlich aktiv zu werden hilft enorm dabei, Beschwerden bei Atemwegs­er­kran­kungen zu lindern. Wenn die Atmung durch eine Krankheit behindert wird, sinkt die Leistungs­fä­higkeit, da nicht mehr genügend Sauer­stoff zur Energie­ge­winnung bereit­ge­stellt werden kann.

In einer solchen Situation kann man entweder versuchen, die Atmung zu verbessern oder – wenn dies nicht in ausrei­chendem Maße gelingt – die Arbeit der Muskeln, z. B. mit einem bestimmten Trainings­pro­gramm, zu ökono­mi­sieren.

Dabei sollte man bedenken, dass ja auch unsere Atmung mit Muskel­arbeit funktio­niert. Durch Training  lässt sich der Wirkungsgrad der Musku­latur verbessern: Die Muskeln brauchen dann weniger Energie für die gleiche Leistung und Sie geraten nicht so schnell aus der Puste.

Im ersten Teil des Buches erfahren Sie detail­liertes Hinter­grund­wissen. Der zweite Teil hilft das theore­tische Wissen für die Selbst­hil­fe­tech­niken aus den Bereichen der Atem- und Physio­the­rapie zu nutzen. Und im dritten Teil steht das körper­liche Training im Mittel­punkt.

Beispiel aus Atemübungen und ‑techniken
Überblähung und Atemnot – Atemwege öffnen

Beim Asthma und bei der obstruk­tiven Bronchitis besteht die Gefahr, dass die Atemwege während der Ausatmung kolla­bieren und dadurch nicht mehr tief genug ausge­atmet werden kann. Es verbleibt vermehrt Restluft in der Lunge, die Lunge bleibt aufge­bläht, das Zwerchfell (der größte Atemmuskel) bleibt tief stehen.

Dadurch wird auch die Haltung negativ beein­flusst, es kommt zu der typischen „Buckel­bildung“. Die Atmung wird dadurch erheblich erschwert. Wenn jetzt zusätzlich ein Lungen­em­physem vorliegt, verstärkt sich dieses Problem durch den Elasti­zi­täts­verlust der Lunge und die kleinere Gasaus­tausch­fläche.

Die wichtigste Maßnahme ist demnach, das Kolla­bieren der Atemwege zu verhindern.

Die nachfol­genden Übungen helfen zunächst dabei bewusstes Ausatmen wahrzu­nehmen. Bewusste Ausatmung ist die Grundlage für eine richtige Anwendung der Technik der Lippen­bremse. Mithilfe der Lippen­bremse wird die Ausatmung verlangsamt und dem Druck im Brustkorb ein erhöhter Druck in den Atemwegen entge­gen­ge­setzt, der das Kolla­bieren der Atemwege verhindert.

Übungen Bewusstes Ausatmen

Ausatmung spüren:

  • Setzen Sie sich bequem auf einen Stuhl
  • Pusten Sie mit gespitzten Lippen die eigene Handfläche an und versuchen Sie, der Atemluft nachzu­spüren. Verringern oder erweitern Sie den Abstand zur Handfläche so, dass Sie Ihren Atem gut spüren können.

Ausatmung sehen:

  • Versuchen Sie, Watte mit einem gleich­mä­ßigen, langsamen Ausatem­strom wegzu­blasen. Pusten Sie ganz sanft und verstärken Sie den Luftstrom nur, wenn sich die Watte nicht bewegt.
  • Bringen Sie eine Flüssigkeit zum „Blubbern“. Beim Blubbern müssen Sie mehr Kraft aufbringen.

(Auszüge des Buches)


Im Gespräch mit Autorin Sonja Kaiser, Diplom­sport­päd­agogin

Wenn man es auf den Punkt bringen will, könnte man dann formu­lieren: Schwie­rig­keiten bei der Ausatmung sind das „Haupt­problem“ infolge von Asthma, COPD und Lungen­em­physem?

Die Ursachen der Erkran­kungen unter­scheiden sich zwar deutlich, doch eine „blockierte“  Ausatmung, tritt bei Asthma, chronisch veren­gender Bronchitis und Lungen­em­physem gleicher­maßen auf und führt zu dem am meisten belas­tenden Symptom der Atemnot.

Verein­facht ausge­drückt sind die Bronchien durch die mit den Erkran­kungen einher­ge­henden Entzün­dungen, Schleim­haut­ver­än­de­rungen, vermehrter Schleim­bildung etc. verengt und instabil. Will man kraftvoll ausatmen, kann dies zum Kolla­bieren der empfind­lichen Bronchien führen – die Atemwege sind „blockiert“.   

Ausatem­tech­niken verbessern das Ausatmen und ermög­lichen, wieder leichter „durch­atmen“ zu können.

Was gilt es bei Atemtech­niken insbe­sondere zu beachten, um akute Atemnot so weit wie möglich zu reduzieren?

Das Erlernen der Atemtech­niken sollte zunächst immer unter Zuhil­fe­nahme eines entspre­chend fachlich ausge­bil­deten Thera­peuten erfolgen – in einer ambulanten Praxis, einer Lungen­s­port­gruppe oder Rehabi­li­ta­ti­ons­klinik. Die Erfahrung von Atemnot geht  immer mit einer drama­ti­schen Stress­si­tuation und Angst einher. Daher muss der Einsatz der Atemtech­niken völlig automa­tisch, ohne darüber nachdenken zu müssen, ablaufen.

Durch einen Fachthe­ra­peuten erhält man dieses Handwerkszeug und vor allem die Sicherheit der richtigen Anwendung von Lippen­bremse und atemerleich­ternden Positionen.

Erst diese erlernte Sicherheit in der Anwendung, ermög­licht Ruhe zu bewahren und die Not um den Atem zu besei­tigen.  

Was kann aus Ihrer Sicht dazu beitragen, dass Erlernen und richtige Anwenden von Selbst­hil­fe­tech­niken sowie körper­liche Aktivi­täten ein Teil des täglichen Lebens werden?

Der „Knack­punkt“ ist, dass sich Patienten selbst viel zu schnell auf die schwere Erkrankung reduzieren: „Aber ich kann doch nicht…“ und damit zwangs­läufig in eine Abwärts­spirale und Isolation geraten.

Entscheidend erscheint mir die eigene Erfahrung zu sein, selbst zu spüren, dass Selbst­hil­fe­tech­niken und körper­liche Aktivi­täten etwas bewirken.

Die Frage: „Aber wie…?“ beant­worten Thera­peuten und eine gemeinsam entwi­ckelte Anleitung zur Umsetzung, die auf die indivi­du­ellen Bedürf­nisse des Einzelnen abgestimmt sind. Bei der notwen­digen Konse­quenz des täglichen Umsetzens, hilft eine schrift­liche Dokumen­tation, die Erfolge erst sichtbar werden lässt – und eine Verbind­lichkeit mit sich selbst.

Neuauflage: Endlich durch­atmen – Wirksame Atemübungen bei Asthma, COPD, Lungen­em­physem

Prof. Dr. med. Rainer Dierkesmann Sonja Kaiser

Trias Verlag, www.trias-verlag.de

ISBN 978–3‑432–11059‑2

Hinweis: Adressen von Atemphy­sio­the­ra­peuten, Lungen­s­port­gruppen, Pneumo­lo­gi­schen Rehabi­li­ta­ti­ons­kli­niken finden Sie z. B. über

www.lungensport.org
www.atemwegsliga.de
www.lungeninformationsdienst.de
www.reflektorische-atemtherapie.de.


Interview: Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek

Fotos: Adobe­Stock godfer, Trias Verlag, Sonja Kaiser

Der Beitrag wurde in der Winter­ausgabe 2019 der Fachzeit­schrift “Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge” veröf­fent­licht.

www.Patienten-Bibliothek.de

Schlagwörter: Asthma, Atemnot, Atemwegserkrankungen, Atmung, Ausatemtechniken, Bronchitis, COPD, durchatmen, endlich durchatmen, Lungenemphysem

Zeitschrift
Atemwege und Lunge
als Print-Ausgabe bestellen

Unsere Fachzeitschrift "Atemwege und Lunge – Eine Patienten-Bibliothek" erscheint 4x im Jahr (Frühjahr, Sommer, Herbst, Winter) – für Patienten, Angehörige, Fachpersonal, Apotheken, Selbsthilfegruppen und Arztpraxen.

Haben Sie Fragen?

Unsere Redaktion hilft Ihnen gerne weiter. Schreiben Sie einfach eine E-Mail an: info@atemwegeundlunge.de

Artikel, die Sie auch interessieren könnten:

Operationsverfahren

…operative Eingriffe an der Lunge Opera­tionen an der Lunge können im Prinzip in zwei große Gruppen einge­teilt werden. Bei der ersten...

Thorakale Transplantationen

Herz- und Lungen­trans­plan­tation Das vergangene Jahr war ein bewegtes für die Organ­trans­plan­tation in Deutschland, leider nicht immer...

Lungentransplantation

…was Lungen­pa­ti­enten wissen sollten Für viele Patienten mit endgradig fortge­schrit­tenen Lungen­er­kran­kungen bedeutet eine...

…die Lunge will bewegt werden

5 Jahre nach der Lungen­trans­plan­tation Atemnot beim Treppen­steigen war der Grund für seinen Besuch beim Arzt. Im Alter von 50 Jahren...

Von der Hantelbank in den OP

Lungen­trans­plan­tation: Nichts wird so sein wie früher Bereits frühzeitig sprach die behan­delnde Lungen­fach­ärztin das Thema...

Schlüssel zu mentaler Stärke

Kohärenz­gefühl und Resilienz An COPD erkrankte Menschen stehen vor der großen Heraus­for­derung ihr Leben und den Alltag an die...

Förderung eines gesunden Schlafs

Ratgeber Stress trägt in erheb­lichem Maße zu Schlaf­pro­blemen bei. Menschen mit Schlaf­pro­blemen entwi­ckeln Strategien, um sich dem...

Gute Schlafhygiene

…bedeutet auch Prävention Schlaf­pro­bleme waren schon vor Corona weit verbreitet. In der aktuellen Pande­mie­krise, die uns alle vor...

…die verborgene Volkskrankheit

Schlaf­apnoe in Deutschland Etwas mehr als 1 Million Menschen in Deutschland werden aktuell bereits auf Schlaf­apnoe, eine...

Lebensabschnitte souverän gestalten

Buchvor­stellung Aus der Not heraus entschied ich mich, eine ambulant betreute Wohnge­mein­schaft zu gründen. Meine Erkun­di­gungen bei...