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Lungenalterung

04. Sep. 2020

Die drei Kennzeichen der Lungen­al­terung

Die gute Nachricht vorweg: Die „normalen“ Alterungs­vor­gänge der Lunge haben keine ernst­haften Auswir­kungen für Sie. Die Lunge verfügt über eine große Funkti­ons­re­serve, weshalb auch im hohen Alter körper­liche Leistung (und sogar Höchst­leistung) möglich ist.

Es geht aber auch anders. Denn die Alterungs­pro­zesse der Lunge können durch äußere Faktoren beschleunigt werden. Ein Voraltern der Lunge ist dann tatsächlich ein Problem. Aber das Voraltern der Lunge ist fast immer vermeidbar. Dazu gilt es ein paar Dinge zu beachten. Und vor allem müssen Sie verstehen, wie die Lunge altert.

1. Verän­derung der Archi­tektur des Brust­korbs und Kraft­min­derung des Zwerch­fells

Der erste Aspekt der Lungen­al­terung hat mit dem Organ selbst nur indirekt zu tun. Im Alter verändert sich die Archi­tektur des Brust­korbs. Wirbel­körper, Rippen und Bandscheiben verformen sich, die Brust­wir­bel­säule neigt sich nach vorne, manchmal so stark, dass ein „Buckel“ entsteht. Jede Neigung der Brust­wir­bel­säule beein­trächtigt die Ausdehnung und Elasti­zität der Lunge. Die Abstände zwischen den einzelnen Rippen verkleinern sich, und der untere Rippen­bogen, an dem das Zwerchfell befestigt ist, rückt näher an die Wirbel­säule heran.

Zwischen­rip­pen­muskeln und Zwerchfell werden so in ihrer Arbeit behindert, das Lungen­vo­lumen nimmt ab. Schlimmer noch: Äußere Lungen­be­reiche werden nicht mehr gedehnt und ausrei­chend belüftet. Die bronchiale Reinigung wird gestört, das Risiko von Verschleimung, chroni­scher Bronchitis und Lungen­ent­zün­dungen nimmt zu.

Ursache für eine Defor­mierung des Brust­korbs ist häufig die Osteo­porose (Knochen­schwund), die zu etwa 80 Prozent Frauen betrifft. Vor allem der fallende Östro­gen­spiegel in den Wechsel­jahren, aber auch „Lifestyle“-Faktoren wie Vitamin-D-Mangel, Bewegungs­armut und Rauchen sind Ursache der Osteo­porose.

Auch das Zwerchfell selbst, der wichtigste Atemmuskel, altert. Bei über 40-Jährigen nimmt die Kraft der Musku­latur jährlich um etwa 2 Prozent ab. Die Kraft­min­derung des Zwerch­fells verstärkt die reduzierte Belüftung der Lunge im Alter noch weiter. Noch gravie­render ist die Auswirkung auf den Husten­reflex, der für die bronchiale Reinigung extrem wichtig ist. Wenn im Alter die Maximalkaft des Zwerch­fells schwindet, reduziert sich der Kompres­si­ons­druck vor dem Hustenstoß – der Stoß wird schwächer, im schlimmsten Fall sitzt der Dreck fest. So erklärt sich, warum mit zuneh­mendem Alter die Anfäl­ligkeit für Lungen­in­fek­tionen stark ansteigt. 

Wie merken Sie nun aber, dass Ihr Zwerchfell abbaut? Die Muskel­masse des Zwerch­fells kann man nicht messen, sie verhält sich aber genauso wie andere Muskel­gruppen Ihres Körpers. Daher erlaubt die Bestimmung der gesamten körper­lichen Muskel­masse auch eine Abschätzung der Zwerch­fell­kraft. Das ist nicht von außen mit bloßem Auge zu erkennen. Ihr Arzt oder ein spezi­eller Ernäh­rungs­be­rater kann mit einer einfachen Messung feststellen, ob bei Ihnen ein Muskel­schwund vorliegt oder nicht. Die gute Nachricht: Wie andere Skelett­muskeln auch kann das Zwerchfell trainiert werden, zum Beispiel durch spezielle Atemtech­niken.

2. Abnahme der mukozi­liären Reini­gungs­funktion

Die Gründ­lichkeit dieser bronchialen Putzko­lonne nimmt mit den Jahren merklich ab. Die Reini­gungs­kraft („Clearance“) unserer Bronchien beträgt bei einer 75-Jährigen nur noch die Hälfte einer 25-Jährigen. Fremd­par­tikel oder Krank­heits­er­reger werden auf dem Senioren-Highway mit ca. fünf Milli­metern pro Minute Reise­ge­schwin­digkeit bewegt, auf der Studen­ten­au­tobahn dagegen mit mehr als zehn Milli­metern pro Minute – Fiat gegen Ferrari. Das liegt vor allem daran, dass die Schlag­fre­quenz der Flimmer­härchen im Alter deutlich abnimmt.

Ältere Menschen trinken oft auch zu wenig. Daher ist der Bronchi­al­schleim zäher und „klebriger“, auch das behindert eine effektive Reinigung. Diese normalen alters­be­dingten Verän­de­rungen erhöhen bereits das Risiko für Atemwegs­in­fek­tionen.

Auch Schad­stoff­par­tikel können ältere Personen nicht mehr effektiv ausscheiden, daher sind sie durch Luftver­schmutzung stärker gefährdet als junge Menschen.

Besonders kritisch wird es, wenn der Reini­gungs­ap­parat der Atemwege durch äußere Einflüsse voraltert: durch häufige wieder­keh­rende Atemwegs­in­fekte, Luftschad­stoffe und Rauchen. Heilt ein Atemwegs­infekt nicht vollständig ab, wird die äußere Zellschicht der Flimmer­härchen nicht ausrei­chend repariert. Die bronchialen Drüsen sondern zum Ausgleich mehr Schleim ab, die Beschwerden mit Husten und Auswurf können sich über Wochen hinziehen. Manchmal entsteht daraus eine „chronische Bronchitis“.

Hier kommen Luftschad­stoffe wie Zigaret­ten­rauch oder Feinstaub ins Spiel, da sie durch Schädigung der Epithel­bar­riere die Infekt­neigung erhöhen und zugleich die Ausheilung dieser Infekte behindern. Das Rauchen bereits einer einzigen Zigarette reduziert die Reini­gungs­kraft der Flimmer­härchen über mehrere Tage. Regel­mäßige Raucher haben weniger Flimmer­härchen und die verblei­benden sind funktionell gestört. Auch Passiv­rauch und Feinstaub lassen Flimmer­härchen voraltern – schon im Kindes­alter. Beide Faktoren verhindern so bei Kindern die Ausheilung von Infekten – Start­punkt einer langen leidvollen Lungen­kar­riere.

Auch Formaldehyd und beruf­liche Schad­stoffe wie Haarspray bei Friseuren oder Holzstäbe bei Schreinern leisten einen ungewollten Beitrag. Daher ist die Vermeidung von Luftschad­stoffen die wichtigste Strategie zum Erhalt der bronchialen Reini­gungs­funktion.

3. Reduzierung des Lungen­vo­lumens

„Früher war alles besser.“ Haben Sie diesen Satz schon mal gesagt? Bei der Lunge trifft der Satz aller­dings sogar zu. Zumindest, wenn Sie älter als 21 Jahre alt sind. Dann dürfen Sie laut und unwider­sprochen sagen: „Früher war alles besser!“ Jeden Tag. Für den Rest Ihres Lebens.

Die Lunge bezie­hungs­weise Ihr beatem­bares Lungen­vo­lumen wächst ab der Geburt bis zum 22. Lebensjahr. Dann vollzieht sich auf dieser Wachs­tums­kurve eine Wende, von der ab alles nur noch schlechter wird. Das Lungen­vo­lumen schrumpft. Es geht bergab, buchstäblich. Aller­dings vollzieht sich dieser Abstieg mit der Geschwin­digkeit einer gemüt­lichen Kutsch­fahrt durch die schöne hessische Wetterau: Die jährliche Volumen­ab­nahme beträgt lediglich 10–15 ml. Wenn Sie an Ihrem 22. Geburtstag also über vier Liter Lungen­vo­lumen verfügen, bleiben Ihnen mit 72 immer noch 3,5 Liter. Und selbst wenn Sie über 100 Jahre alt werden, stünden mit knapp 3 Litern immer noch ausrei­chend Reserven zur Verfügung. Gegenüber anderen Organ­funk­tionen im hohen Alter ist das geradezu verschwen­de­risch.

Warum schrumpft Ihr Lungen­vo­lumen überhaupt? Aus demselben Grund, aus dem Sie Falten bekommen. Das Binde­gewebe der Lunge leiert aus und verliert an Elasti­zität. Es hängt also im Alter nicht nur der Hintern in der Hose, sondern, bildlich gesprochen, auch die Lunge im (Brust-)Körbchen. Wie schlaff die Lunge ist, kann man bei Rauchern sogar am Gesicht ablesen. Britische Forscher haben heraus­ge­funden, dass die Falten­tiefe im Gesichts­be­reich den Elasti­zi­täts­verlust des Lungen­ge­webes wider­spiegelt.

Wie das? Wegen der Telomere (Ende bzw. Endab­schnitt eines Chromosoms, das scheinbar eine wichtige Bedeutung bei der Alterung spielt). Die verkürzen sich durch das Rauchen in Hautzellen genauso schnell wie in den Stütz­zellen der Lunge. Viel schneller als bei Nicht­rau­chern. Wenn die Lunge nicht altert, sondern voraltert, wird aus der gemüt­lichen Kutsch­fahrt ein Ritt im Galopp. Mindestens.

Das Abschmelzen der Telomer-Polkappen wird durch Luftschad­stoffe massiv beschleunigt. Nichts befeuert den zellu­lären Klima­wandel so stark wie das Rauchen. Die Telomere eines 50-jährigen Rauchers, der 30 Jahre lang jeweils ein Päckchen pro Tag geraucht hat, altern um 30 Prozent schneller als die eines Nicht­rau­chers. Seine Lunge ist also auf 60 Jahre vorge­altert. Die in Rauch und Abgasen enthal­tenen Radikale lösen zudem eine bronchiale Entzündung aus, die wiederum die Alterungs­pro­zesse beschleunigt (das sogenannte „Entzün­dungs­altern“).

Gemeinsam können diese Vorgänge die Schrumpfung des Lungen­vo­lumens von jährlich 10–15 ml auf 40, 50, in Einzel­fällen sogar 100 ml und mehr beschleu­nigen. Falls das in Ihren Ohren immer noch nach wenig klingt, summieren Sie es auf! Nach 20 oder 30 Jahren bleibt dann nicht mehr viel Luft zum Atmen. Die Lebens­qua­lität ist dahin, statt­dessen drohen Behin­derung oder Tod. Kann man diesen freien Fall aufhalten? Man kann. Der Fallschirm heißt „Aufhören“. Mit dem Rauchen. Dann verlangsamt sich die Schrumpfung wieder, und Sie gewinnen wertvolle Zeit.

Aber das Rauchen ist nicht der einzige Faktor, der den Abstieg beschleunigt. Häufige Infekte der Atemwege und Feinstaub sind vor allem bei Nicht­rau­chern die größte Gefahr.

Besonders gefährdet sind auch dieje­nigen, die ihr maximales Lungen­vo­lumen bis zum 22. Geburtstag nicht erreichen: beein­trächtige Kinder. Die Weichen für ein gesundes Lungen­wachstum werden bereits im Mutterleib gestellt. In der Schwan­ger­schaft sind aufseiten der Mutter Mangel­zu­stände an den Vitaminen A, D und E, Rauchen und Schad­stoff­be­lastung Risiko­fak­toren für ein gebremstes Lungen­wachstum. Bei anderen Kindern ist die Phase der Ausreifung der Atemwege und Lungen­bläschen bis zum 10. Lebensjahr gestört worden, durch Infekte und Atemwegs­er­kran­kungen wie Asthma.

Die Folgen einer klein­wüch­sigen Lunge können beträchtlich sein und wirken lebenslang nach. Ein Kind, dass „ausge­wachsen“ zum Beispiel weniger als 80 Prozent seines eigent­lichen maximalen Lungen­vo­lumens erreicht, kommt im Alter unter Umständen selbst bei normaler Schrumpfung an eine kritische Volumen­grenze, die im Alltag zu Beschwerden führt. Besonders dann, wenn diese klein­wüch­sigen Lungen auch noch mit verpes­teter Luft getriezt werden.

Lungen­al­terung ist – zumindest bis heute – Schicksal. Lungen­vor­al­terung nicht!

Auszug des Buches „Die atembe­rau­bende Welt der Lunge“


Dr. Kai-Michael Beeh
Internist, Pneumologe, Wiesbaden


Viele weitere wertvolle Infor­ma­tionen und vor allem Hinter­grund­wissen zur Welt der Lunge sowie Hinweise, wie Sie Ihre Lunge jung erhalten können, finden Sie im neu erschie­nenen Buch von Dr. Kai-Michael Beeh – siehe neben­ste­hender Kasten.

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Buchtipp: Die atembe­rau­bende Welt der Lunge

Spielen Sie Tennis? Auf der inneren Oberfläche der Lunge wäre ausrei­chend Platz für ein Match, sie bringt es beinahe auf die Größe eines Tennis­platzes. Der Darm ist im Vergleich dazu besten­falls ein Squash-Court und die Haut nur ein Badetuch.

Eine gesunde Lunge vollbringt und ermög­licht Spitzen­leis­tungen. Unsere Atemwege bewegen jeden Tag über 10.000 Liter Luft hin und her – den Inhalt von hundert Badewannen. Angetrieben vom ausdau­erndsten Muskel unseres Körpers, dem Zwerchfell, wird so unser wichtigster Rohstoff als Lebens- und Energie­spender bereit­ge­stellt: Sauer­stoff.

Unsere Lunge ist ein komplexes Wunderwerk der Natur und doch zugleich so gefährdet wie kein anderes Organ. Mit jedem Atemzug setzen ihr Mikroben, Aller­gie­aus­löser und Luftschad­stoffe wie Feinstaub, Ozon oder Zigaret­ten­rauch zu. Weltweit nehmen Lungen­er­kran­kungen zu – ein alarmie­render Trend, der auch aus der Unacht­samkeit resul­tiert, mit der wir unser größtes Organ behandeln. Die Lunge schmerzt nicht.

Eine durch­feierte Nacht drückt auf Kopf und Magen, ein Sonnen­brand begleitet uns über Tage. Der „Brand“ in den Atemwegen des Rauchers bleibt dagegen stumm. Die Lunge leidet still – und schafft es in den meisten Fällen trotzdem auf erstaun­liche Weise, lebenslang funkti­ons­fähig zu bleiben. Helfen Sie ihr dabei!

Dieses Buch ist eine Liebes­er­klärung an eines der faszi­nie­rendsten Wunder der Natur, eine Hommage an ein unter­schätztes Mitglied in der Wohnge­mein­schaft des mensch­lichen Körpers.

PD Dr. Kai-Michael Beeh, Internist und Pneumologe in Wiesbaden,  führt auf einer hochin­for­ma­tiven und unter­halt­samen Reise durch die mensch­lichen Atemwege in die Lunge und vermittelt alles Wissens­werte über dieses bedeu­tende Organ und seine Pflege. Im Jahr 2004 gründete er das insaf, Institut für Atemwegs­for­schung, in Wiesbaden.

Heyne Verlag, ISBN: 978–3‑453–20707‑3, Taschenbuch, 288 Seiten, 10/2018


Bildnachweis:
aletia2011 – Fotolia.com
PD Dr. Kai-Michael Beeh
Flash­fotos-de Daams Naber GBR-Random House
Heyne Verlag

Text:
PD Dr. Kai-Michael Beeh


Dieser Beitrag wurde in der Frühjahrs­ausgabe 2019 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.

Schlagwörter: Alterung, Alterungsvorgänge, Beeh, COPD, Lunge, Lungenalterung, Lungenemphysem, Lungenvolumen, Rauchen, Schadstoffe

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