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Den Ernähungsstatus immer im Blick

10. Mai 2020

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…um Defizite zu vermeiden

„Durch die medizi­nische Forschung der letzten Jahre wurde zunehmend bestätigt, dass die COPD als keine reine Lungen­er­krankung zu behandeln sei. Sie ist vielmehr eine Erkrankung mit vielfäl­tigen und wechsel­haften Verän­de­rungen des gesamten Organismus, die sich teilweise gegen­seitig beein­flussen. Der Krank­heits­verlauf der COPD steht mit dem Ernäh­rungs­zu­stand in einer engen wechsel­sei­tigen Beziehung. Mangel- und Fehlernährung sowie eine reduzierte Muskel­masse sind somit Begleit­erkran­kungen der COPD. Aber auch die andere Seite der Waage – nämlich ein starkes Überge­wicht – hat einen direkten Einfluss auf die Kompli­ka­ti­onsrate und den Allge­mein­zu­stand bei COPD.“

Dieser Auszug des Ratgebers „Ernährung bei COPD“  verdeut­licht, dass dem Ernäh­rungs­zu­stand bei jedem COPD-Patienten eine hohe Aufmerk­samkeit zukommen sollte, damit möglichst frühzeitig entspre­chende Inter­ven­tionen erfolgen können. Über- wie auch Unter­ge­wicht gilt es unbedingt zu vermeiden. Wichtig zu wissen, dass durch einen verbes­serten Ernäh­rungs­zu­stand die Kapazität des Atemmuskels gesteigert werden kann.

Die vier Autoren des Ratgebers – Agnes Budnowski, Flora Koller, Martina Kreuter-Müller und Dr. Ralf Harun Zwick – möchten den Lesern ganz praktische, das Leben erleich­ternde Empfeh­lungen für eine tägliche Umsetzung an die Hand geben. Die im Ratgeber enthal­tenen Basis­in­for­ma­tionen, gemäß aktueller wissen­schaft­licher Erkennt­nisse, sind schwer­punkt­mäßig ausge­richtet auf die Themen Gewichts­pro­ble­matik, Begleit­erkran­kungen und Krank­heits­ne­ben­wir­kungen. Die über 120 Rezepte wurden übersichtlich nach vitamin­reichen, eiweiß­reichen und leicht verdau­lichen Gerichten gegliedert.

Agnes Budnowski

Im Gespräch mit Agnes Budnowski, freibe­ruf­liche Diäto­login, Humaen­erge­ti­kerin, Schulungs- und Ernäh­rungs­be­ra­terin in ambulanter pneumo­lo­gi­scher Rehabi­li­tation mit Schwer­punkt COPD in Wien erfahren wir inter­es­sante Hinter­gründe die Ernährung betreffend, die Sie beim Lesen des Ratgebers weiter vertiefen können.   

Welcher Zusam­menhang besteht zwischen der Lunge und dem Darm?

Während der Entwicklung eines Menschen im Mutterleib, bildet sich in der 4. Schwan­ger­schafts­woche aus dem Darmrohr die Lungen­knospe. Schritt­weise reifen dann aus der Lungen­knospe die Atemorgane: Lungen­flügel, Luftröhre und Bronchien. Im Prinzip kann formu­liert werden: Die Lunge entsteht aus dem Darm.

Beide Organe, Lunge und Darm, haben also denselben Ursprung. Sie entwi­ckeln sich aus den gleichen Teilen des Embryo­nal­ge­webes, was sich sowohl bei der Struktur der Schleimhaut als auch bei den ähnlichen Grund­funk­tionen zeigt. Lunge und Darm sind die größten Grenz­flächen des Körpers zur Außenwelt. Beide Organe, die Lunge mit etwa 100 qm2 Oberfläche und der Darm mit 300–400 qm2 Oberfläche, haben eine enorme Bedeutung für das Immun­system. Ihre Aufgaben bestehen darin, einer­seits Sauer­stoff bzw. Nährstoffe aufzu­nehmen und anderer­seits für den mensch­lichen Organismus schäd­liche Stoffe abzugeben.

Über den Darm gelangen Nährstoffe aus der Nahrung und über die Lunge Sauer­stoff ins Blut und so zu den einzelnen Körper­zellen, wo Nährstoffe und Sauer­stoff zur Energie­ge­winnung mitein­ander verbunden werden. Dieser lebens­wichtige Prozess der Oxidation muss in ständiger Balance sein.

Ist die Lungen­funktion nicht gewähr­leistet oder vermindert, kann dies in weiterer Folge auch zu einer Dysba­lance und gewissen Mangel­er­nährung führen. Ebenso können chronische Magen-Darm-Erkran­kungen zu einer Beein­träch­tigung der Lungen­funktion und somit der Atmung führen. Patienten mit Morbus Crohn oder Colitus ulzerosa beispiels­weise neigen häufig zu beglei­tenden Lungen­er­kran­kungen.

COPD-Patienten sollten immer ganzheitlich und nicht isoliert auf ein einzelnes Organ betrachtet werden.

Was wird bei COPD-Patienten als „ausge­wogene“ Ernährung bezeichnet?

Zunächst sei gesagt, dass eine „gesunde“ bzw. „ausge­wogene“ Ernährung nicht unbedingt für jeden Patienten das gleiche bedeutet. Die tatsäch­lichen Bedürf­nisse und mögli­cher­weise auch vorlie­genden Verdau­ungs­be­schwerden gilt es ganz indivi­duell zu berück­sich­tigen.

Die Feststellung des tatsäch­lichen Ernäh­rungs­status ist ein wichtiger erster Schritt. Das aktuelle Gewicht und auch der Gewichts­verlauf geben dabei erste Hinweise.

Bei COPD-Patienten wird ein BMI*-Wert im oberen Normbe­reich zwischen 23 und 27 kg/m2 empfohlen. Für Lungen­ge­sunde hingegen ist ein BMI zwischen 19 und 25 als Normbe­reich definiert.Wird bei einer vorlie­genden COPD ein BMI-Wert von 21 unter­schritten, gilt dies bereits als Unter­ge­wicht, ist der BMI-Wert von 29,9 überschritten, handelt es sich um ein Überge­wicht. Sowohl Über- als auch Unter­ge­wicht nehmen Einfluss auf die Lungen­er­krankung und wirken sich auf dessen Verlauf negativ aus.

Die Beobachtung des Gewichts­ver­laufs ist wichtig, um recht­zeitig einen raschen Verlust an Körper­ge­wicht, innerhalb von Wochen oder wenigen Monaten, zu erkennen. Ein ungewollter rascher Gewichts­verlust ist ein Alarm­zeichen für eine mögliche Mangel­er­nährung.

COPD-Patienten haben aufgrund des stärkeren Einsatzes der Atemhilfs­mus­ku­latur und dem damit verbun­denen Energie­ver­brauch im Vergleich zu Lungen­ge­sunden immer auch einen höheren Energie­bedarf. Auf eine ausrei­chende Energie­ver­sorgung gilt es unbedingt zu achten!

Ein Grundsatz für eine ausge­wogene Ernährung bei COPD ist eine adäquate Eiweiß­ver­sorgung, denn ein Eiweiß­mangel führt zu schnel­lerem Muskel­abbau.

Die Prote­in­zufuhr für einen Muskel­erhalt beträgt 1,2 Gramm pro Körper­ge­wicht (Hinweis: hier muss das Ideal­kör­per­ge­wicht zugrunde gelegt werden) pro Tag. Für einen Muskel­aufbau ist sogar eine tägliche Eiweiß­zufuhr von 1,6 Gramm pro Körper­ge­wicht erfor­derlich. 

Hochwertige Prote­in­lie­fe­ranten können beispiels­weise Fleisch, Fisch, Tofu, Eier und Milch­pro­dukte sein.

Als weitere grund­sätz­liche Elemente einer ausge­wo­genen Ernährung ist eine gute Versorgung mit Energie­lie­fe­ranten wie Kohlen­hy­draten und Fetten zu benennen, wobei vor allem die Qualität der Nährstoffe entscheidend ist. Komplexe Kohlen­hy­drate, z. B. in Form von Vollkorn­pro­dukten, sollten bevorzugt werden, da diese den Insulin- und Blutzu­cker­spiegel nur langsam beein­flussen, im Gegensatz zu schnell verwer­teten Kohlen­hy­draten, wie z. B. Weißmehl­pro­dukten. Bei Fetten ist auf eine gute Zusam­men­setzung der Fettsäuren zu achten, damit die bei COPD gestei­gerten Entzün­dungs­werte nicht weiter ansteigen. Empfeh­lenswert ist beispiels­weise die Verwendung von Raps‑, Oliven‑, Leinsamen‑, Walnuss- oder Sojaöl. Auch eine ausrei­chende Zufuhr an Antioxi­dantien, Mineral­stoffen und Spuren­ele­menten ist von essen­ti­eller Bedeutung.

Welche Ernäh­rungs­pro­ble­ma­tiken sind bei COPD von beson­derer Bedeutung?

Neben einer Reihe von möglichen Proble­ma­tiken wie z. B. Sodbrennen, Appetit­mangel, Mundtro­ckenheit, Übelkeit, kann als Grund­pro­ble­matik der bereits benannte erhöhte Energie­bedarf gesehen werden. Aufgrund der chroni­schen Entzün­dungen und der gestei­gerten Atemarbeit ist der reine Energie­umsatz bei COPD um etwa 20 % erhöht.

Im Durch­schnitt benötigt ein COPD-Patient ca. 400–800 Kiloka­lorien pro Tag mehr als ein Lungen­ge­sunder, was in etwa dem Umfang einer Haupt­mahlzeit entspricht.

Liegt eine Unter­ver­sorgung vor, erleiden Patienten oftmals einen raschen Verlust der Muskel­masse – und zwar nicht nur der Skelett- sondern auch der Atem- bzw. der Atemhilfs­mus­ku­latur. Wodurch die Atemarbeit der Lunge zusätzlich schwerer fällt.

Besonders kritisch ist das sogenannte Wasting zu sehen, der ungewollte Gewichts­verlust von mehr als 5 % des Körper­ge­wichtes innerhalb von drei Monaten oder mehr als 10 % des Körper­ge­wichtes innerhalb von sechs Monaten. Die Mangel­er­nährung führt zu einer Verschlech­terung des Immun­system, mehr Infekte können auftreten, die allge­meine Belast­barkeit vermindert sich und der Verlauf der COPD insgesamt, wie auch der Verlauf möglicher vorlie­gender Begleit­erkran­kungen, kann negativ beein­flusst werden.

Besonders wichtig zu wissen, dass der BMI-Wert als allei­niger Indikator für den Ernäh­rungs­zu­stand zu Fehlein­schät­zungen führen kann. Wasser­ein­la­ge­rungen oder eine hohe Fettmasse in Kombi­nation mit einer reduzierten Muskel­masse können einen scheinbar „normalen“ BMI ergeben.

Die erfor­der­lichen Aussagen über die Körper­zu­sam­men­setzung  (Fettmasse, Muskel­masse und Körper­wasser) können nur mittels einer Bioelek­tri­schen Impedanz­analyse (BIA) getroffen werden. Diese Messung, die beispiels­weise durch eine ernäh­rungs­me­di­zi­nische Fachkraft erfolgen kann, liefert genaue Daten zum indivi­du­ellen Ernäh­rungs- und Trainings­zu­stand und sollte idealer­weise regel­mäßig wiederholt werden. (Hinweis: Lesen Sie zur BIA-Messung auch den gleich­na­migen Beitrag in der Herbst­ausgabe 2019 der Patienten-Bibliothek Atemwege und Lunge, online auf www.Patienten-Bibliothek.de.)

Aufmerksam sollten Patienten immer werden, wenn sie schnell Gewicht verlieren. Wobei der Verlust an Musku­latur vom Patienten selbst zunächst meist weniger wahrge­nommen wird, insbe­sondere bei gleich­blei­bendem Körper­ge­wicht.

Was Patienten hingegen oftmals bemerken, ist eine Muskel­schwäche oder größer werdende Ringe um den Bauch, die sich bilden, da das Bauchfett immer mehr, die Kraft jedoch immer weniger wird. Auch häufige Infekte, trockene, schuppige Haut, brüchige Haare, brüchige Nägel, Muskel­ver­span­nungen und immer wieder­keh­rende Krämpfe können Hinweise für ein Ernäh­rungs­de­fizit sein, ebenso verstärkte Atemnot, als Ausdruck einer reduzierten Muskel­masse.

Ein mögli­cher­weise vorlie­gendes Ernäh­rungs­de­fizit sollte bei Vorliegen dieser Symptome in Erwägung gezogen werden und diagnos­tische Berück­sich­tigung finden. Sprechen Sie mit Ihrem behan­delnden Arzt darüber!    

Buchtipp: Ernährung bei COPD
Maudrich Verlag
www.facultas.at/maudrich
2. überar­beitete Auflage 2019

Deckblatt

Das Interview wurde in der Frühlingausgabe 2020 der Fachzeit­schrift “Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge” veröf­fent­licht www.Patienten-Bibliothek.de.

Interview/Redaktion: Sabine Habicht – Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek

Fotos: Adobe­Stock – feshidea

Schlagwörter: Agnes Budnowski, Begleiterkrankungen, BMI, COPD, Ernährung, Fehlernährung, Lungenemphysem, Lungenerkrankung, Mangelernährung, Nährstoffe

Zeitschrift
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