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Tabuthemen

27. Mai 2020

Schweigen überwinden

Rückzug
Wer mit der Diagnose Lungen­krebs in eine Selbst­hil­fe­gruppe kommt, hat das vielleicht größte der Krebs-Tabus bereits überwunden: das Schweigen. Fast allen Patienten geht es so, dass mit dem Begreifen ihrer Diagnose unbewusst Abwehr­me­cha­nismen entstehen. Die Diagnose wird angezweifelt, verleugnet, oder jeder Gedanke daran wird verdrängt.

Wem es gelingt, den Impuls nach Rückzug zu überwinden und aktiv mit seiner Erkrankung umzugehen, wird in der Regel seine Lebens­qua­lität verbessern. Dazu gehören: die Suche nach seriösen Infor­ma­tionen, nach sozialer Unter­stützung und vor allem das Gespräch mit Betrof­fenen, mit dem Partner, der Familie oder anderen Vertrauten.

Gelegentlich sind es Frauen, die in unsere Selbst­hil­fe­gruppe kommen und um Rat fragen, wie sie ihren an Lungen­krebs erkrankten Mann oder Partner zum Reden bewegen können. Manchmal erfahren wir, dass ein Patient verstorben ist, ohne dass er auf dem Weg durch die Erkrankung mit seiner Frau und seinen Kindern über seine Krankheit und sein Befinden sprechen konnte. Besonders für die Kinder kann das eine langwäh­rende seelische Belastung sein.

Nun ist es nicht jedem gegeben, über eine Erkrankung wie Lungen­krebs offen zu kommu­ni­zieren. Für den einen wäre dies ein Zeichen der Schwäche, für den anderen ist es die Sorge, Familie und Freunde könnten die Belastung nicht ertragen und würden sich vielleicht sogar von ihm abwenden.

Wer es trotzdem in eine Selbst­hil­fe­gruppe schafft – durch Überwindung seiner Vorbe­halte oder im Schlepptau seines/seiner Partners/in – wird zunächst zuhören und, wenn er wieder­kommt, vielleicht Fragen stellen und dann nach und nach mehr von seinen Gefühlen und Gedanken preis­geben.

Keine Schuld­frage
Ein anderes Thema in der Selbst­hilfe Lungen­krebs ist: Schuld. Wer als Betrof­fener geraucht hat, macht sich deshalb vielleicht Vorwürfe. Schwerer erträglich ist die Haltung anderer, die dem Erkrankten zu verstehen geben, er sei für sein Schicksal selbst verant­wortlich und wäre nicht krank geworden, wenn er nicht geraucht hätte.

Die Teilnehmer unserer Gruppe, die nie geraucht und dennoch Lungen­krebs haben, können darüber nur den Kopf schütteln. Wie dem auch sei, wer den harten Weg durch die Behandlung geht, für den sind Vorwürfe unnötiger seeli­scher Ballast. Der Patient braucht alle Kraft, um wieder auf die Beine zu kommen. Das schließt nicht aus, dass wir uns in der Selbst­hilfe Lungen­krebs für eine rauch­freie Welt einsetzen.

Alter­na­tiven? …nur mit dem Arzt
Ein weiteres Tabuthema sind sogenannte alter­native Krebs­the­rapien. Wenn jemand Interesse an Behand­lungs­me­thoden außerhalb der Schul­me­dizin äußert, verweisen wir in der Selbst­hil­fe­gruppe auf unsere Erfah­rungen. Wir können von Fällen berichten, in denen die „Alter­na­tiv­me­dizin“ zu unnötigem Leid und im Einzelfall zum Tod geführt hat, von tausenden vergeu­deten Euros ganz zu schweigen. Wir raten den Betrof­fenen, das Thema unbedingt bei ihren behan­delnden Ärzten anzusprechen.

Vertrauen und Infor­mation
Über das Tabuthema Sexua­lität und Krebs wird in der Selbst­hilfe Lungen­krebs kaum gesprochen. Häufiger wird die Frage nach einer „Krebsdiät“ gestellt. Gibt es Diäten, durch die der Lungen­krebs wenn nicht geheilt, so doch zurück­ge­drängt werden kann? Unsere Antwort ist nein. Wir raten hier, zu essen, was schmeckt und auf eine ausge­wogene Ernährung zu achten. Wichtig ist, dass der Betroffene nicht an Gewicht verliert. Gegebe­nen­falls sollte man in Absprache mit dem Arzt zu kalorien­reicher Aufbaukost (z. B. „Astro­nau­ten­nahrung“) greifen, die auch auf Rezept erhältlich ist.

Eine andere Frage ist die nach der besten Klinik. In der Selbst­hilfe sehen wir, dass für Patienten das Gefühl des Vertrauens in Ärzte und Pflege­per­sonal oft wichtiger ist als der Ruf des Kranken­hauses. Vertrauen bildet sich neben einer umfas­senden Infor­mation durch Einfüh­lungs­ver­mögen und das flexible Eingehen auf die subjek­tiven Ansichten, Ängste und Abwehr­me­cha­nismen des Patienten. Allgemein raten wir dazu, die Behandlung in einem zerti­fi­zierten Lungen­krebs­zentrum durch­führen zu lassen.

Außerhalb der Selbst­hil­fe­gruppe trifft man auf weitere Mythen, deren Anhänger oft für alle Gegen­ar­gu­mente taub sind. Der eine ist überzeugt, dass das Allheil­mittel gegen Krebs längst entdeckt wurde, von finsteren Mächten jedoch geheim gehalten wird. Oder: Krebs ist anste­ckend; Krebs entsteht durch ungesunde Lebens­weise oder Stress; Krebs ist eine Strafe für meine Verfeh­lungen; Helmut Schmidt ist als starker Raucher 97 Jahre alt geworden, deshalb wird auch mir nichts passieren, wenn ich weiter rauche.

Was kann man diesen Überzeu­gungen entgegen halten? Wir haben keine andere Wahl, als auf das zu vertrauen, was als aktueller Stand der Wissen­schaft in Leitlinien empfohlen wird. Leitlinien fördern Qualität, Trans­parenz und den Transfer von der Wissen­schaft in die breite medizi­nische Versorgung. Nur dies sind geprüfte und unabhängig überprüfbare Fakten.

Niemand ist mit seiner Krankheit allein
Zusam­men­fassend kann man sagen: die Selbst­hilfe fördert das Verständnis für die eigene Situation, infor­miert über Behand­lungs­me­thoden und Neben­wir­kungen und räumt auf mit Vorur­teilen. Das Gespräch mit „Gleich­ge­sinnten“ bestärkt darin, dass man mit seiner Krankheit nicht allein ist.

Wer mit anderen herzhaft lachen kann, ist auf einem guten Weg.


Günther Kranz
Öffent­lich­keits­arbeit
Bundes­verband Selbst­hilfe Lungen­krebs e.V.
www.bundesverband-selbsthilfe-lungenkrebs.de


Fotos: Fotolia aletia 2011

Veröf­fent­licht in der Winter­ausgabe 2019 der Zeitschrift “Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge www.Patienten-Bibliothek.de

Schlagwörter: Bundesverband Selbsthilfe Lungenkrebs e.V., Gemeinsam, Krebs, Lungenkrebs, Schuldfrage, Schweigen, Selbsthife, Tabuthemen, Vertrauen

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