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Vorbereitungen auf den Winter

08. Okt. 2020

Kolumne …als Arzt und als Patient

In den letzten Wochen hat sich der Umgang mit Corona in unserem Land verändert.

Während die Zahl der Infek­tionen, aber auch der Todes­fälle, weltweit steigt, ist es in einigen Ländern, darunter auch Deutschland gelungen, durch mehr oder weniger harte Lock-down-Bestim­mungen und einem verant­wort­lichen Umgang der Menschen mit den einher­ge­henden Vorgaben die Erkran­kungs­zahlen anhaltend zu drücken.

Über viele Wochen hinweg gelang es, in Deutschland bei unter 500 Neuerkran­kungen pro Tag zu bleiben und dies trotz schritt­weiser gelockerter Auflagen. Einige bedeu­tende Vorgaben freilich sind geblieben:

  • das Verbot großer Veran­stal­tungen, bei denen tausende von Menschen zusam­men­kommen
  • die Maßnahmen zu social distancing, Einhalten eines Mindest­ab­standes von 1,5 m
  • Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes bei vielen Anlässen, in denen Mindest­ab­stände nur mühsam oder gar nicht einge­halten werden können und die nicht im Freien ablaufen können
  • die Vorgaben zur Hände­des­in­fektion und
  • das verstärkte Aufpassen unter­ein­ander, ob Hinweise für einen Infekt bestehen etc.

Aller­dings hat man schon den Eindruck, dass es den Menschen zunehmend schwerer fällt, dies alles Tag für Tag umzusetzen. Zu groß ist das Verlangen, endlich mal wieder ein Konzert hören zu können, gemütlich Essen gehen oder aber ein normales Leben führen zu können mit Kindern in Kinder­garten oder Schule und normalen Abläufen in Beruf und Freizeit.

Ist die Luft wieder rein?

Irgendwie schien es so, als habe das Virus an Kraft verloren, als könne man es überlisten und so tun, als wäre „die Luft rein“. Das Wieder­auf­flammen zahlreicher Infek­tionen über die Republik verteilt und insbe­sondere angeheizt durch Urlaubs­rück­kehrer aus Mallorca, Kroatien, Bulgarien und anderen Urlaubs­zielen hat uns aber schnell in die Wirklichkeit zurück­geholt.

Die Durch­seu­chung der Bevöl­kerung hinsichtlich des Corona­virus liegt bei knapp 2 %, die Situation ist daher seuchen­hy­gie­nisch gesehen genauso wie im März dieses Jahres und das Virus trifft auch weiterhin fast ausschließlich auf Menschen, die nicht oder nicht ausrei­chend immun sind, um nicht zu erkranken. Zwar ist der Alters­durch­schnitt der CoVid-19-Patienten deutlich gesunken, was den Umstand wider­spiegelt, dass im Moment besonders Menschen­gruppen betroffen sind, die auf größeren Feiern oder im Urlaub erkranken. Über kurz oder lang wird damit die Infektion freilich auch ältere Menschen und Atemwegs­pa­ti­enten erreichen.

Kein Wunder, dass die Nervo­sität bei Gesund­heits­ämtern, Lungen­ärzten und Kranken­häusern und damit natürlich auch in der Politik wieder rasch zunimmt, erneut Abstrich­zentren organi­siert werden und der Ruf nach härteren Abschot­tungs­maß­nahmen laut wird.

Die Erkrankung optimal im Griff

Was bedeutet das nun aber für Sie, wenn Sie Patient mit Asthma oder COPD sind, wenn Sie über 70 Jahre alt sind oder einer der bekannten besonders gefähr­deten Perso­nen­gruppen angehören, weil Sie beispiels­weise an einem Tumor leiden oder immun­hem­mende Medika­mente nehmen müssen.

Nun, ganz einfach. Nach wie vor haben wir keine wirklich wirksamen Medika­mente zur Verfügung, nach wie vor ist auch eine Impfung gegen Corona in weiter Ferne, es spricht nichts dafür, dass es vor dem nächsten Jahr gelingen wird, große Teile der Bevöl­kerung gegen Corona zu impfen.

Für Menschen mit chroni­schen Atemwegs­er­kran­kungen, die im Hinblick auf CoVid-19 als besonders gefährdet gelten müssen, kann im Hinblick auf den kommenden Herbst und Winter die Losung daher nur sein, sich so gut zu schützen, wie es nur geht. Das bedeutet, zunächst einmal dafür zu sorgen, dass die Erkrankung optimal im Griff ist und dass Sie alles tun, um einer möglichen Verschlech­terung aus dem Weg zu gehen. In erster Linie würde ich darunter verstehen wollen, dass Sie ihre Medika­mente regel­mäßig nehmen und zwar in der Dosierung und dem Umfang, wie es mit Ihrem behan­delnden Arzt vereinbart wurde. Jetzt ist nicht die Zeit, um zu experi­men­tieren und mal hier einen Hub wegzu­lassen und dort eine Tablette einzu­sparen.

Aktiv bleiben

Das zweite, was mir wichtig wäre, ist, dass Sie versuchen, so gut wie möglich aktiv zu bleiben und damit Ihre Abwehr zu stärken. In welcher Form dies geschieht, sollten Sie gegebe­nen­falls mit Ihrem Arzt besprechen. Dem einen liegt es mehr zu wandern oder spazieren zu gehen, der andere schwimmt gern. Was ich auf jeden Fall allen Patienten mit chroni­schen Atemwegs­er­kran­kungen empfehlen kann, ist Rad zu fahren und zwar am besten mit einem E‑Bike. Voraus­setzung ist freilich, dass man noch einiger­maßen sicher Rad fahren kann und nicht wackelt und wankt und immer Angst haben muss, jetzt gleich vom Rad zu fallen. Dann aber ist das E‑Bike ein wirkliches Geschenk der Technik an Atemwegs­pa­ti­enten.

Ich selbst leide ja auch an COPD, bin 66 Jahre alt und vor allem erheblich überge­wichtig. Trotzdem bin ich in den zwei Wochen meines Sommer­ur­laubs über 900 Kilometer gemeinsam mit meiner Frau durch die schwä­bi­schen Täler und Hügel gefahren, mit Touren zum Teil über 80 Kilometer pro Tag und hatte dabei viel Vergnügen und Spaß, ohne mich zu überan­strengen. Daran wäre früher überhaupt nicht zu denken gewesen.

Nun muss man nicht gleich 80 Kilometer E‑Bike fahren, vielleicht kann man sich aber doch wieder an das Thema heran­trauen, wenn man noch einiger­maßen gut auf einem Fahrrad sitzen kann.

Übrigens hat sich durch das Radfahren mein Gewicht ein wenig nach unten bewegt, deutlich gebessert haben sich Bluthoch­druck und Zucker­werte und die Herz- und Lungen­si­tuation dürfte ebenfalls profi­tiert haben. Wie auch immer, versuchen Sie, sich gerade in Corona-Zeiten irgendeine Möglichkeit zu schaffen, sich an der frischen Luft zu bewegen, die Lunge ausrei­chend zu belüften, Sauer­stoff zu tanken, Platz für den Winter­speck zu schaffen und sich darauf vorzu­be­reiten, dass im Herbst und Winter die Dinge wieder schlechter werden können.

Auf Herbst und Winter vorbe­reiten

So wie sich ein Eichhörnchen oder Igel für Herbst und Winter vorbe­reitet, so sollten auch Sie versuchen, in eine möglichst gute Kondition zu kommen mit dem Ziel, jeglichen Infek­tionen Wider­stand leisten zu können. Dazu gehört dann auch, langsam an die jährliche Grippe­schutz-Impfung zu denken, das gleiche gilt für alle, die keinen ausrei­chenden Pneumo­kokken-Schutz mehr haben, auch eine Pneumo­kokken-Impfung durch­führen zu lassen.

Ja, ich höre schon den Einwand kommen, dass diese Impfungen ja nicht gegen Corona helfen, dass man sie das letzte Mal nicht so gut vertragen habe und überhaupt…

Alles gut und richtig, aber gerade in diesem Jahr sollten Sie sich auf jeden Fall impfen lassen. Diese Impfungen erhöhen insgesamt die Abwehr­stärke des Körpers, sie schmieren sozusagen die Zahnräder unserer Abwehr­ma­schi­nerie insgesamt, damit sie auch bei anderen Infek­tionen effek­tiver und inten­siver zur Verfügung steht. Wir können aber auch davon ausgehen, dass die gleich­zeitige oder rasch aufein­ander folgende Infektion mit verschie­denen Erregern, wie beispiels­weise erst einer Grippe-Infektion, dann Corona und dann vielleicht auch noch für die geschwächte Lunge eine Pneumo­kokken-Infektion oben drauf, alles viel proble­ma­ti­scher gestaltet, wenn  man sich nicht impfen lässt, als wenn man über einen ausrei­chenden Impfschutz verfügt.

Jetzt ist die Zeit gekommen, beim Hausarzt oder Lungenarzt anzusprechen und sich auf den kommenden Herbst und Winter vorzu­be­reiten.

Achtung Infektzeit

Bitte bleiben Sie in der Infektzeit möglichst zuhause. Selbst der Kontakt mit Hausarzt oder Facharzt lässt sich auf Wunsch oft per Video-Sprech­stunde abwickeln, wenn nicht eine technische Unter­su­chung unver­meidbar ist. Wir haben in den letzten Monaten als Ärzte gelernt, wie wertvoll die Video-Sprech­stunde ist, wie gut sie ermög­licht, den Zustand eines Patienten umfassend zu beurteilen und dass damit auch die persön­liche, mensch­liche Kontakt­auf­nahme besser gelingt, als beispiel­weise nur mit einem Telefonat.

Lassen Sie sich vom Nachbarn helfen, wenn es um Einkaufen oder andere Besor­gungen geht und nutzen Sie, wo immer möglich, das Angebot, sich Waren nach Hause liefern zu lassen, dies funktio­niert ja mittler­weile auch in vielen Städten für Lebens­mittel, für Medika­mente sowieso und auch für manches andere, was nicht unbedingt persönlich erledigt werden muss. Dazu gehört meines Erachtens leider auch der Kirchgang, es sei denn, in Ihrer Gemeinde werden Abstands­regeln wirklich ernst genommen und gut umgesetzt.

Und noch ein letztes, ich habe schon einmal zum Thema Maske ausführlich meine Meinung darge­stellt. Für Sie als chroni­schem Atemwegs­pa­tient ist es am vernünf­tigsten, sich mit einer FFP2-Maske zu schützen, wo immer Sie es mit anderen Menschen zu tun bekommen und ich behaupte auch, dass es für die aller­meisten Menschen kein wirkliches Problem darstellt, unter einer FFP2-Maske genügend Luft zu bekommen, jeden­falls solange Sie sitzen und der Zeitraum begrenzt ist.

Wenn Sie gut genug bei Luft sind, spricht auch nichts dagegen, eine FFP2-Maske in öffent­lichen Verkehrs­mitteln zu tragen oder beim Einkauf im Super­markt. Ansonsten ist eine einfache chirur­gische Maske bzw. ein Mund-Nasen-Schutz besser als nichts. Geht auch das nicht, halten Sie das Atmen unter einer Maske beim Einkaufen nicht aus, dann verzichten Sie nicht auf die Maske, sondern verzichten Sie auf das Einkaufen!

Sich mit Hinweis auf die Atemwegs­er­krankung von der Masken­pflicht befreien zu lassen und gar nichts als Schutz zu verwenden, ist hoch riskant und meines Erachtens nicht verant­wortbar. Dann bitte zuhause bleiben, genau darauf achten, mit wem man es zu tun bekommt und alle Möglich­keiten nutzen, sich von anderen bei Besor­gungen helfen zu lassen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen weiterhin alles Gute und bleiben Sie gesund!

Dr. Michael Barczok

Facharzt für Innere Medizin, Lungen- und Bronchi­al­heil­kunde, Aller­go­logie, Sozial‑, Schlaf- und Umwelt­me­dizin, Lungen­zentrum Ulm

www.lungenzentrum-ulm.de


Bildnachweis:
Dr. Michael Barczok
Anatolii, Pixelbox Stock­Fotage – Adobe­Stock

Text:
Dr. Michael Barczok


Dieser Beitrag wurde in der Sommer­ausgabe 2020 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.


Schlagwörter: COPD, Corona, Impfen, Influenza, Lungenemphysem, Lungenerkrankungen, Mund-Nasen-Schutz, Mundschutz, Pneumokokken, Virus, Wintervorbereitung Lock-down

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