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Höchstleistungen mit Alpha1

05. Sep. 2020

Wir können mehr schaffen, als wir uns selbst zutrauen

Vielleicht haben Sie bereits einen der zahlreichen Berichte über Karen Skålvoll (47) und ihre außergewöhnlichen Rekorde im Bereich des Kraftsports und im Einsatz gegen die Erkrankung Alpha-1-Antitrypsinmangel gelesen?

Beispiels­weise über den Weltrekord im vergan­genen Jahr als Karen Skålvoll als erste Sport­lerin mit einer Sauer­stoff­the­rapie zwei Kampfjets – eine MIG-15 und einen F‑104 Starfighter – nur unter Einsatz ihrer eigenen Kräfte über eine Distanz von 15 Metern über ein Rollfeld zog. Oder ein Jahr zuvor als sie beim Gewicht­heben einen neuen Rekord über 125 kg aufstellte.  


Der Weg zur richtigen Diagnose

In Norwegen in Sandnes bei Stavanger ist Karen Skåvoll geboren. Seit 2011 lebt sie mit ihrer Familie im Saarland in Deutschland.

Von klein auf ist Sport wichtiger Bestandteil ihres Leben, zunächst mit Sport­arten wie Schwimmen, Reiten, Joggen oder Fahrrad­fahren. Trotz des vielen Sports stellt sich jedoch das Gefühl ein, sich im Vergleich mit Gleich­alt­rigen immer mehr anstrengen zu müssen. Sie äußert ihre rasche Atemlo­sigkeit, wird aber zunächst nicht ernst genommen. Das Gefühl sei nur „in ihrem Kopf“, so heißt es und sie solle einfach noch mehr Sport treiben. Der „Eindruck“ der Atemlo­sigkeit bleibt.

Eine ärztliche Unter­su­chung im Jahr 2006 deutet auf ein Asthma bronchiale mit einher­ge­hender Hyper­re­agi­bi­lität (Überemp­find­lichkeit) der Bronchien.

Trotz entspre­chender Medikation bleibt die Atemnot, Karen trainiert weiter.

Im Jahr 2009 wollte Karen am New York Marathon teilnehmen. Beim Training kurz davor kolla­biert ihre Lunge und sie muss ins Krankenhaus einge­liefert werden. Der Anfang einer schweren Zeit mit vielen Infekten und Kranken­haus­auf­ent­halten.

Dann endlich 2011, ein Lungen­facharzt in Deutschland äußert den Verdacht, dass ein seltener Gendefekt Ursache ihrer Lungen­er­krankung sein könne. Ein relativ einfaches Testver­fahren (siehe auch www.alpha1-deutschland.org) bringt die Bestä­tigung: Alpha-1-Antitry­sin­mangel.

Wesentlich häufiger vorkom­mende Lungen­er­kran­kungen haben die gleiche Sympto­matik, was das Erkennen eines Alpha-1-Antitryp­sin­mangels erschwert. Ist ein Patient noch sehr jung, kommt es vor, dass Alpha1 mit Asthma bronchiale verwechselt wird, ist ein Patient älter, besteht die Gefahr der Verwechslung mit COPD/Lungenemphysem.

Nach Einstellung auf eine Alpha-1-Substi­tu­ti­ons­the­rapie und eine Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie – die aufgrund der Gasaus­tausch­schwäche durch das Lungen­em­physem notwendig ist – geht es Karen zunehmend besser, sie beginnt wieder zu trainieren.


Absolute Höchst­leis­tungen trotz Alpha1 und trotz Sauer­stoff­the­rapie – wie ist das möglich?

Im Gespräch mit Karen Skåvoll erfahren wir mehr.

Kraft­sport trotz der Notwen­digkeit einer Sauer­stoff­the­rapie zu betreiben, ist für die meisten Menschen kaum vorstellbar. Wie sind Sie zu Beginn, ganz konkret an das Training heran­ge­gangen?

An das Training heran­ge­gangen bin ich schritt­weise und ganz, ganz langsam. Man muss bedenken, dass es mir am Anfang der Thera­pie­maß­nahmen noch sehr schlecht ging. Treppen zu bewäl­tigen, war kaum möglich. Gehen grund­sätzlich nur ganz langsam. Gehen und sprechen gleich­zeitig undenkbar.

Nach einer Rehabi­li­ta­ti­ons­maß­nahme ging es bergauf, ich konnte wieder etwas mehr. Jeden Tag habe ich einen Spaziergang unter­nommen, ganz konse­quent und einen Schritt­zähler mitge­nommen. Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, täglich fünf Schritte mehr zu schaffen.

Mit dem Kraft­sport habe ich dann zunächst zu Hause begonnen. Die Übungen gestaltete ich unter Einsatz des eigenen Körper­ge­wichtes sowie mit ganz alltäg­lichen Haushalts­ge­gen­ständen, beispiels­weise Flaschen, oder auch mit dem Physioband. Erst nachdem ich meine Leistung weiter steigern konnte, habe ich ein Trainings­studio aufge­sucht.

Im Studio habe ich die Trainings­ein­heiten weiterhin sehr sehr langsam gesteigert. Sieben Monate lange habe ich zunächst mit Gewichten von 1 kg gearbeitet. Erst dann habe ich auf 2 kg und nach weiteren sieben Monaten auf 3, später auf 4 kg erhöht.

Ich denke, die wirklich tägliche, konse­quente Bewegung und der ganz langsame, schritt­weise Aufbau waren entscheidend. Dadurch hatte ich nie das Gefühl, ich müsse eine riesige Aufgabe bewäl­tigen. Es waren kleine und für mich erreichbare Ziele.

Atemnot hatte ich aller­dings immer und Atemnot geht auch nie ganz verloren. Hinzu kamen – zumindest gefühlt – überall Muskel­schmerzen. Doch von Mal zu Mal bemerkte ich ebenso, dass ich langsam fitter wurde, mich besser fühlte und auch Treppen leichter bewäl­tigen konnte. Diese Erfolge haben zu meiner Selbst­mo­ti­vation erheblich beigetragen. 

Natürlich, auch ich hatte und habe sehr schlechte Tage, an denen gar keine Bewegung möglich ist. Doch das Training insgesamt verbessert selbst diese schlechten Phasen. Die Phasen werden kürzer und ich empfinde sie nicht mehr so hart wie früher.

Auch merke ich, dass körper­liche Aktivität nicht nur meinen Körper, sondern auch mein „Kopfgefühl“, meine innere Motivation stärkt. Beim Sport erlebe ich, dass Atemnot zwar äußerst „unangenehm“ ist, aber letzt­endlich mein Leben nicht gefährdet. Atemnot ist vor allem ein Gefühl! 

Ich habe gelernt, dass sich durch große Anstrengung und Anspannung mein Gasaus­tausch verschlechtert, Atemübungen diese Situation jedoch wieder entspannen.

Sobald ich also den Eindruck habe: „Ich kann nicht mehr“, es kommt zur Atemnot, lege ich sofort eine Pause ein und nutze die während der Rehabi­li­tation erlernte Lippen­bremse oder andere Atemübungen – selbst in Wettkampf­si­tua­tionen.

Wie gehen Sie mit der Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie (LOT) während des Trainings um?

Nachts und in Ruhe benötige ich eine Sauer­stoff­flussrate von 1 Liter pro Minute. Unter Belastung sind es je nach Art der Belastung 1–3 Liter, in Wettkampf­si­tua­tionen durchaus 4 oder 5 Liter.

Auf Anraten meines Arztes, messe ich meine Sauer­stoff­sät­tigung regel­mäßig mit dem Pulso­xi­meter und justiere die Flussrate abspra­che­gemäß, entspre­chend der Notwen­dig­keiten nach oben oder unten. Dies steht in der Regel in Abhän­gigkeit zu meinen körper­lichen Leistungen, aber auch in Bezug zu Stress­si­tua­tionen. Inzwi­schen habe ich ein richtig­ge­hendes Gespür dafür, wann ich die Flussrate anpassen muss.

Durch das hohe Maß an sport­lichen Aktivi­täten wird durch meinen Lungen­facharzt zudem jeden dritten Monat eine arterielle Blutgas­analyse vorge­nommen.

Die Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie ist für mich ein wunder­bares Hilfs­mittel, damit ich körperlich aktiv sein kann und die Versorgung der Organe, insbe­sondere des Herzens, sicher­ge­stellt ist.

Was verbirgt sich hinter der Kampagne „Celebrate Life“ und warum halten Sie es für wichtig, Lungen­pa­ti­enten auch zu mehr sport­lichen Aktivi­täten in Fitness­studios zu motivieren?

Für viele Lungen­pa­ti­enten kommt die Diagnose einem Stigma gleich. Sie haben das Gefühl, das Leben sei nun zu Ende, ganz besonders wenn auch noch eine Langzeit-Sauer­stoff­the­rapie hinzu­kommt. Dies ist auch ein Grund, warum wir so wenig Menschen mit einer LOT in der Öffent­lichkeit sehen. Mit der Kampagne möchten wir dazu beitragen, dass sich an dieser Situation etwas ändert.

Aufgrund meiner eigenen Erfah­rungen möchte ich andere motivieren und Mut machen, sich mehr zu bewegen, um selbst die Erfahrung einer verbes­serten Lebens­qua­lität durch Bewegung zu erleben.

Trauen Sie sich! Ich weiß wovon ich spreche, wenn ich formu­liere, dass wir immer mehr schaffen können, als wir uns selbst zunächst zutrauen.

Fitness­studios halte ich neben dem Lungen­sport für besonders wichtig, da wir Lungen­pa­ti­enten unsere Musku­latur stärken müssen. Wir wissen beispiels­weise, dass die Beinmus­ku­latur bei Lungen­pa­ti­enten oftmals schneller abnimmt als bei Lungen­ge­sunden.

Während der Kampagne werden wir bundesweit sowie in einigen anderen europäi­schen Ländern Veran­stal­tungen in Fitness­studios durch­führen und dabei und dabei spezielle Übungs­pro­gramme demons­trieren. Wir möchten die Veran­stal­tungs­be­sucher motivieren, Möglich­keiten zum Austausch anbieten, kleine Wettkämpfe austragen und vor allem viel Freude und Spaß an der Bewegung vermitteln.

Weiterhin sind derzeit ein Celebrate Life Walk mit Patienten, eine Ärzte­ver­an­staltung in Hamburg und eine Alpha1 Konferenz im April in Planung.

Mehr Infor­ma­tionen und die Möglichkeit, sich für eine der Veran­stal­tungen anzumelden, finden Sie auf www.alpha-1-athlete.com.


Bildnachweis:
Karen Skalvoll
Philips

Interview/Text:
Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek


Der Beitrag wurde in der Frühjahrs­ausgabe 2019 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.

Schlagwörter: Alpha-1-Antitrypsin-Mangel, Alpha1, Alpha1 Deutschland e.V., Bewegung, COPD, Karen Skalvoll, Lunge, Lungenemphysem

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