Artikel

Atem des Lebens – Leben des Atems

17. Juli 2020

Ein inter­dis­zi­pli­näres Projekt

Als Anfang des Jahres die Themen­liste für die Rubrik „Psychopneu­mo­logie“ erstellt wurde, war das SARS-CoV-2-Virus bereits am östlichen Horizont aufge­taucht. Nicht absehbar war zu diesen Zeitpunkt, welche Bedeutung die Themen „Atem“ und „Atmung“ im Laufe der sich rasant entwi­ckelnden Corona­pan­demie erlangen sollten. „Atemnot“ und „Lungen-Krankheit“ wurden zu Top-Suchbe­griffen im Internet. In diesem histo­ri­schen Zusam­menhang erscheint das Motto des Projektes „Life of Breath“ (= Leben des Atems) wie ein Menetekel. Es lautet: „Atemnot ist mehr als ein medizi­ni­sches Symptom.“

Was steckt hinter dem Projekt?

Von 2014 bis 2019 befassten sich Experten aus Medizin, Philo­sophie, Sozial- und Kultur­wis­sen­schaften, Kunst, Geschichte und Theologie im Rahmen eines breit angelegten briti­schen Projektes mit dem Phänomen „Atemnot“. Haupt­be­tei­ligte waren die Univer­si­täten von Bristol und Durham und der Wellcome Trust.

Ein Faltblatt stellt das Projekt „Life of Breath“ anhand von zwei Lungen­flügeln anschaulich dar:

Atemnot ist mehr als ein medizi­ni­sches Symptom

Die Basis für dieses multi­dis­zi­plinäre Projekt bildete die Erkenntnis: Atemnot ist mehr als ein medizi­ni­sches Symptom. Atemnot ist eine umfas­sende Erfahrung, die sich aus physio­lo­gi­schen und emotio­nalen Faktoren zusam­men­setzt und von Erwar­tungen und Überzeu­gungen geprägt wird. Betroffene erleben ihre Atemnot auf dem Hinter­grund von voraus­ge­gan­genen Erfah­rungen, die ihre Erwar­tungen formen. Diese Erwar­tungen prägen ihrer­seits die gegen­wär­tigen und zukünf­tigen Erfah­rungen.

Fazit: Atemnot kann nicht auf die körperlich-medizi­ni­schen Aspekte begrenzt werden. Die subjektive Atemnot­er­fahrung umfass und beein­flusst zahlreiche weitere Aspekte des Lebens. Das Projekt „Life of Breath“ unter­sucht deshalb die Bedeutung von Atemnot beispiels­weise in den Bereichen Anthro­po­logie, Gesund­heits­wis­sen­schaften, Geschichte, Philo­sophie, Sozial­wis­sen­schaften, Kunst und benach­barten Diszi­plinen. Das Projekt entwi­ckelt Vorschläge, wie die Studi­en­ergeb­nisse für einen ganzheit­lichen Umgang mit Atemnot genutzt werden können.

Themenvielfalt

Der Wissen­schafts-Blog des Projektes wurde im Jahr 2019 zu einem der Top-COPD-Blogs gewählt. Diese Einstufung wird verständlich, wenn man sich einige Beispiel­bei­träge aus dem Blog über ganz unter­schied­liche Teilpro­jekte anschaut.

  1. 1. Portrait-Kunst als lebens­er­hal­tende Maßnahme

Die Kunst­the­ra­peutin Susan Carr arbeitet in einem Hospiz. Sei berichtet über die von ihr entwi­ckelte „Portrait-Kunst“ mit Lungen-Patienten. Den Anstoß dazu gab die Bemerkung des COPD-Patienten Peter: „Nichts hat mehr Bedeutung, wenn Du nicht atmen kannst.“

Patienten mit chroni­schen Lungen­er­kran­kungen schil­derten die Auswir­kungen von Diagnose, Therapie und Krank­heits­verlauf häufig als Verlust der Identität: „Ich weiß nicht mehr, wer ich eigentlich bin.“

Im Rahmen eines Promo­tions-Projektes entwi­ckelte Susan Carr daraufhin die „Porträt-Kunst“. Das ist eine Inter­vention, um Betroffene die „Gesundheit in der Krankheit“ finden zu lassen. Die Inter­vention unter­stützt Patienten dabei, ein Gespür für ihre Identität angesichts von Verlusten zu entwi­ckeln.

Die Porträt-Serien entstehen im Austausch zwischen der Kunst­the­ra­peutin und dem jewei­ligen Patienten. Sie ermög­lichen es den Betrof­fenen, ihre Verluste zu betrauern. Wie der Schrift­steller John Updike es ausdrückt: „Die Kunst bietet einen Raum – einen gewissen Atem-Raum für den Geist.“

  1. 2. Der Atem tanzt

Der Tänzer Daniel Martin lebt mit Asthma. Atemnot-Anfälle sind ihm vertraut. In seinem Angebot „Der Atem tanzt“ erkundet er mit den Workshop-Teilnehmern, wie sie ihren Atem in Bewegung nutzen. Mit Hilfe von Körper-Skulp­turen erforscht er, welchen Einfluss Gefühle auf Körper und Atmung ausüben.

Gerade in Zeiten der Corona­pan­demie (aber auch sonst) ist das Unter­stüt­zungs­an­gebot mit 7 Tanzan­lei­tungen auf der Website von „Leben des Atems“ eine wertvolle Kraft­quelle. Die frei zugäng­lichen Video-Anlei­tungen bieten ein umfas­sendes Programm vom Aufwärmen über Tänze im Sitzen und Stehen bis zum Abkühlen aus dem Reper­toire von „Tanz einfach – atme besser“.   

  1. 3. Singen, um zu atmen

Die Stimm­trai­nerin und Musik­the­ra­peutin Phoene Cave hat das Projekt „Der musika­lische Atem“ entwi­ckelt.

In ihrem Blog-Beitrag schildert sie u. a. ihre Arbeit mit Hunderten von Patienten mit chroni­schen Lungen­er­kran­kungen. Besonders berührt habe sie das Singen mit jüngeren Mukovis­zidose-Patienten. Das Singen von „sehr dunklen Liedern“ erlaube diesen Patienten, ihre wahre Geschichte hinter der oftmals fröhlichen Fassade auszu­drücken.

Auf ihrer eigenen Website bietet Phoene Cave einen Überblick über die Initiative „Singen für die Lungen­ge­sundheit“. Seit 2014 hat Phoene Cave rund 150 Gesangs­gruppen-Leiter im Auftrag der Briti­schen Lungen-Stiftung ausge­bildet. Sie betreuen ungefähr 100 Gesangs-Gruppen in Großbri­tannien.

Das Programm „Singen für die Lungen­ge­sundheit“ wurde nach wissen­schaft­lichen Kriterien evaluiert. Das Fazit der Studien-Auswertung und eines Konsensus-Berichtes lautet: Singen kann Patienten mit chroni­schen Lungen­er­kran­kungen körper­lichen, psychi­schen und sozialen Nutzen bringen.

  1. 4. Warum ist Atemnot unsichtbar?

Mehrere Blog-Beiträge befassen sich mit der Frage, warum Atemnot unsichtbar ist. Die Beiträge sind Teil der Aktion „Kampf um den Atem“ der Briti­schen Lungen-Stiftung.

Eine der Studien-Leite­rinnen von „Life of Breath“, Prof. Jane Macnaughton, weist in ihrem Blog-Beitrag darauf hin, dass Patienten ihre Atemnot häufig nicht erwähnen, weil sie denken, die Ursache liege am Alter, am Rauchen oder am Bewegungs­mangel. Selbst nach einer Diagnose verschweigen Betroffene chronische Atemnot, falls sie keine angemes­senen Antworten auf ihre Klagen erhalten haben.

Hoffnungsvoll blickt die Autorin deshalb auf die Unter­su­chungen, mit deren Hilfe sogar die Zusam­men­hänge zwischen Atemnot, Gedanken und Gefühlen auf Kernspin-Tomogra­phien sichtbar gemacht werden können. In ihren Augen ist das ein Mosaik­stein im „Kampf um den Atem“.

  1. 5. Brief an meine Lungen

In einem weiteren Beitrag befasst sich die Kunst‑, Gesund­heits- und Kommu­ni­ka­tions-Expertin Elspeth Penny mit einem „Briefe­schreiben-Projekt“ für Patienten mit chroni­schen Lungen­er­kran­kungen. „Mein lieber Atem“ lautet die Anrede – es folgen berüh­rende Zeugnisse wie beispiels­weise dieses:

„Mein lieber Atem, es war ein langer Lernprozess. Nach 85 Menschen­jahren lerne ich gerade, loszu­lassen und Dich atmen zu lassen. Wir sind jetzt sehr vertraut…“

Das Projekt „Lieber Atem“ wurde 2019 in einer quali­ta­tiven Studie unter­sucht. Fazit der Studie: Die Ergeb­nisse beleuchten bisher vernach­läs­sigte Bereiche eines Lebens mit Atemnot und eröffnen für Betroffene und Behandler neue Wege zum Umgang mit Atmen und Atemnot. (Im Artikel „Lieber Atem – Hilft Briefe­schreiben bei Atemnot?“ auf der Website „Sauer­stoff und Sinn“ wird dieses Projekt ausführlich gewürdigt.)

Noch andere faszi­nie­rende Beiträge finden sich auf dem Blog von „Leben des Atems“. Wer die englische Sprache (oder den Einsatz einer Überset­zungs-Software) beherrscht, kann sich selbst davon überzeugen.

Erkenntnisse und Empfehlungen

Das „Life of Breath“-Team wünscht einen Wandel zum Wohl der Patienten mit Atemnot

Die zahlreichen Akteure des Projektes begnügen sich nicht mit den beein­dru­ckenden Erfah­rungen und Ergeb­nissen. Die Studi­en­leiter stellen in einem 2018 veröf­fent­lichten Bericht ihr Fazit vor. Darin beschreiben sie die Voraus­set­zungen und Empfeh­lungen für einen notwen­digen Wandel im wissen­schaft­lichen und prakti­schen Umgang mit Atemnot.

Die wichtigsten Erkenntnisse
  • Betroffene und Behandler unter­schätzen die Bedeutung der komplexen Erfahrung „Atemnot“.
  • Scheinbar objektive Messin­stru­mente werden der komplexen Erfahrung „Atemnot“ nicht gerecht, falls sie die vielfäl­tigen Ursachen und Auswir­kungen einer einge­schränkten Lungen­funktion nicht abbilden.
  • Atemnot ist eine Empfindung, die alle Sinne (z. B. Bewegung, Berührung, Klang) betrifft. Diese Empfindung ist nicht nur ein physio­lo­gi­scher, sondern auch ein kultur­ge­bun­dener Prozess. (Beispiel: Pateinten mit den gleichen Ergeb­nissen in der Lungen­funk­tions-Messung können unter­schied­lichen Atemnot-Stress empfinden.)
  • Achtsam­keits- und körper­be­zogene Behand­lungs­formen beein­flussen die gefühls- und die empfin­dungs­be­zogene Wahrnehmung von Atemnot.
  • Ansätze, die Methoden aus Kunst und Bewegung einbe­ziehen, können die Atemnot-Aufmerk­samkeit beein­flussen. Sei stärken zudem persön­liche Ausdrucks­fä­higkeit und Gemeinsinn.
Die wichtigsten Empfehlungen

Hier denkt das „Life of Breath“-Team visionär. Die Vorschläge sind bestimmt von der Erkenntnis, daß Atemnot ein unter­be­lich­tetes Thema bei Betrof­fenen und Behandlern ist.
Und von der Beobachtung, dass

  • viele Atemnot­pa­ti­enten keinen Zugang zur Pneumo­lo­gi­schen Rehabi­li­tation haben – sei es aufgrund von äußeren oder inneren Barrieren
  • viele Atemnot­pa­ti­enten keine Unter­stützung im psycho-sozialen oder spiri­tu­ellen Bereich erfahren
  • Atemnot­pa­ti­enten nicht selten im Verlauf der Erkrankung isoliert oder unter­ver­sorgt sind
  • Behandler mehr Wissen und Schulung im Hinblick auf ganzheit­liche Atemnot­an­gebote benötigen

Änderungs­wünsche

Deshalb hält das Team von „Leben des Atems“ folgende Änderungen für unbedingt wünschenswert:

  • Ein ideales Atemnot­an­gebot bietet Schulung und Unter­stützung für Betroffene und Angehörige mit einem umfas­senden Ansatz. Es ermutigt und befähigt sie zu einem Leben mit Atemnot jenseits eines rein biome­di­zi­ni­schen Verständ­nisses.
  • Pneumo­lo­gische Rehabi­li­tation (PR) ist eine der effek­tivsten Inter­ven­tionen für Patienten mit chroni­schen Lungen­er­kran­kungen. PR sollte bei der Erfassung der indivi­du­ellen Atemnot­er­fahrung größeres Augenmerk auf die emotio­nalen und verhal­tens­be­zo­genen Aspekte von Atemnot richten.
  • Eine ganzheit­liche Pneumo­lo­gische Rehabi­li­tation sollte Angebote aus der Achtsam­keits-Praxis, aus Kunst und Kultur­wis­sen­schaften integrieren. Damit steigt die Chance auf eine geschärfte Aufmerk­samkeit für die indivi­du­ellen Empfin­dungen. (Im Artikel „Drängende Patien­ten­be­dürf­nisse – Wie die Psychopneu­mo­logie wirksam zur Lösung beiträgt“ in der Frühjahrs­ausgabe der Patienten-Zeitschrift „Atemwege und Lunge“ wurde auf die mit Spannung erwartete TANDEM-Studie verwiesen. Ihr Forschungs­ansatz beruht zum Teil auf Ergeb­nissen des „Life of Breath“-Projektes.)
  • Statt des medizi­ni­schen Begriffes „Pneumo­lo­gische Rehabi­li­tation“ sollten weniger stigma­ti­sie­rende Ausdrücke für Atemnot­an­gebote verwendet werden. Hier appel­liert das Team von „Leben des Atems“ an die Kreati­vität der Betrof­fenen.
  • Behandler sollten zu einem umfas­sen­deren, kultur­sen­siblen Verständnis von Atemnot angeleitet werden (vergleichbar dem Ansatz der multi­mo­dalen Schmerz­the­rapie).
  • Besondere Beachtung bei der Entwicklung von Schulungs­an­ge­boten für Behandler sollten Zusam­men­hänge zwischen Atemnot, Stigma, selbst­ein­schrän­kendes Verhalten, Befürch­tungen und Ängsten der Betrof­fenen finden.

Fazit: Zwei Erkennt­nisse aus dem Abschluss­be­richt des „Life of Breath“-Projektes bestä­tigen den Ansatz der Psychopneu­mo­logie.

Erstens: Betroffene sind in der Regel Experten aus Erfahrung und sollten in alle Maßnahmen im Zusam­menhang mit Atemnot angemessen einbe­zogen werden.

Zweitens: Psycho­lo­gische und körper­liche Aspekte der Atemnot sollten gleich­wertige Aufmerk­samkeit erfahren.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,
in der Info-Box können Sie testen, wie ein erwei­terter Ansatz bei Atemnot ganz persönlich auf Sie wirkt. Ich wünsche allen mutigen Briefe­schreibern Freude an der Übung und überra­schende Erkennt­nisse und bin gespannt auf Ihre Rückmel­dungen.

Autorin: Monika Tempel
Ärztin, Autorin, Referentin
www.monikatempel.de
www.atemnot-info.de


Info-Box

„Mein lieber Atem“ – eine Anleitung zum Briefe­schreiben (in Anlehnung an eine Übung von L. Rankin)

  • 1. Zur Ruhe kommen

Setze Dich einen Moment lang still hin und (wenn Du magst) schließ die Augen. Du kannst auch einen Punkt in Deiner Umgebung in den Blick nehmen und ruhig dort verweilen.

  • 2. Es atmen lassen

Spüre, wie die Luft in Deine Nasen­löcher ein- und ausströmt. Spüre, wie sich Deine Brust und Dein Bauch heben und senken.

  • 3. Auf die Empfin­dungen Deines Körpers achten

Ist da irgendwo ein Schmerz? Ein Kribbeln? Wärme? Kälte? Eine Blockade? Ein Gefühl von Enge oder von Offenheit?

  • 4. Den Körper fragen

Frage Deinen Körper, was er Dir mitteilen möchte. Lausche eine Weile. Welche Botschaften tauchen in Dir auf?

  • 5. Öffne Deine Augen und lass Dir von Deinem Atem einen Brief schreiben.

Drück Deinem Atem den Stift in die Hand und lass ihn einen Brief an Dich schreiben: „Liebe …, lieber … (bis zum Gruß) … Dein Atem“

  • 6. Schreibe einen Antwort­brief an Deinen Atem

Antworte auf das, was Dir Dein Atem mitge­teilt hat: „Mein lieber Atem, … (bis zum Gruß) … Deine …, Dein …“

  • 7. Führe diesen Dialog fort, solange Dein Atem Dir etwas zu sagen hat

Achte auf das, was in den Briefen zur Sprache kommt. Hör aufmerksam zu.

  • 8. Danke Deinem Atem für das, was er Dir mitge­teilt hat

Versprech Deinem Atem, in Zukunft öfter mit ihm in Verbindung zu sein.


…mehr Wissen

Ratgeber

Doris Dörries: Leben, schreiben, atmen: Eine Einladung zum Schreiben. Diogenes, 2019

Silke Heimes:  Kreatives und thera­peu­ti­sches Schreiben: Ein Arbeitsbuch. Vanden­hoeck & Ruprecht, 2015

James W. Penne­baker: Heilung durch Schreiben: Ein Arbeitsbuch zur Selbst­hilfe. Hogrefe, 2019

Fachar­tikel

Atem-Grenzen. Wie sich Raum und Zeit verändern, wenn das Atmen schwer fällt. In: Braun, Karl; Dieterich, Claus-Marco; Hengartner, Thomas; Tschofen, Bernhard: Kulturen der Sinne. Zugänge zur Sensua­lität der sozialen Welt. Würzburg 2017, S.183–190.


Text:
Monika Tempel, Regensburg

Bildnach­weise:
Monika Tempel, Regensburg
nebari – Adobe­Stock

Der Beitrag wurde in der Sommer­ausgabe 2020 der Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge veröf­fent­licht.

Schlagwörter: Atemnot, COPD, Corona, Leben Atem, Luftnot, Lungenemphysem, Psyche, Psychopneumologie

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