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Steigende Vielfalt der Optionen

29. Mai 2020

Lungen­krebs benötigt genaue Diagnostik

Noch bis in die 1990er Jahre galt eine Behandlung des Lungen­kar­zinoms als fast aussichtslos. Seitdem hat sich hinsichtlich der thera­peu­ti­schen Optionen enorm viel getan. Neue Entwick­lungen bieten Chancen und Möglich­keiten gezielt etwas gegen die Erkrankung zu tun. Die früher oftmals hoffnungslose Diagnose Lungen­krebs wandelt sich inzwi­schen für einen Teil der Patienten zu einer chroni­schen Erkrankung mit deutlich längerem Überleben und deutlich besserer Lebens­qua­lität

Im Gespräch mit Professor Dr. Bernd Schmidt, Facharzt für Innere Medizin und Pneumo­logie, Chefarzt der Lungen­klinik, Lungen­krebs­zentrum der DRK Kliniken Berlin, erfahren wir mehr über den aktuellen Status.

Warum ist zunächst eine genaue Diagnose für die Wahl der Therapie so wichtig?

Während wir in der Vergan­genheit nur grobe Unter­schei­dungen der Lungen­kar­zinome brauchten (z. B. klein­zel­liges Lungen­kar­zi­nom/­nicht-klein­zel­liges Lungen­kar­zinom), um Thera­pie­ent­schei­dungen zu treffen, wird die genauere Diagnose bei neueren Behand­lungs­mög­lich­keiten immer bedeut­samer.

Wir benötigen heute neben der Beschreibung des Gewebe­typen (z. B. Adeno­kar­zinom = ausgehend von Drüsen­zellen) genaue Diffe­ren­zie­rungen der Oberflä­chen­struk­turen (z. B. PD-L1-Expresion) und möglicher Beson­der­heiten des Erbma­te­rials der Krebs­zellen (z. B. Genmu­ta­tionen). Neben der immer diffe­ren­zierten Beschreibung der Krebs­zellen ist auch die Ausdehnung (Tumor­größe, Lymph­kno­ten­befall und Metasta­sen­si­tuation) für Thera­pie­ent­schei­dungen extrem wichtig.

In einzelnen Fällen kann es zusätzlich bedeutsam sein, Verän­de­rungen der großen Gefäße und der Atemwege im Rahmen der Diagnostik zu erkennen. Hier können wir sowohl auf der Seite der Blutgefäße (Angio­graphie) als auch in den Atemwegen (Broncho­skopie) durch lokale Thera­pie­ver­fahren zur Behandlung beitragen.

Operation, Strah­len­the­rapie, Chemo­the­rapie sind den meisten Patienten als Standard­the­rapien ein Begriff. Was ist unter einer zielge­rich­teten Therapie zu verstehen?

Zielge­richtete Therapien (sog. „Targeted Therapies“) greifen gezielt in Mecha­nismen der Tumor­zellen ein. Das können Antikörper gegen Oberflä­chen­struk­turen der Tumor­zellen sein oder Medika­mente, die im Inneren der Tumor­zelle bestimmte Infor­ma­tions-/Steu­er­vor­gänge beein­flussen.

Wie werden die Thera­pie­op­tionen der ungezielten und gezielten Therapie heute mitein­ander verbunden?

In neuen Thera­pie­kon­zepten werden klassische Chemo­the­rapie-Medika­mente mit zielge­rich­teten Strategien verknüpft, z. B. mit Antikörpern. Mit diesen Ansätzen wird die Wirksamkeit der Therapie unter Umständen deutlich verbessert.

Was ist unter einer Immun­the­rapie mit Antikörpern zu verstehen?

Immun­the­rapien greifen an der Kontakt­stelle zwischen Krebs­zelle und körper­ei­gener Abwehr­zelle (=Immun­system) an. Sie verhindern, dass Krebs­zellen dem Immun­system das Signal geben, sie seien harmlos. Damit erkennt die körper­eigene Abwehr­zelle die Krebs­zelle als Feind und vernichtet sie.

Die Immun­the­rapie löst also gewis­ser­maßen die Hemmung des Immun­systems und ermög­licht einen effek­tiven Kampf des Immun­systems gegen den bedroh­lichen Krebs.

Welche Patienten können insbe­sondere von dieser Thera­pieform profi­tieren?

Nach heutigem Verständnis können Patienten bereits in der sog. Ersten Linie (d.h. ganz am Anfang der Behandlung) mit einer allei­nigen Immun­the­rapie behandelt werden, wenn die Krebs­zellen auf ihrer Oberfläche bestimmte Struk­turen in großer Menge tragen (z. B. PD-L1); deshalb ist bei Diagno­se­stellung die genaue Unter­su­chung so wichtig.

Welche thera­peu­ti­schen Entwick­lungen gibt es ganz aktuell, welche sind in nächster Zukunft zu erwarten?

Ganz neue wissen­schaft­liche Erkennt­nisse zeigen, dass auch die Kombi­nation von klassi­schen Chemo­the­ra­pie­me­di­ka­menten mit Immun­on­ko­lo­gi­schen Therapien sinnvoll sein kann. Von dieser neuen Option können sehr viele Patienten profi­tieren.

Zukünftig könnten auch Kombi­na­tionen verschie­dener Immun­the­rapie-Medika­mente möglich werden.

Zunehmend wird auch an Strategien geforscht, die eine medika­mentöse Therapie vor einer Operation vorsehen. In bestimmten Situa­tionen kann das Ergebnis der OP auf diese Weise verbessert werden.

Eine andere Entwicklung geht dahin, bei einzelnen Lungen­krebs­me­ta­stasen in ausge­wählten Fällen (sog. „Oligo­me­tasta­sierte Lungen­kar­zinome“) sowohl den Tumor als auch die Metastase zu operieren (oder zu bestrahlen). Das heißt, dass trotz des Vorliegens einzelner Metastasen eine lokal radikale Therapie möglich wird.

Wie entwi­ckeln sich aktuell die Möglich­keiten zur Verbes­serung der Früherkennung von Lungen­krebs, um die Thera­pie­op­tionen mögli­cher­weise noch effek­tiver nutzen zu können?

Die Früherkennung von Lungen­krebs ist ein komplexes Thema. In sehr großen Studien konnte gezeigt werden, dass eine CT-Unter­su­chung (Compu­ter­to­mo­graphie) bei beschwer­de­freien Rauchern dazu führt, dass Lungen­krebs früher erkannt und das Überleben der Erkrankung deutlich verbessert wird. Aller­dings findet man bei den CTs auch viele harmlose Knoten in der Lunge, deren Abklärung unnötige Sorgen, Kompli­ka­tionen und Kosten auslösen können.

Insgesamt spricht inzwi­schen sehr viel für eine Lungen­krebs-Früherkennung bei starken* Rauchern oder familiärer Belastung. Vollkommen unklar sind die Kosten eines solchen Programms und die Umsetzung. Für uns als Lungen­krebs­zentren wäre die Entscheidung für Früherkennung ein großer Schritt in die richtige Richtung. Wir würden sehr gerne mehr Patienten in gut behan­del­barer, mögli­cher­weise operier­barer, Situation diagnos­ti­zieren und damit die Prognose der Erkrankung insgesamt deutlich verbessern.

* Als starker Raucher wird, gemäß den Empfeh­lungen der Weltge­sund­heits­or­ga­ni­sation (WHO), der tägliche Konsum von 20 oder mehr Zigaretten bezeichnet.

Lungen­krebs­zentren
Seit 2008 können sich Lungen­krebs­zentren nach den Anfor­de­rungen der Deutschen Krebs­ge­sell­schaft (DKG) zerti­fi­zieren lassen. Ein zerti­fi­ziertes Zentrum ist mit einem „Versor­gungs­netzwerk“ gleich­zu­setzen. Diese Begriff­lichkeit verdeut­licht, dass die gesamte Versor­gungs­kette der Erkrankung abgebildet sein muss – von der Diagnostik über die Therapie bis zur Nachsorge etc.

Der Vorteil von zerti­fi­zierten Zentren ist die Sicherheit, dass der Standard in allen Zentren gleich ist, deren Ärzte über ausrei­chend Erfahrung verfügen und eine fachüber­grei­fende inter­dis­zi­plinäre Behandlung, in Anlehnung an die aktuellen wissen­schaft­lichen S3-Leitlinien, statt­findet. Zudem müssen Zentren für ein Zweit­mei­nungs­ver­fahren zur Verfügung stehen.

Die aktuelle Liste der zerti­fi­zierten Zentren ist z. B. über die die Inter­net­seite der Deutschen Krebs­ge­sell­schaft einsehbar, www.krebsgesellschaft.de oder über www.oncomap.de.  Bundesweit sind derzeit 72 Lungen­krebs­zentren verzeichnet.


Text: Professor Dr. Bernd Schmidt, Berlin
Redaktion: Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek

Fotos: DRK Kliniken Berlin, Lungen­krebs­zentrum

Hinweis: Zum Thema Lungen­krebs finden Sie eine 64seitige Sonder­pu­bli­kation der Patienten-Bibliothek, die kostenlos online gelesen werden kann – siehe www.Patienten-Bibliothek.de.

Der Beitrag wurde in der Winter­ausgabe 2019 der Fachzeit­schrift “Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge” veröf­fent­licht.

Schlagwörter: Adenokarzinom, Antikörper, Krebszelle, Lungenkarzinom, Lungenkrebs, PD-L1, Targeted Therapies, Tumor, Tumorzelle

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