Artikel

Das Gespräch als Teil der Therapie

29. Mai 2020

Arzt und Patient

„Ein gutes Arzt-Patienten-Gespräch ist von entschei­dender Bedeutung für den Erfolg der Behandlung. Es hilft, die richtige Diagnose zu stellen und die passende Therapie zu finden. Ärztinnen und Ärzte führen tausende von Gesprächen, und nicht selten müssen sie ihren Patienten schlechte Nachrichten überbringen. Gerade in solchen Situa­tionen ist eine intensive Kommu­ni­kation wichtig, denn schnell können Sorgen und Ängste entstehen“ formu­liert die Kassen­ärzt­liche Bundes­ver­ei­nigung (KBV) aktuell auf ihrer Inter­net­seite (www.kbv.de) und gibt Tipps und Hinweise für eine gute Arzt-Patienten-Kommu­ni­kation.

Mit Dr. Christian Grah, Leitender Arzt der Abteilung für Pneumo­logie und des Lunge­krebs­zen­trums (DKG) des Berliner Gemein­schafts­kran­ken­hauses Havelhöhe, sprach die Redaktion über Arzt-Patienten-Kommu­ni­kation.

Was kann mit „guter“ Kommu­ni­kation erreicht werden und wie wird gute Kommu­ni­kation definiert?

Zunächst einmal sei gesagt, dass gute Kommu­ni­kation keine natur­ge­gebene Fähigkeit ist. Kommu­ni­kation muss trainiert werden.

Die Kommu­ni­ka­ti­ons­for­schung der letzten 100 Jahre hat uns dafür Instru­mente anhand gegeben, die es ermög­lichen, Kommu­ni­kation zu verstehen und zu analy­sieren und für das ärztliche Gespräch bestmöglich einzu­setzen. Wobei klar sein sollte, dass Kommu­ni­kation sich keineswegs darüber definiert, dass ausschließlich Infor­ma­tionen ausge­tauscht werden. Studien belegen, dass der wesentlich größere Anteil einer guten Kommu­ni­kation nonverbal – also ohne Worte – abläuft. Diesen Teil der Kommu­ni­kation kann man als innere Aufmerk­samkeit dem Gegenüber bezeichnen, bei dem es zunächst darum geht, eine Beziehung aufzu­bauen, und Vertrauen zu gewinnen. Damit ist z. B. gemeint: wie spreche ich mit dem Patienten, wie wirke ich auf ihn, wie setze ich mich hin oder wie erwecke ich überhaupt in meinem gesamten Verhalten den Eindruck und die Überzeugung, dass in diesem Moment nur er gemeint ist.  

Unter­su­chungen zeigen, dass die Qualität der Beziehung zwischen Arzt und Patient – und natürlich ebenso Thera­peuten oder medizi­ni­schem Fachper­sonal und Patient – eine wirksame Voraus­setzung, für das Bewäl­ti­gungs­ver­mögen bei Krank­heiten für Patienten ist. Daher sollten drei Quali­täten von Kommu­ni­kation in einer thera­peu­ti­schen Beziehung angestrebt werden: unbedingte Wertschätzung, Authen­ti­zität und Empathie (Einfüh­lungs­ver­mögen).

Erst ein entstan­denes Vertrauen, gibt dem Patienten den notwen­digen Raum und die Möglichkeit, schwer­wie­gende Fragen, Fragen die Patienten ängstigen, zu stellen oder auch Zweifel zu äußern. Wobei es nicht nur um die wichtige Kernfrage der Lebenszeit, sondern auch um viele Fragen, die für die Lebens­qua­lität des Patienten entscheidend sein können, geht.

Gelingt die Kommu­ni­kation nicht und ist keine wirkliche Beziehung entstanden, fühlt sich der Betroffene alleine gelassen und weiß nicht, wie er mit seinen Fragen umgehen soll. Unter­su­chungen hierzu zeigen, dass diese Situation Auswir­kungen auf sein Wohlbe­finden und sogar auf seine Überle­benszeit haben kann.

Welche Möglich­keiten sollten Patienten und Angehörige nutzen, um das Gespräch mit dem Arzt aktiv zu gestalten?

Ich empfehle jedem chroni­schen Lungen­pa­ti­enten und ebenso den Angehö­rigen, Mut zu fassen und  nachzu­fragen. Fordern Sie ein, dass mit Ihnen gesprochen wird. Bringen Sie zum Ausdruck, wenn Ihnen die statt­fin­dende Kommu­ni­kation nicht ausreicht, Sie Erläu­te­rungen nicht verstanden haben oder über grund­sätz­liche Fragen, die direkt oder indirekt Ihre Krankheit betreffen, nicht ausrei­chend besprochen wurde. 

Verän­de­rungen können nur statt­finden, wenn Wünsche, aber auch Kritik unmit­telbar formu­liert werden. Insofern ist es ein ganz wichtiges Instrument, dass Betroffene lernen, selber zu sagen, was sie brauchen.

Nehmen Sie nicht gleich den Weg der „Drehtür“ zum nächsten Arzt, wenn eine Proble­matik auftaucht, sondern wählen auch Sie als Patient den Weg der Kommu­ni­kation.

Darüber hinaus sollten Sie alle Möglich­keiten nutzen, die helfen, ein sicheres Gefühl bei den nächsten Behand­lungs­schritten zu gewinnen. Hier können ergänzend zum Arztge­spräch Infor­ma­ti­onswege wie z. B. über den Lungen­in­for­ma­ti­ons­dienst, bei Lungen­krebs der Krebs­in­for­ma­ti­ons­dienst oder andere Organi­sa­tionen in Anspruch genommen werden. Eine weitere Möglichkeit bietet ggf. die Einholung einer Zweit­meinung.

Wie sollten Patienten sich beispiels­weise auf ein Gespräch mit dem Arzt vorbe­reiten?

Es ist sehr wichtig, dass nicht nur der Arzt oder andere medizi­nische Betreuer vorbe­reitet in ein Gespräch gehen, sondern auch der Betroffene selbst. Die Vorbe­reitung auf ein Gespräch ist auch Ausdruck dessen, dass man sich als Patient aktiv um seine Erkrankung kümmert.

Hilfreich bei der Vorbe­reitung sind im Vorfeld Frage­stel­lungen an sich selbst, wie beispiels­weise: Welche Fragen möchte ich beant­wortet bekommen? Mit welcher Zielsetzung gehe ich in das Gespräch? Welche sympto­ma­ti­schen Verän­de­rungen habe ich seit dem letzten Termin? Die Antworten sollten auf einem Merkzettel notiert und zum Termin mitge­nommen werden, damit man in der beson­deren Situation des Gesprächs keinen der Punkte vergisst.

Am Ende eines Gespräches sollten dessen wichtigste Ergeb­nisse und Verein­ba­rungen nochmals kurz wiederholt werden. Dies kann durch den Arzt, den Patienten selbst oder aber einen Angehö­rigen erfolgen. Auch hier können ggf. Notizen, die man dann mit nach Hause nimmt, hilfreich sein. Wichtig ist, dass Patient und ggf. Angehö­riger alles verstanden haben. Abschließend sollte konkret festge­halten werden, wann man sich das nächste Mal ggf. mit welchen Ergeb­nissen wieder­sieht.

Diese Vorge­hens­weise schafft Sicherheit und trägt zum Wohlbe­finden bei.

Wie sollten sich Patienten in kommu­ni­kativ schwie­rigen Situa­tionen verhalten, wenn sie sich z.B. überfordert fühlen, nicht genügend in Thera­pie­ent­schei­dungen einbe­zogen werden etc.?

Steht ein schwie­riges Gespräch an, so empfehle ich, sich hierauf besonders intensiv vorzu­be­reiten. Legen Sie sich durchaus ganze Sätze, die Sie sagen wollen, zurecht und schreiben diese auf.

Gelingt dennoch der Gesprächs­verlauf nicht, wie erhofft oder treten erst während eines Gespräches schwierige, überfor­dernde Situa­tionen auf, haben Sie den Mut, dies auch auszu­sprechen. Gehen Sie nicht nach Hause, bevor Sie die Proble­matik angesprochen haben. Bitten Sie ggf. um einen weiteren Termin oder ziehen Sie weitere Bezugs­per­sonen wie z. B. Kranken­schwestern, Angehörige mit ein. Auch hier wieder der Rat: Formu­lieren Sie, wenn Sie Unter­stützung benötigen.

Die Umsetzung einer Therapie ist das eine; sie kann nur dann optimal verlaufen, wenn alle Fragen geklärt sind.

Das Gefühl und der innere Wert den jeder Mensch in einem guten und wertschät­zenden Gespräch erleben kann ist eine reale Ressource, die über die Therapie hinaus wirkt. Auf diese sollte eine moderne Medizin nicht mehr verzichten. Kommu­ni­kation hat eine eigen­ständige Bedeutung innerhalb des thera­peu­ti­schen Gesamt­kon­zeptes und sollte als Behand­lungs­mo­da­lität genauso bewertet werden wie andere Therapien.

Wie kann eine gute Kommu­ni­kation trotz ständigem Kosten­druck gelingen?

Grund­sätzlich möchte ich betonen, dass ich die Merkan­ti­li­sierung in der Medizin, Krank­heiten als Ware zu betrachten, für eine falsch einge­schlagene Richtung halte. Ich glaube, dass es Zeit ist, umzudenken.

Vor allen Dingen gilt es dringend die Wertigkeit guter Kommu­ni­kation neu zu beleben. Wir unter­liegen einem großen Irrtum, wenn wir derzeit zwar für medika­mentöse Therapien hohe Summen bereit­stellen, für Kommu­ni­kation jedoch nur einen kaum nennens­werten Bruchteil davon.


Text: Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek

Fotos: Dr. Christian Grah, Berlin, Fotolia.com AI-Ma-Ga-Mi, UBER IMAGES

Der Beitrag wurde in der Winter­ausgabe 2019 der Fachzeit­schrift “Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.

Die Langfassung des Gespräches mit Dr. Grah ist in der Erstver­öf­fent­li­chung, Sonder­ausgabe Patienten-Bibliothek – Lungen­krebs 2017, nachzu­lesen, siehe auch www.Patienten-Bibliothek.de.

Schlagwörter: Arzt und Patient, Arzt-Patienten-Kommunikation, Dr. Christian Grah, Gespräch, Gespräch als Therapie, Kommunikationsforschung, Lungenkrebs, Therapieentscheidung, Vertrauen

Zeitschrift
Atemwege und Lunge
als Print-Ausgabe bestellen

Unsere Fachzeitschrift "Atemwege und Lunge – Eine Patienten-Bibliothek" erscheint 4x im Jahr (Frühjahr, Sommer, Herbst, Winter) – für Patienten, Angehörige, Fachpersonal, Apotheken, Selbsthilfegruppen und Arztpraxen.

Haben Sie Fragen?

Unsere Redaktion hilft Ihnen gerne weiter. Schreiben Sie einfach eine E-Mail an: info@atemwegeundlunge.de

Artikel, die Sie auch interessieren könnten:

Beitrag Warum Empathie so wichtig ist, Dr med. Caroline Gloeckl

Empathie – mehr als Medizin

Laut Duden ist Empathie die Bereit­schaft und Fähigkeit, sich in die Einstel­lungen anderer Menschen einzu­fühlen. Es geht also darum,...

Herzinfarkt der Lunge

COPD – früh erkennen und früh handeln In Deutschland wurde zuletzt im Jahr 2021 die Nationale Versor­gungs­leit­linie (NVL) COPD – siehe...

Lungenfibrose – aus Sicht einer Patientin

Mit der Diagnose Lungen­fi­brose verändert sich nicht nur das Atmen. Auch Bezie­hungen verändern sich. Plötzlich entstehen Gespräche, die...

Oh, diese Treppen

Wenn ich unten an dieser Treppe stehe, muss ich erst einmal tief Luft holen. Das hilft, wenn auch nur wenig. Ich weiß nicht, ob ich diese...

Operationsverfahren

…operative Eingriffe an der Lunge Opera­tionen an der Lunge können im Prinzip in zwei große Gruppen einge­teilt werden. Bei der ersten...

Thorakale Transplantationen

Herz- und Lungen­trans­plan­tation Das vergangene Jahr war ein bewegtes für die Organ­trans­plan­tation in Deutschland, leider nicht immer...

Lungentransplantation

…was Lungen­pa­ti­enten wissen sollten Für viele Patienten mit endgradig fortge­schrit­tenen Lungen­er­kran­kungen bedeutet eine...

…die Lunge will bewegt werden

5 Jahre nach der Lungen­trans­plan­tation Atemnot beim Treppen­steigen war der Grund für seinen Besuch beim Arzt. Im Alter von 50 Jahren...

Von der Hantelbank in den OP

Lungen­trans­plan­tation: Nichts wird so sein wie früher Bereits frühzeitig sprach die behan­delnde Lungen­fach­ärztin das Thema...

Schlüssel zu mentaler Stärke

Kohärenz­gefühl und Resilienz An COPD erkrankte Menschen stehen vor der großen Heraus­for­derung ihr Leben und den Alltag an die...