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Alpha-1-Antitrypsin-Mangel

10. Aug. 2020

Alpha‑1: Ein empfind­liches Gleich­ge­wicht

In diesem Jahr ist alles anders! Auch der jährlich statt­fin­dende Alpha-1-Infotag in Göttingen, geplant Mitte Mai 2020, musste abgesagt werden. Um eine Alter­native anzubieten, nutzt Alpha1 Deutschland e.V. die digitalen Möglich­keiten und entwi­ckelt mit Dr. Timm Greulich als Referenten ein erstes Webinar. Dr. Greulich ist Mitglied des wissen­schaft­lichen Beirates von Alpha1 Deutschland, Oberarzt und Bereichs­leiter des Alpha-1-Zentrums der Philipps Univer­si­täts­klinik in Marburg sowie nieder­ge­las­sener Pneumologe in der Pneum­o­Praxis Marburg.

Am 24. Mai wurde das Webinar online präsen­tiert. Ein gelun­genes Experiment mit über 200 Teilnehmern. Übrigens, auch Sie können sich diese inter­net­ba­sierte Fortbildung jederzeit anschauen. Besuchen Sie die Webseite von Alpha1 auf www.alpha1-deutschland.org und klicken Sie den YouTube-Button in der rechten Seiten­leiste an.

Nachfolgend einige Auszüge des Webinars über Grund­lagen und den aktuellen Stand der Wissen­schaft zum Alpha-1-Antitrypsin-Mangel (AATM).

Dr. Timm Greulich während des Webinars

Was ist AATM?

Innerhalb des körper­ei­genen Stoff­wechsels besteht ein empfind­liches Gleich­ge­wicht zwischen sog. Proteasen auf der einen und Antipro­teasen auf der anderen Seite. Wobei Proteasen Enzyme, d.h. Eiweiß­stoffe, sind, die wiederum andere Eiweiß­stoffe „verdauen“ bzw. Proteine in einzelne Bestand­teile zerlegen. Verein­facht ausge­drückt funktio­nieren Proteasen wie eine Art Hilfs­mittel der Müllabfuhr in den Zellen. Sie sorgen z. B. dafür, dass Schad­stoffe zerstört oder „alternde“ Proteine erneuert werden. Antipro­teasen hingegen – zu denen auch Alpha-1-Antitrypsin zählt – haben eine Schutz­schild­funktion. Sie verhindern, dass die Proteasen nicht unver­hält­nis­mäßig viele Zellen zerstören bzw. abbauen.

Ganz unter­schied­liche Ursachen können zu einem Ungleich­ge­wicht von Proteasen und Antipro­teasen führen. Infekte beispiels­weise, wie eine Lungen­ent­zündung oder eine chronische Bronchitis, tragen zur vermehrten Bildung von Proteasen bei. Ein Mangel an Antipro­teasen kann sich aufgrund einer Inakti­vierung durch Zigaret­ten­rauch, aber ebenso durch genetisch bedingte, also angeborene Verän­de­rungen entwi­ckeln.

Allein in Deutschland wird von etwa 12.000–20.000 Betrof­fenen mit einem genetisch bedingten Alpha-1-Antitrypsin-Mangel des Genotyps ZZ ausge­gangen. Bei vielen dieser Betrof­fenen wurde der AATM noch nicht erkannt. Ein einfach durch­zu­füh­render AlphaKit© Schnelltest wird allen Patienten mit COPD/Lungenemphysem daher unbedingt empfohlen.

Wie gefährlich ist AATM?

Bisher haben sich zwei inter­na­tionale Studien mit der Frage befasst, wie hoch das Risiko von AATM-Patienten ist, in Folge des Mangels an der Lunge oder an der Leber zu erkranken.

Nach heutigem Stand der Wissen­schaft hat grund­sätzlich die Genotyp Z‑Variante, d.h. wenn beide Gene betroffen sind (PiZZ-Genotyp), die größte Krank­heits­re­levanz.

Wird bei der Betrachtung der Gesamt­be­völ­kerung davon ausge­gangen, dass 10–11 % ein Lungen­em­physem entwi­ckeln, sind es bei Rauchern bereits etwa 20 %. Bei PiZZ Nicht­rau­chern steigert sich das Risiko aller­dings auf ungefähr 60–70 % und bei PiZZ-Rauchern sogar auf etwa 90 %. Nicht zu rauchen, senkt das Risiko für ein Lungen­em­physem also drama­tisch.      

Auch die Serum­kon­zen­tration von AAT im Blut kann als Risiko­in­di­kator genutzt werden. Patienten mit einem Serum­spiegel von mehr als 57 mg/dl zeigen kein wesentlich erhöhtes Risiko. Liegt der Serum­spiegel jedoch darunter, besteht ein erhöhtes Risiko für das Auftreten einer Lungen­er­krankung. Aller­dings ist der Serum­spiegel immer in Abhän­gigkeit des jeweils vorlie­genden Genotyps zu betrachten. 

Erkran­kungen der Leber in Folge eines AATM treten deutlich seltener auf als eine Lungen­er­krankung. Wenngleich seltener, so sollte die grund­sätz­liche Möglichkeit dennoch ausrei­chende Beachtung finden.

Wie wird AATM thera­piert?

Haupt­in­di­kator für die Verab­rei­chung einer Substi­tu­ti­ons­the­rapie, d.h. einer Gabe von AAT als Ersatz für das fehlende Enzym, sind drei Kriterien: das Vorliegen eines Lungen­em­physems, ein Serum­spiegel unter 57 mg/dl und ein FEV1 Wert unter 65 % des Sollwertes.

Bereits 2015 konnte anhand der RAPID-Studie dokumen­tiert werden, dass sich der Verlauf der Erkrankung durch eine einmal wöchent­liche Substi­tu­ti­ons­the­rapie deutlich verlangsamt und sich der Verlust an Lungen­gewebe reduziert.

Was gibt es Neues?

Eine erste Studie aus dem Jahr 2019 ging der Frage nach, ob eine  höhere Dosierung der Substi­tu­ti­ons­the­rapie mögli­cher­weise noch bessere Effekte erzielen kann. Erste Hinweise deuten darauf hin, dass ein höherer Serum­spiegel auch mit einem gerin­geren Abfall der Lungen­dichte einhergeht.

Große Hoffnungen wurden in die Entwicklung von Alpha-1-Antitrypsin per Inhalation gesetzt. Leider haben sich die Erwar­tungen an eine zusätz­liche Thera­pie­option jedoch nicht erfüllt.

Weitere Studi­en­pro­jekte werden aktuell mit ganz neuen Ansätzen durch­ge­führt, sei es im Bereich der Genthe­rapie, der Proteine oder der Einfluss­nahme auf Prozesse bei Leber­er­kran­kungen, sodass in den nächsten Jahren eine Reihe von neuen Ergeb­nissen erwartet werden kann.  

Neben dem deutschen Alpha-1-Register befindet sich nun auch das Paneu­ro­päische Register EARCO kurz vor seinem Start zur Reali­sierung, mit geplanten 3.000 Patienten innerhalb der kommenden drei Jahre. Das Register zielt vor allem auf ein besseres Verständnis für den Langzeit­verlauf eines Alpha-1-Antitrypsin-Mangels ab.


Bildnachweis:
tai111 – Fotolia.com
Dr. Timm Greulich, Marburg

Text:
In Anlehnung an das Webinar – Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek


Dieser Beitrag wurde in der Sommer­ausgabe 2020 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.


Erfahren Sie mehr über den Alpha-1-Antitrypsin-Mangel.


Schlagwörter: Alpha-1-Antitrypsin-Mangel, Alpha1, Alpha1 Deutschland, Dr. Timm Greulich, Gleichgewicht, Infekte, Mangel Antiproteasen, Proteasen, Stoffwechsel, Webinar Alpha1

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