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Heilstollentherapie

31. Mai 2020

Klima­the­ra­peu­ti­sches Natur­heil­ver­fahren als ergän­zende Maßnahme

Heilstol­len­the­rapie oder Speläo­the­rapie ist ein klima­the­ra­peu­ti­sches Natur­heil­ver­fahren mit langer Tradition – zumindest in Osteuropa und Asien. In Deutschland wurde das Verfahren erst nach dem zweiten Weltkrieg syste­ma­tisch thera­peu­tisch einge­setzt. Die Klutert­höhle in Ennepetal schützte die Einwohner während der Bomben­an­griffe. Asthma­kranke, die in der Höhle Zuflucht suchten, fielen die positiven Wirkungen der Höhlenluft auf. Dieser Erfah­rungen wurden bereits wenige Jahre nach Kriegsende für Thera­pie­zwecke genutzt. Es entstanden Thera­pie­sta­tionen für Asthma­tiker, Bronchi­tis­ge­plagte und Kinder mit Keuch­husten.

Teilnehmer einer Liegekur im Heilstollen der Grube Bindewald, Gebhardshain

Auch heute suchen Menschen mit chroni­schen Atemwegs­er­kran­kungen Linderung ihrer Beschwerden in Natur­höhlen und Thera­pie­sta­tionen in ehema­ligen Bergwerken, so zum Beispiel im Heilstollen der Grube Bindweide in Gebhardshain, den ich ärztlich betreue. Eine der Teilneh­me­rinnen z. B. leidet seit 5 Jahren an COPD, Stadium GOLD III. Sie kann kaum einen Satz sprechen, ohne in Luftnot zu geraten. Die Treppe zu ihrer Wohnung ist nur in Etappen zu bewäl­tigen. Schon bei der ersten Einfahrt in den Stollen berichtet sie, dass sie eine Erleich­terung verspürt. 3 Wochen lang kommt sie regel­mäßig für 2 Stunden pro Tag zur Liegekur. Schon am 3. Tag schläft sie während der Thera­pie­stunde ein. Auch zu Hause kann sie erstmals seit vielen Jahren wieder durch­schlafen. Sie wird zusehends leben­diger, redet, ohne dauernd nach Luft zu ringen.

In jeder Thera­pie­stunde werden die Teilnehmer fachkundig im richtigen Atmen angeleitet. Während der Liegekur setzen die Patienten die Atemtech­niken bewusst ein, Locke­rungs­übungen zu Beginn und Aufwärm­übungen am Ende runden die Therapie ab.

Heilstol­len­the­ra­peu­tische Einrich­tungen

Das Gemeinsame von Einrich­tungen der Heilstol­len­the­rapie ist der Aufenthalt in natür­lichen Höhlen oder (meist still­ge­legten) Bergwerken. Die Luft unter Tage ist frei von Aller­genen, Pollen und hat einen wesentlich gerin­geren Grob- und Feinstaub­gehalt als über Tage. Und es ist still in der Abgeschie­denheit innerhalb des Berges. Darüber hinaus unter­scheiden sich die thera­peu­ti­schen Einfluss­fak­toren der Heilstollen:

Klassische Heilstollen
Zehn Heilstollen haben sich zum Deutschen Heilstol­len­verband zusam­men­ge­schlossen. Sie garan­tieren unter anderem ein bestän­diges, definiertes Höhlen­klima mit Richt­werten für die Staub- und Reizgas­be­lastung. Die Raumtem­pe­ratur liegt zwischen 5° und 12° C, die Luftfeuch­tigkeit über 85 %. Die Grobstaub­be­lastung liegt unter 8,5 µg/m³, die Feinstaub­be­lastung unter 6 µg/m³.  Zum Vergleich: Auf dem Schau­insland im Schwarzwald (einer Hinter­grund­s­mess­stelle des Umwelt­bun­des­amtes) lag der Jahres­mit­telwert für Feinstaub bei 7–9 µg/m³, für Grobstaub bei 10–25 µg/m³.

Salzheil­stollen
In Berch­tes­gaden findet die Heilstol­len­the­rapie in einem abgetrennten Abbau­be­reich des Salzberg­werks statt. Hier liegt der wesent­liche Thera­pie­faktor im Salzgehalt der Atemluft.

Radon­haltige Heilstollen
Die bekann­testen radon­hal­tigen Heilstollen im deutsch­spra­chigen Raum sind in Bad Gastein (Öster­reich) und Bad Kreuznach (Deutschland). Das radio­aktive Gas Radon wird besonders zur Behandlung von rheuma­ti­schen Erkran­kungen einge­setzt.

Das Fein- und Grobstaub­vor­kommen und die Reizgas­menge in einem Heilstollen sind so gering, dass sie sogar weit under den Werten liegen, die in Luftkur­orten über Tage gemessen werden.

Wie wirkt sich das Heilstol­len­klima auf die Atemwege aus?

Das Klima unter Tage zeichnet sich durch Eigen­schaften aus, die einen thera­peu­ti­schen Einfluss auf die Atemwege haben.

Luftschad­stoffe wie Ozon, Stick­stoff­di­oxide und Schweb­stäube gelten als Risiko­fak­toren sowohl für Asthma als auch für COPD. Besonders schon bestehende Erkran­kungen werden durch Reizgase und Stäube deutlich verschlechtert. Die Luft im Heilstollen ist frei von diesen Reizstoffen. Besucher mit Atemwegs­er­kran­kungen bemerken oft schon bei der ersten Einfahrt, dass sie unter Tage auf einmal viel besser atmen können.

Auch die Freiheit von Pollen entlastet die chronisch entzündete Schleimhaut des Bronchi­al­baums. Diese Effekte stabi­li­sieren sich bei täglichen Anwen­dungen über einen Zeitraum von 2 bis 3 Wochen bei vielen Patienten.

Die hohe Luftfeuch­tigkeit von 85–100 % trägt wesentlich zur staub­freien Luft bei. Kleine Partikel werden von Feuch­tigkeit umschlossen und zu Boden getragen. Das größte Staub­vor­kommen entsteht während der Thera­pie­zeiten durch die Kleidung und die Schlaf­säcke der Teilnehmer. Aber selbst dieser geringe Anstieg des Schweb­staubs ist nach kurzer Zeit durch die hohe Luftfeuch­tigkeit wieder norma­li­siert.

Eine hohe Luftfeuch­tigkeit scheint auf den ersten Blick eine Belastung für Lungen­kranke zu sein. Das trifft aber bei der niedrigen Tempe­ratur von 8–12° C nicht zu. Wird diese Luft über die Nase einge­atmet, erwärmt sie sich auf etwa 35° C. Als Folge sinkt die relative Feuchte dieser Luft von über 90 % auf unter 25 %. Auch dies entlastet die Atemwege. Die Schleim­häute geben von ihrer Feuch­tigkeit an die Atemluft ab und schwellen ab. Dadurch senkt sich der Wider­stand in den Atemwegen und die Atmung wird erleichtert.

Der erhöhte Gehalt an Kohlen­dioxid in der Stollenluft trägt zusätzlich zur Entspannung der Atemwege bei.

Nach der Ruhephase genießen die Teilnehmer noch eine Tasse Tee.

Die wissen­schaft­liche Aufar­beitung der Heilstol­len­the­rapie

Leider gibt es nur wenige wissen­schaft­liche Arbeiten zur Heilstol­len­the­rapie in Deutschland. Eine Promo­ti­ons­arbeit an der Univer­sität Freiburg in Zusam­men­arbeit mit dem deutschen Wetter­dienst unter­suchte die „klima­ti­schen und lufthy­gie­ni­schen Quali­täts­stan­dards für Speläo­the­ra­pie­ein­rich­tungen“. Auf der Grundlage dieser Arbeit wurden die Standards für die zerti­fi­zierten Heilstollen festgelegt.

In einer kontrol­lierten, rando­mi­sierten Inter­ven­ti­ons­studie der Univer­sität Ulm wurde anschließend die Wirksamkeit dieser Thera­pieform an Kindern mit asthma­ti­schen Erkran­kungen unter­sucht. 121 Kinder im Alter von 4 bis 10 Jahren machten bei den Unter­su­chungen mit. 68 Kinder nahmen täglich für 2 Stunden über einen Zeitraum von 3 Wochen an einem Kinder­gar­ten­pro­gramm in einem Heilstollen teil, 53 Kinder wurden mit dem gleichen Kinder­gar­ten­pro­gramm über Tage betreut. Die Studie wurde in den Heilstollen in Aalen, Neubulach und Potten­stein durch­ge­führt. Nach dem Ende der Therapie zeigten sich deutliche signi­fi­kante (nachweisbare) Unter­schiede zwischen beiden Gruppen. Der FEV1-Wert (das größt­mög­liche Ausat­mungs­vo­lumen) war bei der Heilstol­len­gruppe um 10 % angestiegen. Bei der anderen Gruppe zeigte sich keine Verbes­serung. Aber auch die tatsäch­lichen Beschwerden gingen merkbar zurück: die Kinder hatten weniger Husten­an­fälle, die Anzahl der nächt­lichen Husten­an­fälle wurde weniger, die Kinder schliefen öfters durch, sie brauchten weniger Inhala­tionen. Sowohl die Kinder als auch die Eltern berich­teten, dass die Belastung durch die Krankheit geringer geworden sei. Alle diese Ergeb­nisse waren im wissen­schaft­lichen Sinn nicht durch Zufall zu erklären. Die Forscher fassten die Ergeb­nisse in einem Satz zusammen: „Offen­sichtlich reicht den Atemwegen eine tägliche Exposi­ti­ons­pause von 2 Stunden – das ist 8,3 % der gesamten Zeit – aus, um sich zu regene­rieren.“

Diese Arbeiten waren eine wesent­liche Grundlage dafür, dass die Heilstol­len­the­rapie im Rahmen von beson­deren Verein­ba­rungen in einzelnen Bundes­ländern inzwi­schen auch von gesetz­lichen Kranken­kassen erstattet wird.

Mehrere wissen­schaft­liche Unter­su­chungen zur Heilstol­len­the­rapie bei COPD zwischen 2013 und 2017 in osteu­ro­päi­schen und asiati­schen Ländern zeigten, dass durch den Thera­pie­auf­enthalt in Salzheil­stollen die Beschwerden wesentlich gelindert werden konnten. Diese Thera­pie­höhlen haben einen hohen Salzgehalt in der Atemluft, aber die etwas höhere Tempe­ratur, die geringere relative Luftfeuch­tigkeit und der Gehalt an Schweb­staub zeigen oft nicht die vom Deutschen Heilstol­len­verband gefor­derte Luftqua­lität. In diesen Unter­su­chungen wurde auch die Wirkung der Heilstol­len­the­rapie unter Tage mit einem Aufenthalt in nachge­bauten Salzkammern über Tage verglichen. Während es bei der Thera­pie­gruppe unter Tage zu signi­fi­kanten und lange anhal­tenden Verbes­se­rungen kam, zeigten die Anwen­dungen über Tage keine wesent­lichen Erleich­te­rungen bei COPD.

Alle diese Unter­su­chungen bestä­tigen die thera­peu­tische Wirksamkeit der Heilstol­len­the­rapie sowohl in Salzheil­stollen als auch in Heilstollen mit definierten Grenz­werten für die Luftqua­lität.

Gibt es Vorbe­halte oder Kontra­in­di­ka­tionen?

Wenn sich eine Erkältung anbahnt oder wenn Teilnehmer sehr schnell frieren, sollte mit der Heilstol­len­the­rapie langsam begonnen werden: zunächst nur 1 Stunde, nur durch die Nase einatmen, nach einem Tag Pause nochmals eine Therapie. Je nach Befinden kann die Therapie fortge­setzt oder abgebrochen werden.

Der Aufenthalt in den Stollen­gängen oder in der Thera­pie­höhle kann bei vorbe­las­teten Menschen zu Platz­angst führen. Und wenn Inter­es­sierte an einer insta­bilen Herzschwäche leiden, sollte von einer Teilnahme an der Heilstol­len­the­rapie abgeraten werden. In allen Zweifels­fällen sollte ein mit der Heilstol­len­the­rapie vertrauter Arzt zu Rate gezogen werden.

Fazit

Die Heilstol­len­the­rapie ist ein klima­the­ra­peu­ti­sches Natur­heil­ver­fahren. Zerti­fi­zierte Thera­pie­ein­rich­tungen sichern die Qualität der Luft und der Betreuung im Heilstollen. Während die Therapie besonders in Salzheil­stollen in Osteuropa ein allgemein anerkanntes und vielfach einge­setztes Natur­heil­mittel ist, wird die Therapie in Heilstollen in Deutschland noch eher selten als eine Thera­pie­mög­lichkeit in Betracht gezogen. Ein Gegen­bei­spiel ist der Tiefe Stollen in Aalen: Hier unter­stützt die AOK in Baden-Württemberg die Therapie großzügig und unkom­pli­ziert.

Es ist wünschenswert, dass in Zukunft dieses neben­wir­kungs­freie, aber doch sehr wirkungs­volle Natur­heil­ver­fahren von Patienten, behan­delnden Ärzten und Kranken­kassen als eine ernst­hafte ergän­zende Thera­pie­mög­lichkeit angesehen und einge­setzt wird.

Dr. Joachim Schwarz
Prakti­scher Arzt, Klassische Natur­heil­ver­fahren
Privat­ärzt­liche Gemein­schafts­praxis, Dickendorf
Betreuung des Heilstollens Grube Binde­weide in Gebhardshain seit 2012 
www.arztpraxis-live2give.de/


Deutscher Heilstol­len­verband

Der Deutsche Heilstol­len­verband wurde 1990 gegründet. Derzeit gehören ihm zehn Orte in Deutschland an, die Heilstol­len­the­rapie in Natur­höhlen oder in ehema­ligen Bergwerken anbieten. Diese Heilstollen-Therapie-Zentren sind nach den Quali­täts­stan­dards des Deutschen Heilbä­der­ver­bandes e.V. prädi­ka­ti­siert. So werden besonders die Luftqua­lität, aber auch die Qualität der Einrichtung und die fachliche Betreuung als Grundlage für die Anerkennung zum zerti­fi­zierten Heilstollen heran­ge­zogen.

Folgende Thera­pie­zentren haben sich zum Deutschen Heilstol­len­verband zusam­men­ge­schlossen:

Aalen – an der Schwä­bi­schen Alb
Bad Grund – im Harz
Bodenmais – im Bayri­schen Wald
Ennepetal – am Rand des Ruhrge­biets
Gebhardshain – im Westerwald
Münstertal – im südlichen Schwarzwald
Neubulach – im nördlichen Schwarzwald
Potten­stein – in der Fränki­schen Schweiz
Saalfeld – im Saaletal/Thüringen
Schmie­defeld – im Thüringer Wald

Deutscher Heilstol­len­verband e.V.
Markt­platz 3, 75387 Neubulach
Telefon: 07053 9695–55, Telefax: 07053 6416
info@deutscher-heilstollenverband.de
www.deutscher-heilstollenverband.de


Lesen Sie auch den Beitrag “Sole und mee(h)r…“
http://patienten-bibliothek.org/sole-und-meehr/

Fotos: Dr. Joachim Schwarz, Dickendorf

Der Beitrag wurde in der Winter­ausgabe 2019 der Fachzeit­schrift “Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge” veröf­fent­licht.

www.Patienten-Bibliothek.de

Schlagwörter: Asthma, Bronchitis, COPD, Dr. Joachim Schwarz, Heilstollen, Heilstollentherapie, Klimatherapeutisches Heilverfahren, Lungenemphysem, Lungensport, Radon, Salzheilstollen, Speläotherapie

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