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Wie die Psychopneumologie bei COPD wirksam zur Lösung beiträgt

17. Mai 2020

Drängende Patien­ten­be­dürf­nisse

COPD-Patienten (vor allem solche mit fortge­schrit­tener Erkrankung) benötigen Unter­stützung in vier existen­zi­ellen Bereichen: Körper – Psyche – Soziales Leben – Spiri­tua­lität. Ein umfas­sender, ganzheit­licher Versor­gungs­ansatz wird diesen Unter­stüt­zungs­be­dürf­nissen am besten gerecht. Die Psychopneu­mo­logie kann dazu nachweislich wirksame Angebote liefern.

Welche Unter­stüt­zungs­be­dürf­nisse äußern COPD-Patienten?

Eine aktuelle Übersichts­studie identi­fi­ziert insgesamt 13 Bedürf­nis­themen (Int J Chron Obstruct Pulmon Dis. 2018 Mar 26;13:1021–1035. doi: 10.2147/COPD.S155622) . Sie verteilen sich auf drei der vier existen­zi­ellen Bedürf­nis­be­reiche (siehe Grafik 1: Existen­zielle Kategorien und zugeordnete Patien­ten­be­dürf­nisse bei COPD).

Grafik 1: Existen­tielle Kategorien und zugeordnete Patien­ten­be­dürf­nisse

Ein erstaun­licher Befund: der spiri­tu­ellen Kategorie wird kein einziges Patien­ten­be­dürfnis zugeordnet. Das deckt sich nicht mit den Erfah­rungen in Klinik und Praxis, wo Patienten durchaus Sinnfragen stellen oder spiri­tuelle Anliegen äußern.
Die Grafik zeigt anschaulich, dass die meisten Patien­ten­be­dürf­nisse den Bereich „psycho­so­ziale Unter­stützung“ betreffen.

Fazit:
Um COPD-Patienten indivi­duell, effektiv und nachhaltig zu unter­stützen, müssen wirksame psycho-soziale Angebote in ein umfas­sendes Versor­gungs­modell integriert werden.

Welche Handwerks­zeuge bietet die Psychopneu­mo­logie zur Erfüllung der Patien­ten­be­dürf­nisse an?

Werfen wir zunächst einen Blick auf Inter­ven­tionen, die direkt auf die Kategorie „Psyche“ zielen.

1. Inter­vention: Perso­na­li­sierte Inter­vention für depressive COPD-Patienten

Forscher­gruppen um G. S. Alexo­poulos entwi­ckeln und erfor­schen seit mehr als zehn Jahren eine perso­na­li­sierte Inter­vention für depressive Patienten mit (fortge­schrit­tener) COPD (= PID‑C) (Am J Geriatr Psych­iatry. 2014 Nov;22(11):1316–24. doi: 10.1016/j.jagp.2013.05.006).

Inzwi­schen weisen mehrere Studien, veröf­fent­licht in den Jahren 2013 und 2014, deutliche Verbes­se­rungen in zentralen Problem­be­reichen der COPD-Patienten nach.

Nach diesen erfreu­lichen Ergeb­nissen erwei­terten die Forscher die perso­na­li­sierte Inter­vention um ein Modul mit einem Problem­lö­sungs-Adhärenz-Training (Adhärenz = Thera­pie­treue).

Die Ergeb­nisse erbrachten vergleichbare Verbes­se­rungen für beide Inter­ven­tionen, jedoch keine Vorteile gegenüber der ursprüng­lichen perso­na­li­sierten Inter­vention.

Fazit:
Eine perso­na­li­sierte Inter­vention für depressive COPD-Patienten zielt vor allem auf die Patienten-Bedürf­nisse 2, 4, 5, 7, 12 (siehe Grafik 1),

  • reduziert die depressive Sympto­matik,
  • vermindert atemnot­be­zogene Einschrän­kungen,
  • verbessert bzw. stabi­li­siert die Lebens­qua­lität (trotz Fortschreiten der Grund­er­krankung COPD),
  • ist auf die indivi­du­ellen Patien­ten­be­dürf­nisse zugeschnitten (perso­na­li­siert),
  • ist für Behandler leicht erlernbar,
  • sollte (nach weiterer Testung) in umfas­sende Versor­gungs­an­gebote für depressive COPD- Patienten integriert werden.

2. Inter­vention: Achtsam­keits­ba­sierte kognitive Therapie bei COPD

Farver-Vester­gaard I und Mitar­beiter präsen­tieren die Effekte eines achtsam­keits­ba­sierten kogni­tiven Trainings, das im Rahmen eines achtwö­chigen pneumo­lo­gi­schen Rehabi­li­ta­ti­ons­pro­gramms zusätzlich angeboten wurde (kognitiv = Wahrnehmen, Denken, Erkennen betreffend) – (Eur Respir J. 2018 Jan 31;51(2). pii: 1702082. doi: 10.1183/13993003.02082–2017).

In der 2018 veröf­fent­lichten Studie wurden die Effekte einer pneumo- logischen Rehabi­li­tation mit einer pneumo­lo­gi­schen Rehabi­li­tation plus zusätz­licher achtsam­keits­ba­sierter kogni­tiver Therapie verglichen.

Fazit:
Achtsam­keits­ba­sierte kognitive Therapie als zusätz­liches psychopneu­mo­lo­gi­sches Angebot

  • zielt vor allem auf die Patienten-Bedürf­nisse 2,4, 5, 7, 12 (siehe Grafik 1)
  • vermindert die Angst­sym­pto­matik mindert besonders deutlich die Symptome
  • verbessert tenden­ziell das Gesamt­be­finden
  • sollte (nach weiterer Testung) ggf. in pneumo­lo­gische Rehabi­li­ta­ti­ons­pro­gramme Patienten integriert werden.

3. Inter­vention: Mind-Body-Medicine

(Mind-Body-Medicine = Psyche-Körper-Medizin, wird auch als integrative Medizin bezeichnet.) Übersichts­ar­beiten haben wiederholt darauf hinge­wiesen, dass Elemente aus der Mind-Body-Medicine (wie TaiChi, QiGong, Yoga, Achtsam­keits- und Entspan­nungs­ver­fahren) als einzige psychopneu­mo­lo­gische Angebote nicht nur das psychische, sondern auch das körper­liche Befinden nachhaltig verbessern (Int J Environ Res Public Health. 2019 Dec 18;17(1). pii: E22. doi: 10.3390/ijerph17010022).

Greift man zur Veran­schau­li­chung QiGong als ein Element der Mind-Body-Medicine heraus, so präsen­tiert eine Meta-Analyse von zehn rando­mi­siert, kontrol­lierten Studien (d. h. auf höchstem wissen­schaft­lichen Niveau) im Jahr 2019 folgende Ergeb­nisse:

  • Lungen­funktion verbessert (FEV1; FEV1/FVC)
  • körper­liche Leistungs­fä­higkeit gesteigert (6‑Minuten-Gehtest)
  • Lebens­qua­lität gestiegen (Frage­bogen SF-36 = Lebens­qua­li­tätstest)

Fazit:
Methoden der Mind-Body-Medicine (z. B. QiGong)

  • zielen vor allem auf die Patien­ten­be­dürf­nisse 2, 3, 4, 5, 7, 12 (siehe Grafik 1)
  • vermindern Angst- und Depres­si­ons­sym­ptome (unter­sucht bei älteren Patienten mit weniger als 10 Jahren Krank­heits­verlauf)
  • verbessern die Lungen­funktion
  • steigern die körper­liche Leistungs­fä­higkeit steigern die Lebens­qua­lität
  • sollten von Behandlern ebenso einfühlsam wie nachdrücklich als fester Bestandteil eines gesunden Lebens­stils für COPD-Patienten empfohlen werden
  • sollten von COPD-Patienten regel­mäßig prakti­ziert werden

4. Inter­vention: Gesund­heits-Coaching

Eine Übersichts­arbeit aus dem Jahr 2019 wertet insgesamt zehn Studien (Br J Health Psychol. 2019 Sep;24(3):515–546. doi: 10.1111/bjhp.12366) auf wissen­schaftlich höchstem Niveau zum Effekt von Gesund­heits-Coaching für Patienten mit COPD aus und kommt zu folgenden Ergeb­nissen:

  • Gesund­heits­be­zogene Lebens­qua­lität gemäß Frage­bo­gentest HRQoL signi­fikant (nachweislich) verbessert
  • Rate der COPD-bedingten Kranken­haus­auf­ent­halte signi­fikant vermindert
  • Bei drei von vier Studien zudem Selbst­für­sorge (Thera­pie­treue bei Medika­menten und körper­licher Aktivität) signi­fikant gesteigert

Fazit: Gesund­heits-Coaching

  • zielt vor allem auf die Patien­ten­be­dürf­nisse 1, 2, 3, 4, 5, 12 (siehe Grafik 1)
  • verbessert die gesund­heits­be­zogene Lebens­qua­lität
  • verhilft zu weniger COPD-bedingten Kranken­haus­auf­ent­halten
  • verbessert die Adhärenz (= Thera­pie­treue)
  • sollte möglichst effektiv, alltags­tauglich und ökono­misch für alle COPD-Patienten angeboten werden (z. B. im Rahmen von DMP-COPD = Disease Management Programmen, d.h. spezielle Programme für chronisch Kranke, die von vielen gesetz­lichen Kranken­kassen angeboten werden)

5. und 6. Inter­vention: BTF-Modell und TANDEM-Inter­vention

Zum Breathing-Thinking-Functioning(BTF)-Modell und zur TANDEM-Inter­vention liegen bisher nur Konzepte bzw. Studi­en­re­gis­trie­rungen aus den Jahren 2017 und 2020 vor (BTF: npj Primary Care Respi­ratory Medicine (2017) 27:27 ; doi:10.1038/s41533-017‑0024‑z / TANDEM: Trials. 2020 Jan 6;21(1):18. doi: 10.1186/s13063-019‑3800‑y).

Das BTF-Modell steht für ein Atmen-Denken-Handeln-Modell. Der TANDEM-Ansatz beinhaltet eine maßge­schnei­derte Inter­vention für das Angst- und Depres­si­ons­ma­nagement bei COPD. Beide Ansätze sind vielver­spre­chend:

Das BTF-Modell besticht durch seine breit­ge­streuten Methoden.

Hier eine Übersicht der wichtigsten Elemente:

Atmen

  • Atemtech­niken
  • (Hand-)Ventilator
  • Sekret­ma­nagement
  • Inspi­ra­to­ri­sches Atemmuskel-Training
  • Brustkorb-Vibra­tionen
  • Nicht­in­vasive Beatmung (NIV)

Denken

  • Kognitive Verhal­tens­the­rapie
  • Entspan­nungs­tech­niken
  • Achtsam­keits­ba­sierte Verfahren

Handeln

  • Pneumo­lo­gische Rehabi­li­tation
  • Körper­liche Aktivität (Lungen­sport)
  • Gehhilfen
  • Akupressur/Akupunktur
  • Tempo­re­gu­lation
  • Neuro­mus­kuläre Elektro­sti­mu­lation

Die TANDEM-Inter­vention

  • erfolgt wöchentlich über einen Zeitraum von sechs
  • in direktem 1:1‑Kontakt durch geschulte Fachkräfte mit Erfahrung in der Behandlung von COPD-Patienten
  • ist maßge­schneidert
  • liegt in manua­li­sierter Form (als Handbuch) vor

Fazit: BTF-Modell und TANDEM-Inter­vention

  • zielen auf die Patien­ten­be­dürf­nisse 1 bis 8, sowie 11 bis 13 (siehe Grafik 1)
  • klingen „verhei­ßungsvoll“
  • sind leider noch psychopneu­mo­lo­gische „Zukunfts­musik“

Werfen wir nun einen Blick auf Inter­ven­tionen, die indirekt die psycho­so­zialen Patien­ten­be­dürf­nisse günstig beein­flussen.

1. Inter­vention: Verhal­tens­training zur Steigerung der körper­lichen Aktivität

Die im Jahr 2019 veröf­fent­lichte PHYSACTO-Studie weist ein hohes Studi­en­niveau auf. Sie unter­sucht den Effekt eines Verhal­tens­trai­nings zur Steigerung der körper­lichen Aktivität mit paral­lelen Behand­lungs­gruppen (mit und ohne Broncho­di­la­ta­toren, mit und ohne Übungs­pro­gramm) (ERJ Open Res. 2019 Nov 4;5(4). pii: 00013–2019. doi: 10.1183/23120541.00013–2019). Die Ergeb­nisse lassen psychopneu­mo­lo­gisch Engagierte aufhorchen.

Selbst­ma­nagement-Verhaltens-Modifi­kation

  • verbessert in allen Behand­lungs­gruppen die Werte innerhalb der verschie­denen Frage­bo­gen­tes­tungen hinsichtlich Angst, Depression, Gesamt­be­finden und kogni­tiven Funktionen
  • zeigt ausge­prägte Verbes­se­rungen
    -hinsichtlich Angst und kognitive Funktionen bei höherem Anstieg der körper­lichen Aktivität und der körper­lichen Leistungs­fä­higkeit ‑hinsichtlich Depres­si­vität bei höherem Anstieg der körper­lichen Aktivität hinsichtlich Gesamt­be­finden bei höherem Anstieg der körper­lichen Leistungs­fä­higkeit
    -hinsichtlich Gesamt­be­finden bei höherem Anstieg der körper­lichen Leistungs­fä­higkeit

Fazit: Verhal­tens­training zur Steigerung der körper­lichen Aktivität

  • zielt auf die Steigerung von körper­licher Aktivität und Leistungs­fä­higkeit (Patienten-Bedürf­nisse 3, 5, 12 – siehe Grafik 1)
  • verbessert bei erfolg­reichem Einsatz auch die psycho­lo­gi­schen und kogni­tiven Funktionen vermindert mit zuneh­mender körper­licher Aktivität die Angst
  • steigert mit zuneh­mender körper­licher Leistungs­fä­higkeit die kogni­tiven Funktionen
  • vermindert bei zuneh­mender körper­licher Aktivität die depres­siven Symptome
  • sollte aufgrund der positiven indirekten Effekte auf das psycho­mentale Befinden ggf. in die Standard-Therapie bei COPD integriert werden.

2. Inter­vention: Antient­zünd­liche Therapie

Die System­er­krankung COPD kann als chronische Entzündung (syste­mische Inflamm­ation) betrachtet werden. Chronische Entzün­dungs­pro­zesse spielen auch bei psycho­men­talen Störungen eine bedeutsame Rolle (z. B. bei Depres­sionen, Ängsten, kogni­tiven Einschrän­kungen). Eine Publi­kation vom Januar 2019 denkt über diese Zusam­men­hänge nach.

Fazit: Entzün­dungs­hem­mende Ansätze

  • schlagen mögli­cher­weise „mehrere Fliegen mit einer Klappe“.
  • zielen durch antient­zünd­liche Ernäh­rungs­weise und/oder antient­zünd­liche Medikation evtl. indirekt auf typische psycho­mentale Begleit­erkran­kungen der COPD (z. B. Depres­sionen, Ängste, kognitive Störungen).
  • sollten vor allem mit Fokus auf die Zusam­men­hänge mit dem psycho­men­talem Befinden weiter erforscht werden
  • sollten bei positiven Ergeb­nissen für die Behandlung von COPD-Patienten genutzt werden.

Psychopneu­mo­lo­gische Zukunfts­musik

Die meisten COPD-Patienten nennen Hilfe bei Atemnot als ihr wichtigstes persön­liches Bedürfnis. Konzen­trieren wir uns also abschließend auf die aktuelle Studi­enlage zu wirksamen Ansätzen gegen Atemnot. Thomas Similowski formu­liert in seiner Veröf­fent­li­chung im Jahr 2018 drei Aspekte für einen holis­ti­schen (= ganzheit­lichen) Umgang mit Atemnot und ihren Folgen:
„Die Lunge behandeln, das Gehirn narren und den Geist besänf­tigen. Kurs auf ein holis­ti­sches Versor­gungs­an­gebot für Patienten mit chroni­schen Lungen­er­kran­kungen“

Die Lunge behandeln
nach den Regeln der ärztlichen Kunst und mit der aktuell empfoh­lenen Medikation (Stufenplan, Leitlinien)

Das Gehirn narren (überlisten) mit
- Medika­menten (Opioiden, nasalem Furosemid)
- Trige­minus-Stimu­lation (Venti­lator)
- Tiefer Hirnsti­mu­lation

Den Geist besänf­tigen mit psychopneu­mo­lo­gi­schen Ansätzen
via affektive Dimension der Atemnot (achtsam­keits­ba­sierte kognitive Therapie) und durch multi­dis­zi­plinäre, multi­di­men­sionale Ansätze (BTF-Modell: Atmen-Denken-Handeln)

Fazit

  • Die vielfäl­tigen Patien­ten­be­dürf­nisse bei COPD erfordern ebenso vielfältige Behand­lungs­kon­zepte.
  • Die aktuellen Studien belegen, dass psychopneu­mo­lo­gische Ansätze in zahlreichen Bedürf­nis­be­reichen einen wirksamen Beitrag für ein gestei­gertes Wohlbe­finden der Patienten leisten können.
  • Es kommt darauf an, mutig und entschlossen neue verhei­ßungs­volle Wege zum Wohle der Patienten zu erfor­schen und zu erproben.

Alle Leser, die sich auf eine persön­liche „Erfor­schungs- und Erpro­bungs­reise“ begeben wollen, finden in der Infobox eine Übung aus der achtsam­keits­ba­sierten kogni­tiven Therapie (in Anlehnung an Russ Harris). So können Sie gleich einmal testen, wie Ihnen der Ansatz bekommt. Ausdauer und Erfolg beim Üben wünscht Ihnen

Autorin: Monika Tempel
Ärztin, Autorin, Referentin, Regensburg
info@monikatempel.de www.monikatempel.de


Infobox

In der Gegenwart verweilen – ein Experiment in vier Schritten

Wie im Titel angekündigt, besteht dieses Experiment aus vier Schritten. Sie werden am meisten davon profitieren, wenn Sie diese vier Schritte wirklich umsetzten, statt sie nur lesend zu konsu­mieren.

Schritt #1
Stellen Sie sich vor, die Zeitschrift der Patienten-Bibliothek, die Sie gerade in Ihren Händen halten, besteht aus all jenen Gefühlen, mit denen Sie am schwersten umgehen können (z. B. aus Ihren Gefühlen bei Atemnot). Lassen Sie sich eine Weile Zeit, all diese Gefühle zu benennen.

Schritt #2
Halten Sie nun die Zeitschrift der Patienten-Bibliothek an ihren Rändern. Lassen Sie die Zeitschrift dabei aufge­klappt und packen sie mit Ihren Händen. Halten Sie sich die aufge­klappte Zeitschrift vors Gesicht. Holen Sie sich die aufge­klappte Zeitschrift so nah heran, dass sie fast Ihre Nase berührt. Die aufge­klappte Zeitschrift sollte Ihr Gesicht praktisch so umrahmen, dass Sie nichts mehr von der Umgebung sehen können.
Halten Sie die aufge­klappte Zeitschrift etwa 20 Sekunden so und nehmen Sie wahr, was geschieht.

Reflexion

  • Was haben Sie entdeckt?
  • Haben Sie sich von Ihren Gefühlen einfangen lassen?
  • Haben Sie sich in Ihren Gefühlen verloren?
  • Haben Sie sich in Ihren Gefühlen ohne Orien­tierung und von der Welt ringsum abgeschnitten gefühlt?
  • Haben Ihre Gefühle Sie ganz und gar in Beschlag genommen?
  • So ergeht es vielen Menschen. Es ist schwer, präsent zu sein und wirksam mit den Heraus­for­de­rungen des Lebens umzugehen, wenn wir so auf unsere Gefühle reagieren.

Schritt #3
Stellen Sie sich wieder vor, dass diese aufge­klappte Zeitschrift all Ihre schwie­rigsten Gefühle (z. B. bei Atemnot) enthält… Nehmen Sie die aufge­klappte Zeitschrift und packen Sie fest an den Rändern. Halten Sie die aufge­klappte Zeitschrift dann so weit von sich weg wie nur irgend möglich.
Strecken Sie Ihre Arme, so gut Sie können – natürlich, ohne sich die Schultern auszu­kugeln. Strecken Sie Ihre Ellbogen und halten Sie die aufge­klappte Zeitschrift auf Armes-länge. Halten Sie die aufge­klappte Zeitschrift etwas eine Minute so und nehmen Sie wahr, was geschieht.

Reflexion

  • Empfinden Sie diesen Zustand als unangenehm oder ermüdend?
  • Wie wäre es, wenn Sie in diesem Zustand gleich­zeitig ein Gespräch führen oder mit Ihrem Partner/Ihrer Partnerin kuscheln würden?
  • Beein­trächtigt dieser Zustand Ihr Vergnügen an der Sache? So ist es, wenn wir mit aller Kraft versuchen, unsere Gefühle zu kontrol­lieren oder auf Abstand zu halten. Dann ist es schwer, präsent zu sein und wirksam auf die Heraus­for­de­rungen des Lebens zu reagieren.

Schritt #4
Stellen Sie sich wieder vor, diese aufge­klappte Zeitschrift der Patienten-Bibliothek enthält all Ihre schmerz­haf­testen Gefühle… Legen Sie nun diese aufge­klappte Zeitschrift behutsam auf Ihren Schoß und lassen Sie sie 20 Sekunden dort liegen. Während die aufge­klappte Zeitschrift so daliegt, dehnen Sie die Arme, atmen tief aus und lassen den neuen Atemzug einfach kommen. Nehmen Sie dabei mit kindlicher Neugier Ihre Umgebung wahr: Was sehen Sie? Was hören Sie? Was riechen Sie?

In Schritt #4 schaffen Sie Raum für schmerz­hafte Gefühle. Sie lassen diese Gefühle in ihrem eigenen Rhythmus kommen, bleiben, gehen – ohne irgend­welche Energie dafür aufzu­wenden, mit ihnen zu kämpfen oder vor ihnen zu fliehen.

Nachbe­merkung:

Mögli­cher­weise wenden Sie nun ein: „Das ist nur eine aufge­klappte Zeitschrift. Mit den echten Gefühlen ist es nicht so einfach.“ Sie haben Recht! Das ist nur eine Übung. Das Ziel dieser Übung ist es, Sie darauf vorzu­be­reiten, den Raum für die echten Gefühle (z. B. bei Atemnot) zu bereiten.


Dieser Beitrag wurde in der Frühjahrs­ausgabe 2020 der Fachzeit­schrift “Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge” veröf­fent­licht

Fotos: Adobe­Stock RFBSIP, Francois Poirier, j‑mel

Schlagwörter: Achtsamkeit, Atemnot, COPD, fortgeschrittene Erkrankung, Lungenemphysem, Monika Tempel, Psyche, Psychopneumologie

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