Artikel

Mobil bleiben

10. Mai 2020

hier lesen, bestellen, downloadKontakt / Newsletter bestellen

Voraus­setzung: Kommu­ni­kation und Planung

"Auch bei Langzeit-Sauer­stoff­pa­ti­enten ist Reisen ein Dauer­thema. Jeder möchte reisen, denn Reisen wird meist als ein Abbild des Lebens betrachtet“, formu­liert Christoph Deßecker (67) aus Weißensberg im Ge- spräch mit der Redaktion.

Asthma bronchiale und ein großes Lungen­em­physem (COPD, Stadium III nach GOLD) sind Christoph Deßeckers Grund­er­kran­kungen. Seit vier Jahren benötigt er einen Sauer­stoff­kon­zen­trator mit einer Sauer- stoff­flussrate von 4 Litern in Ruhe und 5 Litern bei Belastung und in der Nacht.

Während seiner beruf­lichen Laufbahn als Direktor für die Entwicklung und das weltweite Marketing von Skiver­leih­pro­dukten war Kanada für viele Jahre seine zweite Heimat und Reisen eine Selbst­ver­ständ­lichkeit. Doch auch heute findet er für jede Anfor­derung meist neue Wege.

„Immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass das aktive Auf-andere-zugehen, so manche Lösung ermög­licht. Das erste, was ich gelernt und zu meinem Grund­prinzip habe werden lassen, ist: Reden und Fragen stellen. Ich bin jedes Mal aufs Neue überrascht, wie hilfs­bereit andere Menschen sein können, wenn sie denn gefragt werden.“

Bundes­gar­ten­schau in Heilbronn 2019

Der Anruf bei der Parkver­waltung der BUGA erfolgte bereits im März, zu einem Zeitpunkt als die Garten­schau ihre Pforten noch gar nicht geöffnet hatte. Die körper­lichen Einschrän­kungen, die Gehbe­hin­derung und ebenso die entspre­chenden Notwen­dig­keiten wurden geschildert. Abstell­mög­lichkeit für das Wohnmobil in relativer Nähe zum Eingang und ein Strom­an­schluss: „Alles kein Problem.“

Auch der zweite Anruf, nochmals unmit­telbar vor der Reise, verlief positiv, man erinnerte sich an das erste Gespräch und teilte die direkte Rufnummer des BUGA- Managers mit, der sich selbst um das Procedere beim Eintreffen kümmern würde.

„Vor Ort angekommen, kam uns der Manager sogar mit dem Fahrrad entgegen und lotste das Wohnmobil zu der vorab gekenn­zeich­neten Stell­fläche, einem 15 x 15 Meter großen Platz, direkt am BUGA-Eingang, mit Stroman- schluss und sogar mit 24-Stunden-Zugang zu sanitären Einrich­tungen. Selbst ein Café lag in unmit­tel­barer Nähe, fast das gesamte BUGA-Gelände war barrie­refrei zugänglich. Ein absolut perfekter Aufenthalt, der nicht besser hätte verlaufen können.“

Selbst eine Flüssig­sauer­stoff-Tankstelle hätte bei Bedarf zur Verfügung gestanden – auf Initiative des Selbst­hil­fe­büros Heilbronn, der Regio­nal­gruppe Heilbronn-Franken der Patien­ten­or­ga­ni­sation Lungen­em­physem-COPD Deutschland und Löwen­stein medical.

E‑Scooter

Für die notwendige Mobilität auf der BUGA sorgte der mitge­brachte E‑Scooter. „Mit meinem Dreirad bin ich den ganzen Tag auf dem Garten­schau­ge­lände spazieren gefahren.“

Als Christoph Deßecker den Freeliner das erste Mal sah, konnte er sich als Motor­rad­fahrer gut vorstellen, ein großes Stück seiner Mobilität zurück­zu­ge­winnen. Eine Aufrüstung auf insgesamt drei Motoren wurde im di- rekten Kontakt mit dem Hersteller vereinbart. „Mit dem auf meine indivi­du­ellen Anfor­de­rungen ausge­legten Freeliner habe ich nun ein Allrad­fahrzeug, mit dem ich über jeden Hügel fahren kann und das mir seit nunmehr einem Jahr die größt­mög­liche Bewegungs­freiheit bietet.“

Der E‑Scooter ist zusam­men­klappbar und kann sowohl in einem PKW als auch in einem Wohnmobil trans­por­tiert werden.

Mobil­te­lefon und Medika­men­tenplan

„Meine Frau und ich überlegen sehr genau, welche Unter­neh­mungen und Reisen wir reali­sieren wollen und planen diese sorgfältig.“ Das Mobil­te­lefon ist bei der Planung ein willkom­menes Hilfs­mittel. Die Speicher­funk­tionen des Smart­phones bieten die Möglichkeit, alle Anschriften, Telefon- und E‑Mail-Adressen der behan­delnden Ärzte, Kliniken, des Notrufs etc. sofort griff­bereit zu haben. Auch Infor­ma­tionen zu regio­nalen Gegeben­heiten am Urlaubsort, mit denen man sich vorab ausein­an­der­ge­setzt hat, sind so stets parat.

Bei der Planung bzw. Übersicht der vielfäl­tigen Medika­tionen, die Christoph Deßecker aufgrund weiterer Begleit­erkran­kungen benötigt, hilft ein Compu­ter­pro­gramm, um bestmöglich organi­siert zu sein. Alle 28 Tage erstellt er einen sogenannten Inven­tarsheat, der dann nicht nur auf dem Laptop, sondern auch auf dem Smart­phone verfügbar ist. Über eine Tabelle kann jederzeit berechnet werden, wie lange der Medika­menten- und Sauer­stoff­vorrat noch ausreicht. Der Zeitaufwand für die Eingabe bzw. die Aktua­li­sierung der Daten beträgt monatlich nicht mehr als zehn Minuten.

„So habe ich immer alle wichtigen Infor­ma­tionen im Griff, was auch bei Klinik­auf­ent­halten schon hilfreich war.“

…eine unerwartete Reise

Natürlich, nicht alles im Leben lässt sich planen, vor allem nicht der Gewinn einer Reise aufgrund eines Kreuz­wort­rätsels: zwei Nächte in einem Hotel in Innsbruck und eine Bergwan­derung.

Nach der ersten Freude, wurde das Grund­prinzip der Kommu­ni­kation umgesetzt: aus dem normalen Doppel­zimmer im Hotel wurde ein barrie­re­freies Zimmer mit allen Notwen­dig­keiten, aus der Bergwan­derung eine Bergbahn­fahrt. Sogar der E‑Scooter bekam seinen eigenen Parkplatz mit Überda­chung.

Mit E‑Scooter auf dem Hafelkar

Bei  der  Bergbahn­fahrt  inklusive Dreirad  auf  den 2.300 Meter hohen Hafelekar im Karwen­del­ge­birge wurden  die  Prinzipien  aller­dings  außer  Acht  gelassen. „Diese Höhe zu überwinden, war für mich sehr schwierig, es ging mir wirklich schlecht und ich hatte starken Druck auf der Brust. Oben angekommen, sind wir nach wenigen Minuten mit der nächsten Bahn gleich wieder umgekehrt. Als junger Mann habe ich in den Bergen sehr viel Zeit verbracht. Es war es noch einmal ein kurzer Moment, der meiner Seele zwar gut, aber meinem körper­lichen Befinden gar nicht gut getan hat. Der Gewinn ermög­lichte eine unerwartete und reizvolle Reise, deren Ziel ich jedoch bei eigener Planung niemals in Erwägung gezogen hätte.“


Deckblatt

Das Interview wurde in der Frühjahrs­ausgabe 2020 der Fachzeit­schrift "Patienten-Bibliothek – Atemwege und Lunge" veröf­fent­licht www.Patienten-Bibliothek.de.

Text: Sabine Habicht, Redak­ti­ons­leitung Patienten-Bibliothek

Fotos: Christoph Deßecker, Weißensberg

Schlagwörter: Atemnot, COPD, Langzeit-Sauerstofftherapie, LTOT, Lungenemphysem, Reisen mit Sauerstoff, Sauerstoffkonzentrator, Sauerstofftherapie

Zeitschrift
Atemwege und Lunge
als Print-Ausgabe bestellen

Unsere Fachzeitschrift "Atemwege und Lunge – Eine Patienten-Bibliothek" erscheint 4x im Jahr (Frühjahr, Sommer, Herbst, Winter) – für Patienten, Angehörige, Fachpersonal, Apotheken, Selbsthilfegruppen und Arztpraxen.

Haben Sie Fragen?

Unsere Redaktion hilft Ihnen gerne weiter. Schreiben Sie einfach eine E-Mail an: info@atemwegeundlunge.de

Artikel, die Sie auch interessieren könnten:

Saunabank mit Handtüchern und Saunaeimer

Wenn Hitze auf Feuchtigkeit trifft

Die "Kühlgrenz­tem­pe­ratur" und ihre Gefahr: Sommer­liche Hitze belastet uns alle. Doch nicht die reine Außen­tem­pe­ratur entscheidet,...
Ältere Frau im Sessel mit Sauerstoffschlauch in Nase

Sauerstoff – Versorgungsvarianten

Vor- und Nachteile verschie­dener Versor­gungs­va­ri­anten: Sich frei bewegen zu können und dabei unbeschwert zu atmen, erscheint...
Älteres Paar gemeinsam beim Kochen

Selbstfürsorge beginnt auf dem Teller

Ernäh­rungs­tipps und Rezepte aus der Praxis: Für Menschen mit chroni­schen Lungen­er­kran­kungen wie COPD wird „Selbst­für­sorge“ oft mit...
Älterer Mann stehend der bewusst einatmet

Atemnot – Nur ein Gespür

Das Atmen durch einen Strohhalm ist eine Technik, um die Enge und den Wider­stand bei chroni­schen Lungen­er­kran­kungen ein wenig...
Scribblegrafik einer Lunge

Atemtherapie – Überblähung bei COPD/Lungenemphysem

Unter dem medizi­ni­schen Fachbe­griff der COPD werden die chronisch veren­gende Bronchitis und/oder das Lungen­em­physem...
Atemwege und Lunge Beitrag Laux Norbert: COPD nach der Erstdiagnose

COPD nach der Erstdiagnose

Als der Husten nicht mehr aufhören wollte, bin ich im Jahr 2015 zum Lungen­facharzt gegangen. Dort wurde COPD im Stadium I festge­stellt....
Beitrag Warum Empathie so wichtig ist, Dr med. Caroline Gloeckl

Empathie – mehr als Medizin

Laut Duden ist Empathie die Bereit­schaft und Fähigkeit, sich in die Einstel­lungen anderer Menschen einzu­fühlen. Es geht also darum,...
Älterer Mann in Besprechung mit Ärzting über COPD

Herzinfarkt der Lunge

COPD – früh erkennen und früh handeln In Deutschland wurde zuletzt im Jahr 2021 die Nationale Versor­gungs­leit­linie (NVL) COPD – siehe...

Lungenfibrose – aus Sicht einer Patientin

Mit der Diagnose Lungen­fi­brose verändert sich nicht nur das Atmen. Auch Bezie­hungen verändern sich. Plötzlich entstehen Gespräche, die...
Atemwege und Lunge Beitrag: Dr Gottfried Huss Oh diese Treppen

Oh, diese Treppen

Wenn ich unten an dieser Treppe stehe, muss ich erst einmal tief Luft holen. Das hilft, wenn auch nur wenig. Ich weiß nicht, ob ich diese...