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eHealth – bessere Versorgung durch Digitalisierung

24. Juli 2020

Gesund­heits-Apps – Kommentare und Erfah­rungen

…nicht blind in die Fluten stürzen

Momentan werden wir von APP-Angeboten wahrlich „überflutet“. In allen Bereichen drängen Apps zur Anwendung auf Smart­phones und Tablets, ebenso wie Teleme­di­zin­an­gebote auf den Markt.

Dabei steht die Vielfalt der App-Angebote in ihrer Unüber­sicht­lichkeit dem Tarife­dschungel bei Handys in nichts nach.

Selbst eine Abgrenzung zwischen mobilen „Medical Apps“, die für medizi­ni­sches Personal oder Patienten zur Unter­stützung bei Diagnose, Therapie oder Überwa­chung von Krank­heiten konzi­piert wurden, und reinen Fitness- oder Gesund­heits-Apps fällt oft schwer. Die Zweck­be­stimmung und die Zielsetzung der Hersteller sind keineswegs immer sofort und eindeutig erkennbar.

Dennoch sind Apps sinnvoll. Sie werden uns künftig mehr und mehr begleiten.

Nur, sind momentan wirklich alle Entwick­lungen sinnvoll? Vielleicht in Zukunft. Noch befinden wir uns jeden­falls im Aufbau eines riesigen neuen Marktes, indem viele Hersteller versuchen, Ärzte und Patienten an sich zu binden. 

…konkret

Gut vorstellen kann ich mir, dass Apps als Thera­pie­be­standteil Patienten bei der Bewäl­tigung ihrer Krankheit unter­stützen und auch die Thera­pie­treue, d.h. die Einhaltung der Therapie, steigern können. Schon jetzt können Patienten sog. Push-Nachrichten erhalten, die z. B. an Medika­men­ten­ein­nah­me­zeiten, Blutdruck­mes­sungen etc. erinnern, was zu einem besseren Behand­lungs­er­gebnis und weniger Kompli­ka­tionen führt.

Eine App, die für Dialy­se­pa­ti­enten beispiel­weise die Nährwerte Kalium und Phosphat einzelner Produkte im Super­markt oder im Restaurant anzeigen, wäre sehr praxis­be­zogen und für diese Patien­ten­gruppe von eminenter Bedeutung. …wenngleich mir bewusst ist, dass die App sehr aufwändig gestaltet und deren Datenbank riesig sein müsste.

Bei der in Pilot­pro­jekten befind­lichen „smartreha*“ geht es darum, Patienten raum- und zeitun­ab­hängig optimal behandeln zu können und gleich­zeitig die Kosten einer statio­nären Rehabi­li­ta­ti­ons­maß­nahme durch eine teleme­di­zi­nische Rehabi­li­tation zu Hause zu senken. COPD-Patienten können – je nach Krank­heitsbild – eine teleme­di­zi­nische Rehabi­li­tation über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten in Anspruch nehmen.

Ob eine teleme­di­zi­nische Rehabi­li­tation tatsächlich die gleichen Effekte, den gleichen Nutzen wie eine stationäre Rehabi­li­tation erbringt, müssen wissen­schaft­liche Unter­su­chungen erst noch beweisen. Ich bin diesbe­züglich eher skeptisch, denn die sozialen Kompo­nenten, der Austausch mit anderen Betrof­fenen, die Schulungen, die aktive Physio­the­rapie, die Stärkung der Psyche und die dadurch gewonnene Compliance (Thera­pie­treue) sind eher Argumente pro stationäre Rehabi­li­tation.

…Sicherheit

Des Deutschen höchstes Gut ist eine 100-%ige-Datensicherheit.

Die Frage ist jedoch, wie steht es real mit „garan­tierter“ Sicherheit? Im digitalen Zeitalter ist diese keineswegs gegeben.

Unzwei­felhaft ist, dass Patien­ten­daten, die in falsche Hände geraten, immensen Schaden anrichten können.    

Kann eine Medical-App als Medizin­produkt die Lösung sein? Wer kann, wer darf überhaupt zerti­fi­zieren? Tatsache ist, dass derzeit nur sehr wenige Medizin-Apps für mobile Endgeräte, die als Medizin­produkt auf der Grundlage des Medizin­pro­duk­te­ge­setzes (MPG) geprüft sind und somit den beson­deren Anfor­de­rungen bezüglich Risiko, Sicherheit, Qualität, Regulierung und Überwa­chung Rechnung tragen, zu finden sind.

Ich denke, wir sollten keineswegs jedes Angebot ungeprüft und unüberlegt schnell mal auf unser Smart­phone laden. Hinschauen ist gefragt und im ersten Schritt die Beant­wortung der Fragen: Wer steht hinter der App? Ist es ein Verband, eine Kranken­kasse, ein Wirtschafts­un­ter­nehmen, eine Klinik…?

Ursula Krütt-Bockemühl
Ehren­vor­sit­zende
Deutsche Sauer­stoff- und BeatmungsLiga LOT e.V.

*smartreha – Unter diesem Namen wurde am Institut Arbeit und Technik (IAT) der Westfä­li­schen Hochschule in Gelsen­kirchen ein Projekt entwi­ckelt, das mit teleme­di­zi­ni­schen Angeboten die Reha in den eigenen vier Wänden ermög­lichen soll. Seit Anfang Juli 2019 nehmen die ersten Patienten bei smartreha teil.

Zusammen mit dem teleme­di­zi­ni­schen Zentrum der „Deutschen Gesund­heits­dienste“ in Bochum werden im Projekt Trainings­pläne erstellt und lebens­wichtige Körper­funk­tionen der Patienten während des Trainings überwacht. Die ärztliche Betreuung übernehmen die Spezia­listen in Abstimmung mit den behan­delnden Haus- und Fachärzten des jewei­ligen Patienten.

Quelle: www.informationsdienst.ruhr/nachrichten/detail/archiv/2019/july/artikel/zuhause-mit-digitaler-hilfe-gesund-werden-telemedizin-statt-stationaerer-reha.html – 18. Juli 2019


…eine ganze Menge Luft nach oben!

Marion Wilkens, 1. Vorsit­zende von Alpha1 Deutschland e.V. und selbst von Alpha-1-Antitryp­sin­mangel betroffen, testet Apps rund um das Thema Lunge. Sie ist Mitglied des Teams von Pneumo­Di­gital (siehe Infor­ma­tionen am Ende des Beitrags), das aus Lungen­ärzten, Patienten und dem Zentrum für Telematik und Teleme­dizin (ZTG) besteht.

Welche Erfah­rungen haben Sie mit Apps?

In der eigenen Anwendung nutze ich derzeit lediglich Smart­watch, z. B. mit der Funktion des Schritt­zählers, was mir in der realen Wahrnehmung meiner täglichen Bewegung auf die Sprünge hilft.

Von den künftigen Möglich­keiten, die wir durch die techni­schen Entwick­lungen werden nutzen können, bin ich begeistert. Professor Dr. Claus Vogel­meier, Präsident des diesjäh­rigen Inter­nis­ten­kon­gresses, dokumen­tierte in seiner Kongress­an­sprache einige ganz konkrete Beispiele, wie z. B. die elektro­nische Nase, die anhand des Musters von Molekülen in der Ausatemluft des Anwenders unter­scheiden soll, ob es sich um einen Alpha-1-Antitrypsin-Mangel oder eine COPD handelt. Oder eine Appli­kation für Mobil­te­lefone einer austra­li­schen Arbeits­gruppe, die Husten- und Atemmuster analy­siert und erste Anhalts­punkte für mögliche Diagnosen liefert.

Aller­dings sind wir mit diesen Optionen bisher leider noch nicht in der Realität angekommen. Die derzeit zur Verfügung stehenden Apps sind von Innova­tionen mit echtem Mehrwert noch weit entfernt – und dass trotz einer wahren Flut täglich neuer Appli­ka­tionen. Mein Eindruck ist, dass die Entwickler viel zu schnell mit ihren Apps auf den Markt drängen, vor allem präsent sein wollen, um im aktuellen Mainstream mitzu­schwimmen. Letzt­endlich wird dabei aber mehr oder weniger das „kopiert“, was z. B. das Internet bereits anbietet – sowohl hinsichtlich der Anwen­dungen als auch der Infor­ma­tionen. Konkrete Bedürf­nisse der Patienten werden (noch) zu wenig berück­sichtigt.

Welche Erwar­tungen haben Sie an die Entwickler von Apps, welche Bedürf­nisse bestehen?

Vielleicht können einige Beispiele die Bedürf­nisse und Erwar­tungen von Patienten konkre­ti­sieren. Es ist Norma­lität geworden, bei Beschwerden zunächst das Internet zu befragen, bevor ein Arzt aufge­sucht wird. Wenn in ein System nicht nur oberfläch­liche, sondern deutlich diffe­ren­ziertere Fragen einge­geben werden könnten, deren Antworten erste Hinweise darauf liefern, welche nächsten Schritte, mögli­cher­weise welche Testungen empfeh­lenswert sind, könnte dies zu einem rascheren Handeln führen.

Bleiben wir beim Beispiel Alpha1, wäre beim Thema COPD die Integration der Frage­stellung sinnvoll: „Haben mehrere Personen in ihrer Familie auffällige Leber­werte oder Lungen­er­kran­kungen?“ Und deren anschlie­ßender Hinweis: „Dann sollte eine Testung auf Alpha1 erfolgen“, richtungs­weisend. Es verfolgt dasselbe Ziel, wie auch von Professor Vogel­meier formu­liert: „Selbst bei seltenen Erkran­kungen schneller dahin zu gelangen, eine mögliche Diagnose überhaupt in Betracht zu ziehen.“

Bei einer App, die sich mit einem Erkran­kungsbild befasst, wäre es sehr hilfreich z. B. auch die klassi­schen Medika­mente aufzeigen, ggf. gleich mit Beipack­zetteln und dem Hinweis, was die Substanzen bewirken. Wobei es keineswegs um Werbung, sondern um Infor­mation geht. Das Ziel sollte sein, weg von den allei­nigen Basis­in­for­ma­tionen, hin zu wirklich in die Tiefe gehenden Hinter­grund­in­for­ma­tionen zu gelangen.

Habe ich dann eine überzeu­gende, vertrau­ens­würdige App gefunden, in die ich auch meine persön­lichen Daten eintrage, z. B. meine Peak Flow Werte o.ä., wäre eine direkte Mailfunktion zu meinem behan­delnden Arzt, bei deutlich abwei­chenden Werten, wünschenswert.

Wobei wir beim Thema Daten­schutz angelangt sind. Welche Erwar­tungen haben Sie?

Langfristig halte ich die Entwicklung von Apps, die sowohl auf Qualität als auch auf Serio­sität, für besser. Beispiels­weise sollte ein Server mit gespei­cherten Daten in Europa und z. B. nicht in den USA statio­niert sein. Patienten möchte ich ermuntern, kritisch zu sein und Einfluss nehmen, was über ein Mitwirken bei AppCheck möglich ist.  


…bitte einmi­schen!

Patienten für AppCheck gesucht

Hinter­grund
Die ZTG GmbH wurde 1999 auf Initiative der NRW-Landes­re­gierung gegründet und ist branchen­über­greifend als herstel­ler­un­ab­hän­giges Kompe­tenz­zentrum etabliert. Seit 20 Jahren prüft die ZTG das Potenzial von IT-Innova­tionen für die Verbes­serung der Gesund­heits­ver­sorgung. Gemeinsam mit Koope­ra­ti­ons­partnern aus medizi­ni­schen Fachge­sell­schaften, Experten der Medizin und Selbst­hilfe möchte die ZTG über die Infor­ma­ti­ons­plattform „AppCheck“ Nutzer von Apps über aktuelle und relevante Entwick­lungen und geeignete Anwen­dungen infor­mieren – www.appcheck.de.

www.pneumodigital
Gemeinsam mit der Deutschen Atemwegsliga e.V. hat die ZTG in Zusam­men­arbeit mit Patien­ten­or­ga­ni­sa­tionen wie Alpha1 Deutschland e.V. einen Kriterien- und Bewer­tungs­ka­talog entwi­ckelt, um vertrau­ens­würdige Apps rund das Thema Lunge zu prüfen und mit dem Pneumo­Di­gital-App-Siegel zu zerti­fi­zieren. Hersteller von Apps können sich bei Pneumo­Di­gital um eine Zerti­fi­zierung bewerben.   

Betei­ligen Sie sich!
Für das Patien­ten­gremium sucht Pneumo­Di­gital weitere Patienten, die sich am Bewer­tungs­ver­fahren aktiv betei­ligen. Der Umgang mit Smart­phone und Internet sollte selbst­ver­ständlich sein. Weitere Voraus­set­zungen sind nicht erfor­derlich.

So wird das Pneumo­Di­gital-Siegel vergeben:

  1. Der App-Hersteller bewirbt sich um das Siegel und füllt eine Selbst­aus­kunft aus.
  2. Das Zentrum für Telematik und Teleme­dizin in Bochum nimmt eine technische Überprüfung vor und erstellt einen Bericht
  3. Die App-Tester von Pneumo­Di­gital führen ihre indvi­duelle Bewertung mittels Frage­bogen durch.
  4. In einer Telefon­kon­ferenz, an der alle Tester teilnehmen können, wird überprüft, ob die App alle wichtigen Kriterien erfüllt. Die Ergeb­nisse der Teste werden in einem Fazit zusam­men­ge­fasst.      

Die Mitglieder von Pneumo­Di­gital freuen sich auf Ihre Kontakt­auf­nahme.
Bitte wenden Sie sich an:

Dr. Uta Butt, Deutsche Atemwegsliga e.V.
Raiff­ei­senstr. 38, 33175 Bad Lippspringe
Telefon 05252 – 933615, kontakt@atemwegsliga.de

Quelle: Deutsche Atemwegsliga e.V.


Informa­tionen zur techni­schen App-Prüfung  
durch das Zentrum für Telematik und Teleme­dizin GmbH (ZTG), Bochum innerhalb des AppCheck
www.appcheck.de oder www.pneumodigital.de

Bei der durch­ge­führten Analyse bzw. beim Monitoring von Apps geht es darum, die Sicherheit der Daten­ströme und des Daten­trans­ports zu testen, d.h. zu testen, ob die Daten über eine gesicherte https-Verbindung übertragen werden. Dies gilt insbe­sondere für sensible und persön­liche Daten, wie etwa Passwörter oder Angaben zum Gesund­heits­zu­stand. Zur Analyse der Kommu­ni­kation der Apps wird Charles Proxy verwendet. Erfolgt die Kommu­ni­kation über ein http-Protokoll, zeigt dies an, dass die Kommu­ni­kation unver­schlüsselt ist.

Werden viele Daten­ströme mit Verwendung eines http-Proto­kolls angezeigt, ist dies ein Anzeichen dafür, dass bei dieser App genauer hinge­sehen werden sollte. Entscheidend ist dabei konkret die Frage, welche Daten bzw. Kommu­ni­ka­ti­ons­vor­gänge über eine http-Verbindung trans­por­tiert werden. Handelt es sich dabei nur um einfache Bildda­teien der Apps etc. und nicht um perso­nen­be­zogene Daten, ist dies natürlich weniger kritisch.

Des Weiteren wird die Plattform(un)abhängigkeit der Apps analy­siert, d.h. es wird einer­seits unter­sucht, ob die Apps grund­sätzlich fehlerfrei auf den beiden größten App-Platt­formen von Apple/iOS und von Google/Android  auf verschie­denen Endge­räten funktio­nieren. Die Ergeb­nisse dieses Tests können mitunter auch von den Angaben der Entwickler und Hersteller abweichen. Die Analyse zur Sicherheit der Daten­ströme erfolgt entspre­chend auf beiden Platt­formen. Auch wird erkennbar, inwiefern Analy­se­dienste wie beispiels­weise Google Analytics zum Einsatz kommen.

Des Weiteren werden abschließend noch die Allge­meinen Geschäfts­be­din­gungen (AGB) sowie die Daten­schutz­an­gaben des jewei­ligen App-Herstellers analy­siert mit dem Ziel, die zuvor analy­sierten Ergeb­nisse mit den Angaben in den AGBs abgleichen zu können und eventuell vorhandene Wider­sprüche bzw. noch offene Fragen an den Hersteller heraus­filtern zu können. Hinzu­gefügt werden muss in diesem Zusam­menhang, dass über dieses Verfahren und aus recht­lichen Gründen nicht zu erkennen ist, was konkret mit den erhobenen Daten passiert bzw. ob der Hersteller Daten an Dritte weitergibt. Ein Weiter­verkauf der Daten etwa kann nicht zweifelsfrei ermittelt werden. Offen­kundig wird lediglich, ob die AGBs dies erlauben würden oder ausschließen.


Bildnachweis:
Ursula Krütt-Bockemühl, Susi Donner, Lindau
Marion Wilkens
Deutsche Atemwegsliga e.V.
Denys Prykhodov – Adobe­Stock

Text/Redaktion:
Kommentare in Anlehnung an Inter­views, Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek


Der Gesamt­beitrag wurde in der Herbst­ausgabe 2019 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.

Schlagwörter: Alpha1, Apps, chronische Erkrankungen, COPD, Corona, digital, Digitale-Versorgung, Digitalisierung, eHealth, Gesundheits-Apps, Luft, Lungenemphysem, Rezept, Therapiebestandteil, Verordnung

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