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Atemphysiotherapie

16. Juli 2020

…für Atmung und Bewegung

Viele Patienten mit chroni­schen Lungen­er­kran­kungen kennen Anwen­dungen der Atemphy­sio­the­rapie, die unter anderem der Atemerleich­terung und der bewussten Atemwahr­nehmung dienen, wie z. B. Erlernen von atemerleich­ternden Stellungen,  Mobili­sierung des Brust­korbs, Kräftigung der Musku­latur oder auch der Sekret­mo­bi­li­sation (Lösung von Sekret in den Bronchien) durch spezielle Übungen sowie durch den Einsatz von Hilfs­mitteln.

Ziel einer physio­the­ra­peu­ti­schen Atemthe­rapie ist die bestmög­liche Wieder­her­stellung und Erhaltung unein­ge­schränkter Atmung. Atemphy­sio­the­rapie ist also ein wichtiger Bestandteil des gesamten Behand­lungs­kon­zeptes.

In Zeiten von Corona herrscht aller­dings Unsicherheit, Termine werden oftmals abgesagt, da die Thera­pie­maß­nahmen eine körper­liche Nähe zwischen Patient und Therapeut erfordern.

Die Redaktion sprach mit Sabine Weise, Physio­the­ra­peutin in München, langjährige Lehrkraft an der staatl. BFS für Physio­the­rapie an der LMU in München, Klinikum Großhadern, Mitin­itia­torin und Dozentin der Fortbil­dungs­reihe „Atemphy­sio­the­rapie“ der AG Atemphy­sio­the­rapie im Deutschen Verband für Physio­the­rapie (ZVK).

Wie haben sich Atemphy­sio­the­ra­peuten auf die aktuellen Verän­de­rungen einge­stellt?

Voraus­setzung für jegliche physio­the­ra­peu­tische Behandlung ist die strenge Einhaltung der vorge­schrie­benen Hygie­ne­maß­nahmen – zum Schutz der Patienten und zum Eigen­schutz der Physio­the­ra­peuten!

In den Akutkli­niken sind die atemphy­sio­the­ra­peu­ti­schen Ziele bei schwer erkrankten CoVid 19-Patienten mit inters­ti­ti­eller Pneumonie (das Lungen­gewebe betref­fende Lungen­ent­zündung) die Belüf­tungs­ver­bes­serung minder belüf­teter Lungen­areale, die Vermeidung von Atelek­tasen (kolla­bierte Lungen­ab­schnitte oder Lungen­flügel, die nicht mehr mit Luft gefüllt sind), das Öffnen von Mikroa­te­lek­tasen und die Verrin­gerung der erhöhten Atemarbeit und damit ein verbes­serter Gasaus­tausch.

Weitere Ziele physio­the­ra­peu­ti­scher Behandlung sind, Neben­wir­kungen von Immobi­lität, langer Liegezeit und der künst­lichen Beatmung vorzu­beugen bzw. zu lindern. Hierbei ist ein wichtiger Behand­lungs­schwer­punkt die Throm­bo­se­pro­phylaxe. Alle Behand­lungen müssen indivi­duell auf Bewusst­seins­zu­stand, Belast­barkeit und vorlie­gende Zusatz­er­kran­kungen der Betrof­fenen abgestimmt sein.

Ambulante Physio­the­ra­pie­praxen mit Behand­lungs­schwer­punkt Atemphy­sio­the­rapie haben wegen ihrer Spezia­li­sierung auf Lungen­er­kran­kungen ohnehin hohe Hygie­ne­stan­dards. Sie sind mit strikten Desin­fek­ti­ons­regeln und gut zu lüftenden Einzel­the­ra­pie­räumen ausge­stattet.


Handlungs­schema für Hygie­ne­ma­nagement in physio­the­ra­peu­ti­schen Praxen im Rahmen der Empfeh­lungen des Robert-Koch-Instituts (Stand 27.04.2020 für CoVid-19):

  • Konse­quente Umsetzung der Basis­hy­giene (Flächen­des­in­fektion, Handdes­in­fektion)
  • Nutzung eines Desin­fek­ti­ons­mittels mit dem Mindest­standard “begrenzt viruzid”
  • Lenkung der Patienten zur Vermeidung von Patien­ten­kon­takten
  • Versorgung von Risiko­pa­ti­enten mit einem Mund-Nasen-Schutz
  • Einhaltung der Abstands­regeln
  • Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes
  • Einführung von Schicht­mo­dellen
  • Behandlung von Risiko­pa­ti­enten mit FFP2-Masken und Handschuhen
  • Tragen einer Atemmaske mit Schutz­standard FFP2 bei thera­peu­ti­schen Maßnahmen, die die Exposi­tionen von Sputum fördern (z. B. Atemthe­rapie)

 Quelle: www.rki.de


Welche „Bausteine“ der Atemphy­sio­the­rapie können problemlos zu Hause umgesetzt werden?

Die empfoh­lenen Kontakt­be­schrän­kungen, die vorer­krankte gefährdete Personen weiterhin sehr ernst nehmen müssen, reduzieren die normalen Alltags­ak­ti­vi­täten. Lungen- und Herzsport­gruppen fallen momentan in der Regel aus und Möglich­keiten zur Bewegung im Freien sind oft nicht oder nur einge­schränkt gegeben. Unter diesen Umständen ist Eigen­in­itiative erfor­derlich!

Atemphy­sio­the­ra­peu­tische Übungen und ein Aktivi­täts­pro­gramm für zu Hause sollten folgende Ziele verfolgen:

  • Durch­lüftung der Lungen – regel­mäßig und mehrfach täglich. Zur Pneumo­nie­pro­phylaxe (Vorbeugung von Lungen­ent­zün­dungen) ist die Durch­lüftung der unteren, hinteren Lungen­areale besonders wichtig!
  • Anregung des venösen Rückstroms der Beinvenen zur Throm­bo­se­pro­phylaxe.
  • Regel­mäßige körper­liche Aktivität zur Erhaltung und Verbes­serung von Muskel­kraft, körper­licher Beweg­lichkeit und Anregung des Herz-Kreis­lauf­systems.

Besonders zu empfehlen sind auch Ausdau­er­ak­ti­vi­täten im Freien, wie z. B. Spazie­ren­gehen, Wandern, Nordic Walking und Fahrrad­fahren. Tipp: Setzen Sie dabei einen Schritt­zähler ein.

Bei den Atemübungen ist zu beachten:
Nicht schnell und tief durch den Mund einatmen! 
Sondern: bewusst und langsam die Luft durch die Nase einströmen lassen.

Die Einatmung durch die Nase ist sehr wichtig, denn die Nasen­schleimhaut ist ein Hochleis­tungs­system zum Schutz der Bronchien. Sie klima­ti­siert und reinigt die einströ­mende Luft. Dadurch schützt die Einatmung durch die Nase das Selbst­rei­ni­gungs­system (Flimmer­epithel) im Rachen und in den Bronchien.

Achten Sie besonders in geschlos­senen Räumen bewusst darauf, durch die Nase zu atmen! (z. B. im Super­markt, in öffent­lichen Verkehrs­mitteln, aber auch bei Begegnung von Jogger-Atemwolken)

Nicht schnell in Richtung oberen Brustkorb und Schultern atmen!
Sondern: bewusst und ruhig mit dem Zwerchfell in den Bauch atmen.

(Psychische Anspannung und körper­liche Belastung verleitet häufig zu schneller Mundatmung und Atmung in den oberen Brustkorb.) Durch langsame, vertiefte Zwerch­fell­atmung werden vor allem die unteren und hinteren Lungen­ab­schnitte ausrei­chend durch­lüftet. Das ist besonders wichtig, da minder­be­lüftete Areale einem höheren Pneumo­nie­risiko unter­liegen.

Wann können Lagerungs­tech­niken hilfreich sein?

Bei einem überwiegend im Sessel oder im Liegen verbrachten Tages­ablauf fehlen die täglichen Aktivi­täten, die zwischen­zeitlich zur vollen Durch­lüftung der Atemwege anregen, wie z. B. Einkaufen gehen, Treppen­steigen, Spazie­ren­gehen. In Ruhe reicht dem Organismus bei jedem Atemzug ein Volumen von einem halben Liter Luft. Ohne Aktivi­täts­reize bleibt die uns zur Verfügung stehende Atemre­serve von ca. 2–3 Liter Luft pro Atemzug meist ungenutzt.

Besteht die körper­liche Inakti­vität über Tage oder gar Wochen, ist eine ausrei­chende Belüftung der unteren und hinteren Lungen­areale nicht gewähr­leistet. Dies gilt in beson­derem Maße, wenn diese Minder­be­lüftung mit einsei­tigen Körper­po­si­tionen kombi­niert wird, wie z. B. angelehntes Sitzen oder Liegen in Rückenlage, auch mit angestelltem Oberkörper. Die kleinen unteren und hinteren Atemwege können zusam­men­fallen und die von ihnen versorgten Lungen­bläschen kolla­bieren. 

Häufige Lagewechsel können helfen, die hinteren unteren Lungen­ab­schnitte besser zu belüften.  

Die Schwer­kraft übt einen starken Einfluss auf das lockere Lungen­gewebe und die Lungen­durch­blutung aus. Bei dauerhaft einseitig auf die Lunge einwir­kende Schwer­kraft können sich die der Schwer­kraft zugewandten Lungen­ab­schnitte verschließen. Wechselt man die Lage der Lunge relativ zur Schwer­kraft, kann dies zum Öffnen der zuvor minder­be­lüf­teten Lungen­ab­schnitte beitragen. Dies gilt insbe­sondere in Kombi­nation mit vertiefter Zwerch­fell­atmung.

Welche Rolle nimmt das Training der Beinmus­ku­latur ein?

In den augen­blick­lichen Zeiten der Kontakt­be­schrän­kungen wählen viele Patienten den Weg der freiwil­ligen körper­lichen Schonung. Körper­liche Inakti­vität hat negative Folgen. Neben der Reduktion der Muskel­kraft und der allge­meinen körper­lichen Leistungs­fä­higkeit verur­sacht körper­liche Inakti­vität eine Reihe weiterer schwer­wie­gender negativer Effekte, wie z. B. vermin­derte Lungen­be­lüftung, geringe Herz-Kreislauf-Anregung und verlang­samter venöse Rückstrom.

Deshalb ist ein Training alltags­re­le­vanter Skelett­mus­ku­latur von beson­derer Bedeutung. Je mehr diese Musku­latur an Kraft verliert, desto schneller setzt die Atemnot bei Alltags­ak­ti­vi­täten ein.  Ein wichtiger Schwer­punkt sollte deshalb auf der Verbes­serung des Trainings­zu­stands der Beinmus­ku­latur gelegt werden. Der Kraft­erhalt von Gesäß­mus­ku­latur, Oberschenkel- und Waden­mus­ku­latur ermög­licht ein sicheres Gehen, Hinsetzen und Aufstehen und Treppen­steig. Nimmt die Leistungs­fä­higkeit dieser Musku­latur ab, fallen selbst einfachste Bewegungen zunehmend schwerer. Leistungs­erhalt bzw. eine Leistungs­stei­gerung der Beinmus­ku­latur ist Voraus­setzung für Aktivität im täglichen Leben und ein Fundament für weitere Leistungs­stei­gerung. 

Muskel­ak­ti­vität verbessert den Blutfluss in den Beinvenen und mindert die Gefahr einer Beinve­nen­thrombose oder gar Lungen­em­bolie. Deshalb ist im täglichen Aktivi­täts­pro­gramm auch der Aspekt der Throm­bo­se­pro­phylaxe wichtig. Allge­meine Aktivität, insbe­sondere Beinak­ti­vität und vertiefte Zwerch­fell­atmung regen den venösen Rückstrom zum Herzen hin an und stimu­lieren das gesamte Herz-Kreislauf-System in positiver Weise.

Lesen Sie weiter in der Gesamt­ausgabe (Seite 36 ff) oder in der download­baren pdf-Datei des Beitrags, wie ein sinnvoller Trainingsplan für zu Hause gestaltet werden kann und was dabei zu beachten ist.


Infor­mieren Sie sich auch auf folgenden Inter­net­seiten zur Thematik:

Register von Physio­the­ra­peuten mit Spezia­li­sierung Atemphy­sio­the­rapie
www.atemwegsliga.de/physiotherapeuten.html

AG Atemthe­rapie
www.ag-atemphysiotherapie.de

AG Lungen­sport
www.lungensport.org


Der Beitrag wurde in der Sommer­ausgabe 2020 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.

Bildnach­weise:
Sabine Weise, München
detail­blick-foto – Fotolia.com

Text:
Text Sabine Weise, München
Interview/Redaktion Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek

Schlagwörter: Atemphysiotherapie, Atemtherapie, Atemwahrnehmung, Atmung, Bewegung, chronische Lungenerkrankungen, COPD, Corona, CoVid-19, Hilfsmittel, Lungenemphysem, Mobilisierung, Übungen

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