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Im Strudel der Unsicherheit

28. Mai 2020

Gemeinsam

Die fünfte Lebens­woche…
Knapp zwei Jahre nach Geburt unserer Tochter Hilla kam 2003 unser Sohn Enno zur Welt und wir hatten das herrliche Gefühl, nun eine komplette Familie zu sein.

Unser kleiner Säugling hatte lange mit einer Gelbsucht zu tun, was wir Eltern als nichts Beson­deres empfanden. Vier Wochen nach Geburt bekam er jedoch plötzlich ohne ersicht­lichen Grund Nasen­bluten und wir gingen zur Abklärung ins Krankenhaus. Seine Blutge­rinnung lag bei drama­ti­schen 6 %, was die Ärzte bei der Vorstellung, der Kleine hätte fallen und innerlich verbluten können, auf den Plan rief.


Es folgte eine nerven­zer­mür­bende Woche im Krankenhaus, in der nach und nach verschiedene Krank­heiten ausge­schlossen wurden. Nach einigen Tagen erhielten wir die uns völlig unbekannte Diagnose Alpha-1-Antitrypsin-Mangel in homozy­goter Form (d.h. mit gleichen mütter­lichen und väter­lichen Erban­lagen).


Am Ende der fünften Lebens­woche unseres Sohnes stand fest, er müsse baldmöglich an der Leber trans­plan­tiert werden – was für ein Schock! Erst die letzte Unter­su­chung der Gallen­gänge zeigte, dass es sich nicht um einen derart drama­ti­schen Zustand handelte und aus der anste­henden Trans­plan­tation wurde ein: Nehmen Sie das Kind erst einmal mit nach Hause und stellen es in drei Monaten wieder vor.
Gabi Niethammer, September 2018


Wenngleich die meisten „Alphas“ vor allem unter einer Lungen­schä­digung leiden, so kann durch den Alpha-1-Antitrypsin-Mangel auch die Leber betroffen sein. Dies ist vor allem bei jüngeren Kindern der Fall: Schät­zungs­weise jedes zehnte Kind, bei dem beide Erbinfor­ma­tionen für das Eiweiß Alpha-1-Antitrypsin die abnorme Z‑Variante aufweisen, zeigt Leber­sym­ptome.

Die gute Nachricht: Oft beschränken sich die Leber­sym­ptome auf eine vorüber­ge­hende Gelbsucht im Säuglings­alter und erhöhte Leber­werte und/oder eine vergrö­ßerte Leber im Kindes­alter. Nur in sehr seltenen Fällen wird die Leber so stark in Mitlei­den­schaft gezogen, dass eine Trans­plan­tation in den ersten Lebens­jahren erfor­derlich wird. Ein Scree­ning­pro­gramm auf Alpha1 (eine automa­tisch syste­ma­tische Testung) gibt es derzeit nicht. Bedacht werden sollte, dass eine Gelbsucht bei Neuge­bo­renen viele Ursachen haben kann, die harmloser Natur sind. Die Konzen­tra­ti­ons­be­stimmung des Schutzei­weißes Alpha-1-Antitrypsin bei längerer Gelbsucht stellt also eine reine Vorsor­ge­maß­nahme dar.

Alpha-1-Antitrypsin-Mangel (AATM) ist zwar eine der häufigsten Erbkrank­heiten der Lunge, dennoch bleibt die Erkrankung in den meisten Fällen unerkannt oder wird erst spät diagnos­ti­ziert. Am häufigsten erhalten Betroffene im Erwach­se­nen­alter die Diagnose Lungen­em­physem, mit dem Oberbe­griff COPD (chronisch obstruk­tiven Lungen­er­krankung). COPD wird vor allem durch langjäh­riges Rauchen erworben. Häufig wird dabei aller­dings übersehen, dass ein Lungen­em­physem auch genetisch durch einen AATM entstanden sein kann (weitere Infor­ma­tionen zu AATM finden Sie im nachste­henden Kasten).

Gabi Niethammer (53) ist 2. Vorsit­zende von Alpha1 Deutschland e.V. und lebt mit ihrer Familie, Ehemann Martin (55) und den beiden Kindern Hilla (19) und Enno (17) in Hamburg

Frau Niethammer, Sie haben eine drama­tische Zeit nach der Geburt Ihres Sohnes erlebt. Was hat Ihnen/Ihrer Familien in dieser Situation und im Umgang damit geholfen?

Als wir mit Enno das Krankenhaus verließen, waren wir zutiefst verun­si­chert. Gegen den Rat vieler begannen wir im Internet nach Antworten zu suchen und fanden vor allem schockie­rende Zahlen zu Krank­heits­pro­gnosen und Lebens­er­wartung.

Auch das natür­liche „Bauch­gefühl“, wann es meinem Kind gut geht und wann nicht, so wie ich es bei unserer Tochter Hilla erlebt hatte, wollte sich bei Enno nicht einstellen, zumal er anfangs wirklich ein äußerst winziges und zartes Kind war.

Bereits jedes einzelne Husten löste eine emotionale Achterbahn und hektische Aktivi­täten aus. Tatsächlich stellten sich im Laufe der Zeit zahlreiche Infekte ein, darunter einige schwer­wie­gendere und auch eine Lungen­ent­zündung. Später kamen einige Ohrent­zün­dungen hinzu. Doch letzt­endlich ist nie wirklich etwas Schlimmes passiert.

Die ersten Jahre waren vor allem von Angst, Sorge und Unsicherheit geprägt. Dieser „Knoten“ löste sich erst langsam, nachdem wir zwei Jahre später aufgrund einer Anzeige im Hamburger Abend­blatt auf eine Veran­staltung von Alpha1 Deutschland e.V. aufmerksam wurden und mit anderen Betrof­fenen in Kontakt kamen. Die dort gebün­delten Fachin­for­ma­tionen, die persön­lichen Gespräche und der Austausch von Erfah­rungen gaben uns im Laufe der nächsten Jahre langsam das notwendige Sicher­heits­gefühl zurück, im Umgang mit der Erkrankung unseres Sohnes keine fatalen Fehler zu machen. .

Wie hat Alpha1 Sie als Familie geprägt, auch im Hinblick auf den Umgang mit Ängsten?

Ich kann heute sagen, dass die Famili­en­kon­stel­lation durch Alpha1 eine Besondere geworden ist. Bedingt durch die Unsicherheit und die Ängste hat Enno in unserer vierköp­figen Familie über viele Jahre den größten Raum einge­nommen. Das „Sich-unsicher-fühlen“, hat etwas mit uns „gemacht“, was zu Verschie­bungen, Konzen­tra­tionen in der Aufmerk­samkeit geführt hat, die es sonst wahrscheinlich nicht gegeben hätte.

Gerade die ersten etwa sieben Jahre bis zur Ausreifung des Immun­systems waren eine aufrei­bende, turbu­lente Zeit, die uns gefordert hat und in der wir uns als Eltern keineswegs immer über alle Schritte einig waren.

Entscheidend war, dass wir immer mitein­ander reden konnten – wenngleich auch manchmal mit einer gehörigen Portion Tempe­rament – und gemeinsame Wege fanden. Aus dieser angespannten Lebens­si­tuation ist etwas Gutes erwachsen: eine tolle Familie.

Enno ist inzwi­schen 17 Jahre alt. Wie geht es ihm heute und wie geht er mit der Erkrankung um?

Einige Jahre wurde Enno medika­mentös behandelt, die Therapie konnte dann im Alter von etwa 11 Jahren abgesetzt werden, da sich die Leber­werte norma­li­siert haben. Unserem Sohn geht es sehr gut und er ist tatsächlich bei Erkäl­tungen in der Familie derjenige, der am wenigsten davon abbekommt. Über seine Erkrankung infor­miert war Enno immer, Fragen wurden, so gut es ging, beant­wortet. Präventive Möglich­keiten wie z. B. Impfungen, Maßnahmen des persön­lichen Lebens­stils, die Notwen­digkeit von ärztlichen Kontroll­ter­minen sind ihm bestens bekannt.

Vor einiger Zeit machte mich ein Kinderarzt richti­ger­weise darauf aufmerksam, dass es nun an der Zeit sei, Enno die Verant­wortung für seine Erkrankung zu übergeben, denn er müsse sein Leben mit der Erkrankung selbst gestalten.

Enno hat sein Leben selbst in die Hand genommen.

Tischler zu werden war sein Berufsziel. Seine Ausein­an­der­setzung mit diesem Thema war nicht leicht, denn den feinen Holzstäuben, die die Lunge zusätzlich belasten würden, auszu­weichen, ist als Tischler kaum möglich. Nun hat Enno eine Ausbildung in einem metall­ver­ar­bei­tenden Handwerks­be­trieb begonnen, was seinem Wunsch­beruf sehr nahe kommt. Die Vermeidung von Feinstäuben lässt sich in diesem Handwerk deutlich einfacher reali­sieren. Auf seinen Ausbilder ist er offensiv zugegangen und hat ihn über seine Erkrankung sowie die notwen­digen Schutz­maß­nahmen infor­miert.    

Was ist Ihnen besonders wichtig, anderen Familien in ähnlichen Situa­tionen zu vermitteln?

Wir waren am Anfang viel zu sehr in der eigenen Emotio­na­lität und der Fokus­sierung auf das Unbekannte gefangen, sodass wir lange Zeit nicht einmal auf die Idee gekommen sind, nach Fachkom­petenz zu suchen. Diese Situation möchte ich anderen Eltern gerne ersparen.

Nehmen Sie nach der Diagnose nicht den angst­ma­chenden Umweg über das Internet, den wir genommen haben, sondern suchen Sie möglichst schnell vertrau­ens­volle, kompe­tente Hilfe.

Es stehen Ihnen heute bundesweit Fachärzte und Zentren mit einer Spezia­li­sierung auf einen Alpha-1-Antitrypsin-Mangel und ebenso die Selbst­hil­fe­gruppen von Alpha1 Deutschland e.V. www.alpha1-deutschland.org beratend zur Verfügung.

Wer infor­miert ist, gewinnt Sicherheit und kämpft nicht gegen einen unbekannten Feind. Jede infor­mierte Mutter, jeder infor­mierte Vater kann die Erkrankung besser einordnen und dadurch zu einem Teil des Lebens, ja manchmal sogar zur Neben­sache, werden lassen.

Übrigens: Natürlich ließen wir unsere ganze Familie auf einen Alpha-1-Antitrypsin-Mangel testen. Erwar­tungs­gemäß waren wir Eltern zwar Träger des Alpha1-Gens, glück­li­cher­weise nur mit einem Allel, sodass die Erkrankung nicht zum Ausbruch kommt. Das hätte noch gefehlt, insbe­sondere da mein Mann seit vielen Jahren rauchte und die Auswir­kungen vielleicht schon verheerend gewesen wären. Prompt nahm er die Testung zum Anlass, die geliebten Selbst­ge­drehten für immer wegzu­werfen. Auch unsere Tochter Hilla ist Trägerin des Gens – ganz ohne das leidige „Z“-Allel scheint es bei uns nicht zu gehen.


Alpha-1-Antitrypsin-Mangel
Alpha-1-Antitrypsin (AAT) ist ein körper­ei­genes Eiweiß (Protein), das vorwiegend in den Zellen der Leber gebildet wird. Von dort gelangt AAT in den Blutkreislauf und ist praktisch in allen Körper­ge­weben vorhanden.

Innerhalb der Stoff­wech­sel­pro­zesse kann AAT als ein wichtiger „Gegen­spieler“ (Prote­in­asen­in­hi­bitor = PI oder Pi) von körper­ei­genen Enzymen (Proteasen) betrachtet werden.

Enzyme werden bei entzünd­lichen Prozessen und chroni­schen Reizzu­ständen vermehrt gebildet, um Fremd­sub­stanzen, z. B. Bakterien oder Schad­stoff­par­tikel, zu zerstören. Da Enzyme jedoch nicht zwischen Fremd­sub­stanzen und körper­ei­genem Gewebe unter­scheiden können, besteht die Aufgabe von AAT darin, als eine Art moleku­lares Schutz­schild zu fungieren.

AAT wird daher auch als „Schutzeiweiß“ bezeichnet – es inakti­viert die überschüs­sigen Proteasen.

Erstmals wissen­schaftlich beschrieben wurde der Alpha-1-Antitrypsin-Mangel 1963 von schwe­di­schen Forschern. Die eindeutig häufigste Auswirkung eines AAT-Mangels ist eine Erkrankung der Lunge, was sich meistens im mittleren Alter von etwa 35–40 Jahren äußert. Erkran­kungen der Leber sind die zweit­häu­figste Auswirkung – Säuglinge, Kinder und Erwachsene ab dem 40. Lebensjahr sind besonders betroffen.

Wissen­schaftler empfehlen eine nur einmal notwendige Testung auf AAT bei jedem COPD/­Lun­gen­em­physem-Patienten und bei jeder Leber­schä­digung. Bereits wenige Tropfen Blut reichen aus.  Infor­mieren Sie sich!


Alpha1 Deutschland e.V. Gesell­schaft für Alpha-1-Antitrypsin-Mangel-Erkrankte
Alte Landstraße 3, 64579 Gernsheim
Kostenlose Service­nummer 0800 – 5894662
info@alpha1-deutschland.org, www.alpha1-deutschland.org

Alpha-1-Center
Die Alpha-1-Center sind Beratungs- und Behand­lungs­stellen für Ärzte, Betroffene und Angehörige. Sie agieren in pneumo­lo­gi­schen Fragen zum Alpha-1-Antitrysin-Mangel in Zusam­men­arbeit mit dem Hausarzt. Die über ganz Deutschland verteilten Alpha-1-Center bilden somit eine Schnitt­stelle zwischen Ärzten in Klinik und Praxis und dem Alpha-1-Labor in Marburg sowie Alpha-1-Register in Homburg/Saar und stellen ihr umfas­sendes und stets aktuelles Fachwissen zur Verfügung. Derzeit gibt es neben 55 Erwach­senen-Centern auch neun Kinder-Center in Deutschland.
www.alpha-1-center.org


Alpha1 Kinderbuch

Das Kinderbuch kann kostenfrei mittels Bestell­for­mular über Alpha1 Deutschland e.V. – www.alpha1-deutschland.org – bestellt werden. Spenden für eine weitere Neuauflage sind herzlich willkommen.


Text: Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek

Fotos: Gabi Niethammer, Hamburg, Fotolia.com Pulfer Fotografie, München, Barbara Klemm

Der Beitrag wurde in der Winter­ausgabe 2019 der Fachzeit­schrift “Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge” veröf­fent­licht.

Schlagwörter: AATM, Alpha-1-Antitrypsin-Mangel, Alpha-1-Center, Alpha1, Alpha1 Deutschland e.V., Atemlos, COPD, Erbkrankheit, Gen, Gendefekt, Leber, Lungenemphysem, Proteasen, Protein, Schutzeiweiß, Z-Allel

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