Artikel

Lungenforschung Stand 2020

12. Aug. 2020

Suche nach neuen Erkennt­nissen

Die aktuelle Corona­virus-Lage zeigt die Bedeutung von Wissen­schaft und Forschung, auf besondere gesund­heit­liche Heraus­for­de­rungen reagieren zu können. In dieser Ausgabe von Lungen­for­schung aktuell stellen wir daher die Frage „Wie funktio­niert Lungen­for­schung eigentlich?“. Was wird erforscht und welche Methoden werden genutzt?

Eine inter­es­sante Lektüre wünscht Ihnen
das Redak­ti­onsteam des Lungen­in­for­ma­ti­ons­dienstes.


Hinweis: Lungen­for­schung aktuell ist eine regel­mäßige Rubrik in der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge.

Lungen­for­schung

Lungen­er­kran­kungen gehören zu den häufigsten Todes­ur­sachen weltweit. Bis heute gibt es für die meisten Atemwegs­er­kran­kungen aller­dings oft nur Therapien, die die Symptome verbessern, jedoch keine Heilung bieten. Daher ist es umso wichtiger, durch Forschung zu Ursachen und Krank­heits­me­cha­nismen neue Ansätze und Optionen für die Prävention, Diagnose und Therapie zu entwi­ckeln. 

Die medizi­nische Forschung ist ständig im Fluss. Täglich werden neue Ergeb­nisse aus wissen­schaft­lichen Studien veröf­fent­licht. Doch was unter­suchen die Forsche­rinnen und Forscher eigentlich genau? Wie funktio­niert Forschung in der Medizin? Was ist Grund­la­gen­for­schung und wie werden neue Medika­mente entwi­ckelt? 

Im Allge­meinen unter­scheidet man drei Bereiche: Grund­la­gen­for­schung, präkli­nische Forschung und  klinische Forschung.

Die Grund­la­gen­for­schung überprüft medizi­nische Prinzipien und Zusam­men­hänge. Es geht in erster Linie darum, Wissen zu erweitern und neue Erkennt­nisse zu gewinnen.

Die präkli­nische Forschung – auch vorkli­nische Forschung genannt – kann ebenfalls im Labor erfolgen. Ein Beispiel sind Studien mit Zellen oder Geweben, die von Menschen oder von Tieren stammen, man spricht dabei auch von sogenannten In-vitro-Studien. Die Übertrag­barkeit der Ergeb­nisse solcher In-vitro-Studien, die außerhalb eines lebenden Organismus statt­finden, hat jedoch ihre Grenzen. Daher schließen sich meist sogenannte In-vivo-Studien an: Hier werden die Unter­su­chungen am lebenden Organismus durch­ge­führt, das heißt, direkt am Tier oder am Menschen. Studien an Tiermo­dellen zählen zur präkli­ni­schen Forschung. Studien an Menschen gehören zur klini­schen Forschung. Die klinische Forschung unter­sucht, ob eine Änderung des Lebens­stils, Medika­mente, medizi­nische Behand­lungs­ver­fahren oder Geräte die Gesundheit der Menschen verbessern können. Auch die Vorbeugung und die Diagnose von Krank­heiten kann so erforscht werden.

Präkli­nische und klinische Forschung kommen beispiels­weise zum Einsatz, wenn die Wirksamkeit und Sicherheit eines neuen Arznei­mittels unter­sucht werden sollen.

Verschiedene Studi­en­arten in der Forschung

Studien werden nach einem vorab festge­legten Plan oder Protokoll durch­ge­führt. Bei der klini­schen Forschung unter­scheidet man inter­ven­tio­nelle („eingrei­fende“) und nicht-inter­ven­tio­nelle („nicht-eingrei­fende“) Studien. Nicht-inter­ven­tio­nelle Studien werden auch als Beobach­tungs­studien bezeichnet.

Studien mit Zellen von Menschen oder Tieren oder an Tiermo­dellen: Diese Studien sind Teil der Grund­la­gen­for­schung und wichtig, um medizi­nische Zusam­men­hänge zu verstehen. Sie können erste Hinweise auf eine neue Behandlung liefern. Erkennt­nisse aus Zellen oder Tieren lassen sich jedoch nicht immer auf den Menschen übertragen.

Beobach­tungs­studien: Bei diesen Studien werden die Teilneh­menden nach einem genauen Studi­enplan beobachtet, es wird jedoch nicht in den Krank­heits- oder Behand­lungs­verlauf einge­griffen. Beobach­tungs­studien decken Zusam­men­hänge zwischen Risiko­fak­toren und der Entstehung einer Krankheit auf, aller­dings können sie keine direkte Ursache nachweisen. Beispiele sind sogenannte Kohor­ten­studien, Fall-Kontroll-Studien und Querschnitts­studien.

Rando­mi­sierte kontrol­lierte Inter­ven­ti­ons­studien: Dies sind geplante Experi­mente, um den Effekt einer Behandlung zu unter­suchen. Teilneh­mende werden in verschiedene, zusam­men­ge­setzte Gruppen einge­teilt, beispiels­weise eine Gruppe, die die Behandlung erhält und eine Kontroll­gruppe, die sie nicht erhält. Wenn die Zahl der Teilneh­menden groß ist, sind die Ergeb­nisse später häufig besser vergleichbar und aussa­ge­kräf­tiger. Diese Art von Studien liefert sehr gute ursäch­liche Nachweise, jedoch können einzelne Studien nicht immer verall­ge­meinert werden.

Syste­ma­tische Übersichts­ar­beiten und Metaana­lysen: Sie fassen die Daten mehrerer Studien zu einem Thema zusammen. So kann man beispiels­weise besser erkennen, wie nützlich eine Behandlung ist. Übersichts­ar­beiten und Metaana­lysen liefern die besten wissen­schaft­lichen Nachweise für eventuelle Zusam­men­hänge, man spricht in diesem Zusam­menhang auch von „hoher Evidenz“. Die Evidenz beschreibt die wissen­schaft­liche Aussa­ge­kraft einer klini­schen Studie.

Klinische Studien sind wichtig, um die Wirksamkeit und Sicherheit medizi­ni­scher Behand­lungen beim Menschen zu belegen. Aller­dings können auch die besten Studien keine endgül­tigen Wahrheiten liefern und alle Fragen beant­worten – es geht immer um Wahrschein­lich­keiten.

Zudem werden in klini­schen Studien nur Perso­nen­gruppen unter­sucht, deren Eigen­schaften im Voraus genau festgelegt sind. Die Ergeb­nisse sind daher nie auf alle Menschen übertragbar.

Große Expertise für die Lungen­for­schung

Im Jahr 2011 wurde das Deutsche Zentrum für Lungen­for­schung (DZL) gegründet und damit die deutsche Expertise im Bereich der pneumo­lo­gi­schen Forschung und Klinik gebündelt.

Wissen­schafts­teams aus der Grund­la­gen­for­schung, die in erster Linie neue Erkennt­nisse gewinnen möchten, und klinische Forschende, denen es um die sichere, erfolg­reiche Anwendung neuer medizi­ni­scher Erkennt­nisse geht, arbeiten im DZL intensiv zusammen. Ziel ist es, Antworten auf offene Fragen in der Erfor­schung von Lungen­krank­heiten zu finden und damit einen wesent­lichen Beitrag zur Verbes­serung von Prävention, Diagnose und Therapie zu leisten. Im Fokus steht dabei die trans­la­tionale Forschung, also das Ziel, Forschungs­er­geb­nisse aus dem Labor möglichst schnell in die Praxis zu überführen.

Insgesamt koope­rieren im DZL derzeit 29 führende deutsche Forschungs­ein­rich­tungen an fünf Stand­orten in ganz Deutschland. Der enge Zusam­men­schluss ermög­licht es Forschenden, beispiels­weise auf große Mengen von Bioma­te­rialien und Daten zur medizi­ni­schen Auswertung zuzugreifen. Zudem fördert das Deutsche Zentrum für Lungen­for­schung innovative und breit angelegte klinische Studien mit hohen Teilneh­men­den­zahlen. Diese kommen nicht nur der Wissen­schaft zugute, sondern ermög­lichen es auch den Patien­tinnen und Patienten, an der Entwicklung neuar­tiger Substanzen und Thera­pie­ver­fahren teilzu­haben. 

Der Lungen­in­for­ma­ti­ons­dienst betreibt als enger Koope­ra­ti­ons­partner des DZL eine Studi­en­plattform, auf der sich Inter­es­sierte über aktuelle klinische Studien, Teilnah­me­be­din­gungen und Kontakt­adressen infor­mieren können: www.lungeninformationsdienst.de/klinische-studien

Mehr zur Lungen­for­schung finden Sie beim Lungen­in­for­ma­ti­ons­dienst außerdem über www.lungeninformationsdienst.de/forschung.


…mehr Wissen

www.lungeninformationsdienst.de

Das Inter­net­portal des Lungen­in­for­ma­ti­ons­dienstes bietet aktuelle, wissen­schaftlich geprüfte Infor­ma­tionen aus allen Bereichen der Lungen­for­schung und ‑medizin in verständlich aufbe­rei­teter Form, vor allem für Patienten, Angehörige und die inter­es­sierte Öffent­lichkeit. Der Lungen­in­for­ma­ti­ons­dienst wird vom Helmholtz Zentrum München in Koope­ration mit dem Deutschen Zentrum für Lungen­for­schung (DZL) betrieben und arbeitet unabhängig von jeglichen Inter­essen Dritter.

Aktuelle Meldungen aus der Lungen­for­schung direkt nach Hause? Abonnieren Sie den Newsletter des Lungen­in­for­ma­ti­ons­dienstes und folgen Sie uns auf Facebook und Twitter!


Dieser Beitrag aus der ständigen Rubrik “Lungen­for­schung aktuell” wurde in der Sommer­ausgabe 2020 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.

Bildnachweis:
Lungen­in­for­ma­ti­ons­dienst
DZL
agny_illustration – Adobe­Stock

Text:
Redak­ti­onsteam des Lungen­in­for­ma­ti­ons­dienstes


Schlagwörter: Corona, Grundlagenforschung, klinische Forschung, Lungenforschung, Lungeninformationsdienst, präklinische Forschung, Studien

Zeitschrift
Atemwege und Lunge
als Print-Ausgabe bestellen

Unsere Fachzeitschrift "Atemwege und Lunge – Eine Patienten-Bibliothek" erscheint 4x im Jahr (Frühjahr, Sommer, Herbst, Winter) – für Patienten, Angehörige, Fachpersonal, Apotheken, Selbsthilfegruppen und Arztpraxen.

Haben Sie Fragen?

Unsere Redaktion hilft Ihnen gerne weiter. Schreiben Sie einfach eine E-Mail an: info@atemwegeundlunge.de

Artikel, die Sie auch interessieren könnten:

Beitrag Warum Empathie so wichtig ist, Dr med. Caroline Gloeckl

Empathie – mehr als Medizin

Laut Duden ist Empathie die Bereit­schaft und Fähigkeit, sich in die Einstel­lungen anderer Menschen einzu­fühlen. Es geht also darum,...

Herzinfarkt der Lunge

COPD – früh erkennen und früh handeln In Deutschland wurde zuletzt im Jahr 2021 die Nationale Versor­gungs­leit­linie (NVL) COPD – siehe...

Lungenfibrose – aus Sicht einer Patientin

Mit der Diagnose Lungen­fi­brose verändert sich nicht nur das Atmen. Auch Bezie­hungen verändern sich. Plötzlich entstehen Gespräche, die...

Oh, diese Treppen

Wenn ich unten an dieser Treppe stehe, muss ich erst einmal tief Luft holen. Das hilft, wenn auch nur wenig. Ich weiß nicht, ob ich diese...

Operationsverfahren

…operative Eingriffe an der Lunge Opera­tionen an der Lunge können im Prinzip in zwei große Gruppen einge­teilt werden. Bei der ersten...

Thorakale Transplantationen

Herz- und Lungen­trans­plan­tation Das vergangene Jahr war ein bewegtes für die Organ­trans­plan­tation in Deutschland, leider nicht immer...

Lungentransplantation

…was Lungen­pa­ti­enten wissen sollten Für viele Patienten mit endgradig fortge­schrit­tenen Lungen­er­kran­kungen bedeutet eine...

…die Lunge will bewegt werden

5 Jahre nach der Lungen­trans­plan­tation Atemnot beim Treppen­steigen war der Grund für seinen Besuch beim Arzt. Im Alter von 50 Jahren...

Von der Hantelbank in den OP

Lungen­trans­plan­tation: Nichts wird so sein wie früher Bereits frühzeitig sprach die behan­delnde Lungen­fach­ärztin das Thema...

Schlüssel zu mentaler Stärke

Kohärenz­gefühl und Resilienz An COPD erkrankte Menschen stehen vor der großen Heraus­for­derung ihr Leben und den Alltag an die...