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COPD – GOLD-Empfehlungen

01. Aug. 2020

Medika­mentöse Therapien auf die Situation des Patienten ausge­richtet

Die Abkürzung COPD steht für chronic obstructive pulmonary disease = chronisch veren­gende Lungen­er­krankung. Unter diesem Begriff werden die Erkran­kungen chronisch veren­gende Bronchitis und Lungen­em­physem (Lungen­über­blähung) zusam­men­ge­fasst. Die COPD geht mit einer chroni­schen Entzündung und Zerstörung am Lungen­gewebe einher.

Erschre­ckend ist die stetig anstei­gende Anzahl von Erkran­kungen. Wissen­schaftler rechnen damit, dass COPD in wenigen Jahren Platz Nummer drei der häufigsten Todes­ur­sachen weltweit einnehmen wird. 8–13 % der erwach­senen Bevöl­kerung in Europa und Nordamerika leiden an COPD. Weltweit sind ca. 600 Millionen Menschen betroffen. Besorg­nis­er­regend auch, dass Jugend­liche heute sehr viel früher mit dem Rauchen beginnen – wenngleich Rauchen bei weitem nicht die einzige, so doch die häufigste Ursache einer COPD ist. Bis zu 50 % der älteren Raucher haben eine COPD. Neu ist, dass der Anteil der Frauen in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist.   

Schwe­re­grad­er­fassung
Um die indivi­duelle Erkran­kungs­si­tuation und somit den Schwe­regrad des einzelnen Patienten ermitteln zu können, wurde ein Erfas­sungs­system und darauf abgestimmte Thera­pie­emp­feh­lungen entwi­ckelt.

GOLD = Global Initiative for Chronic Obstructive Lung Disease = Weltweite Initiative für chronisch obstruktive Lungen­er­kran­kungen. Die Initiative wurde 1997 von der Weltge­sund­heits­or­ga­ni­sation (WHO) und vom National Institute of Health (NIH) ins Leben gerufen, um ein optimiertes Vorgehen in der Diagnose, Behandlung und Vermeidung der weitgehend unbekannten Volks­krankheit COPD durch­zu­setzen.
www.goldcopd.org

Im Jahr 2019 wurde das Erfas­sungs­system nach GOLD weiter optimiert. Es gliedert sich in die Stadien 1–4 der Atemwegs­ver­engung, in Anlehnung an die vorlie­gende Lungen­funktion (FEV1-Werte)  sowie das Schema A‑D gemäß vorhan­dener Sympto­matik und Historie der akuten Verschlech­te­rungen bzw. Erkran­kungs­schübe (Exazer­ba­tionen).



Im Gespräch mit Professor Dr. Claus Franz Vogel­meier, Leiter der Klinik für Innere Medizin,  Schwer­punkt Pneumo­logie des Univer­si­täts­kli­nikums Marburg und Vorsit­zender des Wissen­schaft­lichen Komittes der GOLD-Initiative erfahren wir mehr über die Neuerungen der GOLD-Empfeh­lungen.

Was hat sich an den GOLD-Empfeh­lungen geändert?

Zunächst sei gesagt, dass sich die grund­sätz­liche Einteilung in die vier Schwe­re­grade 1–4 und das Schema A‑D nicht verändert hat. Für die Auswahl der medika­men­tösen Therapie liefern nach wie vor die beiden Parameter des vorlie­genden Beschwer­de­bildes und die Exazer­ba­ti­ons­his­torie (d.h. die Kriterien des Schemas A‑D) die entschei­denden Anhalts­punkte.

Optimiert bzw. verfeinert wurden die Empfeh­lungen des daraus folgenden Behand­lungs­schemas (Algorithmus). Drei Aspekte sind zu benennen:

Trennung der initialen Thera­pie­emp­fehlung von der Empfehlung der Reeva­luation

Die Thera­pie­emp­feh­lungen bei Erstein­stellung einer COPD bleiben unver­ändert und basieren auf den beiden Parametern des vorlie­genden Beschwer­de­bildes und der Exazer­ba­ti­ons­his­torie – d.h. gemäß der im Schema A, B, C und D abgebil­deten Kriterien.

Bei Reeva­luation (Wieder­vor­stellung) des Patienten und Erfassung der dann aktuellen Situation, gilt es jedoch zu unter­scheiden, ob primär insbe­sondere sympto­ma­tische Beschwerden oder primär Exazer­ba­tionen (akute Verschlech­te­rungen) vorliegen. Für jede dieser beiden Kategorien empfiehlt GOLD im Weiteren spezi­fische Thera­pie­kon­zepte.

Dieses Verfahren zielt darauf ab, den Algorithmus, d.h. die Abfolge des Thera­pie­re­gimes zu verfeinern und basierend auf den aktuell dominie­renden klini­schen Problemen anzupassen.

Messung der *Eosino­philen im Blut

Die GOLD-Empfehlung zur Messung der eosino­philen Granu­lo­zyten im peripheren Blut bei COPD hat zum Ziel, eine Aussage treffen zu können, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Patient auf inhalierbare Steroide (Kortison) anspricht. Je größer die Eosino­phi­lenzahl im Blut, desto wahrschein­licher ist es, dass der Patient von einer Stero­id­the­rapie profi­tiert.

Eosino­phile im Blut

Patienten mit bis zu 100 mmHg profi­tieren kaum von Steroiden. Patienten mit mehr als 300 mmHg profi­tieren relativ wahrscheinlich vom Einsatz inhala­tiver Steroide.

*Eosino­phile Granu­lo­zyten – kurz Eosino­phile oder Eos – gehören zu den Leuko­zyten (gehören zu den weißen Blutkör­perchen und werden im Knochenmark gebildet). Sie machen etwa 1–5 % der Leuko­zyten im Diffe­ren­ti­al­blutbild aus und sind an der zellu­lären Immun­abwehr beteiligt. Ihren Namen beziehen sie vom Farbstoff Eosin, mit dem sie angefärbt werden können.

Eosino­phile Entzün­dungen der Atemwege sind ein häufiges Merkmal bestimmter Asthma- und COPD-Phäno­typen (Erschei­nungs­bilder) und stehen sowohl bei Asthma als auch bei COPD im Zusam­menhang mit einem erhöhten Risiko für akute Verschlech­te­rungen. 

Nach möglichen Ursachen sympto­ma­ti­scher Verän­de­rungen fahnden

Die Ursache einer sympto­ma­ti­schen Verän­derung oder Verschlech­terung kann vielfältig sein. Bereits der fehler­hafte Einsatz eines Inhala­ti­ons­ge­rätes (Device) kann zur Unwirk­samkeit der medika­men­tösen Therapie führen. Ebenso können mögli­cher­weise noch nicht erkannte Begleit­erkran­kungen die Erkran­kungs­si­tuation verändern.

COPD ist eine äußerst komplexe Erkrankung. Nicht-medika­mentöse Maßnahmen, die zu einer Optimierung des Lebens­stils führen können, wie beispiels­weise Atemphy­sio­the­rapie, Lungen­sport, Rehabi­li­tation, Patien­ten­schulung, Rauch­stopp, führen im Zusam­men­spiel mit medika­men­tösen Maßnahmen zur Reduzierung der Sympto­matik.

Werden die Ziele der medika­men­tösen Therapie nicht erreicht bzw. verändert sich die Sympto­matik, formu­lieren die GOLD-Empfeh­lungen, zunächst auf allen Ebenen nach möglichen Ursachen zu fahnden – insbe­sondere auch im Hinblick auf die nicht-medika­men­tösen Maßnahmen – bevor eine Verän­derung der medika­men­tösen Therapie erwogen wird.

Für die Messung von Eosino­phile existieren verschiedene diagnos­tische Verfahren. Das Verfahren der FeNO-Messung der Ausatemluft steht oftmals in Praxen zur Verfügung. Wie sollte die Messung erfolgen?

Für die der Erfassung der Eosino­philen können verschiedene Möglich­keiten angewendet werden. Die Erfassung über die Blutwerte gestaltet sich am einfachsten. Eine Ermittlung des Wertes über das Sputum ist ebenfalls möglich, kann jedoch nicht in einer nieder­ge­las­senen Praxis reali­siert werden. 

Für die Anwendung einer FeNO-Messung bei COPD liegen derzeit zu wenige wissen­schaft­liche Daten vor. Vom Grundsatz her könnte das Verfahren eine Möglichkeit zur Erfassung darstellen, wissen­schaftlich haben wir dafür jedoch noch keinen Nachweis – zumal die Proble­matik besteht, dass die Messwerte verfälscht werden, sollte der Patient noch aktiver Raucher sein. 

Die Unter­scheidung zwischen sympto­ma­ti­scher Verän­derung und akuter Verschlech­terung steht bei einer der GOLD-Empfeh­lungen im Fokus. Hinsichtlich der Eigen­be­ob­achtung und deren Mitteilung an den behan­delnden Arzt ist daher auch der Patient gefordert. Was sollten Patienten im Hinblick auf die Eigen­be­ob­achtung wissen und beachten?

Bekommt der Patient schwerer Luft, ist klar, dass sich die Sympto­matik verändert hat. Deutlich schwie­riger hingegen ist die Beant­wortung der Frage: Hatte der Patient eine krisen­hafte Verschlech­terung, also eine Exazer­bation?  

Wurde aufgrund der Verschlech­terung ein Kranken­haus­auf­enthalt notwendig, handelt es sich eindeutig um eine akute Verschlech­terung. War der Patient jedoch nicht im Krankenhaus, gestaltet sich die Abgrenzung deutlich schwie­riger. Empfeh­lenswert ist festzu­stellen, ob die Einleitung von Thera­pie­maß­nahmen notwendig war und welche Medika­mente (z. B. Antibiotika oder Kortison) verab­reicht wurden.

Eine Dokumen­tation, wann Bedarfs­me­di­ka­mente über das normale Maß hinaus einge­setzt und insbe­sondere Notfall­me­di­ka­mente, wie Kortison oder Antibiotika, notwendig wurden, ist für den behan­delnden Lungen­facharzt hilfreich.

Warum betreffen die Verfei­ne­rungen der Thera­pie­emp­feh­lungen vor allem die Gruppen B und D?

In der Gruppe D befinden sich die Patienten, die viele Symptome und ebenso Exazer­ba­tionen aufweisen. Auch bei bereits einge­lei­teter Therapie treten bei diesen Patienten oftmals weitere akute Verschlech­te­rungen auf. Patienten der Gruppe D sind am schwie­rigsten zu behandeln, wenngleich inzwi­schen eine Vielzahl von medika­men­tösen Optionen zur Verfügung steht und Thera­pie­schemen empfohlen werden – auch im Hinblick auf den Einsatz von Kortison.

In der Gruppe B befinden sich Patienten, die zwar sympto­ma­tisch sind, aber ohne akute Verschlech­terung. Die medika­men­tösen Thera­pie­op­tionen für diese Patien­ten­gruppe sind deutlich reduzierter. Derzeit werden inhalative Broncho­di­la­ta­toren (bronchi­e­n­er­wei­ternde Substanzen), entweder in Einzel­the­rapie mit einer Substanz oder einer Kombi­na­ti­ons­the­rapie bestehend aus zwei Substanzen, empfohlen.     

Bei diesen Patienten spielt insbe­sondere die zusätz­liche Anwendung nicht-medika­men­töser Thera­pie­maß­nahmen eine wichtige, die Symptome beein­flus­sende, Rolle sowie die richtige Auswahl und Anwendung des Inhalators.

Eosino­phile und der Einsatz von Antikörpern sind bei Vorliegen eines Asthmas bronchiale seit geraumer Zeit im Gespräch. Wird der Einsatz von Antikörpern in Zukunft auch bei COPD eine Thera­pie­option sein?

Zwei Studi­en­ergeb­nisse wurden hierzu inzwi­schen veröf­fent­licht. Eine Studie mit der Substanz Mepoli­zumab und eine andere mit Benra­li­zumab, hierbei handelt es sich um neu zugelassene sog. Biologika. Bisher konnten keine eindeutig positiven Effekte nachge­wiesen werden. Aller­dings muss man sagen, dass die einbe­zo­genen Patien­ten­kol­lektive relativ breit angelegt waren und nicht fokus­siert auf Patienten, die deutlich eosinophil waren und viele Exazer­ba­tionen aufwiesen. Ich denke, zukünftige Studien werden entspre­chend daraufhin ausge­richtet werden. Dupilumab, ein weiteres neu auf den Markt kommendes Biolo­gikum, wird ebenfalls hinsichtlich des Einsatzes bei COPD getestet werden.

Als optimis­tische Vorhersage würde ich formu­lieren, dass zukünftig mögli­cher­weise eine Subgruppe von Patienten definiert werden kann, die von einer Therapie mit Antikörpern profi­tiert.

Abschließend zusam­men­fassend die Frage­stellung, welche Ziele sollen mit den neuen GOLD-Empfeh­lungen vor allem erreicht werden?

Mit den auf die aktuelle Situation des Patienten zugeschnit­tenen Empfeh­lungen möchten wir dazu beitragen, insbe­sondere zwei Ziele zu erreichen:

Die aktuelle Situation des Patienten verbessern; die Symptome reduzieren und das zukünftige Risiko beein­flussen, d.h. das Auftreten von Exazer­ba­tionen minimieren. 


Bildnachweis:
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Interview/Text:
Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek


Dieser Beitrag wurde in der Winter­ausgabe 2019 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.

Schlagwörter: akute Verschlechterung, Antikörper, Atemnot, chronische Entzündung, COPD, Eosinophile, Exazerbation, FeNO-Messung, GOLD, Husten, Inhalation, Lungenemphysem, Lungengewebe, medikamentöse Therapie, Schweregrad

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