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Formen der Atmungsschwäche

01. Juni 2020

Verschiedene thera­peu­tische Optionen

Teil 2

Die zur Verfügung stehenden thera­peu­ti­schen Optionen bei Vorliegen einer Atmungs­schwäche (respi­ra­to­rische Insuf­fi­zienz) entwi­ckeln sich konti­nu­ierlich weiter.

Der erste Teil dieses zweitei­ligen Beitrags in der Herbst­ausgabe der „Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge“ (online lesen auf www.Patienten-Bibliothek.de)  befasste sich mit den beiden Formen der Atmungs­schwäche:

Nasensteg einer LTOT

Schwä­chung der Lunge
Erkran­kungen der Lunge, wie z. B. COPD, Lungen­em­physem, Lungen­fi­brose etc., können aufgrund der damit einher­ge­henden Verän­de­rungen am Lungen­gewebe den Gasaus­tausch beein­träch­tigen und primär zu einer Störung der Sauer­stoff­auf­nahme führen. Als Konse­quenz daraus nimmt der Gehalt des Sauer­stoffs im Blut ab. Durch den Einsatz einer Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie (LTOT) wird die Konzen­tration des Sauer­stoffs bei der Einatmung erhöht.
Ziel einer Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie (mindestens 16, besser 24 Stunden täglich) ist die Verbes­serung der Sauer­stoff­ver­sorgung der einzelnen Organe und die Entlastung der Atemmus­ku­latur (Atempumpe).

Schwä­chung der Atempumpe
Ein niedriger Sauer­stoff­gehalt im Blut führt automa­tisch zu einer Steigerung der Atemfre­quenz und somit langfristig (sekundär) zu einer Überlastung der Atempumpe. Durch die Schwä­chung der Atempumpe kann Kohlen­dioxid schlechter abgeatmet werden mit der Konse­quenz, dass die CO2-Werte im Blut ansteigen.
Durch Einsatz einer Masken- oder nasalen High-Flow-Beatmungs­the­rapie gelangt aufgrund eines erhöhten Drucks mehr Luft in die Lunge als dies über den normalen Weg der Atmung möglich ist, die Atemmus­ku­latur kann sich dadurch erholen.
Ziel einer nicht-invasiven Beatmung (über 6–8 Stunden täglich) ist die Reduzierung der Atemfre­quenz, damit Entlastung der Atempumpe und Verbes­serung der CO2-Blutgas­werte.

Hinweis: Der Einsatz der Thera­pie­op­tionen LTOT und NIV ist erst sinnvoll und erfor­derlich, wenn festge­legte Referenz­werte des Sauer­stoff- bzw. des CO2-Gehaltes im Blut unter- bzw. überschritten werden. Die Referenz­werte basieren auf wissen­schaft­lichen Unter­su­chungen und sind in den jeweils aktuellen wissen­schaft­lichen Leitlinien veröf­fent­licht. Siehe auch www.awmf.org. bzw. https://www.awmf.org/leitlinien/detail/anmeldung/1/ll/020–002.html. Wichtig ist zunächst die Behandlung der Grund­er­krankung.

Im zweiten Teil befassen wir uns nun mit den Fragen: Welche Anwendung kann die nasale High-Flow-Therapie in der Behandlung der respi­ra­to­ri­schen Insuf­fi­zienz bei Erwach­senen finden, für welche Patienten ist diese Thera­pie­option besonders geeignet?

Die Inhalte basieren auf dem Vortrag „High-Flow-Sauer­stoff-Therapie im außer­kli­ni­schen Bereich – eine echte Alter­native?“ von Dr. Jens Geiseler anlässlich des Workshops der Deutschen Sauer­stoff- und BeatmungsLiga LOT e.V. beim Kollo­quium 2019 in Bad Reichenhall und einem Gespräch im Nachgang des Vortrages. Dr. Geiseler ist Chefarzt der Medizi­ni­schen Klinik IV für Pneumo­logie, Beatmungs- und Schlaf­me­dizin, Klinikum Vest in Marl und Vorsit­zender der Deutschen Sauer­stoff- und BeatmungsLiga LOT e.V.

Was sollten Patienten über den Effekt einer Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie noch wissen?

Wird dem Körper durch die LTOT wieder ausrei­chend Sauer­stoff zugeführt, reagiert das Atemzentrum unmit­telbar, indem die Atemfre­quenz und somit das „Antreiben“ der Atemmuskeln reduziert wird. Eine frühe Erschöpfung der Atempumpe kann dadurch vermieden werden. Der Haupt­effekt einer Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie besteht also in der Norma­li­sierung der Atemarbeit und bedeutet eine lebens­ver­län­gernde Maßnahme.

Ist die Atempumpe (Zwerchfell) jedoch geschwächt, kann eine nicht-invasive Beatmung erfor­derlich werden. Warum wurde hierfür eine weitere Thera­pie­option entwi­ckelt?

Auch wenn wir um die gute Wirksamkeit sowohl der Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie als auch der nicht-invasiven Beatmung wissen, so wissen wir ebenso, dass nicht alle Patienten den Thera­pie­emp­feh­lungen folgen und diese verord­nungs­gemäß umsetzen.

Zudem kann eine Sauer­stoff­the­rapie bei manchen Patienten dazu führen, dass durch den Einsatz des Nasen­stegs die Nasen­schleim­häute austrocknen bzw. der Sauer­stoff­fluss das Sekret in den Bronchien etwas eindickt.

Bei einer nicht-invasiven Beatmung kommt es vor, dass manche Patienten das Tragen der  Maske ablehnen, andere Patienten haben eine extrem empfind­liche Haut, bekommen Druck­stellen oder aller­gische Reaktionen. Zudem haben manche Patienten eine verschobene Gesichts­phy­sio­gnomie, was zu sog. Leckagen (undichten Stellen) der Maske führen kann.      

Was sollten Patienten über die nasale High Flow (NHF) Therapie wissen?

Nasaler HighFlow

Feder­führend befassen sich in Deutschland PD Dr. Jens Bräunlich, Emden und Professor Dr. Hubert Wirtz, Leipzig mit dieser neuen Methode. Beim nasalen High Flow (über eine Nasen­sonde verab­reichte hohe Flussrate) tragen Patienten keine Atemmaske. Erwärmtes und befeuch­tetes Luft-Sauer­stoff-Gemisch wird über spezielle Nasen­sonden, die einen großen Innen­durch­messer aufweisen, zugeführt. Ein kleines Gerät mit einer Turbine ermög­licht eine  Durch­flussrate von 20 bis 60 Litern pro Minute, in der Inten­siv­me­dizin sogar 100 Liter pro Minute. Der Sauer­stoff­anteil lässt sich nach Bedarf präzise stufenlos einstellen.

Mit der NHF-Technik können hohe Fluss­raten erreicht sowie zusätzlich Sauer­stoff zugeführt werden. Der starke Luftfluss von bis zu 60 Litern pro Minute verringert den Anteil des funktio­nellen Totraums und wäscht Kohlen­dioxid aus den oberen Atemwegen.

Zunächst wurde die NHF-Therapie in der Akutme­dizin einge­setzt. Unter­su­chungen konnten dabei nachweisen, dass insbe­sondere Patienten mit einem schweren Lungen­ver­sagen wie auch COPD-Patienten mit einer akuten Verschlech­terung von der Therapie profi­tieren können.

Sowohl der CO2-Blutgaswert, wie auch die Atemfre­quenz konnten gesenkt werden.

Naheliegend also die Frage­stellung, ob das Prinzip auch bei Patienten mit einem chronisch erhöhten CO2-Wert einge­setzt werden kann, zumal  Patienten die High Flow Therapie als wesentlich angenehmer empfunden haben, als den Einsatz der normalen Sauer­stoff­the­rapie und noch deutlicher angenehmer als die Masken­be­atmung. 

Welche Bedeutung hat der funktio­nelle Totraum?

Bei der Einatmung muss Sauer­stoff zunächst den Totraum (siehe Erläu­te­rungen im Kasten) passieren, um am Gasaus­tausch in den Alveolen teilzu­nehmen. Bei der Ausatmung wiederum muss Kohlen­dioxid, das sich zunächst tief in der Lunge befindet, ebenfalls den Totraum passieren, um abgeatmet zu werden. Ein gewisser Restanteil an „verbrauchter“ Luft verbleibt aller­dings immer in den oberen Atemwegen. Was bei Gesunden kein Problem darstellt, kann für Lungen­kranke jedoch eine zusätz­liche Belastung bedeuten.

Der hohe Luftfluss der NHF-Technik ermög­licht die Auswa­schung der CO2-haltigen Luft im Mund-Rachenraum während der Ausat­em­phase, sodass auf diese Weise mit jeder Einatmung praktisch CO2-freie Luft einge­atmet werden kann.

Auf Dauer kann durch die Auswa­schung auch der CO2-Gehalt im Blut gesenkt und damit der Ateman­trieb sowie die Atemfre­quenz reduziert werden. Eine Senkung der Atemfre­quenz bedeutet vor allem für COPD-Patienten einen deutlichen Vorteil, da mehr Zeit zur Ausatmung und Entblähung der Lunge verbleibt.

Welche Bedeutung kommt der Erwärmung und Befeuchtung des Luft-Sauer­stoff-Gemischs zu?

Das Trans­port­system zur Reinigung der Bronchien (mukozi­liäre Clearance), das aus einer Schleim­schicht, einer wässrigen Schicht und dem Flimmer­epithel besteht, benötigt zur optimalen Funktion eine Tempe­ratur von 37° C und 100 % Luftfeuch­tigkeit, was bei einer NHF-Therapie gewähr­leistet werden kann.

Bei verrin­gerter Tempe­ratur und Luftfeuchte, reduzieren die Ziliar­zellen ihre Aktivität, wodurch die Möglichkeit besteht, dass die Atemwegs­epi­thelien und die Nasen­schleimhaut austrocknen.

Für welche Patienten kann eine nasale High Flow-Therapie eine zusätz­liche Thera­pie­option bedeuten?

Zunächst ist wichtig zu unter­scheiden, um welche Grund­er­krankung es sich handelt.

Bei Erkran­kungen wie z. B. COPD (chronisch veren­gende Bronchitis und Lungen­em­physem) oder Bronchiek­tasen (Aussa­ckungen des Bronchi­al­ge­webes) ist primär die Lunge betroffen. Die Schädigung der Lunge geht in der Regel zunächst mit einer Störung der Sauer­stoff­auf­nahme einher, da Kohlen­dioxid (CO2) ca. 20–30 Mal leichter über die Lunge ausge­tauscht werden kann als Sauer­stoff. Das bedeutet, auch wenn erheb­liche Teile der Lunge nicht mehr funkti­ons­fähig sind, funktio­niert die CO2-Abgabe noch in einem angemes­senen Rahmen, während die Sauer­stoff­auf­nahme hingegen bereits einge­schränkt ist. Diese Patienten benötigen primär eine Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie.

Die zweite Gruppe weist primär eine Störung der Atempumpe auf, sei es aufgrund einer Querschnitt­lähmung, einer Störung des Zwerch­fells, einer neuro­mus­ku­lären Erkrankung oder einer Überlastung der Atempumpe aufgrund einer verkrümmten Wirbel­säule wie z. B. einer Kyphos­ko­liose oder eines krank­haften Überge­wichtes. Diese Patienten haben vor allem eine Atempum­pen­schwäche, jedoch eine gesunde Lunge und profi­tieren somit insbe­sondere von einer Unter­stützung oder sogar einem Ersatz der Atempum­pen­leistung durch ein Beatmungs­gerät.

In Deutschland ist zahlen­mäßig die größte Gruppe, die der COPD-Patienten. Diese Patienten benötigen in der Regel zunächst eine Sauer­stoff­the­rapie. Bei zunehmend sich verschlech­ternder Lungen­funktion aufgrund der Überblähung (Lungen­em­physem) entwi­ckelt sich letzt­endlich dann sekundär auch eine Atempum­pen­schwäche. Sobald sich die Atempum­pen­schwäche entwi­ckelt, profi­tieren die Patienten nicht mehr alleine von einer LTOT, sondern benötigen zusätzlich eine Unter­stützung der Atempumpe durch eine Beatmungs­the­rapie. Steigt bei einer COPD der CO2-Wert über 50 mmHg, sollte den Patienten daher eine nicht-invasive Therapie (NIV) angeboten werden.

Die derzeitige wissen­schaft­liche Datenlage zeigt, dass die Atemarbeit durch eine NIV, wenn diese gut einge­stellt ist, deutlich mehr gesenkt werden kann als durch eine NHF-Therapie. Wenngleich eine aktuelle Vergleichs­studie beider Therapien über einen Zeitraum von 6 Wochen ähnlich gute Ergeb­nisse hinsichtlich Gehstrecke, Lungen­funktion und auch Blutgas­werten dokumen­tieren konnte. Aller­dings fehlen derzeit noch Daten in der Langzeit­be­ob­achtung sowie Daten bzgl. der Überle­bensrate. Im Hinblick auf die NIV konnte hingegen in einer Studie in 2014 nachge­wiesen werden, dass sich die Sterb­lichkeit der Patienten mit COPD nach einem Jahr drama­tisch senkt, wenn bei einem erhöhten CO2-Wert zusätzlich zur LTOT eine Beatmungs­the­rapie mit NIV durch­ge­führt wird.

Tolerieren Patienten aller­dings die Masken­the­rapie nicht, ist die nasale High Flow Therapie eine zusätz­liche Option.  

Studi­en­hinweis: Ob und wie der nasale High Flow, eine nicht-invasive Beatmungs­mög­lichkeit ohne Maske, das Leben von COPD-Patienten im fortge­schrit­tenen Stadium erleichtern kann, wird ab März 2020 in einer deutsch­land­weiten Studie unter Leitung von Professor Dr. Hubert Wirtz, Univer­si­täts­kli­nikum Leipzig und Dr. Jens Bräunlich, Klinikum Emden, unter­sucht.
Die Studie mit mindestens 700 Patienten an 25 Zentren soll zeigen, wie sich der Einsatz von NHF in akuten Situa­tionen zeigt. Zeitnahe Infor­ma­tionen finden Sie im Studi­en­re­gister unter www.lungeninformatinsdienst.de.


Austausch von Sauer­stoff und Kohlen­dioxid

Sauer­stoff (O2) als Teil der Umgebungsluft gelangt mit jeder Einatmung in die Lunge und von dort über die Blutzir­ku­lation an die einzelnen Organe und Zellen. Jede einzelne Zelle benötigt dauerhaft Sauer­stoff.

Kohlen­dioxid (CO2) ist das Abfall­produkt der Stoff­wech­sel­vor­gänge in den Zellen und muss über die Blutzir­ku­lation zur Lunge abtrans­por­tiert und mit jeder Ausatmung abgeatmet werden.

Der Austausch von Sauer­stoff und Kohlen­dioxid (Gasaus­tausch) zwischen Blut und Lunge erfolgt zwischen den winzig kleinen Lungen­bläschen (Alveolen), die sich am Ende der Bronchien befinden  und den sie umschlie­ßenden Blutge­fäßen (Kapil­lar­gefäße) – dieser Bereich wird auch als Blut-Luft-Schranke bezeichnet.

Totraum

Als Totraum werden die Anteile des Atmungs­traktes bezeichnet, die nicht am Austausch von Sauer­stoff und Kohlen­dioxid beteiligt sind.

Der anato­mische Totraum beschreibt das Volumen der Atemwege, d.h. den Bereich von der Nasen­höhle bis zu den kleinen Bronchien, der nicht am Gasaus­tausch beteiligt ist, sondern „lediglich“ für die Reinigung, Anfeuchtung, Erwärmung und den Transport der Atemluft – also für die Aufbe­reitung – zuständig ist. 

Als alveo­lärer Totraum werden die Bereiche der Alveolen bezeichnet, die z. B. aufgrund von Erkran­kungen wie beispiels­weise einem Lungen­em­physem oder Lungen­fi­brose geschädigt sind und nicht mehr am Gasaus­tausch beteiligt sind.

Der funktio­nelle Totraum ist die Summe aus anato­mi­schem und alveo­lärem Totraum. Während bei einem Gesunden der funktio­nelle Totraum in etwa dem Volumen des anato­mi­schen Totraums entspricht, ist das Volumen bei einer vorlie­genden Schädigung der Alveolen größer.

Der anato­mische Totraum umfasst bei einem gesunden Erwach­senen etwa 150 ml.


Text: Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek

Fotos: Adobe­Stock magicmine, ernsthermann, ResMed, Linde Healthcare, Fisher & Paykel Healthcare

Der Beitrag wurde in der Winter­ausgabe 2019 der Fachzeit­schrift “Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge” veröf­fent­licht.

www.Patienten-Bibliothek.de

Schlagwörter: High Flow, Lunge, NIV, Sauerstoff

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