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Einfluss auf die Erkrankung nehmen

13. Mai 2020

…von der Patientin zur Lungen­sport-Übungs­lei­terin

Die Grund­er­krankung Bronchiek­tasie bzw. Bronchiek­tasen* ist bei Jutta Remy-Bartsch (62)  aus dem Westerwald vor etwa 30 Jahren diagnos­ti­ziert worden. Als mögliche Ursache wurden doppel­seitige Lungen­ent­zün­dungen, die bereits im Säuglings­alter auftraten, benannt. Aus den chroni­schen Entzün­dungen der Bronchiek­tasen entwi­ckelte sich im Laufe der Jahre sekundär eine COPD, die sich aktuell im Stadium GOLD II befindet. Da der rechte untere Lungen­lappen sehr stark von Bronchiek­tasen betroffen war, wurde dieser operativ entfernt.   

Das Leben mit der chroni­schen Erkrankung gestaltet sich als ein immer­wäh­rendes Auf und Ab von guten, ja sogar sehr guten, aber ebenso sehr schlechten Jahren. Wobei in den schwie­rigen Jahren fünf bis acht schwere Lungen­ent­zün­dungen und lange Kranken­haus­auf­ent­halte durchaus keine Seltenheit waren.

„Manchmal bekomme ich innerhalb kürzester Zeit sehr hohes Fieber, das etwa drei Tage anhält und sich dann wieder norma­li­siert. Sehr belastend sind zudem auftre­tende Erschöp­fungs­er­schei­nungen, die es mir bereits morgens kaum ermög­lichen, mich zu bewegen, sodass ich mich hinsetzen oder sogar hinlegen muss. Ebenso führt die Überpro­duktion von Bronchi­al­sekret zu deutlichen Einschrän­kungen.“  

Eine besondere Heraus­for­derung war und ist, dass Bronchiek­tasie noch immer wenig bekannt ist, als seltene Erkrankung galt und somit noch wenig medizi­nische Erfahrung vorhanden ist. Symptome konnten oft nicht zugeordnet werden, Jutta Remy-Bartsch machte daher mehr als einmal die Erfahrung, als Simulant zu gelten.

Infor­mation, Eigen­in­itiative, Verant­wortung

Ihr Credo wurde: Sich selbst kümmern, immer wieder aufstehen, weiter­machen, auch wenn es schwer fällt, nicht hängen lassen und vor allen Dingen jede Möglichkeit wahrnehmen sich zu infor­mieren, um dann reflek­tiert den ganz eigenen Weg im Umgang mit der Erkrankung zu finden.

Als die Selbst­hil­fe­gruppe in Montabaur gegründet wurde, war sie dabei. „Auch wenn die Gruppe zunächst nur aus drei Personen bestand, die Teilneh­merzahl spielte überhaupt keine Rolle, denn auch im Kleinen ist der Austausch unter­ein­ander unendlich wichtig. Jeder kann mit seinem Stück Infor­mation und mit seinen eigenen Erfah­rungen zum Ganzen beitragen.“ Inzwi­schen ist die Selbst­hil­fe­gruppe angewachsen auf 70 Mitglieder.

Vier Jahre lang war eine Lungen­s­port­gruppe präsent, dann hörte der Trainier auf. Was nun?

Jutta Remy-Bartsch begann sich zu infor­mieren, welche Voraus­set­zungen und welche Ausbil­dungs­schritte für einen Übungs­leiter für Lungen­sport notwendig sind. Ein umfang­reiches Unter­fangen, da zunächst eine Basis­aus­bildung zur Erlangung der Lizenz „Übungs­leiter Rehabi­li­ta­ti­ons­sport“ notwendig ist, dann die Profil­aus­richtung auf Innere Medizin, im Weiteren u.a. Hospi­ta­tionen und die Fortbildung für den Fachbe­reich Lungen­sport. 

…aber sie ging den anspruchs­vollen Weg trotz der notwen­digen Inves­ti­tionen von Zeit und Geld.

*Bronchiek­tasen – keine seltene Erkrankung
Nicht heilbare Auswei­tungen der Bronchien, die von Bakterien besiedelt werden und sich dann entzünden, nennt man Bronchiek­tasen (griechisch = Erwei­terung). Sie können infolge einer chroni­schen Lungen­er­krankung aufgrund entzünd­licher Prozesse entstehen oder in seltenen Fällen angeboren sein.

„In diesen zylinder, sack- oder spindel­för­migen Auswei­tungen funktio­niert der natür­liche Selbst­rei­ni­gungs­prozess der Atemwegs­schleimhaut nicht, vielmehr sammelt sich in ihnen Sekret, das dann von Bakterien besiedelt zu einer Quelle wieder­keh­render Infek­tionen wird“, formu­liert Professor Dr. Michael Pfeifer, Präsident der Deutschen Gesell­schaft für Pneumo­logie und Beatmungs­me­dizin (DGP) und Medizi­ni­scher Direktor der Klinik Donaustauf sowie Chefarzt im Krankenhaus Barmherzige Brüder in Regensburg in einer Infor­mation vom November 2019 des www.lungenaerzte-im-netz.de.

Betroffene leiden unter starkem Husten mit schlei­migem und eitrigem Auswurf, Atemnot und Müdigkeit. Wesentlich für die Behandlung sind die Methoden der Atemphy­sio­the­rapie (Bronchi­al­toi­lette) mit dem Ziel, das Lösen und Abhusten von Sekret zu erleichtern und die Reinigung der Atemwege somit zu verbessern. Dazu gehören spezielle Atemtech­niken und Geräte (wie z. B. Cornet® oder Flutter®), die in den Atemwegen Schwin­gungen erzeugen. Unter­stützt wird die Atemthe­rapie durch Inhala­tionen mit Kochsalz­lö­sungen und bronchi­al­er­wei­ternden Medika­menten, die dazu beitragen, dass das Sekret besser abgehustet werden kann.

Trotzdem ist eine Therapie mit Antibiotika meist unumgänglich, wobei für Problemkeine ganz spezielle Wirkstoffe verwendet werden müssen. „Wichtig für die Antibio­ti­ka­the­rapie ist die richtige Auswahl, Zeitdauer und Art der Appli­kation (oral, als Tablette oder intra­venös), weil die Gefahr von Resis­tenz­bil­dungen der Bakterien sehr groß ist.“ Eine operative Entfernung von Bronchiek­tasen ist nur möglich, wenn sich diese auf einen begrenzten Lungen­be­reich beschränken.

Bronchiek­tasen sind nicht – wie oft angenommen – selten. Derzeit wird sogar vereinzelt gemeldet, dass die Häufigkeit angestiegen sei. „Das dürfte aber vor allem auf die verbes­serte Diagno­se­technik dank hochauf­lö­sender Compu­ter­to­mo­graphie (CT) zurück­zu­führen sein. Außerdem hat auch das deutsche Bronchiek­tasen-Register PROGNOSIS, das sich für eine bessere Versorgung der Patienten einsetzt, die Aufmerk­samkeit für diese Erkrankung erhöht. Aber im Hinblick darauf, dass die Anzahl der diagnos­ti­zierten Bronchiek­tasen in anderen europäi­schen Ländern wie beispiels­weise England um ein Vielfaches übertroffen wird, ist dennoch anzunehmen, dass Bronchiek­tasen hierzu­lande immer noch zu selten diagnos­ti­ziert werden.

Bronchiek­tasen sollten möglichst früh durch erfahrene Pneumo­logen und in pneumo­lo­gi­schen Zentren behandelt werden“, erläutert Professor Pfeifer. Weitere Infor­ma­tionen siehe www.lungenaerzte-im-netz.de, www.bronchiektasen-register.de

Motivation, Disziplin, Effekte

Mehr Lungen­s­port­gruppen erfor­derlich

Eine ganz elementare Maßnahme innerhalb des Behand­lungs­kon­zeptes bei COPD und ebenso bei Bronchiek­tasen ist der Lungen­sport. Noch gibt es in Deutschland viel zu wenige Lungen­s­port­gruppen, um den vorhan­denen Bedarf auch nur annährend zu decken. Bestehende Gruppen haben teilweise eine Wartezeit für Neumit­glieder von bis zu einem Jahr.

Fragen an Jutta Remy-Bartsch

Was hat Sie ursprünglich selbst dazu bewogen, am Lungen­sport teilzu­nehmen?

Zur Vorbe­reitung auf die Operation zur Entfernung meines rechten Lungen­un­ter­lappens wurden mir von einem Physio­the­ra­peuten Atemübungen gezeigt. Dieser Physio­the­rapeut war selbst lungen­krank, trotzdem war er überaus beweglich und sehr aktiv. Das hat mir unheimlich imponiert und mich enorm angespornt. Schließlich wollte auch ich wieder so fit werden, wie er.  

Was raten Sie Atemwegs- und Lungen­pa­ti­enten, die keine Gruppe in ihrer Nähe finden?

Niemand sollte warten, bis sich vielleicht irgendwann einmal eine Gruppe in seiner Nähe gründet, sondern selbst aktiv werden. Ein wichtiger erster Schritt ist unbedingt die Gründung einer Selbst­hil­fe­gruppe – eine Aufgabe die viel leichter reali­sierbar ist, als die meisten denken.

Bereits bei diesen Treffen kann vieles besprochen und manche Ängste genommen werden. Man sieht, dass man mit der Erkrankung nicht alleine ist und sich auch nicht verstecken braucht. Lungen­er­kran­kungen sind sehr komplex, was einen hohen Erklä­rungs­bedarf mit sich bringt. Fachärzte können diesen Erklä­rungs­bedarf aus Zeitgründen jedoch oft nicht leisten, hier können Selbst­hil­fe­gruppen einen überaus wirkungs­vollen Beitrag leisten. Zudem ist die Scheu Fragen zu stellen, in einem solchen Kreis deutlich geringer.

Als Selbst­hil­fe­gruppe ist es zudem leichter, Kontakt zu einem regio­nalen Sport­verein aufzu­nehmen und diesen zu motivieren, einen Lungen­s­port­trainer ausbilden zu lassen. 

Auch in Montabaur hatten wir zunächst keine Lungen­s­port­gruppe und keinen Übungs­leiter. Wir haben diese Zeit, bis wir einen Trainer hatten, so gut es ging, ganz unkon­ven­tionell überbrückt und jedes Gruppen­treffen nach dem Erfah­rungs­aus­tausch noch um eine halbe Stunde erweitert und in dieser Zeit einfache Übungen durch­ge­führt, die wir selber kannten. 

Welche Aktivi­täten könnten helfen, die Entstehung von Lungen­s­port­gruppen zu fördern?

Sport­vereine sollten grund­sätzlich über Reha-Sport mehr infor­miert, aber ebenso auch bei der Reali­sierung von Reha-Sport­gruppen aktiv gefördert werden.

Lungen­s­port­gruppen sind, wie auch Selbst­hil­fe­gruppen, ein Hilfs­an­gebot auf einer Basis, die nicht kommer­ziell bzw. gewinn­ori­en­tiert ist. Sie sind mit sozialen Einrich­tungen gleich­zu­setzen, in denen der Patient und die Humanität an oberster Stelle stehen. Mehr Anerkennung aber auch konkrete Unter­stützung von Seiten der Politik, Kranken­kassen aber ebenso Ärzten und der Öffent­lichkeit ist erfor­derlich, zumal die Effekte des Lungen­s­ports nachweislich helfen, Kranken­haus­auf­ent­halte zu verringern.

Übungsleiter/innen tragen eine große Verant­wortung für die Teilnehmer, nicht nur unmit­telbar bezogen auf den Rehabi­li­ta­ti­ons­sport, sondern auch im Hinblick auf ihre notwendige Empathie und soziale Kompetenz. Eine angemessene Vergütung und ein unkom­pli­ziertes Abrech­nungs­wesen sollten eigentlich eine Selbst­ver­ständ­lichkeit sein, um Anreize für die Ausbildung neuer Übungs­leiter zu schaffen – das Gegenteil ist jedoch leider Realität.

Welche Effekte erfahren Sie selbst durch den Lungen­sport in Bezug auf Ihre Erkrankung?

Meine betreu­enden Ärzte bekunden mir immer wieder, wie erstaunt sie über meinen Gesund­heits­zu­stand sind, der im Gegensatz zur tatsäch­lichen Schwere der Erkrankung steht. Seit etwa 10 Jahren ist das Stadium meiner Erkrankung gleich­bleibend. Ich bin davon überzeugt, dass meine gesund­heit­liche Situation ohne den Lungen­sport um ein vielfaches schlechter wäre.

Was Lungen­sport bedeutet, muss zunächst unter Anleitung eines ausge­bil­deten Übungs­leiters und/oder Atemphy­sio­the­ra­peuten erlernt werden, insbe­sondere wie mit einer chroni­schen Lungen­er­krankung unter körper­licher Aktivität richtig geatmet wird.  

Aus eigener Erfahrung kann ich formu­lieren, dass nur durch tägliches Training spürbare Effekte zu erzielen sind, Disziplin ist unbedingt erfor­derlich. Einmal in der Woche Lungen­sport in der Gruppe reicht keineswegs aus, auch regel­mä­ßiges Training zu Hause muss umgesetzt werden. Für seine Erkrankung muss man sich Zeit nehmen!

Natürlich, auch bei mir gibt es Tage, an denen ich den Schweinhund auf der Couch gewinnen lassen möchte. Aber dann komme ich vom Training immer wieder mit einem Lächeln zurück und sage ihm: „Ich habe gewonnen, ich habe es geschafft!“ …und mein Körper dankt es mir.

Weiter­füh­rende Infor­ma­tionen zum Lungen­sport, ein aktuelles bundes­weites Adress­ver­zeichnis von Lungen­s­port­gruppen und Infor­ma­tionen zur Ausbildung eines Übungs­leiters Lungen­sport erhalten Sie auf den Inter­net­seiten der AG Lungen­sport auf www.lungensport.org.  

Der Beitrag wurde in der Frühjahrs­ausgabe 2020 der Fachzeit­schrift “Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge” veröf­fent­licht – siehe auch www.Patienten-Bibliothek.de.

Text und Interview: Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek

Fotos: Jutta Remy-Bartsch

Schlagwörter: AG Lungensport, Ausweitung Bronchien, Bronchiektasen, Bronchien, chronische Lungenerkrankung, COPD, Lungensport, Lungensportgruppen, Training, Übungsleiter

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