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Asthma und COPD

27. Juni 2020

...eine Mischform beider Erkran­kungen

Eine Vielzahl von unter­schied­lichen Merkmalen kennzeichnen eine COPD bzw. ein Asthma und unter­stützen die Diagnostik.

 COPDAsthma
1. Alter bei Diagnosemeist ab dem 60. Lebensjahr, oftmals bereits ab dem 40. Lebensjahr, nie bei Kindern und Jugend­lichenmeist bereits im Kindes- und Jugend­alter, kann jedoch erstmals auch im Erwach­se­nen­alter auftreten
2. Tabak­rauchüberwiegend Raucherkein ursäch­licher Zusam­menhang
3. Atemnotbei Belastunganfalls­artig auftretend
4. Allergieseltenhäufig
5. Norma­li­sierung der verengten Atemwegenie voll umkehrbar (rever­sibel)gut umkehrbar (rever­sibel)
6. Verengung der Atemwegelang anhaltend – sich verschlech­terndvariabel, kann nur zweit­weise (Episoden) auftreten
7. Übermäßige Empfind­lichkeit der Bronchienmöglichein typisches Symptom (regelhaft vorhanden)
8. Ansprechen auf Cortisongelegentlichimmer vorhanden (regelhaft vorhanden)

Doch nicht immer ist eine eindeutige Diffe­ren­zierung möglich. Liegt eine Mischform beider Erkran­kungen vor, so spricht man von einem Asthma – COPD Overlap Syndrom oder abgekürzt ACOS.

Die Redaktion sprach mit Professor Dr. Claus Vogel­meier, Marburg, über den aktuellen wissen­schaft­lichen Stand zum Asthma – COPD Overlap Syndrom.


Woran kann man das Vorliegen eines Overlap Syndroms erkennen? Gibt es eine bestimmte Sympto­matik oder diagnos­tische Parameter, die auf ein Overlap hindeuten?

Immer wenn sich neue Begriff­lich­keiten bilden, ist in der Regel noch vieles unklar. Diese Tatsache trifft auch auf das Asthma – COPD Overlap Syndrom zu. Derzeit kann daher noch keine einheitlich geltende Definition benannt werden. Das Wissen um dieses Krank­heitsbild beginnt sich derzeit erst zu entwi­ckeln und zu formieren.

Ein erstes Positi­ons­papier zu ACOS haben die beiden großen inter­na­tio­nalen Organi­sa­tionen GINA und GOLD zusammen erstellt, das den GINA-Leitlinien (GINA-Guide­lines), die gerade aktuell veröf­fent­licht wurden, bereits beigefügt wurde. Der nächsten Aktua­li­sierung der GOLD-Leitlinie wird dieses Positi­ons­papier – entspre­chend deckungs­gleich – ebenfalls beigefügt.

per defini­tionem …
GINA = Global Initative for Asthma – Die Weltge­sund­heits­or­ga­ni­sation (WHO) hat zusammen mit dem National Heart, Lung and Blood Institute in den USA die weltweite Initiative 1993 ins Leben gerufen, um der stetigen Zunahme der Asthma-Erkran­kungen entge­gen­zu­wirken und optimale Strategien für Prävention und Therapie zu definieren. GINA veröf­fent­licht Leitlinien und Übersichten, die jährlich durch das wissen­schaft­liche Komitee überar­beitet werden und über die Inter­net­seite www.ginasthma.org abgerufen werden können.

GOLD = Global Initiative for Chronic Obstructive Lung Disease – Auch diese Initiative wurde von der Weltge­sund­heits­or­ga­ni­sation (WHO) und dem National Institute of Health ins Leben gerufen, aller­dings im Jahr 1997. Das Ziel der Initiative ist eine größere Aufmerk­samkeit für die Erkrankung COPD, die – obwohl sie zu den häufig vorkom­menden Volks­krank­heiten zählt – in der Bevöl­kerung immer noch weitgehend unbekannt ist. Weiterhin werden auch durch GOLD Empfeh­lungen entwi­ckelt und publi­ziert. Die offizielle Inter­net­seite lautet www.goldcopd.com.


Die Autoren des Positi­ons­pa­piers haben als unbedingte Voraus­setzung für das Vorliegen eines Asthma – COPD Overlap Syndroms (ACOS) eine dauer­hafte – also nicht rever­sible – Atemwegs­ob­struktion beschrieben.

Das Vorliegen einer dauer­haften Atemwegs­ob­struktion kann als „Eingangs­vor­aus­setzung“ bezeichnet werden für ein mögli­cher­weise vorlie­gendes ACOS. Sind die Atemwege durch den Einsatz von Broncho­di­la­ta­toren (Bronchien erwei­ternde Arznei­mittel) komplett rever­sibel (umkehrbar), kommt das Vorliegen eines ACOS nicht in Betracht.

Darüber hinaus werden verschiedene Eigen­schaften innerhalb des Positi­ons­pa­piers formu­liert, die einer­seits mehr dem Krank­heitsbild eines Asthmas und ander­seits mehr einer COPD entsprechen. Bereits durch die dort nur punktuell aufge­führten Infor­ma­tionen zeigt sich, dass sich das Wissen um das Krank­heitsbild ACOS noch in der Entwicklung befindet.

Typischer­weise sind ACOS-Patienten älter als 40 Jahre, da bei jüngeren Patienten eine COPD klassi­scher­weise nicht vorkommt. Zudem kann ein sehr breites Spektrum an Symptomen vorliegen.

Viele Patienten weisen bereits in ihrer persön­lichen Vorge­schichte oder in ihrer Famili­en­ana­mnese die Diagnose eines Asthmas oder einer Allergie auf.

Die bisher vorlie­genden Daten zeigen auf, dass ACOS-Patienten relativ viele Medika­mente benötigen, da eine vermehrte Sympto­matik vorhanden ist. Erste Publi­ka­tionen geben zudem Hinweise, dass bei diesen Patienten nicht nur mehr Symptome auftreten, sondern auch eine erhöhte Neigung zu Exazer­ba­tionen (akuten Verschlech­te­rungen) besteht.

Um diese Patienten werden wir uns als Ärzte vermutlich inten­siver kümmern müssen, sie benötigen mehr Aufmerk­samkeit.

Welche Erschei­nungs­formen bzw. Konstel­la­tionen des Asthma – COPD Overlap Syndroms sind bisher bekannt?

Als ein Klassiker kann die Form des ACOS bezeichnet werden, bei der Patienten bereits als Jugend­lichem die Diagnose Asthma gestellt wurde und die leider anfangen haben zu Rauchen. Durch diese beiden Kompo­nenten: vorlie­gendes Asthma und Rauchen, kann sich im Laufe der Zeit ein Mischbild eines Asthmas und einer COPD entwi­ckeln.

Ein weiteres Erschei­nungsbild ist z. B. bei Patienten zu finden, die keinerlei Vorge­schichte in Bezug auf ein Asthma aufweisen, sich im Kindes­alter jedoch eine Atemweg­sall­ergie in Form einer Rhinitis und Konjunk­ti­vitis (aller­gi­scher Schnupfen und aller­gische Binde­haut­ent­zündung des Auges) gezeigt hat. Kommt auch hier der Faktor Rauchen hinzu oder ist der Patient einer anderen Noxe (schädi­genden Substanz), z. B. im späteren Berufs­leben, ausge­setzt, kann eine fixierte Atemwegs­ob­struktion (nicht mehr rever­sible Atemwegs­ver­engung) entstehen.

Grund­sätzlich kann man sagen, dass es sich bei einem mögli­cher­weise vorlie­genden ACOS immer um Patienten handelt, bei denen sich kein klar abzugren­zendes Krank­heitsbild einer COPD oder eines Asthmas diagnos­ti­zieren lässt. Überschnei­dungen beider Erkran­kungen sind erkennbar, wie z. B. bei Vorliegen insbe­sondere einer COPD Sympto­matik und dem Einher­gehen einer deutlichen Überemp­find­lichkeit (Hyper­re­agi­bi­lität) der Bronchien – einem Merkmal das eher für ein Asthma spricht.

Was weiß man heute über die Anzahl der Betrof­fenen? Wie viele Patienten haben vermutlich ein Overlap Syndrom?

Derzeit weist die Literatur eine große Bandbreite an Häufig­keiten auf. Je nach Definition und heran­ge­zo­genen Patienten-Kollek­tiven reichen die Quoten von 15 –55 Prozent. Meine Sorge ist daher, dass beim Umgang mit diesen Zahlen – insbe­sondere denen im oberen Bereich – jeder Patient vermutet, bei ihm liege ein Overlap Syndrom vor.

Hier sollte mit stren­geren Kriterien gearbeitet werden, die die Zahlen auf tatsäch­liche Werte regulieren. Es ist davon auszu­gehen, dass es sich bei der Anzahl der Betrof­fenen um etwa 15 – 20 Prozent aller COPD- und Asthma-Patienten und somit einer Minorität handelt. Doch diese kleinere Gruppe von Patienten gilt es, aufgrund des schwe­reren Verlaufs, besonders ernst zu nehmen.

Eine wichtige Botschaft muss daher sein, die Patienten, die kein klares Bild einer COPD oder eines Asthmas zeigen, bei einem Lungen­spe­zia­listen vorstellig werden zu lassen, um eine ausführ­liche Diagnostik vorzu­nehmen.

Wie wird ein ACOS diagnos­ti­ziert?

Wichtig ist vor allem eine einge­hende, weit über das übliche Maß hinaus­ge­hende, Lungen­funk­ti­ons­dia­gnostik. Empfohlen wird darüber hinaus die Erstellung eines CTs (Compu­ter­to­mo­graphie). Hierbei kann festge­stellt werden, ob Anzeichen einer Emphy­sem­bildung erkennbar sind. Liegt ein ausge­prägtes Emphysem vor, spricht dies deutlich gegen ein Overlap Syndrom.

Eine Compu­ter­to­mo­graphie kann bei der Diagnostik helfen


Im Weiteren kann man darüber nachdenken, ggfs. Biomarker zu analy­sieren. Hierbei können Hauttests und Aller­gie­tes­tungen zur Anwendung kommen, wie auch die Testung von Eosion­philen im Blut.

…auch die Analyse sog. Biomarker


Welche Konse­quenzen hat das Vorliegen eines Overlap Syndroms für den Patienten? Bedeutet eine Mischform auch gleich­zeitig das Vorliegen beider Krank­heits­bilder bzw. einen grund­sätzlich schweren Verlauf der Erkrankung?

Wie schon kurz angesprochen, zeigen erste Studien, dass Patienten mit einem Overlap Syndrom häufiger exazer­bieren, sich insgesamt schlechter fühlen und häufigere Kranken­haus­auf­ent­halte aufweisen. Auch gibt es Anhalts­punkte, dass die Patienten mehr Lungen­funktion verlieren. Eine weitere Studie dokumen­tiert eine höhere Sterb­lichkeit (Morta­lität).
Eine Reihe von Faktoren deutet also auf einen insgesamt schwe­reren Verlauf eines Overlap Syndroms.

Wie wird ein Overlap Syndrom thera­piert?

Das Positi­ons­papier von GINA und GOLD empfiehlt, dass die Patienten mit einem Overlap Syndrom adäquat zu dem Vorliegen eines Asthmas thera­piert werden sollten. Primär wird daher ein inhalier­bares Steroid (Cortison – entzün­dungs­hem­mendes Arznei­mittel) verordnet. Darüber hinaus ist ein langwir­kender Betaa­gonist (auch Beta-2-Sympto­mimetika, Betamimetika genannt – Basis­sub­stanz­klasse der Bronchien erwei­ternden Arznei­mittel insbe­sondere bei Asthma) zur Verbes­serung der Sympto­matik notwendig. Auf Englisch würde man sagen: „When in doubt, treat as an asthma. – Im Zweifelsfall wie ein Asthma behandeln.“

Warum sagt man das? In den USA wurde vor etwa 10 Jahren eine Unter­su­chung durch­ge­führt, bei der man den Versuch gemacht hat, Asthma­tiker nur mit einem Langzeit-Betami­men­tikum ohne inhalier­bares Steroid zu behandeln. Dies hat zu vermehrten Todes­fällen geführt. Seit dieser Zeit besteht die Regelung und hat in den USA sogar zu einem sogenannten „Black Label Warning“ geführt – einer Art Warnbalken bei Betamimetika – was bedeutet, dass man diese auf keinen Fall ohne inhalierbare Steroide verordnen darf, wenn Anhalts­punkte für eine Asthma­er­krankung bestehen.

Neben dem inhalier­baren Steroid und Betamime­tikum wird bei einer deutli­cheren Sympto­matik im Laufe der Zeit vermutlich auch ein langwirk­sames Anticho­li­ner­gikum (Basis­sub­stanz­klasse der Bronchien erwei­ternden Arznei­mittel insbe­sondere bei COPD) verordnet werden. Das sind dann die Patienten, für die eine sogenannte Triple-Therapie mit praktisch beiden Klassen von Broncho­di­la­ta­toren (Bronchien erwei­ter­enden Arznei­mitteln) und inhalier­baren Steroiden in Betracht kommt.

Worauf konzen­trieren sich die zukünf­tigen Forschungs­ak­ti­vi­täten?

Das GINA Positi­ons­papier bildet derzeit einen ersten Einstieg in die Materie. In der Zukunft müssen wir uns darum bemühen, mehr und spezi­ellere Daten von Patienten zu sammeln und zu analy­sieren, um letzt­endlich klarere Empfeh­lungen und auch eindeu­tigere diffe­ren­ti­al­dia­gnos­tische Merkmale formu­lieren zu können.

In einigen Jahren werden wir sicherlich im Hinblick auf das Krank­heitsbild des Asthma – COPD Overlap Syndroms deutlich mehr wissen.

siehe auch
https://goldcopd.org/asthma-copd-asthma-copd-overlap-syndrome/

Mögliche Merkmale eines ACOS:

  • Alter bei Erstdia­gnose meist über 40 Jahre, aber Symptome seit der Kindheit oder im frühen Erwach­se­nen­alter
  • Symptome mit wechselnder Ausprägung, darunter auch belas­tungs­ab­hängige Atemnot
  • die Einschränkung des Atemflusses (Einengung der Atemwege) ist nicht voll rever­sibel (umkehrbar), aber variabel
  • in der Vorge­schichte (Anamnese) kommen oft eine Asthma­dia­gnose, Allergien oder eine familiäre Belastung vor, aber auch das Ausge­setztsein (Exposition) von Schad­stoffen (Noxen), insbe­sondere dem Rauchen
  • Symptom­bes­serung unter Therapie, jedoch ein Fortschreiten (Progression) der Atemwegs­ver­engung (Atemwegs­ob­struktion) und ein hoher Medika­men­ten­bedarf
  • gehäuft vorkom­mende Exazer­ba­tionen (akute Verschlech­te­rungen)
  • Eosino­phile und/oder Neutro­phile (spezielle Unter­arten von weißen Blutkör­perchen, die eine wichtige Rolle bei Entzün­dungen spielen) im Auswurf (Sputum)


Heraus­geber:
Offene Akademie und Patien­ten­Bi­bliothek gemein­nützige GmbH
www.patienten-bibliothek.de
info@patienten-bibliothek.de

Bildnachweis aus Ratgeber:
Igor Mojzes, Minerva Studio – Fotolia.com
Siemens, Alexander Raths – Fotolia.com

Interview/Text: Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek


Schlagwörter: ACOS, Asthma, Asthma-COPD-Overlap-Syndrom, Atemnot, Auswurf, COPD, GOLD, Husten, Professor Vogelmeier, Verengung der Atemwege

Zeitschrift
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